Der Blade Runner oder: Wer oder was bin ich?

Tränen im Regen / Zeit zu sterben

Als er 1982 in die Kinos kam, wer er kein großer Erfolg; weder beim breiten Publikum noch bei den Filmkritikern. Als aber zehn Jahre später der Director’s Cut nach Aufzeichnungen des Regisseurs erschien, hatte ‚Der Blade Runner‘ bereits Kultstatus. Heute gilt er als ein Meilenstein nicht nur des Science-Fiction-Genres, sondern überhaupt der Filmgeschichte. Und das zu Recht! So vieles gäbe es zu erzählen über das Meisterwerk von Ridley Scott (Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, Thelma & Louise, Gladiator). Wo soll man anfangen und wo aufhören?

Die Anfangsszene

Beginnen wir doch einfach mit der Anfangsszene. Die erste Einstellung des Films zeigt nach dem Titel „Los Angeles, November 2019“, eine bis an den Horizont reichende Riesenstadt, die von Feuerstößen erleuchtet wird. Gegengeschnitten ist ein Auge in Großaufnahme, in dem sich dieses Bild spiegelt. Bereits in dieser ersten Aufnahme deutet sich ein zentrales Motiv des Films an: Das Verhältnis der Außenwelt zu unserer Innenwelt, zu dem, was in unserem Bewusstsein ist. Wie können wir wissen, dass unser Bild der Welt auch wirklich mit der Welt übereinstimmt? Doch zunächst bestimmt die äußere „Hadeslandschaft“ den Film. In den Flugszenen wird die Stadt als ein sich nach allen Seiten ausdehnender Moloch gezeigt, dessen gigantische Wolkenkratzer nur von der aus zwei Pyramiden gebildeten Zentrale der Tyrell Corporation überragt werden.

Der Ort des Geschehens: das Los Angeles der nahen Zukunft

Filmkenner erkennen sofort: Das Stadtbild ist ein Filmzitat, erinnert stark an ‚Metropolis‘, das Meisterwerk von Fritz Lang aus den 1920er Jahren. Wie in Metropolis wohnen die Mächtigen an der Spitze der Stadt, wo die Sonne wenigstens durch den Smog zu sehen ist, während die Straßenschluchten als riesiger, dunkler Slum gezeigt werden. Über dem Los Angeles der Zukunft liegt ewige Nacht, Flugautos schwirren durch ein architektonisches Tohuwabohu voll gigantischer Werbetafeln. Ridley Scott schuf hier die faszinierendste Filmstadt aller Zeiten. Und die Menschen? Sie erscheinen zunächst fast nur als Nebenfiguren. Einige sprechen „Cityspeak“, eine Mischung aus Japanisch, Deutsch, Ungarisch, Spanisch und weiteren Sprachen, können sich kaum gegenseitig verstehen. Und hier deutet sich unterhalb der Oberfläche bereits das eigentliche Thema des Films an: Es geht um die Frage der eigenen Identität: Wer bin ich? Wie kann man in einer solchen Stadt, in einem solchen Moloch, ohne eine gemeinsame Sprache überaupt eine eigene Identität entwickeln? Wie kann man da wissen, wer man ist und wo man hingehört? Doch zunächst zurück zur Story des Films.

Replikanten und ihre Jäger, die Blade Runner

Den Menschen wird ein besseres Leben auf fernen Planeten versprochen, Welten, die durch so genannte „Replikanten“ erschlossen worden sind, die dort als Arbeitssklaven gehalten werden. Diese von der mächtigen Tyrell-Corporation hergestellten künstlichen Menschen sind äußerst leistungsfähig, körperlich und geistig ihren Schöpfern überlegen. Äußerlich sind sie nicht mehr von natürlich geborenen Menschen zu unterscheiden und entwickeln im Laufe der Zeit eigene Gefühle und Ambitionen. Daher werden sie mit einer auf vier Jahre begrenzten Lebensdauer ausgestattet und man implantiert ihnen künstliche Erinnerungen, um sie emotional stabiler zu machen und besser kontrollieren zu können. Ihre Bewusstseinsinhalte basieren also zum Teil nicht auf tatsächlichen Erfahrungen. Sie können sich an Dinge „erinnern“, die sie nie wirklich erlebt haben. Diesen Replikanten ist es unter Androhung der Todesstrafe verboten, die Erde zu betreten. Für die Durchsetzung dieses Verbotes, also das Aufspüren und die Exekution von Replikanten, die dennoch auf die Erde gelangen, sind spezielle Polizeibeamte, die Blade Runner, verantwortlich. Sie identifizieren Replikanten mittels eines speziellen Tests, welcher emotionale Reaktionen provoziert, die Replikanten von Menschen unterscheiden.

Die zentrale Figur: Rick Deckard

Als einige Replikanten der hoch entwickelten Serie Nexus-6 ein Raumschiff kapern, Menschen töten und auf die Erde fliehen, wird der ehemalige Blade Runner Rick Deckard, gespielt von Harrison Ford, eingeschaltet. Man beachte die Namensgebung! Der philosophisch Interessierte wird die Symbolik vielleicht sogleich erkennen: Rick Deckard – René Descartes, der Begründer der neuzeitlichen Philosophie, des Rationalismus und der Bewusstseinsphilosophie. Deckard soll die Replikanten „in den Ruhestand versetzen“. Im Verlauf seiner Ermittlungen trifft er die bei der Tyrell-Corporation arbeitende Rachael und findet heraus, dass auch sie, ohne es selbst zu wissen, eine Replikantin ist, ein Prototyp einer möglichen neuen Serie, die fast gar nicht mehr vom natürlichen Menschen zu unterscheiden sein wird. Deckard eröffnet ihr schonungslos die Wahrheit darüber und über ihre gefälschten Erinnerungen, worauf sie verstört und verletzt reagiert. Zum erste Mal erkennt er, dass auch Replikanten Emotionen haben und verletzliche Wesen sind. Deckard verliebt sich allmählich in sie und beginnt, an der Berechtigung seines Auftrags zu zweifeln, zumal Rachael, nachdem sie von Tyrell geflohen ist, ebenfalls auf die Todesliste der Polizei kommt. Unterdessen versuchen die Replikanten unter Führung von Roy (Rutger Hauer) in die Tyrell-Corporation einzudringen: Sie fordern Aufklärung über ihre Herkunft und die Verlängerung ihrer Lebensdauer. Als Roy begreift, dass selbst sein „Schöpfer“ Tyrell, ein genialer Biogenetiker, sein Leben nicht verlängern kann, tötet er ihn, da Tyrell ihm nicht erklären kann, wozu man so einen „Gott“ gebrauchen kann, der sich nicht um seine Geschöpfe kümmert, und Roy auch sonst nichts Verehrungswürdiges an seinem Schöpfer zu finden vermag. Hier findet sich Nietzsches Motiv: „Gott ist tot! … Und wir haben ihn getötet!“

Menschlicher als der Mensch

Nur mit Mühe kann Deckard eine Replikantin ausschalten, ein weiterer Replikant wird von Rachael erschossen, die Deckard damit in letzter Sekunde das Leben rettet. Nachdem er auch Roys Freundin zur Strecke bringen konnte, kommt es zum Showdown mit Roy selbst. Doch gegen diesen Übermenschen hat Deckard keine Chance. Als er auf der Flucht von einem Hochhausdach abrutscht, geschieht das Unfassbare: der Replikant packt Deckard und zieht ihn hoch, rettet ihm das Leben, ehe seine eigene kurze Lebenszeit abgelaufen ist und er selbst sterben muss. Der Replikant hat mehr Ehrfurcht vor dem Leben und erweist sich damit als „menschlicher“ als der Mensch, der ihn erbarmungslos töten wollte.

Das Filmende

Am Schluss versucht, Deckard mit Rachael aus der Stadt zu fliehen. In der Originalversion des Films, die vom Studio gegen den Willen des Regisseurs durchgesetzt wurde, um das Publikum nicht völlig zu überfordern, gelingt ihnen die Flucht und Rachaels Lebenszeit ist nicht begrenzt wie die der anderen Replikanten. Im Director’s Cut von 1992 und im von Scott persönlich erstellten Final Cut von 2007 bleibt offen, ob die Flucht gelingt und ob Rachael leben wird. Sogar die Frage, ob Deckard selbst ein Replikant ist, wird angedeutet. Deckard träumte nämlich einige Tage zuvor von einem Einhorn, das durch den Wald rannte. In der Schlussszene, als er mit Rachael flieht, findet er auf dem Boden vor seiner Wohnung ein kleines eben solches aus Papier geformtes. Es ist klar, dass der Polizist Gaff, der überall, wo er hinkommt, kleine Papierfiguren hinterlässt, dieses dort hingestellt hat. Ist das purer Zufall oder eine Anspielung auf Rachael, die das einzige Exemplar der neuen Reihe von noch „menschlicheren“ Replikanten ist und, da Tyrell nun tot ist, auch bleiben wird? Oder kennt Gaff Deckards Träume genauso wie Deckard die von Rachael kannte, weil sie ihr implantiert wurden? Ist Deckard etwa selbst auch ein Replikant? Und wenn ja, was bedeutet das für einen selbst, wenn man herausfindet, dass man künstlich hergestellt wurde? Ist man dann weniger wert? Wer oder was ist man dann überhaupt? Und wieder sind wir bei der Frage der Identität. Was macht mich als der, der ich bin, wirklich aus? Ist es wirklich die Abstammung oder vielleicht doch etwas ganz Anderes?

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