Naomi Seibt: Meine geistige Freiheit lasse ich mir von niemandem nehmen

Ein Gastbeitrag von Naomi Seibt

Was würdet ihr mit dem Wissen von heute anders machen, wenn ihr könntet? Viele antworten auf diese Frage, dass sie es angesichts der Entwicklung der letzten Jahre bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Die 17-jährige Naomi Seibt sieht dies völlig anders. Sie ist froh da zu sein. Sie will leben – trotz all der gegenwärtigen Unsicherheiten. Und sie hat eine Botschaft an alle Eltern.

Was würdet ihr mit dem Wissen von heute anders machen, wenn ihr könntet?

Am 30. Mai 2017 stellte meine Mutter Karoline Seibt auf Facebook die folgende Frage:

„Wenn ihr euer Leben zurückdrehen könntet, was würdet ihr in vorausschauender Kenntnis der heutigen Situation anders machen?“

Ich war überrascht, festzustellen, dass die meisten Antwortenden es bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Nicht etwa, weil sie sich durch ihre Kinder an einem sorgenfreieren Leben gehindert fühlten, sondern aus Angst, ihnen womöglich eine unglückliche Zukunft aufgebürdet zu haben, besonders aus wirtschaftlichen und politischen Gründen. Obwohl ich diese Sorge nachvollziehen kann, teile ich sie als sechzehnjährige (inzwischen siebzehnjährige, jf) Tochter einer politisch engagierten und oftmals zu Unrecht als ‚rechtsextrem‘ denunzierten Mutter nicht.

Meine geistige Freiheit lasse ich mir von niemandem nehmen

Ich schäme mich nicht für meine unpopuläre Meinung und äußere sie klar und deutlich, wenn danach gefragt wird. Auch Autoritätspersonen – seien es Politiker, fremde Eltern, Lehrer – können mich mit bloßen Einschüchterungstaktiken nicht überzeugen und mir die geistige Freiheit nehmen. Natürlich habe ich mich damit in einigen Kreisen unbeliebt gemacht. Natürlich habe ich negative Kommentare geerntet und mich in meiner eigenen Stufe gewissermaßen isoliert.

Darüber hinaus bin ich mir der Instabilität des gesamtweltlichen wirtschaftlichen Systems und unseres inzwischen von Kriminalität strotzenden Deutschlands bewusst. Um ehrlich zu sein habe ich die Hoffnung in dieses Land weitestgehend verloren.

Wäre ich deswegen lieber gar nicht geboren worden?

Die Frage erinnerte mich an die Kernfrage des Buches „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder, welche der an Krebs verstorbene Vater seinem Sohn Georg in einem letzten Brief stellt:

„Stell dir vor, du stündest irgendwann, vor vielen Jahrmilliarden, als alles erschaffen wurde, auf der Schwelle zu diesem Märchen. Und du hättest die Wahl, ob du irgendwann einmal zu einem Leben auf diesem Planeten geboren werden wolltest. Du wüsstest nicht, wann du leben würdest, und du wüsstest nicht, wie lange du hier bleiben könntest, doch es wäre jedenfalls nur die Rede von wenigen Jahren. Du wüsstest nur, wenn du dich dafür entscheiden würdest, irgendwann auf die Welt zu kommen, dass du, wenn die Zeit reif wäre, wie wir sagen, oder ‚wenn die Zeit sich rundet‘, sie und alles darauf auch wieder verlassen müsstest. Vielleicht würde dir das großen Kummer machen, denn viele Menschen finden das Leben in diesem großen Märchen so wunderschön, dass ihnen die Tränen in die Augen treten, wenn sie nur daran denken, dass irgendwann einmal keine weiteren Tage kommen. […] Wofür hättest du dich entschieden, Georg, wenn eine höhere Macht dich vor diese Entscheidung gestellt hätte? […] Hättest du dich für ein Leben auf dieser Erde entschieden, kurz oder lang, in hunderttausend oder hundert Millionen Jahren?“

Meine persönliche Antwort auf diese Frage lautet: Ja, ich möchte leben. Es mag nur ein kurzer Einblick in die Welt; vielleicht sogar einen komplizierten, unsicheren Ausschnitt der Welt sein, aber letztendlich liegt es an mir, mir meine Realität zu gestalten, etwas Wertvolles zu lernen und lebenswerte Erfahrungen zu sammeln.

Mein persönlicher höchster Wert ist die Freiheit

Obgleich mein menschliches Umfeld mir heute zu einem großen Teil mit Missbilligung begegnet, weil ich die geächtete Meinung vertrete, die „Arme und kranke Flüchtlinge sind mir egal“-Meinung, so geschieht dies doch wenigstens nicht hinter meinem Rücken.

Ich kann ehrliche Konversationen führen, denn die meisten Menschen – besonders die, die Teil des Meinungs-Mainstreams sind – stehen selbstbewusst zu ihren Ansichten. Ich erkenne schnell die moralischen Werte meines Gegenübers und welche Rolle mein persönlicher Höchstwert Freiheit in dessen Prioritätenliste spielt. Trotz des noblen, aber irreführenden Etiketts des Linken, welches fälschlicherweise häufig mit dem Liberalen gleichgesetzt wird, treten moralische Werte in politischen Diskussionen zu aktuellen Themen sehr schnell hervor. Ich erkenne für mich darin zwei Vorteile:

  1. Ich kann Menschen, deren Werte mit meinen vollkommen inkompatibel sind, aus meinem Leben aussortieren, bevor ich meine Zeit mit ihnen verschwende.
  2. Sollte sich dennoch eine fruchtbare Diskussion ergeben, so bin ich gerne bereit, meine eigenen Ansichten auf die Probe zu stellen.

Meine Stimmung lasse ich mir nicht von anderen diktieren

Frustration erfasst mich nur selten, denn ich kann mich gegen diese Frustration entscheiden, indem ich mich daran erinnere, dass sich Gleichgesinnte überall auf der Welt finden, wenn auch oft auf Umwegen. Ich lasse mir meine Stimmung nicht vom Staat oder Menschen diktieren, die mir von vorne herein nur schaden oder mich auf ihre Seite zwingen wollen.

Mein Schicksal ist nicht zum Scheitern verurteilt, solange ich selbstbewusst an meinen Prinzipien festhalten kann und mich nicht von anderen verformen lasse.

Fördern Sie den Individualismus ihrer Kinder

Allerdings, und dieser Faktor ist nicht zu vernachlässigen: Ich profitiere immens von der Unterstützung meiner Mutter und wäre ohne diese vielleicht unglücklich angepasst im Mainstream untergegangen. Mein Rat an alle Eltern ist also, dass sie den Individualismus ihrer Kinder fördern und sie dazu ermutigen, alles zu hinterfragen, was ihnen von anderen Autoritätspersonen als die einzig richtige und ‚humanistische‘ Antwort präsentiert wird.

Nur ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein und die Überzeugung von der eigenen Meinung bewahren einen davor, den unrechten Verurteilungen zum ‚rechtsextremen Unmensch‘ standzuhalten.

Es sind die Beziehungen zu den Menschen, die meine Ansichten teilen, aber auch denen, die trotz einiger Meinungsunterschiede an meiner Seite bleiben, die mir das Leben mit all seinen Hindernissen und seiner Endlichkeit wert sind.

*

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem lesenswerten Blog  des sehr geschätzten David Berger Philosophia perennis. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von Naomi Seibt und David Berger.

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Zur Autorin: Naomi Seibt ist inzwischen 17 Jahre alt. Sie schrieb diesen Artikel noch vor ihrem Abi, welches sie im Juli mit zu dem Zeitpunkt noch 16 Jahren machte (früh eingeschult und eine Klasse übersprungen). Ihre Mutter ist die bekannte Rechtsanwältin und Bloggerin Karoline Seibt.

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Titelbild: Aus dem Privatbesitz der Autorin

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11 thoughts on “Naomi Seibt: Meine geistige Freiheit lasse ich mir von niemandem nehmen

  1. Letztes Aufgebot

    Naomi ist eine außergewöhnliche junge Frau mit scharfem Intellekt, ich verfolge ihren medialen Werdegang schon etwas länger und bin tief beeindruckt.

    „Natürlich habe ich negative Kommentare geerntet und mich in meiner eigenen Stufe gewissermaßen isoliert.“

    Das gesellschaftliche Hauptproblem ist doch zurzeit, dass die Wahrheit (Realität) selbst isoliert und ausgeblendet wird. Somit werden alle „Sehenden“ vom gutmenschlichen Mainstream ausgeschlossen und diffamiert.
    Ich kann nur hoffen, dass Naomi dem immensen Druck standhält und sich ihren Optimismus erhalten kann. Ich wünsche ihr vor allem Ausdauer und Kraft auf ihrem, vermutlich sehr steinigen, Lebensweg.

    Du stehst nicht allein, Naomi!

    Gefällt 2 Personen

  2. Chris Benthe

    Liebenswert und klug, das macht Hoffnung und Mut.
    Möge eine neue junge Generation heraufziehen, die der verknöcherten Bildungselite
    die Zähne zeigt. Ich freue mich drauf.

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  3. andi0077

    Ja, ich möchte mich auch auf jeden Fall anschließen.
    Eine ganz tolle junge Frau, mit einem messerscharfen Intellekt.
    Aber sie ist nicht alleine und dank des Internets ist es heute glücklicherweise möglich, andere sehende und
    hinterfragende Menschen kennenzulernen.
    Ich kenne die ganzen Probleme aus eigenen Erfahrungen und habe aber glücklicherweise einen kleinen, aber feinen Freundeskreis von Menschen, die auch noch die Realität sehen und eine eigene Meinung haben.
    Zu meinem riesen Glück sehen meine Eltern und mein Bruder die Realität ebenfalls, so dass kein Riss durch unsere Familie geht. Das macht die Sache zum Glück auch wesentlich erträglicher.
    Auf jeden Fall ist die Deviese, niemals aufgeben und sich nicht verbiegen lassen.

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  4. Pingback: Naomi Seibt: Meine geistige Freiheit lasse ich mir von niemandem nehmen – Leserbriefe

  5. Paul

    Wer ist N. S.? Die Siebzehnjährige oder die Mutter oder jemand Drittes, wer auch immer möglicherweise dahinter stehen mag?
    Ach, und dann immer das wunderschöne Gerede über „Freiheit“. Ein Begriff und ein Konstrukt, welche von Machtmenschen erfunden worden sind, wie „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“ oder gar „Brüderlichkeit“.
    Es hat immer wieder Anhänger dieser Machtmenschen gegeben, die nur das alleinige Interesse dieser Machtmenschen unterstützten mit den Formeln und Floskeln der späteren Obrigkeit. Die Anhänger wurden missbraucht, die Machtmenschen erschufen sich ihre Welt mit eben diesen neuen Herrschaftsstrukturen, die dabei entstanden sind. (Siehe allein in der Neueren Geschichte: Washington, Robespierre, Daton, Lenin, Mandela etc.) – Und dann mit welchen Folgen…? – In der Natur gibt es weder „Freiheit“, noch „Gleichheit“ noch „Gerechtigkeit“!

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    1. truckeropa66

      Es gibt da ein Zitat, weiß nur nicht von wem, FREIHEIT, IST DIE FREIHEIT DER ANDERS DENKENDEN.

      Und diese sollten es mit dem alten Wallenstein halten, und seinem wohl bekantesten Zitat, DER KAISER KANN MICH IM A….. LECKEN. Denn die müssen schnell begreifen das Sie die Rechnung ohne die Kuh gemacht haben die Sie Gnadenlos melken wollen.

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