Wie lässt sich Religion domestizieren?

Von Jürgen Fritz

Die zwei überragenden Denker des 18. Jahrhunderts waren Rousseau und Kant. Rousseau war nicht nur der erste große Zivilisationskritiker, er entwickelte auch den Gedanken der Bürgerreligion, der die gesamte westliche Moderne zutiefst prägen sollte. Hierdurch wurde der Religion Raum geschaffen, zugleich aber wurde sie domestiziert. Eine der größten Errungenschaften der Aufklärung.

I. Die zwei überragenden Denker des 18. Jahrhunderts: Rousseau und Kant

Descartes und Spinoza gehören zu den großen Denkern der rationalistischen Frühaufklärung des 17. Jahrhunderts. Das 18. Jahrhundert prägten mit ihren Gedanken zwei andere überragende Geister: Rousseau und Kant.

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) war der erste große Zivilisationskritiker. Seine Verehrung und Verklärung des ‚edlen Wilden‘ wirkt wie so viele seiner Gedanken bis heute nach. Immanuel Kant (1724-1804), der Welt bedeutendster Philosoph seit der Antike, seit Platon und Aristoteles, duldete in seinem Arbeitszimmer nur ein einziges Bild: ein Porträt von Rousseau. Dies zeigt bereits die ungeheure Wirkung dessen Werks.

1762 erschien eines von Rousseaus Hauptwerken, das bahnbrechende ‚Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes‘, welches mit den programmatischen, berühmten Worten beginnt: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“. Am Ende des Buches widmet sich Rousseau der Frage nach der Religion und stößt damit die Türen weit in die Moderne auf. Ein Gemeinwesen bedürfe der Religion zur Stabilisierung seiner Ideale. Dabei müsse es sich aber um eine Bürgerreligion handeln.

II. Die Bürgerreligion

Das grundlegend Neue an Rousseuas Ansatz war genau dies: der Gedanke einer Zivilreligion. Rousseau machte den Wert einer Religion fest an ihrem Nutzen für die Gemeinschaft. Er fragte also nicht mehr nach den bis dahin immer dominierenden ontologischen Fragen, ob die Lehre der jeweiligen Religion auch wirklich wahr sei. Diese Frage stellte er überhaupt nicht mehr. Und er machte den Wert der Religion auch nicht am Individuum fest, ob es diesem nütze. Für Rousseau, der die Dialektik aus a) Privatperson sein und b) Staatsbürger sein wie kaum ein anderer verstand und geistig durchdrang, war die Schlüsselfrage, was eine Religion dem Gemeinschaftsleben brachte. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Frage nach der Funktion für das Gemeinwesen heute in modernen Religionstheorien behandelt wird, zeigt das Bahnbrechende in Rousseaus Denken.

Dabei gestand der Aufklärer Rousseau der Religion durchaus eine positive Funktion zu. Ihm war klar, die Religion kann das für das Gemeinschaftsleben notwendige Wertgefüge innerlich vertiefen und emotional besser grundieren. Kant würde später formulieren: die Vernunft braucht die Religion nicht, um einzusehen, was richtig und falsch ist, aber die Religion helfe der Vernunft, das moralische Gesetz mit der Aura der Heiligkeit zu versehen, die dem Menschen die Befolgung erleichtere. Denn es reicht ja nicht, das Richtige zwar zu erkennen und darum zu wissen, es aber nicht zu tun.

III. Das Toleranzgebot und das Verhältnis von Staat und Religion

Zu Rousseaus Bürger- oder Zivilreligion gehörte auch das strikte Gebot der Toleranz gegenüber anderen religiösen Auffassungen. Dies aber nur unter einer Bedingung: sofern diese nicht gegen die staatsbürgerlichen Pflichten verstoßen.

„Wer aber zu sagen wagt, »außerhalb der Kirche (meiner Religion, jf) gibt es kein Heil«, muss aus dem Staat verjagt werden.“

Damit hat Rousseau das Verhältnis von Staat und Religion klar und deutlich formuliert. Und damit war die moderne verfassungsrechtliche Domestizierung der Religion auf den Weg gebracht, wie sie heute in fast allen Staaten des westlichen Kulturkreises noch in Geltung ist. Dass eine Religion nicht gegen die Grundordnung eines Gemeinwesens verstoßen darf, dass die Staatsbürger den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen sich alle Religionen bewegen müssen, dass keine Religion über dem Staat stehen darf, sondern alle sich diesem unterordnen und sich innerhalb des vorgegebenen Rahmens bewegen müssen und dass die, die dazu nicht bereit, in der bürgerlichen Gemeinschaft keinen Platz haben können, ist eine der größten Errungenschaften der Aufklärung.

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Bild: Allan Ramsay [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

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4 thoughts on “Wie lässt sich Religion domestizieren?

  1. Werner N.

    Keine Frage, die `Aufklärung` des 18. Jhdts. war eine bedeutende Epoche; sie beendete den Feudalismus und mittelalterlichen Machtmissbrauch der Kirche, förderte Naturwissenschaften und Technik, ist heute noch Grundlage unserer Kultur und der „westlichen Werte“.

    Das intellektuelle Establishment machte sich jedoch schuldig, indem es weiterhin blind bleibt für die Defizite und destruktiven Tendenzen dieser einseitig rational–materialistischen Ideologie. Fehlentwicklungen resultieren aus dem Glauben an grenzenlose, universale Gleichheit, die zudem mit eindimensionalem Denken bewältigt werden soll. Dies ist nur mit Gewalt und Dekadenz möglich. Spätestens nach 1989 hätte man dahinter kommen müssen, dass die Devise „egalité, liberté, fraternité“ Widersprüche enthält, die nicht auf Dauer funktionieren. Kants tückisch doppeldeutige Begriffe in 24 voluminösen Bänden trugen eher zu einer „aufklärerischen Abdunkelung“ der „Oberstübchen“ und Zynismus bei (Horkheimer, Adorno, Sloterdijk u. A.).

    Rousseau (wie auch Voltaire) war vor allem gegen den priesterlichen Despotismus. Beide wollten mehr die Kirche, weniger die Religion oder Gott „domestizieren“ (lt. Duden: häuslich zähmen). Für sie zeigte sich Gott in der Vernunft u n d im Gewissen, womit die geistige Verbindung des Menschen bewahrt blieb. Kant machte aus deren „Bürger- und Zivilreligion“ eine „Vernunftreligion“. Er entnahm der Religion die moralischen Gebote; sie waren nunmehr nur notwendig für das Funktionieren der Gesellschaften. Das bedeutet die Abkoppelung des Menschen von Transzendenz und Hl. Geist und war ein Schritt in Richtung a-religiöser Humanismus. Zugleich lieferte er mit der Prämisse „Überlebenstüchtigkeit“ das Stichwort für Darwin`s späteres „survival oft he fittest“. Auch Kant negierte Gott als Instanz nicht, aber „domestizierte“ ihn in einem entfernten Jenseits, wo er noch als „Schöpfer“ der Natur fungieren durfte. Die Kirche und ihre Schriften dienten nur noch als Propaganda–Instrumente für die „Heiligkeit der Ethik“ (nicht mehr der Gottes!). Die spätere „Vulgäraufklärung“ ging dann offen zum Atheismus, einer „Deus ex machina“–Auffassung über. Da die „Aufgeklärten“ nach 250 Jahren weder Geistliche, Religion, Kirchen noch Gott abschaffen konnten, empfiehlt sich eine andere Ideologie und Strategie. Ob diese aus einer postmodernen „Gegenaufklärung“ oder reformierten Variante besteht, wird man diskutieren müssen.

    Seit der Jahrtausendwende befassen sich wieder einige Autoren kritisch mit der `Aufklärung`. So die Lehrbeauftragte Dr. Anna Wehofsits, LMU, München: ..“Einige theoretische Ansätze und Beobachtungen, die in Kants moralische Anthropologie einfließen, sind aus heutiger Perspektive nicht mehr haltbar. (…) Andere Bestandteile konnten schon zu Kants Zeiten nicht als wissenschaftlich gelten, sondern nur als groteske Vorurteile. Dazu gehören Kants herabsetzende Äußerungen über Frauen, seine rassistischen Bemerkungen und seine abstoßenden Behauptungen über Juden“. (>Anthropologie und Moral< Affekte, Leidenschaften und Mitgefühl in Kants Ethik, Gruyter 2016, S. 6). Andere drücken sich drastischer aus: Die `Aufklärung` ..“is the stiff, inhuman, moralistic Prussian ogre (Ungeheuerlichkeit), everyone knows by the name Immanuel Kant“. (Allan W. Wood, 2008).

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    1. Jürgen Fritz

      Gesamtwürdigungen großer Denker in wenigen Zeilen finde ich immer schwierig. Mit vielem bin ich sehr einverstanden, Werner N., der dritte Absatz empfinde ich dagegen extrem einseitig und verzerrend. Denk- und Einschätzungsfehler finden Sie bei jedem Denker, egal wie groß er war. Bei anderen finden Sie dagegen kaum was Positives, was den Fehlern entgegengesetzt werden könnte. Das scheint mir eher der Unterschied zu sein. 🙂

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      1. Werner N.

        @ Dr. Jürgen Fritz – Es ist richtig, besonders das philosophische System von Kant lässt sich kaum in wenigen Sätzen erläutern oder widerlegen. Benötigte er doch selbst 29 voluminöse Bände dafür, so viele wie m. W. kein anderer Philosoph. Jedes Denkgebäude hat nur temporäre Gültigkeit, so bedeutend es einmal war. Irgendwann wird ein Neubau erforderlich, der nicht mehr auf den alten Fundamenten fußen kann, sei es teilweise oder insgesamt. Wie der Physiker Ilya Prigogine (1980) sagte, sind selbst Kant`s Überlegungen zur Naturwissenschaft überholt, da sie auf Newton`s physikalischer Mechanik beruhten. Die proklamierte „Ewigkeit“ der `Aufklärung` oder `Moderne` dürfte jedenfalls samt ihrer Zeit- und Raum–Auffassung utopisch sein.

        Die u.a. Broschüre kritisiert Kant`s Weltanschauung ebenfalls, vor allem Aussagen wie: ..“Jeder Mensch kann und muss zu gleichen Denkergebnissen kommen“.. Knapp werden die auf ihn folgenden Philosophien von Hegel und Marx sowie die Anfänge der Postmoderne mit R. Rorty beschrieben.
        (Prof. Hans–Otto Rebstock „Philosophische Vergewisserung“ – Wider postmodernen Skeptizismus und Marxismus–Nostalgie. Hamburg, 1994).

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