Handelt der Nächstenliebe praktizierende Gottgläubige letztlich doch nur egoistisch?

Von Jürgen Fritz

Haben rein extrinsisch motivierte Handlungen überhaupt irgendeinen sittlichen Wert oder sind sie letztlich nichts anderes als dem Gehorsam, der Angst (vor Strafe) und dem Eigennutz geschuldet und damit ohne jeden tieferen inneren Wert?

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Frömmiger Afterdienst Gottes

„Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottesnotierte Immanuel Kant in seiner Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, in welcher er übrigens den Islam als „ethisch minderwertig“ einstufte.

Kant kritisierte hier eine Art der Frömmigkeit, bei der sich der Gläubige dem (eingebildeten) Gott, Allah, durch gehorsame Dienstwilligkeit und Einhaltung aller möglichen Vorschriften als wohlgefälliger Untertan anzudienen versucht, um dessen Zuneigung zu erheischen.

Gebete, Selbstkasteiungen, Wallfahrten, penible Riten und Kulthandlungen werden als Mittel zur „Entsündigung“ eingesetzt, in der Hoffnung durch solche Praktiken Punkte fürs Paradies zu sammeln. Ein im Grunde kapitalistisches Denken (Mohammed war, so wird berichtet, Kaufmann, bevor er sich zum Propheten berufen fühlte): Mit jeder guten respektive Allah wohlgefälligen Tat spart man ein Guthaben im Himmel an, auf welches man über Zins und Zineszins langfristig eine optimale Rendite erwirtschaftet und im wahrsten Sinne des Wortes das Geschäft seines Lebens macht.

Dass solche Vorstellungen recht infantil anmuten und in die Sphäre einer primitiven Vorstellungswelt zu verweisen sind, erscheint evident und soll hier nicht weiter erläutert werden. Einzelheiten dazu siehe hier.

Warum soll man sich um einen guten Lebenswandel bemühen?

Stattdessen möchte ich mit Kants Diktum eine noch viel interessantere Frage aufgreifen und noch etwas tiefer nach der Motivation fragen, einen guten Lebenswandel zu führen. Warum soll man sich darum bemühen? Geht es dabei wirklich darum, Gott wohlgefällig  zu sein und wenn ja wozu? Oder geht es, um von wahrer Sittlichkeit zu sprechen, letztlich um etwas ganz anderes?

Wenn ein Gottgläubiger sich bemüht, ein gutes Leben zu führen, wenn er versucht, ein guter Mensch zu sein und insbesondere christliche Nächstenliebe zu praktizieren, handelt es sich auch hier quasi um einen Egoismus auf höherer Ebene?

Ein Gedankenexperiment

Stellen wir uns, um dem auf den Grund zu gehen, vor, den Gott der Vorstellungswelt des an ihn Glaubenden gäbe es tatsächlich in der realen Welt, nicht nur in seinem Kopf und seinem Herzen. Dies sei also kein reines Phantasiekonstrukt ohne Referenzobjekt in der Wirklichkeit. Dieser Gott würde ihm nun erscheinen und dem an ihn Glaubenden mitteilen, dass er dessen Seele nicht mehr erretten könne, da er selbst im Sterben liege. Oder aber der Gottgläubige würde merken, dass Gott inzwischen vollkommen dement wäre und nur noch wirres Zeug von sich gäbe sowie all seine Macht verloren hätte. Die Aussicht auf eine Belohnung für die praktizierte Nächstenliebe wäre also vollkommen dahin. Egal wie vorbildlich er sein Leben führte, es gäbe hierfür ab sofort keinerlei Belohnung mehr im Jenseits, keinerlei Aussicht, in den Himmel zu kommen, da es diesen von nun an nicht mehr gäbe.

Transzendierung des Egoismus

Wenn er dann gleichwohl weiterhin Nächstenliebe praktizierte, rein intrinsich motiviert, einfach weil er es kraft seiner subjektiven Vernunftfähigkeit als objektiv richtig ansähe, so zu handeln, und er sich sagte, dass es keinerlei vernünftigen Grund gäbe, ein schlechtes Leben zu führen und ein schlechter Mensch zu sein, wenn es ihm möglich sei, ein gutes solches zu führen – wohlgemerkt ein gutes, nicht ein angenehmes! -, würde er nicht dann erst seinen Egoismus transzendieren?

Wenn er aber umgekehrt fortan davon abließe, ein von Nächstenliebe geprägtes Leben zu führen, da er ja keinerlei persönlichen Vorteil mehr darin sähe, wäre er dann letztlich nicht immer schon ein auf Belohnung bedachter Egoist gewesen (Stufe 2 oder 3 in Kohlbergs Sechs-Stufen-Modell der geistig-moralischen Entwicklung des Menschen)?

Wäre er dann im Grunde geistig-sittlich nicht ein unreifes Kind, welches solange artig war und tat, was der Übervater anordnete, solange es hoffen durfte, dadurch Strafe zu vermeiden und hierfür zu einem späteren Zeitpunkt belohnt zu werden (Kapitalrückzahlung plus Zins und Zinseszins bei optimaler Rendite)?

Widerspräche dies aber nicht der Würde des Menschen, sprich kein Befehle ausführender Knecht zu sein, sondern vielmehr ein autonomes Wesen, welches über sich selbst zu bestimmen in der Lage ist, dies aber, um dieser Würde gerecht zu werden, nach höheren ethischen Prinzipien und Werten?

Wenn dem so ist, haben solche rein extrinsisch motivierten Handlungen überhaupt irgendeinen sittlichen Wert in sich oder sind sie letztlich nichts anderes als dem Gehorsam, der Angst (vor Strafe) und dem Eigennutz geschuldet und damit ohne jeden tieferen inneren Wert?

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Foto: Pixabay, CC0 Public Domain

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8 thoughts on “Handelt der Nächstenliebe praktizierende Gottgläubige letztlich doch nur egoistisch?

  1. Gaby Kraal

    Es ist nur zu menschlich sich für „sein gutes Handeln“, also die praktizierte Nächstenliebe, soetwas wie eine Belohnung im Jenseits zu erhoffen. Ich selbst habe mir oft im Leben diese Frage gestellt, ob ich bei guten Taten nicht mich selbst belohnen möchte?

    Ich denke diesen Denkansatz, oder auch diese Ungewissheit letztlich so stehen zu lassen, ist zu simpel orientiert. Gott selbst, oder vielmehr der Glaube an eine Göttlichkeit suchte seit Anbeginn der Religionen nicht nur eine Antwort auf das Leben selbst, sondern gab der sich entwickelnden menschlichen Gesellschaft sowas wie eine Struktur. Einen Gradmesser für richtig und für falsch.

    Kleine Hunde, aber auch kleine Menschen werden seit jeher erfolgreich mit einem „Belohnungstrick“ erzogen. Für eine gute Tat, oder ein „richtiges“ Verhalten gibt es eine Belohnung. Dieser Anwendungsweg führt in einem gesunden Geist sehr schnell zu Vernetzung und mit den Synapsen zu hervorragend verknüpften Nervenbahnen. Ein praktisches Beispiel das in der neurologischen Forschung auch bislang bewiesen werden konnte.

    Weder Gott, oder ein gutes Leben eines Tages an „seiner Seite“ können die Belohnung sein. Nur wir selbst sind es, die sich belohnen können, aber Gott gab uns erst die Möglichkeit dazu.

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  3. racheles-welt

    Danke für deine Gedanken! Im christlichen Glauben wurde das Belohnungssystem aber umgekehrt. Denn zuerst steht die Errettung, die nichts mit Werken oder Punkte sammeln zutun hat – und dann kommen die guten Werke. Aus Dankbarkeit und Liebe für Gott und die Menschen heraus 😊

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    1. Jürgen Fritz

      Das ist ein wichtiger Aspekt und eine wichtige Ergänzung. Vielen Dank dafür. Ich fragte natürlich nach der Motivation des Handelnden. Das war also keine theologische Frage und Erörterung, als vielmehr eine psychologische und philosophische, in welcher ich a) versuche, tief in die Seele zu blicken und dort nach den unterschiedlichen Motivationen zu schauen und b) diese moralphilosophisch (ethisch) zu bewerten.

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  4. christenfindenruhe

    Dieser Beitrag hat mich interessiert, weil er an eine Thematik rührt, die ich auf meinem englischsprachigen Blog behandeln möchte. Ich hätte ein paar kritische Anmerkungen zu diesem Beitrag. Werden hier nicht alle, die an Gott glauben, zu sehr über einen Kamm geschert? Sollte es tatsächlich berechtigt sein, anzunehmen, dass alle, die an Gott glauben und Nächstenliebe üben, das nur um einer Belohnung willen tun? Ist es denn sinnvoll, anzunehmen, dass alle, die an Gott glauben, nach Kohlbergs Modell der moralischen Entwicklung auf der selben niedrigen Stufe stehen? Ist es denn nicht fragwürdig, anzunehmen, dass nur Menschen, die Gott für ein Konstrukt halten, zu Nächstenliebe um ihrer selbst willen fähig sein sollten?

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