Wir sind als Lebewesen geboren, Menschen müssen wir erst werden

Von Jürgen Fritz

Der freiheitliche, säkulare Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne, stellte Ernst-Wolfgang Böckenförde in seinem berühmten Diktum bereits fest. Doch wie können diese Voraussetzungen, die die Basis einer freiheitlich-säkularen Demokratie bilden, dann immer wieder aufs Neue hergestellt werden?

Böckenfördes berühmtes Diktum

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des Einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“ – Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.

Der Ausweg aus der Aporie

Aus dieser scheinbaren Aporie (Ausweglosigkeit) gibt es nur einen Ausweg: Erziehung.  Der Mensch wird nicht als Mensch geboren, sondern er wird zum Menschen erst durch Erziehung, wie insbesondere Immanuel Kant heraus arbeitete. Und das heiße: a) Disziplinierung, b) Kultivierung, c) Zivilisierung und d) Moralisierung. Erziehung solle nicht nur zur Mündigkeit, sondern auch zur Moralität führen.

Erziehung aber ist in der letzten Stufe immer Selbsterziehung. Sie muss darauf abzielen, den jungen Menschen irgendwann in die Freiheit zu entlassen, ihn freiheitstauglich zu machen, ihn sukzessive zu befähigen, sich selbst weiter zu erziehen. Dazu muss von den Erwachsenen die Basis geschaffen werden. Fremderziehung bedeutet Führung in die Freiheit, das heißt aus sich selbst heraus.

„Wir sind als Lebewesen geboren, Menschen müssen wir erst werden.“ (Gabriel Marcel die kantianische pädagogische Theorie zusammenfassend)

Demokratie bedarf der Demokraten

Personen (Lebewesen) in eine freiheitliche, säkulare, menschenrechtsbasierte Demokratie aufzunehmen, die zuvor nicht von klein auf mindestens 20 Jahre entsprechend erzogen wurden, die nicht über die notwendige Kultiviertheit, Zivilisiertheit und Moralität verfügen, wird diese Demokratie als solche unweigerlich von innen heraus zerstören. Denn Demokratie bedarf der Demokraten. Und Demokraten fallen weder vom Himmel noch aus dem Schoß der Mutter, sondern potentiell selbstbestimmungsfähige Wesen müssen zu tatsächlich selbst- und mitbestimmungsfähigen Wesen erzogen und gebildet werden.

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2 Antworten auf „Wir sind als Lebewesen geboren, Menschen müssen wir erst werden

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