Der ontologische Gottesbeweis

Von Jürgen Fritz

Kann man Gottes Existenz beweisen? Immer wieder gab es Versuche, dies zu tun.  Berühmt wurden vor allem der kosmologische, der teleologische und der besonders eindrucksvolle ontologische Gottesbeweis, den Anselm als erster durchführte, später dann Descartes, bevor Kurt Gödel ihn dann im 20. Jahrhundert in der Sprache der modernen Modallogik rekonstruieren sollte.

Das Jahr 1077

Wir schreiben das Jahr 1077. Das Jahr, in welchem die westliche Christenheit gespannt auf den Machtkampf zwischen Kaiser und Papst blickt, den sogenannten Investiturstreit, der mit dem Gang des Kaisers nach Canossa enden wird. Just in diesem Jahr beginnt ein anderer in der fernen Normandie in einem Kloster mit der Abfassung eines Werkes, welches er Proslogion nennen wird. Dieses Werk wird in die Geschichte des Geistes und in die Geschichte der Philosophie eingehen. Weshalb das? Weil hier erstmals in der Menschheitsgeschichte der sogenannte ontologische Gottesbeweis formuliert wurde. Doch bevor wir uns diese an Schönheit und Eleganz überragende Herleitung ansehen, wer war Anselm überhaupt und in was für einer Zeit lebte er?

Das hungrige Mittelalter

Anselm war ein Mann des Mittelalters (ca. 500 bis 1500). Dieses war von Beginn an ein hungriges Zeitalter gewesen. Lange Zeit hungerten die Menschen nach Essen, doch das Objekt des Hungers wandelte sich im Laufe des Hohen Mittelalters (ca. 1000 bis 1250). Jetzt war man immer mehr begierig auf Wissen und Bildung. Im 11. Jahrhundert hatten sich die Lebensverhältnisse deutlich konsolidiert, was Raum schuf für den Hunger nach geistiger Nahrung. Bereits unter dem Karl dem Großen war im 8. Jahrhundert eine große Wertschätzung von Bildung zu beobachten. Der frühmittelalterliche karolingische Herrscher investierte gemessen an der Wirtschaftskraft seines Reiches, des Frankenreichs, aus dem später Frankreich und Deutschland hervorgehen sollten, in den Aufbau von Bildung und Kultur solche Summen, dass die Bildungspolitiker des 21. Jahrhunderts daneben wie Zwerge erscheinen.

Die Geburt der europäischen Universität

Im Hohen Mittelalter entwickelten sich dann allmählich die ersten Universitäten in Europa. Ende des 11. Jahrhunderts in Bologna (Italien), im 13. Jahrhundert in Paris, Oxford, Cambridge und vielen anderen Orten. Als ein mongolischer Gesandter Ende des 13. Jahrhunderts Paris besuchte, der aus dem heutigen Peking (Beijing) stammte, zeigte man ihm allerlei Kunstschätze und prächtige Bauten. Doch es war etwas anderes, was den Botschafter aus dem fernen Osten am meisten beeindruckte. Der weit gereiste Mann stand in Diensten des Il-Khans Arghun, der in Bagdad residierte, einer der prächtigsten und kulturell florierendsten Städte der damaligen Welt. Nein, mit Kunstschätzen und Bauten konnte man diesen Mann nicht nachhaltig beeindrucken. Doch es gab etwas anderes, das dieser Mann so noch nie gesehen hatte: 30.000 Studenten, die unablässig mit Schreiben beschäftigt waren und für deren Lebensunterhalt der König aufkam.

Anselm von Canterbury

Einen vornehmen und ehrwürdigen Platz an den im Hochmittelalter gegründeten europäischen Universitäten nahm eine Disziplin ein, die heute bisweilen umstritten ist als wissenschaftliche Disziplin, die damals aber eine zentrale Position innehatte: die Theologie. Eine Schlüsselrolle kam hierbei Anselm von Canterbury zu.

Anselm wurde 1033 in Aosta in Italien geboren. Mit Anfang zwanzig verließ er sein Elternhaus, ging auf Wanderschaft, trat in ein Benediktinerkloster in der Normandie ein. Dort stieg er zum Prior und Abt (Leiter des Klosters) auf und wurde 1093 schließlich als Erzbischof von Canterbury in England inthronisiert. Mit dem König von England lag er im Dauerstreit über die Machtbefugnisse von Krone und Papst. Doch was war nun das Besondere an Anselm?

Die Rationalisierung der christlichen Theologie

Anselm steht vor allen Dingen für eines: die Rationalisierung der christlichen Theologie (genau das, was der islamischen Theologie fehlt?). Jene hatte immer schon die Nähe zur Philosophie, die Nähe zur Vernunft gesucht. Der Impuls, religiösen Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen, ist dem Christentum von je zu eigen. Doch in Anselm findet diese Annäherung einen Höhepunkt und eine Schlüsselfigur. In seiner Schrift Proslogion macht Anselm deutlich, dass der religiöse Glaube aus einem inneren Antrieb heraus nach vernünftiger Einsicht suche. Der Glaubende möchte verstehen, was er glaubt, und suche daher nach gedanklicher Durchdringung. Dies exemplifiziert Anselm an der Frage, ob Gott tatsächlich existiert oder nur eine leere Vorstellung ist, modern gesprochen: ein bloßer Begriff in unserem Geist ohne Referenzobjekt in der Wirklichkeit.

Der ontologische Gottesbeweis

Um zu zeigen, dass Letzteres nicht der Fall ist, führt Anselm einen Beweis, der zwar nicht richtig, der aber an Schönheit kaum zu überbieten ist. Wer einen Sinn für beweisendes Denken hat, die höchste aller Künste, die dem Menschen gegeben, der wird sich der Faszination des Anselmschen Gedankengangs kaum entziehen können. René Descartes, der Begründer der Bewusstseins- und überhaupt der modernen Philosophie wird diese Argumentation mehr als 500 Jahre später in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert aufgreifen und ganz ähnlich formulieren. Immanuel Kant gelingt im späten 18. Jahrhundert die Widerlegung der Argumentation und Kurt Gödel wird den ontologischen Gottesbeweis im 20. Jahrhundert in der Sprache der modernen Modallogik rekonstruieren.

Gödel beweist nicht, wie manche Theologen, die in Logik weniger gut geschult sind, meinen, die Existenz Gottes, sondern er zeigt, dass bei entsprechender Wahl der Axiome und Definitionen quasi alles beweisbar ist. Sein Thema war also nicht die Existenz oder Nichtexistenz Gottes, sondern die Stärken und Schwächen der axiomatischen Methode, die er an dieser Frage, ob Gott tatsächlich existiert, nur exemplifizierte. Daher veröffentlichte er diesen Beweis auch nicht, da er schon befürchtete, dass man ihn missverstehen würde.

Anselms Gottesbegriff

Doch nun zu Anselms genialem Gedankengang, der mir jedes Mal aufs Neue das Herz ein wenig hüpfen lässt ob seiner Schönheit. Seinen Gottesbeweis kleidet Anselm in ein Gebet. Es beginnt mit der Bitte, Gott möge ihm die nötige Erkenntnis für sein Vorhaben schenken. Sodann folgt seine Erläuterung des Gottesbegriffs, der für den Beweisgang von zentraler Bedeutung ist und einen genialen Kniff darstellt, auf dem im Grunde alles beruht. Gott sei das, „worüber hinaus nichts Größeres (Vollkommeneres) gedacht werden kann“.

Mit diesem Gottesbegriff führt Anselm nun einen indirekten Beweis, was meist besonders elegant anmutet. Das heißt, er nimmt das Gegenteil dessen an, was er zu beweisen sucht, also Nicht-A statt A, und zeigt dann auf, dass die Annahme des Gegenteils des zu Beweisenden unweigerlich in Widersprüche führt, so dass also die Annahme Nicht-A falsch sein muss, mithin ihr Gegenteil, das, was eigentlich bewiesen werden soll, nämlich A richtig. Beim indirekten Beweisen fragen wir also: Kann denn das Gegenteil von A überhaupt sein? Wenn wir eindeutig zeigen können, dass nein, so wissen wir dass A der Fall sein muss.

Beweisgang in vier Schritten

1. Zunächst führt Anselm aus, dass auch ein Tor, der die Existenz Gottes leugne, zugeben müsse, dass, wenn er den vorgelegten Gottesbegriff verstehe, dieser in seinem Verstand existiere (esse in intellectu), da alles, was verstanden werde, im Verstand sei. Auch ein Tor könne sich also vorstellen, dass es etwas gibt, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Genau so aber haben wir Gott definiert. Somit befindet sich dieser Gottesbegriff in seinem Geist respektive dieser kann diesen Gottesbegriff erfassen.

2. Nun nimmt Anselm das Gegenteil dessen an, was er zeigen will: Was, so fragt er, wenn Gott nur im Verstand sei, nicht aber in der Wirklichkeit? Aber dann gäbe es ja etwas Größeres als das. Nämlich die Vorstellung von etwas, das größer ist als alles, was gedacht werden kann, etwas, das nicht nur gedacht wird, sondern auch tatsächlich existiert (esse in re). Oder einfacher ausgedrückt: ein real existierender Gott sei ja größer als nur ein gedachter Gott.

3. Gott wurde aber gerade definiert als das, worüber nichts Größeres gedacht werden könne. Ein Gott, der nur im Verstand existiere, sei aber, wie gerade gezeigt, nicht das Größte, was gedacht werden kann, da ein real existierender Gott größer sei als nur ein erdachter.

4. Also muss die Annahme in (2), dass Gott nur im Verstand, nicht aber in der Realität sei, falsch sein. Gott kann gar nicht nur im Verstand existieren, da er dann nicht das Größte wäre. Also muss Gott, das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann, real existieren (esse in re), was zu beweisen war.

Widerlegung des Gottesbeweises

Die Beweisführung ist natürlich nicht richtig. Sie enthält gleich mehrere Fehler, die aber nicht ganz einfach aufzuspüren sind. Wenn Sie wollen, können Sie ja mal versuchen, sie zu finden. So viel kann ich Ihnen verraten: Dabei tun sich neue Dimensionen des Denkens auf, die generell helfen, die Welt und unser Weltbild, vor allem das Verhältnis beider zueinander und damit den Wahrheitsbegriff selbst besser, vor allem viel tiefer zu verstehen. Es lohnt also.

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Literaturempfehlungen (vier absolut lesenswerte, ja überragende Bücher):

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Bild: Youtube-Screenshot

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19 thoughts on “Der ontologische Gottesbeweis

  1. Peter Götz

    So zwischendurch: Herzlichen Dank! Ja, der Gottesbeweis. Meine Güte, nichts lebt und existiert außer dem, was wir GOTT nennen…Peter GötzJürgen Fritz Blog <comment-reply@wordpress.com> h

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  2. Wulf Peter Horstmann

    Wenn der Mensch als Gläubiger die Verantwortung für sich und sein Tun an eine übergeordnete Instanz abgibt, hilft das vielleicht psychisch, weil man meint nicht selbst schuld zu sein bei Unglück oder Versagen, aber das ist kein Gottesbeweis sondern eine Funktion des Gehirns, die im Laufe der Evolution einmal hilfreich war. Daher ist es an denen, die solche gewagte Thesen wie diverse Religionen in Büchern festhalten oder sonst als Behauptung in den Raum stellen, die Existenz gerade ihres Gottes zu beweisen. Wenn es nun auf der Welt 1000 Religionen mit dem Anspruch, die einzig Richtige zu sein, gibt, liegen 999 falsch, was logischerweise zu der Vermutung führt, daß es eben keinen Gott gibt. Daraus folgt, daß der Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Die Freiheit des einzelnen ist daher begrenzt durch die Freiheit der anderen, dazu bedarf es aber keiner religiösen oder politischen Einpeitscher.

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    1. Jürgen Fritz

      Ich zitiere aus dem Artikel: „Die Rationalisierung der christlichen Theologie

      Anselm steht vor allen Dingen für eines: die Rationalisierung der christlichen Theologie (genau das, was der islamischen Theologie fehlt?). Diese hatte immer schon die Nähe zur Philosophie, die Nähe zur Vernunft gesucht. Der Impuls, religiösen Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen, ist dem Christentum von je zu eigen. Doch in Anselm findet diese Annäherung einen Höhepunkt und eine Schlüsselfigur. In seiner Schrift Proslogion macht Anselm deutlich, dass der religiöse Glaube aus einem inneren Antrieb heraus nach vernünftiger Einsicht suche. Der Glaubende möchte verstehen, was er glaubt, und suche daher nach gedanklicher Durchdringung. Dies exemplifiziert Anselm an der Frage, ob Gott tatsächlich existiert oder nur eine leere Vorstellung ist, modern gesprochen: ein bloßer Begriff in unserem Geist ohne Referenzobjekt in der Wirklichkeit.“

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      1. Jens

        Wir finden auch das paradoxe credo quia absurdum (Tertullian) und Pascals „Sprung in den Glauben“, ebenfalls paradox, denn den persistierenden Augenblick der Inbrunst kann man natürlich nicht willkürlich festhalten.

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  3. Jens

    Gödel hat nicht versucht, die Existenz Gottes zu beweisen, was unmöglich ist. Er konnte beweisen, dass WENN Gott existiert, er ein gütiger Gott sein muss. Sie kennen wahrscheinlich die durchaus tiefsinnige Scherzfrage: kann der allmächtige Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht heben kann? 🙂
    Hans Jonas konnte in seinem Essay „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ eindrucksvoll zeigen, dass Gott mit der Schöpfung seine Allmächtigkeit eingebüßt hat. Er kann allgütig und allgegenwärtig sein, aber dann nicht gleichzeitig allmächtig.

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    1. Jürgen Fritz

      Ich zitiere aus dem Artikel: „Gödel beweist nicht, wie manche Theologen, die in Logik weniger gut geschult sind, meinen, die Existenz Gottes, sondern er zeigt, dass bei entsprechender Wahl der Axiome und Definitionen quasi alles beweisbar ist. Sein Thema war also nicht die Existenz oder Nichtexistenz Gottes, sondern die Stärken und Schwächen der axiomatischen Methode, die er an dieser Frage, ob Gott tatsächlich existiert, nur exemplifizierte. Daher veröffentlichte er diesen Beweis auch nicht, da er schon befürchtete, dass man ihn missverstehen würde.“

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  4. onkel joerg

    Gibt’s da mehrere Seiten von?
    Mit dem Titel hat der Artikel nämlich (auf der ersten Seite), bis auf einen Absatz nichts zu tun.
    Nichtsdestotrotz kurzweilig und informativ.

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    1. Jürgen Fritz

      Der Titel lautet „Der ontologische Gottesbeweis“ und darum dreht sich alles: die Genese des ersten Zustandekommens, die historische Einbettung, der zu Grunde gelegte Gottesbegriff, die Beweisführung bis hin zur Andeutung der Fehlerhaftigkeit des Gedankenganges.

      Eventuell wird es einen zweiten Teil geben, in welchem der Beweis widerlegt wird. Aber nur bei entsprechendem Interesse der Leser.

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      1. Tanzender Berg

        Jetzt wollen wir schon gerne wissen, wie Sie den vermeintlichen Beweis widerlegen. Ich könnte natürlich die empfohlenen Bücher lesen, aber ich habe schon zehn in der Warteschleife und Geld verdienen muß ich auch noch.

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  5. Pingback: Der ontologische Gottesbeweis — Jürgen Fritz Blog | per5pektivenwechsel

  6. Werner Ocker

    Karl der Große :
    „Der frühmittelalterliche karolingische Herrscher investierte gemessen an der Wirtschaftskraft seines Reiches, des Frankenreichs, aus dem später Frankreich und Deutschland hervorgehen sollten, in den Aufbau von Bildung und Kultur solche Summen, dass die Bildungspolitiker des 21. Jahrhunderts daneben wie Zwerge erscheinen.“

    Mit Verlaub: Das ist ein typisch christlich-abendländischer Mythos. Der große Karl konnte selbst kaum lesen und schreiben. Und 95 % seiner ‚Bildungsinvestitionen gingen (am Volk vorbei) an die Klöster. Und was die an Bildung produzierten war, gemessen an den Leistungen der antiken Universitäten und verglichen mit den Leistungen der damaligen arabischen Welt und verglichen mit dem in Byzanz gepflegten antiken Erbe, absolut lachhaft. Die berühmtesten Klosterbibliotheken (zweihundert Jahre nach Karl) wiesen zwei- bis dreihundert Bücher auf, davon 90% christlicher Sermon. Im nur 3 Jahrhunderte vor Karl untergegangen Römischen Reich besaß jede Privatbibliothek die etwas auf sich hielt, tausende Bücher; öffentliche Bibliotheken (in Alexandria, Ephesos, Pergamon) hatten Bestände die in die Hunderttausende gingen. Diesen Schatz hatten die christlichen Brüder im Geiste des lateinisch-katholischen Herrschers in Rauch aufgehen lassen. Leseempfehlung: Rolf Bergmeier „Karl der Große: Die Korrektur eines Mythos“.

    ______

    Zu den Thesen Anselms:
    Erster Fehler: „… da alles, was verstanden werde, im Verstand sei.“
    Ein inhaltsloser Pleonasmus, sprachlich und begrifflich.

    Zweiter Fehler: „.Also muss Gott, das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann, real existieren (esse in re), was zu beweisen war.“
    Falsch. Niemand kann sich etwas vorstellen, über das nichts hinausgeht. Weder in der Zeit noch im Raum kann sich unser Verstand etwas vorstellen das begrenzt wäre, aber erst recht eben auch keine Unendlichkeit. Wir denken uns jeden konkreten Raum und jedes Zeitintervall als Ausschnitt eines umfassenderen Größeren – im unendlichen Regress. Weshalb wir denn auch nicht anschaulich verstehen, dass Raum- und Zeit relativ sind und erst mit dem (nach ggw. gültiger Vorstellung) Urknall ‚entstanden‘ sein sollen. Entstanden woraus? Was war vor dem Urknall?, fragt unser Verstand. In welchem Raum fand der Urknall statt? „Die Welt entstand aus dem Nichts“, sagt die gerade gängige Kosmologie (siehe Lawrence Krauss: „A Universe from Nothing“). Anschaulich verstehen kann das niemand, aber die spontane Entstehung von Quanten aus dem „Nichts“ läßt sich sogar messen (Casimir-Effekt). „Aber“, sagt da der Theolog, „dieser leere Raum ist ja nicht das ‚wirkliche‘ Nichts im Sinne dessen was vor der göttlichen Schöpfung war“. Vor? Also gab es schon die Zeit? Wo verortet der Theolog das ‚wirkliche‘ Nichts? Das ‚wirkliche Nichts‘ ist ein Oxymoron. Offensichtlich glaubt der Theologe alles über das Nichts zu wissen, sonst würde er den Physikern nicht absprechen, dass deren Nichts jenes Nichts sei das er meine und worüber zu disputieren nur er die Kompetenz besitze. Und am allermeisten weiß er über das nicht Übersteigbare, nämlich Gott. Der christliche Gott ist ab er noch nicht mal absolut. Er übersteigt sich sozusagen selbst in der Dreifaltigkeit und teilt sich seine Gottheit mit dem Heiligen Geist und seinem Sohn Jesus Christus. Er kommuniziert auch nicht selbst mit seinen Geschöpfen, sondern braucht dazu Nebengötter und Nebengöttinen niedrigeren Ranges, so die Heilige Jungfrau, Tausend Heilige und den Papst als Vermittler und Vollstrecker. Der antike Götterhimmel läßt grüßen

    Dritter Fehler:
    „… ein real existierender Gott sei ja größer als nur ein gedachter Gott.
    Wenn ein realer Gott existiert, der unser Vorstellungsvermögen des „größten Gottes“ übersteigt, so ist er für unseren Verstand nicht erkennbar und damit irrelevant und entzieht sich jeder Diskussion und erst recht jedem logischen Beweis. (Wittgenstein: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.)

    Und jetzt habe ich keine Lust mehr, mich mit Gottesbeweisen zu beschäftigen. Alles nur Käse, wie klug die damit befaßten großen Geister auch sein mochten. Der Hang sich einen Gott auszumalen, zeugt von unserer noch nicht abgeschlossenen geistigen Evolution vom Affen zum ‚Menschen‘.

    Als Kind hat mir mein fanatisch gläubiger Großvater „eine geschmiert“ als ich auf seine Begründung, die Welt sei so wunderbar, dass nur ein allwissender und allmächtiger Gott sie habe erschaffen können, entgegnete: „Dann muss es erst recht einen noch tolleren Übergott geben, der diesen wunderbaren Gott geschaffen hat, denn der kann erst recht nicht von alleine entstanden sein.“ Patsch war die Antwort! Und Luther soll auf die Frage: „Und was hat Gott gemacht bevor er die Welt erschaffen hat?“, geantwortet haben: “Da saß er in einem Birkenwäldchen und schnitzte Ruten für Leute die unnütze Fragen stellen!“ Paßt!

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  7. silkeanne

    Anselms schlimmste Fehllehre aus christlicher Sicht war seine Erbsündenlehre (Gott muss beschwichtigt werden und nicht der Mensch) und leider hat sich die Machtkirche durchgesetzt und nicht ganz die biblische Vernunft ,die mit Petrus Abaelardus im 12. Jahrhundert einen Höhepunkt feierte. Wikipedia zu seiner Theologie: “ In seinen theologischen Werken (Theologia Summi Boni, Theologia Christiani und Theologia Scholarum) wandte er sich u. a. gegen die Lehre, dass Gott durch den Kreuzestod dem Teufel die Rechte am Menschen, die dieser aufgrund der Erbsünde erworben habe, wieder abgekauft habe. Die Erbsünde sei nicht Schuld des Einzelnen, sondern nur Folge der Schuld Adams. Vielmehr wollte Gott als Gott der Liebe ein Zeichen setzen, indem er den Menschen durch sein Opfer die Gnade der Erlösung gewährte und damit die Chance zu einem Neuanfang. Abaelard kehrte den Wahlspruch credo ut intelligam (Augustinus, Anselm) um, indem er die Vernunft einsetzte, um zum Glauben zu finden (nihil credendum, nisi prius intellectum – „Nichts ist zu glauben, wenn es nicht zuvor verstanden ist“). So versuchte er aufzuzeigen, wie insbesondere es durch die Bekehrung der Heiden aufgrund von Zeugnissen der Philosophen (speziell Platons Lehre von der Weltseele) gelang, zu zeigen, dass Gott das Weltganze liebend bewegt und als weltbegründende Weisheit das Gute selbst ist. Daraus ergibt sich für die Trinitätslehre, dass Gott Allmacht (Vater), Weisheit (Sohn) und Güte (Heiliger Geist) sei. Jedoch ist der Glaube an das Mysterium der Menschwerdung für das Heil unabdingbar. So seien die geometrischen Strukturen der Welt Ausdruck der Güte Gottes, die höher ist als die menschliche Vernunft.“ Kirkegaard nahm die Erbsündenlehre ganz auseinander und zeigt,dass Sünde etwas ist,das dem einzelnen als eigenes widerfährt und nicht jeder schuldig ist durch seine reine Geburt.——— Die Hybrismatrix,modern gesprochen, erfährt der Mensch in doppelter Weise ,als persönliche Fehlleistungen und als schuldlose Übernahme besonderer Strukturen.Die Transzendierung der Sünde als dem Menschen innewohnendes Faktum bescherte der Kirche eine Erpressungsmöglichkeit.
    Die heutige Kirche kippte in das andere Extrem ,das sich bei Abaelard andeutete, in die Anbiederung, anstatt das biblische vernünftige Erbe neu zu denken und den neuen atheistisch- satanisch -freimaurerischen Konstruktionen entgegen zu treten. Dass der Mensch sich aus Primaten entwickelt hat,ist eine unbewiesene Hypothese und die wahrscheinlichere Hypothese,er ist eine eigene Art,wird bei der satanisch-heidnischen Unterdrückung von Wissen erst gar nicht diskutiert. Millionen Jahre Erdzeitalter sind höchstwahrscheinlich Erfindungen und Dinosaurier haben sehr wahrscheinlich noch zusammen mit Menschen gelebt. Die große Katastrophe war die Erdachsenkippung und die neuen Gebirge entstanden in kürzester Zeit und auch die Einschlüsse von Fossilien.Erdöl entsteht nicht organisch,auch eine Lüge, Es entsteht aus Methan,das gepresst wird und in großen Mengen ständig ausgast.Wissen russische Wissenschaftler schon seit dem 19. Jh. . Die Menschen werden in ständiger Angst gehalten und zusätzlich noch mit der Idiotie vom menschengemachten Weltklima durch den CO2 -Ausstoß verunsichert. Wieder ein Geschäftsmodell für ganz Schlaue. Anderes Thema.

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    1. lynx

      Wenn es für das, was im 2. Abschnitt behauptet wird, nur jemals stichhaltige Beweise gäbe. Auch ein kreationistisches „Museum“ in Kentucky (übrigens ein sehr gutes Geschäft mit Gutgläubigen) kann diesem Defizit nicht abhelfen.

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      1. nouseforislam

        Kreationismus…..auch so ein hochgradiger religiöser Schwachsinn. Dass dies ausgerechnet in der wissenschaftlichen Spitzennation besonders gepflegt wird, ist schon paradox. Die sollten sich mit Herr Erdogan als Feind der Evolutionslehre zusammentun. Da wären die richtigen Deppen zusammen. PS: Soll der zweite Abschnitt von silkeannes Kommentar ironisch gemeint sein? Ich hoffe es. Wenn ich schon Wortgebilde wie „atheistisch- satanisch -freimaurerisch“ lese, bekomme ich Ausschlag. Da blinkt der Aluhut.

        Gefällt 2 Personen

  8. R.J.

    Großen Dank für diesen Überblick.

    Die moderne Tendenz der Gottesbeweise geht in der Tat teils wieder in Richtung ontologischer Beweise mittels Modallogik, d.h. der Erweiterung der konventionellen Logik durch die Termini „notwendig“ und „möglich“. Das war eine Zeitlang nach Kant außer Mode. Siehe z.B. den Beweis von Alvin Plantinga. Auch die Variante von Robert Spaemann, geboren aus einer platonistischen Interpretation des Futur II, geht in diese Richtung. Bei Licht betrachtet erweist sich alles als zirkulär und/oder keineswegs auf zwingend akzeptablen Axiomen aufgebaut. Man kann sogar unangenehm berührt sein, sofern man das Gefühl einer geradezu trickhaften Erschleichung hat. Ein Problem besteht darin, dass es verschiedene Formen der Modallogik gibt und man keineswegs die starken Versionen, in denen in der Regel die Beweise geführt werden, akzeptieren muss.

    Teleologische Gottesbeweise, d.h. solche aus der Zweckmäßigkeit der Einrichtung der Welt, werden praktisch nur noch von Kreationisten vertreten, die sich in einer hoffnungslosen Defensivposition gegenüber der modernen Evolutionstheorie, Kosmologie und Theorie der Nichtgleichgewichtssysteme befinden. Das gilt auch für die sogenannte „Feinabstimmung“ der Naturkonstanten.

    Umgekehrt erfreuen sich offenbar Beweise aus der Kausalität wieder einer gewissen Popularität, obgleich sie insuffizient sind und auf ungerechtfertigten Extrapolationen beruhen. So ist die Forderung, es müsse für alles eine Ursache geben, für das Ganze der Welt keineswegs zwingend, und ebenso wenig die Forderung, eine Ursachenkette müsse an ein Ende kommen.

    Diese Gottesbeweise profitieren stark davon, dass viele Menschen nicht in der Lage sind zu erkennen, wie tiefgreifend unsere Denkungsart und unsere Konzepte von „Natur“ durch die moderne Naturwissenschaft und Logik verändert wurden, wieviel Skepsis da implementiert und zugleich Raum für Denkmöglichkeiten da eröffnet wurde. Der (evolutionär) tiefsitzende Hang zum Anthropomorphen ist mit Händen zu greifen, wenn ein abstrakt bewiesener Gott flugs mit der Herrscherfigur einer vorab angenommenen, spezifischen Religion identifiziert wird.

    Wer einen gut lesbaren Überblick über Gottesbeweise und die Kritik an ihnen haben möchte, dem möchte ich den Klassiker „Das Wunder des Theismus“ (Reclam) von John Leslie Mackie empfehlen.

    .

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    1. Werner Ocker

      Sie haben das Dilemma logischer Gottesbeweise, womöglich noch unter Zuhilfenahme der Naturwissenschaften, zutreffend analysiert.

      Wegen unseres unausrottbaren Bedürfnisses nach Sinnstiftung, erfindet unser Geist immer wieder neue Märchen, um Geborgenheit in einer sinnentleerten und grausamen Welt zu finden. Wir können gar nicht anders. Und die sich für die ganz Schlauen haltenden Theologen und Philosophen treiben ihre zirkulären Logeleien eben etwas komplizierter als der naive Mensch. Da sie aber auf das gleiche Ziel hinauswollen, kommt derselbe Unsinn dabei heraus.

      Die Gottsucherei ist uns schlicht als biologisches Erbe gegeben (was Richard Dawkins allerdings bestreitet). Wir können nur im kartesischen Raum denken. Die Zeit können wir uns nur als davon unabhängiges Phänomen vorstellen, von dem wir aber nicht sagen können, was es denn eigentlich sei. Das größte Handicap bildet unser in Kausalitäten befangenes Denken. Diese „angeborenen Lehrmeister“ (Konrad Lorenz) sind unbelehrbar, obgleich von den Naturwissenschaften relativiert oder sogar widerlegt. Und dies ist der Grund weshalb „… viele Menschen nicht in der Lage sind zu erkennen, wie tiefgreifend unsere Denkungsart und unsere Konzepte von „Natur“ durch die moderne Naturwissenschaft und Logik verändert wurden“.

      Geht die Kausalität nicht auf, bleibt ein ungelöstes Rätsel, gar ein Widerspruch zurück, so befällt uns innere Unruhe (eine Appetenz im Sinne Konrad Lorenz‘) und zwingt uns, solange zu suchen bis unser Weltbild wieder stimmig ist. (Dieses Verhalten kann man übrigens auch bei höheren Säugetieren beobachten.) Gelingt es uns nicht, die Welt widerspruchsfrei zu machen, so weichen wir gerne in die sogenannte Transzendenz aus, die wir uns dann je nach Temperament und Intellekt so ausmalen, dass unsere Unruhe Beruhigung findet, die Welt wieder stimmig wird.

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      1. lynx

        Ihr letzter Absatz ist wunderbar, den sollte sich Herr Fritz einrahmen und jeden morgen draufschauen, bevor er anfängt, zu schreiben. Das beschreibt, warum er seinen Blog betreibt: Unruhe über die Veränderung einer vertrauten Welt und das zwanghafte Bemühen, sie sich wieder einzurichten, auch um den Preis der Hetze und Demagogie, nur damit die innere Unruhe wieder ihre Beruhigung findet: sehr treffend formuliert.
        Viel wichtiger als alle Gottesbeweise ist doch die Frage, wir unsere Zukunft meistern, ohne uns zu verlieren, ohne in Zirkelschlüssen gefangen zu bleiben. Wie wir Mut schöpfen, auch in der Gewissheit, dass letztlich alles vergeblich ist, weil am Ende, nach all der Unruhre nicht mehr bleibt, als hoffentlich eine letzte Ruhe zu finden. Davor aber ist Unruhe, und mit der müssen wir lernen zu leben, aktuell vielleicht wieder mehr als noch vor 20, 30 Jahren.

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