Friedrich Merz kann man vergessen! Arbeitet die FDP an einem Geheimprojekt?

Ein Gastbeitrag von Vera Lengsfeld, Do. 19. Jul 2018

Bei der verzweifelten Suche nach einem möglichen Merkel-Nachfolger wurde immer mal wieder der Name von Friedrich Merz genannt (so auch von mir). Welch ein Irrtum!, konstatiert Vera Lengsfeld zu Recht. Aber was ist mit der FDP los? Arbeitet diese an einem noch nie dagewesenen Geheimprojekt?

Merz war nicht Manns genug, um mit Merkel um den Fraktionsvorsitz zu kämpfen

In den Diadochenkämpfen nach dem Sturz von Wolfgang Schäuble war dem bislang nicht zum inneren Kreis gehörenden Merz unerwartet der Bundestags-Fraktionsvorsitz zugefallen, nachdem Angela Merkel sich ebenso überraschend den Parteivorsitz gesichert hatte. Damit verwehrte man Merkel vorerst den Zugriff auf den Fraktionsvorsitz. Damals glaubte der Rest des berühmten, aber bereits lahmen „Andenpaktes“ jüngerer, ehrgeiziger CDU-Männer, sich noch aussichtsreiche Positionen für die Zeit nach der nächsten Kanzlerwahl sichern zu können. Die Rechnung war, dass Edmund Stoiber den Kampf um die Kanzlerkandidatur gewinnen würde und Merkel danach leicht als Vorsitzende zu stürzen wäre.

Bis dahin hatte „Kohls Mädchen“ noch niemand als ernsthafte Konkurrenz gesehen. Merkels Stärke war immer, dass sie unterschätzt wurde. Mit ihrem Coup, nach Wolfratshausen zu Stoiber zu fliegen und ihm beim Frühstück die Kandidatur auf dem Tablett zu servieren, hatte keiner gerechnet. Nun war sie die Kanzlerkandidaten-Macherin und unangreifbar. In dieser Situation ließ sich Merz, wie in der Unions-Bundestagsfraktion kolportiert wurde, von Stoiber versprechen, dass er nach der Wahl Fraktionsvorsitzender bleiben würde, angeblich sogar für den Fall, dass Stoiber verlieren sollte. Fakt ist, dass er es in den zwei Jahren als Fraktionsvorsitzender nicht vermocht hat, eine stabile Anhängerschaft zu gewinnen. Er war vor allem nicht Manns genug, mit Merkel um diese Position zu kämpfen.

Mehr Selbstverleugnung aus Feigheit vor dem linken Mainstream geht kaum

Merz saß dann noch ein paar Jahre als beleidigte Leberwurst im Bundestag herum, ehe er sich auf einen hoch dotierten Posten verabschiedete. Wegen seiner scheinbar wirtschaftsliberalen Positionen wurde er für einen Konservativen gehalten, wenigstens von den orientierungslosen Konservativen als Verlust betrauert. Vor wenigen Monaten hat sich Merz kurz als Merkel-Kritiker zu Wort gemeldet, aber wieder nicht den Schneid gehabt, auf den Parteitag zu gehen und sie herauszufordern.

Mit seiner Ablehnung des Preises der Ludwig-Erhard-Stiftung hat Merz endgültig klar gemacht, dass man ihn vergessen kann. Wenn er schon Angst hatte, diesen Preis aus den Händen von Roland Tichy entgegenzunehmen, hätte er wenigstens den Mund halten sollen. Stattdessen gibt er kund und zu wissen, dass ihm Tichy „zu rechts“ sei.

Dabei vertritt Tichy mehr oder weniger die Positionen, für die Merz selbst stand, zuletzt als Merkel-Kritiker. Mehr Selbstverleugnung aus Feigheit vor dem linken Mainstream geht kaum.

Die FDP und ihr ganz eigenes geheimes Projekt

Das Handelsblatt, das Merz‘ Ablehnung zum Skandal hochgeschrieben hat, präsentierte kurz darauf den „Beifall von der Politik“. Allen voran Alexander Lambsdorff, der ein eifriger Arbeiter für das FDP-Projekt „Möglichst schnell unter 5 Prozent“ ist. Er twitterte:

„Endlich steht jemand aus dem bürgerlichen Lager auf und entlarvt RolandTichy, dessen rechtspopulistischer Tichys Einblick nicht zufällig so oft auf den Pulten der AfD im Bundestag liegt. Danke, Friedrich Merz (Daumen nach oben)”.

Was der Freiherr und Graf offensichtlich nicht zu begreifen imstande ist, ist die einfache Tatsache, dass eine Oppositionspartei die Regierung zu kontrollieren hat, statt der Oppositionsführerin die alleinige Opposition zu überlassen. Es liegt auch an der lauen Performance der FDP, dass die Zustimmung für die AfD unaufhaltsam wächst. Hoffen kann die FDP nur, dass der nächste Fauxpas von Alexander Gauland diesen Trend stoppt. Was würde wohl sein Onkel Otto Graf Lambsdorff sagen, wenn er das erleben müsste?

Für die Jury-Mitglieder, die sich vom Acker gemacht haben, wird sich Ersatz finden – für Merkel auch

Der behauptete Skandal wirft nur ein erneutes Schlaglicht auf die Hypernervosität der Merkel-Lagers. Man spürt immer stärker, dass der Boden unter den Füßen ins Rutschen kommt. Aber statt soliden Grund zu suchen, lenkt man lautstark mit der Schaffung von Pseudo-Skandälchen davon ab, dass man jeden festen Halt verloren hat.

Tichy können solche Angriffe jedenfalls nichts anhaben. Er hat aus der Ludwig-Erhard-Siftung wieder einen präsentablen Verein gemacht. Tichys Einblick ist eine Erfolgsgeschichte, sowohl als Online-Portal wie auch als Printausgabe. Für die Juroren, die sich nach der Ablehnung von Merz feige vom Acker gemacht haben, wird sich Ersatz finden. Für Merkel übrigens auch.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Vera Lengsfeld. Er erscheint hier mit der freundlichen Genehmigung der Autorin und Blogbetreiberin. (Überschrift, Zwischenüberschriften und Hervorhebungen durch Jürgen Fritz.)

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Zur Autorin: Vera Lengsfeld, abgeschlossenes Studium der Philosophie, war eine engagierte Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Ab 1990 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, von 1996 bis 2005 für die CDU. Seither ist sie als freie Autorin tätig, unter anderem als Kolumnistin für die Achse des Guten, The European, die Huffington Post, das ef-Magazin und die Preußische Allgemeine Zeitung. Im Juli 2012 wurde sie zur Landesvorsitzenden der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) Berlin-Brandenburg gewählt. 1990 wurde ihr der Aachener Friedenspreis verliehen, 2008 das Bundesverdienstkreuz.

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Alexander Graf Lambsdorff, seit 2001 im Bundesvorstand der FDP, 2004 bis 2017 Mitglied des Europäischen Parlaments und dort Vorsitzender der FDP-Gruppe, nach 2014 Vizepräsident des Europäischen Parlaments, seit 2017 Bundestagsabgeordneter.

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