Auferstehung, Gottes- und Nächstenliebe – alles Unsinn?

Von Jürgen Fritz

Kann man ein Wesen, das sinnlich gar nicht zugänglich, das vielleicht gar nicht existent, dennoch lieben? Können Götter, die frei von jedem Mangel, lieben? Kann man Liebe gebieten? Gab es tatsächlich eine Auferstehung?

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Warum man Gott nicht lieben und Liebe nicht gebieten kann

Der Nazarener, dessen Auferstehung heute gefeiert wird, war bekanntlich ein sehr lieber, herzensguter Kerl, wahrscheinlich auch ein sehr empathischer Charismatiker, aber kaum ein großer Denker. Deswegen kam er beim einfachen Volk wohl auch so gut an. Das Gerede von Gottes- und Nächstenliebe erscheint zunächst einmal als genau das: Gerede. Denn offensichtlich wurde hier der Begriff der Liebe gar nicht recht verstanden.

„Aber Liebe zu Gott als Neigung (pathologische Liebe) ist unmöglich; denn er ist kein Gegenstand der Sinne. Eben dieselbe gegen Menschen ist zwar möglich, kann aber nicht geboten werden; denn es steht in keines Menschen Vermögen, jemanden bloß auf Befehl zu lieben.“ – Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, A 149.

Lieben bedeutet auch, das Wohl des Geliebten zu wollen

Außerdem bedeutet lieben nicht nur a) sich zu dem Objekt der Liebe hingezogen fühlen, sich nach ihm zu verzehren, Sehnsucht nach ihm zu haben und zu leiden, wenn man ihm allzu lange fern ist – ein Gefühl, welches man nicht erzeugen kann, das einem vielmehr widerfährt, das man „erleidet“ -, sondern lieben bedeutet b) zugleich auch – und nur dann ist es lieben und nicht nur begehren -, dass einem das Wohl des Geliebten am Herzen liegt, dass man sich um ihn sorgt.

Auch das ist bei einem unendlich mächtigen, perfekten Wesen aber nicht möglich. Wie sollte man sich um dieses sorgen und sich wünschen, dass es ihm möglichst gut gehen möge? Das wäre paradox, denn dem Juden-, Christen- und Muslime-Gott geht es ja immer gut. Sonst wäre er ja nicht perfekt. So aber wurde er ja gerade postuliert.

Die tiefe Sehnsucht, geliebt zu werden

Man kann sich höchstens wünschen, von solch einem Wesen geliebt zu werden. Dann ist die Liebesrichtung aber eine andere. Gott wäre dann eben nicht Objekt der Liebe, sondern das Subjekt dieser und man selbst das Objekt seiner Liebe.

In Wirklichkeit liebt man also nicht einen perfekten Gott, sondern stellt sich a) vor, dies zu tun, was sich für einen selbst gut anfühlt, weil man die Vorstellung von Gott in sich aufnimmt und emotional besetzt, so dass keine Leere in einem entstehen kann, und b) stellt man sich vor, von diesem besonderen Wesen geliebt zu werden. Die Vorstellung, dass Letzteres der Fall ist, vermag dann wiederum angenehme Gefühle in einem selbst zu evozieren, da man sich nun geliebt fühlt, was sich immer toll anfühlt.

Da dieses Wesen in der eigenen Phantasie aber als das höchste und als perfekt ausgemalt wird, macht es „seine Liebe“ zu einem selbst ganz besonders wertvoll. Wie könnte die Liebe eines perfekten Wesens zu einem selbst noch getoppt werden? Für das Selbstwertgefühl ist diese Vorstellung so wohltuend und dadurch so mächtig, dass logische Gedankengänge, ja überhaupt jegliches Denken dagegen kaum eine Chance hat.

Warum perfekte Götter nicht lieben können

Tatsächlich könnten aber sowohl der Juden-, als auch der Christengott und Allah, so es sie gäbe, ihre von ihnen vorgeblich geschaffenen Geschöpfe gar nicht lieben, da Liebe immer auch einen Mangel, nämlich die Sehnsucht nach dem Geliebten inkludiert und die drei Genannten per Defitionem als von jedem Mangel frei postuliert werden. Sie können also weder Objekt noch Subjekt der Liebe sein, es sei denn sie wären doch nicht frei von jedem Mangel. Dann könnten sie auch liebesfähig sein.

Alleine diese Überlegungen zeigen schon, womit wir es hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu tun haben: mit Projektionen, die aber sehr viel über uns und unseren tiefen Sehnsüchte verraten.

Die Weisheit des Nazareners und deren Auferstehung

Gleichwohl steckt in dem Gerede des Nazareners doch auch eine tiefe Weisheit und deshalb ist er nicht vergessen, ist „auferstanden“. Denn was es geben kann und auch gibt, ist Empathie und Wohlwollen jedem anderen fühlenden Wesen gegenüber sowohl als grundsätzliche Haltung wie als akutes (schwankendes) Gefühl. Dieses Wohlwollen zu kultivieren und diese Haltung immer tiefer in sich zu fundieren, erscheint im höchsten Grade sinnvoll und gut und könnte als Zivilisierungs- und Bildungsprozeß, als ein überragendes Ziel von (Selbst-)Erziehung angesehen werden. Indem wir diese Weisheit, die das Abendland seit zweitausend Jahren als mentales Kulturgut mitprägt, tradieren und pflegen, halten wir etwas von dem Nazarener lebendig und tragen es in uns. Vielleicht sogar das Wesentliche.

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Dieser Artikel erschien auch bei der Richard Dawkins Foundation für Vernunft und Wisschenschaft.

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Foto: Pixabay, CC0 Public Domain

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6 Kommentare zu „Auferstehung, Gottes- und Nächstenliebe – alles Unsinn?

  1. Für viele Menschen entspringt der Glaube an ein “ höheres Wesen“ ( einem Beschützer) sicher aus der Sehnsucht , geliebt zu werden und zwar so wie sie sind.
    Erfahren doch nicht wenige sehr früh, durch Eltern, Lehrer, etc. , dass sie nicht genügen. Es wird an ihnen erzogen ( gezogen), bis sie den oft defizitären Vorstellungen ihrer Erzieher genügen.
    Das Gefühl nicht in Ordnung zu sein , begleitet viele Menschen dann ihr gesamtes Leben. Da scheint es fast tröstlich, einen imaginären Beschützer zu haben, der durch das nicht gerade einfache Leben begleitet.

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  2. Mit allen guten Wünschen grüße ich Sie zum Osterfest, und bedanke mich zugleich bei Ihnen für Ihre klugen und anregenden Gedanken zum Thema!
    Zunächst legen Sie mit Anlehnung an Kant logisch bestens nachvollziehbar dar, daß es die Gottesliebe für ein allmächtiges personifiziertes Wesen eigentlich gar nicht geben kann.
    Diese Unmöglichkeit liegt demnach ganz wesentlich in der Allmacht dieses personifizierten Gotteswesens begründet. Dabei läßt ja schon die alltägliche Erfahrung von „Gut“ und „Böse“ erahnen, daß unsere Allmachts-Vorstellungen eines Gottes wohl so ganz einfach nicht zutreffen können. Vielleicht sind wir dabei aber auch „nur“ Opfer unserer menschlichen Alltagvorstellungen von (personalisierter) Wesenhaftigkeit Gottes und den von Ihnen angesprochenen menschlichen Projektionen.
    Möglicher Weise hat aber die häufig tiefgründig sehnsuchtsvolle menschliche Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, die z.B. danach strebt, einen fairen Interessenausgleich zwischen Menschen und für ein bestmögliches menschliches Zusammenleben herzustellen, sehr viel mehr mit dem zu tun, was wir gemeinhin als Gottesliebe bezeichnen?!
    Das realistische Wahrnehmen-Können von „Gut“ und „Böse“, und auch die immer wieder mögliche Entscheidung für das „eine“, und gegen das „andere“, setzt aber den „freien Menschen“ voraus. Der angedachte und schon weitgehend umgesetzte Konsumidiot hat seine eigentliche Wahrnehmungs- und Entscheidungsfreiheit für „Gut“ oder „Böse“ jedoch schon weitgehend abgegeben, bzw. wurde ihm diese von interessierter Seite bereits genommen.
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    „Gleichwohl steckt in dem Gerede des Nazareners doch auch eine tiefe Weisheit und deshalb ist er nicht vergessen, ist „auferstanden“. Denn was es geben kann und auch gibt, ist Empathie und Wohlwollen jedem anderen fühlenden Wesen gegenüber sowohl als grundsätzliche Haltung wie als akutes (schwankendes) Gefühl. Dieses Wohlwollen zu kultivieren und diese Haltung immer tiefer in sich zu fundieren, erscheint im höchsten Grade sinnvoll und gut und könnte als Zivilisierungs- und Bildungsprozeß, als ein überragendes Ziel von (Selbst-)Erziehung angesehen werden. Indem wir diese Weisheit, die das Abendland seit zweitausend Jahren als mentales Kulturgut mitprägt, tradieren und pflegen, halten wir etwas von dem Nazarener lebendig und tragen es in uns. Vielleicht sogar das Wesentliche.“
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    Und so machen wir uns auf den Weg; vielleicht ist Emmaus hier und über-all?!

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