Widerstand gegen die Widerwärtigkeit der Welt

Von Jürgen Fritz

Der Mensch bedarf in der Welt mit all ihren Widerwärtigkeiten des Trostes. Und er bedarf der Orientierung. Von wo sollten Trost und Orientierung aber kommen, wenn nicht von einem Höheren? Und was vermag der Künstler der Widerwärtigkeit der Welt entgegenzusetzen?

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Frühe Neuzeit und Barock

Die Epoche zwischen Reformation und Aufklärung ist schwer einheitlich zu beschreiben. In diese Zeit fallen die Religionskriege, die europäisch-christliche Welteroberung (christliche Seefahrt), die Hexenverfolgung, aber auch die Kunstformen des Barock. Der Historiker nennt die Zeit nach dem späten Mittelalter, beginnend ab dem späten 14. bzw. ab dem 15. Jahrhundert bis zur Französischen Revolution Frühe Neuzeit.

Diese bricht an oder wird vorbereitet mit der Renaissance zwischen 1350 und 1450. Die Wiederentdeckung der Antike und des Humanismus bildet geistig-kulturell den Anfang einer Zeitenwende. Es folgt ab 1517 bis 1648 (Westfälischer Friede) das Zeitalter der Reformation und der Glaubenskämpfe. Und darauf folgt das Zeitalter des Barock, welches oftmals mit dem Absolutismus einhergeht, und zugleich das Zeitalter des Rationalismus und der Aufklärung, die ab 1789 in die Französischen Revolution mündet, mit der die Neuere und Neueste Geschichte beginnt.

Doch wie können wir uns das Lebensgefühl der Menschen aus der Barockzeit vorstellen und was können wir daraus lernen? Was lässt sich aus der barocken Kunst ablesen? Betrachten wir dazu exemplarisch ein Bild eines herausragenden Malers der Barockzeit.

Der Inbegriff barocker Üppigkeit: Peter Paul Rubens

Peter Paul Rubens wurde 1577 in Siegen geboren. Seine Familie geriet im 16. Jahrhundert in die Wirren der Konfessionsstreitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten (Lutheraner, Calvinisten, Anhänger Zwinglis …). Sein Vater wurde als Calvinist bezichtigt und musste Antwerpen verlassen. So kam es, dass der „katholische“ Rubens im reformierten Siegen geboren wurde.

Rubens gilt bis heute als der Inbegriff barocker Üppigkeit. Die christlichen Inhalte seiner Bilder sind seit der Aufklärung immer mehr in den Hintergrund getreten. Lange betrachtete man sie allein unter ästhetischen Gesichtspunkten wie Farbgebung und Bildkomposition, doch stellt sich die Frage, ob sein Werk so angemessen erfasst werden kann.

Rubens studierte in Rom die Antike mit den Augen Raffaels und Michelangelos. Dabei entwickelte er aber seinen eigenen Stil, der den Nerv der Zeit traf, wie kaum ein anderer. Weshalb? Weil er das Lebensgefühl der Menschen aufgriff und verbildlichte. Rubens‘ Affektsprache des Barock ist hierbei auch eine Form religiöser Gegenwartsverarbeitung.

Trost mitten in der Sinnlosigkeit des Mordens

Der Bethlehemitische Kindermord – siehe Bild oben, zu sehen in der Alten Pinakothek in München – verdeutlicht die religiösen Züge in Rubens‘ Barockmalerei besonders anschaulich. Das Spätwerk bildet die Gräuel der Zeit ab, dem Morden eines Krieges, in welchem Schergen selbst kleine Kinder abschlachten. Wer würde hier nicht an die Gräueltaten der radikalmuslimischen Dschihadisten des Islamischen Staates denken, die selbst Babys massakrieren? Die Klage schreit in Rubens‘ Gemälde zum Himmel. Und doch erscheinen dem Kind, das am linken Bildrand brutal abgestochen wird, Engel im Himmel. Und was machen diese? Sie streuen Blumen herab. Was für eine Ungeheuerlichkeit!

Rubens‘ Zeitgenossen wussten aus eigener Anschauung, was es mit den Gräueln und dem Morden eines Krieges auf sich hat. Doch was macht Rubens? Was setzt er dem entgegen? Mit den Engeln im Himmel, die Blumen streuen, macht Rubens etwas Ungeheuerliches: er malt Trost in die Sinnlosigkeit des Mordens hinein. Dass der Mensch des Trostes bedarf, erscheint unbestritten. Für den Ein-Gott-Gläubigen besteht dieser Trost zumeist in der Vorstellung eines Himmels oder Paradieses mit einem personenhaften Wesen, welches das Gute und Gütige symbolisiert, eine Art Vater- oder Übervaterfigur, die als Beschützer assoziiert wird, zu dem man eines Tages heimzukehren hofft.

Platons Idee des Guten

Platonisch-philosophisch gewendet würde man hier nicht von einem Gott, sondern von der Idee des Guten sprechen, die nicht nur eine Idee von Wesen darstellt, die Ideen in ihrem subjektiven Geist herstellen können, die es zuvor gar nicht gab, sondern eine Idee ganz anderer Art. In Platons Weltbild gibt es objektive Ideen, die einen eigenständigen, von jeglichem subjektiven Geist losgelösten ontologischen (seinsmäßigen) Status haben, die also völlig losgelöst sind von uns Sterblichen, die wir aber erkennen können, zu denen wir einen Zugang haben.

Und diese objektiven Ideen, die einen eigenständige ontologische Realität aufweisen, haben sogar einen höheren Rang als die empirisch erfahrbare, die direkt mit den Sinnen wahrnehmbare Welt. Die objektiven Ideen waren, so Platons Vorstellung, vor dieser sinnlich erfahrbaren, sich stets wandelnden und vergänglichen Welt schon da. Der objektive Geist hat mithin auch einen zeitlichen Vorrang vor der Materie und natürlich vor dem subjektiven Geist.

Diese platonischen Ideen waren aber nicht nur vor der direkt wahrnehmbaren Welt da, sind sind, so Platons Lehre, unvergänglich und ewiglich. Und der Mensch hat – in welcher Form auch immer, sei es rein über seine Ratio oder auch über seine Intuition – einen Zugang zu dieser anderen Seins-Sphäre. Dies könnte man ebenfalls als eine Art der Religiosität bezeichnen, die nicht unbedingt der personenhaften Götter bedarf. Doch zurück zu Rubens Bethlehemitischem Kindermord.

Widerstand gegen die Widerwärtigkeit der Welt

Der Mensch bedarf des Trostes und noch mehr als das. Er bedarf der Orientierung. Und diese kann nur von einem Höheren kommen, von etwas aus einer anderen Sphäre, von etwas, das einen anderen ontologischen Rang hat. Ein zentrales Kennzeichen des Barock war, dass die Menschen in all dem Elend, dem sie ausgesetzt waren – Stichwort: Religionskriege und der alles verwüstende Dreißigjährige Krieg (1618–1648) – diesen Trost und die Orientierung nicht ganz verloren. Im Gegenteil, sie fanden dies gerade in der Religion. Und Rubens brachte dies auf die Leinwand. Ob seine Zeitgenossen den tieferen Sinn akzeptierten oder nicht, der Maler leistete mit seiner Kunst etwas, was gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, etwas, dessen wir alle bedürfen: er leistete Widerstand gegen die Widerwärtigkeit der Welt.

Solchen Widerstand zu leisten, ist im Grunde die Aufgabe eines jeden. Das aber setzt voraus, das Böse zu erkennen, was wiederum die Erkenntnis des Guten voraussetzt. Somit sind wir wieder bei Platons Idee des Guten, die über allem steht und derer wir mehr bedürfen als aller anderer Ideen. Worin die Widerwärtigkeit der Welt genau besteht, darüber gab und gibt es auf Grund der fehlenden Orientierung an der Idee des Guten viele Irrungen und Wirrungen bis hinein in unsere Tage. Eine der größten Irrungen finden wir bei dem bösen Linken, dem ich mich im nächsten Artikel widmen werde.

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Literaturempfehlung: Jörg Lauster, Die Verzauberung der Welt – Eine Kulturgeschichte des Christentums, C.H. Beck

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Bild: Peter Paul Rubens [Public domain], via Wikimedia Commons

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2 thoughts on “Widerstand gegen die Widerwärtigkeit der Welt

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