Von der Tiefe und der Höhe

Aus: Du mußt dein Leben ändern von Peter Sloterdijk, Di. 16. Okt 2018

„Es mag ein Recht auf Unvollkommenheit geben, ein Recht auf Trivialität besteht nicht. – Die tiefen Spiele sind (aber) diejenigen, die von den Höhen bewegt werden.“

Von der Tiefen- zur Höhenpsychologie

„Max Scheler geriet in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf den Ausdruck ‚Höhenpsychologie‘, um sein Ungenügen an der von Freud, Jung und anderen lancierten Psychologie des Unbewußten auszudrücken, die bekanntlich zeitweilig unter dem Titel ‚Tiefenpsychologie‘ betrieben wurde.“

(Anmerkung Jürgen Fritz: Der Psychologe ist jemand, der sich ehrenswerter Weise für die Psyche des Menschen interessiert, ohne aber ausreichende geistige Voraussetzungen mitzubringen, es bis zur Höhe der Philosophie zu schaffen, der sich zumeist ausschließlich aufs Nach-unten-Graben versteht, aber kaum oder gar nicht aufs Nach-oben-Steigen, aufs Fliegen und Seiltanzen.)

„Nach Schelers Ansicht hatte man in ihr (der Tiefenpsychologie, JF) den Menschen einseitig ’nach unten‘ in Richtung auf den psychischen Mechanismus erklärt, ob triebtheoretisch, ob neurotechnisch. Seiner Überzeugung zufolge haben die Psychologien der Moderne den Menschen übermäßig biologisiert und seine Teilhabe an einem Register metabiologischer Realitäten, an der Sphäre der geistigen ‚Werte‘ entweder zu gering veranschlagt oder ganz verkannt.“

(Anmerkung Jürgen Fritz: … während die herkömmlichen Religionen ehrenswerterweise nach der Höhe, zu dem Werthaltigsten streben, hier aber zumeist blutige Anfänger bleiben oder gar völlig in die Irre gehen, im Extremfall sogar ins Allerdniegriste abdriften.)

Die Arbeit gegen den Hang zur Durchschnittlichkeit und zur Niedrigkeit

„Das Wort ‚Geist‘ wird von Scheler als Hinweis auf die partielle Freilassung des Menschen aus dem Absolutismus des organismischen Lebens gedeutet: Was idealistische Philosophen vormals ‚Teilhabe‘ nannten, meinte ja nichts anderes als den Zugang zu höheren Objekten bei Fortbestand der organischen Fessel. In diese ‚andere Welt‘, die geisthafte oder metabiologische Wert-Zone, ragt der Mensch hinein, insofern er sich mit natürlichen Mitteln an Mehr-als-Natürlichem versucht. Scheler hatte unter Nietzsches Einfluß begriffen, daß beim Übergang in das höhere Register der Körper mitgenommen werden muß – das unterscheidet ihn zu seinem Vorteil von den Spiritualisten und Dualisten.

Er wußte zudem: Der moderne Höhenpsychologe steht vor dem Gegenteil der Aufgabe, die seinen alteuropäischen Vorläufern vorgeschrieben war. Während die Alten den ‚verstiegenen‘ Menschen ins meson, die gute Mitte, zurückzführen hatten, müssen die Neuen den modernen Menschen an die Region Höhe als solche erinnern, sofern er der Mensch ist, der sich im Durchschnitt und darunter am wohlsten fühlt. Wo er seinem Hang dazu überlassen bleibt, entschuldigt er sich chronisch nach unten und folgt am liebsten Vorbildern, die beweisen, daß Wege bergab eher erfolgreich sind als steile Aufstiege.“

Artistik: Subversion von oben

„Daher ist der moderne Mensch nur noch von der Höhe her, aus dem Über-Grund, zu ‚unter‘-wandern. Der verborgene overground liegt jedoch – und das ist neu – mehr in der Artistik als in der ‚Religion‘, insofern die ‚Religionen‘, wie angedeutet, viel eher für die Artistik vereinnahmt werden können als umgekehrt. Artistik ist Subversion von oben, sie überwandert das ‚Bestehende‘. Das subversive Prinzip, besser: das supraversive, steckt nicht im ‚Über‘ von Überheblichkeit, im hypér von hybris, im super von suberbia; es verbirgt sich im ‚Akro‘ von Akrobatik.

Das Wort „Akrobatik“ verweist auf den griechischen Ausdruck für das Gehen auf Zehenspitzen (von akro = hoch, zuoberst und banain = gehen, schreiten). Es benennt die einfachste Form der natürlichen Gegennatürlichkeit.

Der platonische Sokrates (469 – 399 v. Chr.) hatte das Phänomen für die okzidentale Kultur erschlossen, als er expressis verbis davon sprach, der Mensch sei das Wesen, das potentiell ’sich selbst überlegen‘ ist.“

*

Zitiert aus: Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern, S. 197 ff.

**

Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Advertisements