Vom Nutzen der Vorurteile

Von Jürgen Fritz

Vorurteile genießen gewöhnlich einen schlechten Ruf. Wer das Wort „Vorurteil“ jedoch nicht neutral, sondern pejorativ gebraucht, der fällt offensichtlich dem Vorurteil anheim, dass Vorurteile a priori und per se etwas Schlechtes seien, womöglich sogar immer falsch wären.

Rechts oder links?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in der Abenddämmerung alleine im Wald spazieren, befinden sich auf dem Weg zurück zum Auto, sind aber noch ein Stück entfernt. Weit und breit keine Hütte, keine Menschen, nichts. Totale Einsamkeit und Ruhe. Nun kommen Sie an eine Weggabelung. Der rechte Weg ist ein klein wenig länger als der linke. Auf dem linken sehen Sie in einigen hundert Metern Entfernung fünf junge Männer entgegenkommen, die sehr laut und aggressiv klingend reden. Sie erkennen, dass diese arabisch sprechen. Auf dem rechten Weg kommen fünf junge Frauen entgegen, die dauernd kichern. Es scheint sich um Japanerinnen zu handeln. Welchen Weg werden Sie nehmen, den linken oder den rechten?

Nun stellen Sie sich bitte vor, wir haben a) tausend Menschen, die in jeweils tausend solcher oder ähnlichen Situationen, insgesamt also eine Million Fälle immer den linken Weg nehmen, weil er etwas kürzer ist und weil sie keinerlei Vorurteile haben, und b) tausend Menschen, die in jeweils tausend Situationen immer den rechten Weg nehmen, weil sie Vorurteile haben. Welche Gruppe wird im Durchschnitt wohl eine höhere Lebenserwartung haben und wird seltener Opfer von Gewaltverbrechen: a oder b?

Nützliche Vorurteile

Was viele nicht verstehen: Es gib gute, nützliche Vorurteile, z.B. „die fünf arabischen jungen Männer auf dem linken Weg sind bestimmt gefährlicher als die fünf Japanerinnen auf dem rechten“, die im Einzelfall auch mal falsch sein können, insgesamt aber hilfreich sind. Und es gibt schlechte, falsche, schädliche Vorurteile. In vielen Vorurteilen steckt kollektives, tradiertes Wissen, das sich auch in der Intuition niederschlägt (im Gehirn abgespeichertes Erfahrungswissen unterhalb der Bewusstseinsebene aus persönlicher oder vererbter Erfahrung).

Ein philosophischer, d.h. reflektierter Geist wird versuchen, sich seine Vorurteile 1. bewusst zu machen, sie 2. überprüfen und dann 3. entscheiden (urteilen), welche er weiter pflegen und welche er verwerfen will. Das heißt, er wird differenzieren (diskriminieren) und Vorurteile nicht pauschal verurteilen.

Entscheidend ist immer, ob man bereit ist, seine Vorurteile zu ändern, wenn man eigentlich merken müsste, dass sie nicht tragen. Es geht also um geistige Flexibilität und Beweglichkeit statt Erstarrung. Das Problem sind also nicht die Vorurteile an sich, deren Vorhandensein, sondern die Nichtanpassung bei Inadäquatheit. Genau so kommt geistige Entwicklung zustande. Und solche Menschen, die ihre Vorurteile immer wieder weiterentwickeln – das Urteil von heute ist das Vorurteil von morgen -, sind aufregend und spannend. Sich mit solchen auszutauschen, macht Spaß und bringt im Idealfall beide weiter.

Rehabilitierung des Vorurteils durch Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg Gadamer (1900-2002), einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts, der erste Philosoph in der Menschheitsgeschichte, der über hundert Jahre alt wurde, den nicht wenige für den gebildetsten Menschen seiner Zeit hielten und den ich das große Glück hatte, noch kurz persönlich kennenlernen zu dürfen, hat in seiner Universal-Hermeneutik herausgearbeitet, dass wir bei jedem Verstehensvorgang des Vorurteils sogar bedürfen. Ohne Vorurteil können wir gar nicht verstehen, weil das zu Verstehende immer auf etwas fällt, was schon da ist, mit dem es abgeglichen werden muss.

Das Entscheidende ist also nicht, ob man Vorurteile hat oder nicht, die hat man immer, sondern ob man diese immer wieder überprüft. Beim Verstehensprozess kommt es zu einem ständigen Hin und Her zwischen dem Vorurteil und dem zu Verstehenden. Es findet ein ständiger Abgleich statt, d.h. das Ich geht von sich weg hin zu dem zu Verstehenden, dann wieder zurück zu sich, dann wieder hin …, solange bis das zu Verstehende wirklich erfasst wurde. Beim Nichtverstehen wird dieser Vorgang vorzeitig abgebrochen, bevor das zu Verstehende adäquat in sich aufgenommen wurde.

Max Horkheimer: Über das Vorurteil

Auch Max Horkheimer (1895-1973) befasste sich in seiner 1963 erschienen Schrift „Über das Vorurteil“ mit diesem Thema. „Das negative Vorurteil ist mit dem positiven eins. Sie sind zwei Seiten einer Sache“, so formuliert er.  Vorurteile werden heute meist per se als negativ empfunden: Wenn in Debatten über Vorurteile gestritten wird, geht es fast ausschließlich um negative Vorurteile. Wie entscheidend Vorurteile für unser tägliches Überleben sind, gerät darüber in Vergessenheit. Der moderne Alltag ist ohne Vorurteile gar nicht zu bewältigen. Horkheimer: „Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen.“

Jedes Individuum hat den Wunsch die Welt zu beurteilen, sein Ge- oder Missfallen an den Geschehnissen, seine Bewertung dieser auszudrücken. Ohne Vorurteile käme dies einem unmöglichen Unterfangen gleich. Oftmals sind kollektive Vorurteile das Ergebnis historisch gewachsener Interpretationsmuster, eine ganz normale Vereinfachung, um die Vielfalt der sozialen Wirklichkeit irgendwie zu bündeln und zu meistern.

Fazit

Im Vorurteil können im Einzelfall auch mal Fehlvorstellungen über die Welt zum Ausdruck kommen, die der Korrektur bedürfen. Nicht immer, aber sehr oft stecken in diesem aber nicht Fehlvorstellungen, sondern Wissen. Wichtiges Wissen, welches wir benötigen a) als Vorwissen oder Vorverständnis, um Neues, noch Unbekanntes, welches nie auf leeren Boden fällt, überhaupt erst verstehen zu können, und b) zur Orientierung.

Meine persönliche Empfehlung auf die eingangs gestellte Frage lautet daher: Hören und vertrauen Sie auf Ihre Intuition, in welcher Vorurteile in Form von Wissen, in Form von kollektiven und persönlichen Erfahrungswerten tief verankert sind, und nehmen Sie den rechten Weg.

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Bild: Pixabay, CC0 Public Domain

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12 Antworten auf „Vom Nutzen der Vorurteile

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  2. Frank

    Lieber Herr Jürgen Fritz,

    sie sollten Bücher schreiben! Großes Kompliment!
    So eingängig und nachvollziebar schaft das selten jemand Themen zu beleuchten!
    (den ich kenne oder lese)
    Vielen Dank dafür und (natürlich)

    Weiter so!

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  3. Sabrina

    Schon unser menschliches Wahrnehmen ist alles andere, als die objektive Abbildung einer Kamera. Wir Menschen sind nicht imstande, die Komplexität jeden „Augenblicks“ in seiner Unendlichkeit zu erfassen, ohne uns zu verlieren! Zudem machen hierbei limitierte Aufnahme-Prozesse eine „Auswahl“ erforderlich. Was aber steuert unsere Wahrnehmung? Hier ist die (gerichtete) Aufmerksamkeit, als kognitives Element entscheidend.
    Wahrnehmung wird sowohl in der Psychologie, als auch in der Physiologie verstanden als die Gesamtheit einzelner Teilprozesse, von Auswahl, Aufnahme, Verarbeitung und Interpretation sensorischer Informationen. Demnach sind also nicht alle Sinnesreize Wahrnehmungen, sondern nur diejenigen, die kognitiv verarbeitet werden und Orientierung für das Individuum ermöglichen. Schon für unsere menschliche Wahrnehmung ist also stets die Verbindung von Perzeption und Kognition untrennbar gegeben. Zum großen Bereich menschlicher Kognitionen gehören aber auch unsere Erfahrungsmuster, die sowohl eigene Erfahrungen beinhalten, aber auch aus „übergebenen“ und „kollektiven Vorurteilen bestehen, als das Ergebnis historisch gewachsener Interpretationsmuster“. Und hierbei geht es schließlich darum, wie Sie schon richtig herausgestellt haben:
    „Das Entscheidende ist also nicht, ob man Vorurteile hat oder nicht, die hat man immer, sondern ob man diese immer wieder überprüft.“

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  4. floydmasika

    Es gibt auch Vonderachs Buch „Völkerpsychologie“ und ähnliche Texte, die die Nützlichkeit und sogar hochgradige Zuverlässigkeit der Stereotypen belegen.

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  5. floydmasika

    Hat dies auf Bayern ist FREI rebloggt und kommentierte:
    Das „Vorurteil“ wird häufig von Leuten mit dumpfen bunten Vorurteilen gering geschätzt. Zu Unrecht, wie nicht nur Evolutionspsychologen (z.B. Andreas Vonderach in „Völkerpsychologie“) sondern auch berühmte Philosophen einschließlich Ikonen der 1968er eloquent erläutert haben.

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  6. Hans Kolpak

    Die Gehirnforschung hat viel zum Verständnis der Vorurteile beigetragen. Nur ein winziger Bruchteil des augenblicklichen Geschehens dringt in das Bewusstsein eines Menschen. Optimalerweise ist es so viel, wie er gerade verarbeiten kann oder will. Wer sich nicht auf eine Entscheidung fokussiert, versäumt sein selbstbestimmtes Leben und lebt eher fremdbestimmt.

    Das Vorurteil rationalisiert die Entscheidungsfindung. Eine Korrektur kann in einer nächsten Entscheidung vorgenommen werden. Doch es gibt auch unumkehrbare Entscheidungen. Auch hier helfen Vorurteile, um nicht in eine Falle zu tappen. So erweist sich das Vorurteil als eines der wichtigsten Werkzeuge im Leben, für das Herz genauso wie für den Verstand.

    Grundlage einer Reform, die Bestand haben soll
    Auszug aus einem Brief, den Friedrich von Schiller am 13. Juli 1793 an Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustinenburg schrieb: „Man wird zwar unterdessen von manchem abgestellten Missbrauch, von mancher glücklich versuchten Reform im einzelnen von manchem Sieg der Vernunft über das Vorurteil hören, aber was hier zehn große Männer aufbauten, werden dort fünfzig Schwachköpfe wieder niederreißen. Man wird in anderen Weltteilen den Negern die Ketten abnehmen und in Europa den Geistern anlegen.“

    Auch hier dient die Vernunft als Werkzeug, um das Vorurteil zu bearbeiten. Zuerst zögerte ich, den letzten Satz auch zu zitiieren. Doch er enthält zwei schöne Stachel, die im Jahre 2017 heftige und von Vorurteilen getragene Reaktionen provozieren können.

    Warum ich mich gerne mit Schiller auseinandersetze? „So was lebt, und Schiller musste sterben!“ brüllte mich Prof. Dr. Knapp in der Mathematikstunde an und verpasste mir eine sehr schmerzhafte Kopfnuss. Das war 1964 in der Sexta.

    Da ist Jürgen Fritz wesentlich kultivierter. Er ist nur peinlich berührt.

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  7. philosophyofthougths

    Aber wer sagt denn, dass die Araber von Grund aus aggressiv sind? Vielleicht befinden Sie Sich nur in einem Streit. Um das herauszufinden, muss man aber erstmal den Mut nehmen und einen neuen Weg einschlagen, nämlich den rechten. Und vielleicht sind die japanerinnen ja gar nicht so „unschuldig“, wie sie aussehen.
    Soviel von mir

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    1. Hans Kolpak

      … nicht von Grund auf aggressiv, aber eindeutig weniger intelligent als Japaner!

      Wo sind die Nachrichten von japanischen Terror-Brigaden, die seit 2015 Europa verunsichern? Vielleicht eine Meldung von 1972 in Tel Aviv? Laut Merkel grenzt Israel an Deutschland oder war das eine ARD-Korrespondentin?

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