Henryk M. Broder: Das Wesen der Demokratie ist nicht Konsens, sondern Dissens

Dokumentation, Do. 31. Jan 2019

Das Thema des Abends „Das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, und was die political correctness dazu beiträgt“ sei viel zu ernst, um es nicht auch mit der schärfsten Waffe anzugehen, über die man verfügen könne: dem Humor, der Ironie. Mit diesen Worten leitete der Bundestagsabgeordnete Martin E. Renner die Rede von Henryk M. Broder ein, der vor der AfD-Fraktion des Deutschen Bundestages einen launigen, sehr amüsanten, aber auch interessanten Vortrag hielt. Die tatsächlich gehaltene, vollständige Rede (nicht nur das Manuskript!) können Sie hier ansehen, anhören und nachlesen.

Broders Vorbemerkungen

Vielen Dank. Ich höre so etwas natürlich wahnsinnig gerne. Und Sie müssen mir nachher Ihre Rede mitgeben, damit ich sie meiner Familie zeigen kann, wo ich vergeblich um Anerkennung ringe. Jeder Versuch, um Anerkennung zu ringen, macht die ganze Sache nur noch schlimmer. Einige von Ihnen werden wahrscheinlich diese Familiendramen kennen. Ich liebe sie – die Dramen und meine Familie.

Wenn ich vielleicht einiges kurz richtig stellen darf. Erlauben Sie mir erstens: Es gibt auch nette Linke – vernünftige Linke, normale Linke. Ich bin zum Beispiel einer. Ich bin ein alter Linker. Nur die heutige Linke ist nicht mehr das, was sie einmal war. Und man muss sich nicht schämen, heute ein Linker zu sein. Das ist in der Tat kein Schimpfwort.

Zweitens will ich Ihre wunderbare Vorrede ein wenig entdramatisieren. Ich kämpfe nicht gegen den Mainstream, ich bin der Mainstream. Ich bin keine marginale Existenz. Ich bin kein Außenseiter. Schon mein ganzes Herkommen ist kleinbürgerlich. Ich bin ein Parvenü (Emporkömmling, JFB). Ich bin in Höhen aufgestiegen, die meine Eltern allenfalls aus Büchern kannten. Also ich bin wirklich nicht das Gegenteil von Mainstream.

Drittens: Ich bin auch nicht unbequem. Ich bin von Natur aus faul und feige und mache es mir sehr gerne bequem. (Anm. JFB: Martin Renner meinte natürlich unbequem für andere. Broder dreht das um, um sich selbst kleiner zu machen, als er ist.) Zu meinen Prinzipien gehört, dass ich prinzipiell nur erste Klasse Bahn fahre. Ich meine, das Bahnfahren ist heute eh eine Zumutung und die einzige Möglichkeit, diese Zumutung zu reduzieren ist erste Klasse. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich den Sonderzug von Lenin nehmen, aber der steht leider nicht zur allgemeinen Verfügung.

Dann noch was. Verzeihen Sie, ich habe leichte Bedenken gegen inflationären Gebrauch des Wortes „mutig“ oder „Mut“. Es gibt zwei Dutzend Preise in Deutschland, die für Zivilcourage verliehen werden, und ich bin sehr froh, dass ich noch keinen einzigen davon bekommen habe. Was ich mache, ist nicht mutig. Es ist, wenn Sie so wollen, eher zwanghaft. Ich muss es machen. Die einzige Möglichkeit, es nicht zu machen, wäre, an dem Nichtgesagten zu ersticken. Und es ist mir eine große Genugtuung, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass es schon mindestens fünf bis zehn Leute gibt, die heute wieder ein Magengeschwür wegen mir bekommen haben. Das macht mein Leben wesentlich schöner.

(Anm. JFB: Auch hier wieder das gleiche Muster. Broder versucht, sich kleiner zu machen, als er tatsächlich ist – narzisstische Selbstverkleinerung. Natürlich ist er mutig. Die meisten bringen eben genau diesen Mut nicht auf, sich gegen den Mainstream zu stellen, zu dem er eben nicht gehört. Und das er das zwanghaft machen muss, zeigt ja gerade diesen Mut. Was soll denn sonst der Antrieb dafür sein, wenn nicht ein innerer Zwang, weil man alles andere nicht mit seinem Inneren in Einklang bringen könnte. Um sich innerlich nicht verbiegen zu lassen, genau dafür bedarf es des Mutes und der Zivilcourage, auch wenn Broder diese Attribute nicht auf sich appliziert haben möchte, weil er – und das dürfte seine Motivation sein für die Zurückweisung – nicht auf ein Podest gehoben werden möchte, da er sich dort nicht wohl fühlt, was ihn umso sympathischer macht.)

Also nicht unbequem, nicht mutig, ich mache das, was ich mache, gerne. Es kostet mich keine Überwindung und ich brauche dazu keinen Mut (doch natürlich, JFB). Es droht mir gar nichts (doch, die gesellschaftliche Ausgrenzung, eine der schlimmsten Sanktionen überhaupt, JFB), außer dem gelegentlichen Tadel meiner Frau. Wenn meine Tochter mir ein Kompliment sagen will, dann sagt sie „Das war nicht schlecht“, dicht gefolgt von einem „Du warst schon mal besser“. Und glauben Sie mir, alles, was ich mache, mache ich nur, um diese widerspenstige 30-Jährige über mich gut denken zu lassen, um einen guten Eindruck auf meine eigene Tochter zu erreichen. (Anm. JFB: Erneut das gleiche Motiv, Broder will sich zunächst mal selber möglichst klein machen, vielleicht auch, weil er das Gefühl hat, andere könnten ihn zu groß machen, so dass ihr Bild dann nicht mehr mit seinem tatsächlichen Sein übereinstimmen würde.)

Gut, das zur Einführung. Es wird eine kurze Rede werden. Ich habe vorhin zuhause Probe gelesen und bin auf 35 Minuten gekommen. Ich glaube, sie werden es aushalten. Ich persönlich finde alles über 30 Minuten unerträglich. Man sollte Redezeiten sparsam einsetzen und sich klar sein, dass es Lebenszeit ist.

Die eigentliche Rede: Einleitung

Guten Abend, meine Damen und Herren, und vielen Dank für die Einladung. Ich war schon öfter im Bundestag, zuletzt bei einer Sitzung des Petitionsausschusses, bei der auch einige von Ihnen dabei waren. Aber ich habe noch nie vor einer Fraktion gesprochen. Und ich gebe zu, es ist mir eine Ehre. Und ich gebe auch zu, Sie wären nicht meine erste Wahl gewesen. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, es wären die Grünen gewesen. Aber nur, wenn Anton Hofreiter mit dabei gewesen wäre. Ich wäre dafür sogar mit dem Rad oder einem Ruderboot hergekommen. Aber so weit sind die Grünen noch nicht, dass sie einen wie mich einladen würden. Dazu müsste ich erst einmal anfangen, meinen Müll zu trennen, sparsam zu heizen und weniger Wasser zu verbrauchen. Aber das tue ich nicht und ich werde es nie machen.

Ich glaube nicht einmal daran, dass es einen Klimawandel gibt, weil es noch keinen Tag in der Geschichte gegeben hat, an dem sich das Klima nicht gewandelt hätte. Klimawandel ist so neu wie die ewige Abfolge von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Die DDR-Bürger unter Ihnen wissen, das waren die Hauptfeinde des Sozialismus. Neu ist nur, dass das Klima – das Klima, ein Glück, dass es ein Neutrum ist, das Klima, stellen Sie sich vor, es wäre die Klima oder der Klima, – neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus noch an Moses oder an Mohammed glauben. Dazu hat bereits der großartige britische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton, Ihnen allen als der Schöpfer von Pater Brown bekannt, das Richtige gesagt: „Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sie glauben allen möglichen Unsinn.“

Der weltweite Hype um eine 16-jährige Schwedin, die sich für eine Wiedergängerin von Jeanne d’Arc hält, hat das eben wieder bewiesen. Ich habe die Berichte sehr genossen, weil sie wie in einer Nussschale zeigen, wozu kollektiver Wahn imstande ist. Aber das nur nebenbei, zum Aufwärmen. Zurück an den Anfang. So, wie ich mich frage, warum Sie mich und nicht zum Beispiel Richard David Precht eingeladen haben oder Anja Reschke, so fragen Sie sich, warum ich die Einladung angenommen habe.

Die Sache ist ganz einfach. Sie wollten sehen, ob jemand, der so gut wie ich schreiben kann, ebenso gut reden kann – in der Höhle oder auch Hölle der braun getupften Löwen, in der Schlangengrube der Reaktionäre, im Darkroom der Geschichte. Und außerdem wollen Sie wissen, da bin ich ziemlich sicher, ob ich wirklich so sympathisch bin, wie ich im Fernsehen immer rüberkomme. Einige von Ihnen mögen vielleicht noch nie einen leibhaftigen Juden in natura gesehen haben und warten nun darauf, dass sich der Raum mit dem Geruch von Knoblauch und Schwefel füllt. Das, verspreche ich Ihnen, wird nicht passieren.

Ich dagegen mache immer gerne etwas, das ich noch nie gemacht habe. Vor Kurzem war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Kreuzfahrt. Ich hätte nie gedacht, dass ich so was mal machen würde. Und, was soll ich Ihnen sagen?, es hat mir gut gefallen. Auf meiner To-do-Liste, die ich gerne vor meinem 75. Geburtstag abarbeiten möchte, stehen noch: der Besuch in einem Swinger-Club, die Reise zum Mittelpunkt der Erde und eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn mit Florian Silbereisen als meinem privaten Butler. Ein Besuch bei Ihnen stand nicht auf meiner Liste, ich habe die Einladung trotzdem gerne angenommen, wann bekommt ein Jude schon die Gelegenheit, in einem Raum voller Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Proto-Nazis aufzutreten?

Hinzu kommt noch folgendes: Ich mache nur das, was uns allen der Bundespräsident vor Kurzem geraten hat. Wir sollten aufeinander zugehen, uns besser kennenlernen, uns miteinander unterhalten, unsere Biographien austauschen, um den Zusammenhalt in dieser Gesellschaft zu stärken. Das war keine schlechte Rede von Steinmeier. Genau das mache ich. Meine Damen und Herren, ich bin ein Brückenbauer, ein Versöhner.

Ich trete für eine bunte, offene und tolerante Gesellschaft ein, in der niemand ausgegrenzt wird. Ich beurteile die Menschen in meiner Umgebung nicht nach Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung, sondern danach, ob sie – grob gesprochen – auch andere Meinungen als die eigenen gelten lassen. Ich bin tolerant bis an die Grenze der Selbstverleugnung, nur gegenüber einer Gruppe von Menschen will ich nicht tolerant sein: gegenüber den Intoleranten, die sich selbst zum Maß aller Dinge erheben und mir entweder ewiges Leben im Paradies versprechen, wenn ich ihnen folge, oder einen Logenplatz in der Hölle, wenn ich mich ihnen verweigere.

Das, meine Damen und Herren, war der Rede erster Teil, sozusagen die Einleitung. Und wie Sie schon geahnt haben, werde ich mich an das Thema des Abends nicht halten, weil immer wenn ich anfange, etwas zu schreiben, mir eigentlich was anderes einfällt. Meine Texte schreiben sich eigentlich von alleine. Ich bin nur das Medium. Ich setze mich hin, fange an zu schreiben, fange irgendwo an und ende auch irgendwo, wo ich nicht hin wollte. So ging’s mir auch letzte Nacht, als ich diese Zeilen aufschrieb.

Hauptteil

Die Idee war, dass wir uns über Political Correctness unterhalten, obwohl keiner genau weiß, was der Begriff im Kern bedeutet. Es ist eine leere Kiste, in die jeder legen kann, was er für unangebracht, böse, beleidigend oder gefährlich hält, weil er den „sozialen Frieden“ nicht bedrohen möchte. Wobei dies – der soziale Friede – wiederum etwas ist, das nicht dem Frieden dient, sondern die Meinungsfreiheit bedroht und der Unterdrückung von Meinungen dient.

Dass wir keine „Negerküsse“ mehr kaufen können und dass der Sarotti-Mohr in „Sarotti – Magier der Sinne“ umbenannt wurde, damit kann ich noch gut leben. Schlimmer, viel schlimmer finde ich, dass man in einigen holländischen Supermärkten – im alten liberalen Holland – keine „Jodenkoeken“ (Judenkuchen) mehr findet, eine Spezialität aus Mürbeteig, die Ende des 19. Jahrhunderts natürlich von einem jüdischen Bäcker erfunden wurde. Die „Jodenkoeken“ heißen jetzt „Dutch Cookies“ und werden unter diesem Namen bis nach China exportiert. Das mag politically extrem correct sein, ich nenne es trotzdem eine kulturelle Enteignung. Ich will meine Jodenkoeken wiederhaben!

In Deutschland wird dieses herrliche Produkt nicht vertrieben, was möglicherweise mit dem Namen zu tun hat. Wollte man dieses Produkt in Deutschland vertreiben, müsste es vermutlich neu gelabelt werden als „Juden- und Jüdinnen-Kuchen“, und das wäre dann wirklich eine Lachnummer. Aber auch das ist nur eine Petitesse am Rande des PC-Feldes.

Was ich dagegen unsäglich und absolut intolerabel finde, jenseits von allem, ist eine Äußerung von Kardinal Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Er sagte neulich bei einer Diskussion in Berlin, man sollte besser den Begriff „christliches Europa“ nicht verwenden, denn er sei „ausgrenzend“. Sie erinnern sich vielleicht, Bischof Marx war zusammen mit Bischof Bedford-Strohm vor ein paar Monaten in Jerusalem und hat dort beim Besuch der heiligen Stätten ebenso wie Bedford-Strohm das Kreuz abgelegt, was schon ziemlich – wie soll ich es höflich ausdrücken? – kleingeistig war. Noch schlimmer war, dass beide Bischöfe hinterher behauptet hätten, sie hätten es auf Wunsch der Muslime und der Juden gemacht, was einfach nicht stimmte. Es stimmte einfach nicht. Noch ärgerlicher als die Äußerung des Kardinals war, dass ihm niemand widersprach und dass niemand sagte, wofür diese Äußerung steht: für eine präventive Unterwerfung unter eine zwar empfundene, aber nicht klar benannte Bedrohung.

Nun könnte es mir als Juden egal sein, wie ein Kardinal Europa definiert und welche semantischen Übungen er unternimmt, um nicht in den Verdacht zu geraten, er würde „ausgrenzen“. Auf den ersten Blick mag eine solche Äußerung von Demut zeugen, tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Aus dieser Äußerung sprechen Hochmut und Heuchelei. „Seht her, wie tolerant wir sind! Wir beanspruchen nicht einmal unsere Geschichte für uns!“ Wir sehen einen Kardinal am Abgrund stehen und überlegen, ob er den entscheidenden Schritt nach vorne tun soll.

Niemand auszugrenzen, mag eine noble Idee sein. Sie rast aber an der Wirklichkeit vorbei. Ich bin noch nie zu einer Eucharistie-Feier eingeladen worden. Werde ich ausgegrenzt? Eine Bewerbung von mir um einen Platz im Dschungelcamp wurde nicht einmal beantwortet. Ein klarer Fall von Ausgrenzung. Und was ist mit den vielen Prälaten, Vikaren, Kaplanen und Diakonen in der katholischen Kirche, die es karrieremäßig nicht zum Kardinal geschafft haben? Wie müssen die unter der Ausgrenzung leiden? Von den Frauen nicht zu reden, die keine Chance haben, in den Kreis der Kardinäle aufgenommen zu werden.

An dieser Stelle möchte ich noch an Kardinal Woelki aus Köln erinnern, der vor kurzem gesagt hat, Christen sollten überzeugte Europäer sein. Tja, meine Damen und Herren, was sollen Christen in Europa sonst sein? Freiwillige Asiaten? Was ich daran so toll finde, ist die Logik. Natürlich sind wir Europäer. Die Frage ist, was wir von der europäischen Union halten. Zu sagen, Christen sollten überzeugte Europäer sein, ist einfach dämlich. Was ist mit mir? Soll ich auch ein überzeugter Europäer sein oder darf ich ein kritischer Europäer noch werden? Das ist die Phrasenphilosophie, die sich in der Bundesrepublik leider durchgesetzt hat. Zurück zur Ausgrenzung.

Auch in der Natur findet ständig Ausgrenzung statt. Ein Hamster hat keine Wahl, auch wenn er lieber als Gazelle unterwegs wäre, man muss Mitleid mit allen Giraffen haben, die von einem Leben als Delphine träumen, kann ihnen aber nicht helfen. Politische Korrektheit setzt da ein, wo die Realität endet, bei den inzwischen über 70 Gender-Optionen, bei der ziemlich witzigen Behauptung, Mann und Frau seien keine biologischen Tatschen, sondern „soziale Konstrukte“, die jedem Menschen die Wahl überlassen, ob er ein Mann oder eine Frau sein möchte oder heute das und morgen das. Wobei es einem Skandal gleichkommt, dass der „Mensch“ ein maskulines Wesen ist, für das es kein feminines Pendant gibt. Während wir hier so nett zusammensitzen, werden bestimmt bereits ein Dutzend Doktorarbeiten über dieses Problem geschrieben und wie man/frau diesem Problem abhelfen könnte.

Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich dazu sagen, dass ich kein prinzipieller Gegner der Political Correctness bin, wenn damit gemeint ist, dass es Dinge gibt, die man nicht tun darf und auch nicht propagieren sollte. Aber dieser Raum des Sagbaren und Machbaren unterliegt einem ständigen Wandel. Nicht in Nordkorea, nicht in Kuba, aber in demokratischen Gesellschaften. Es gibt einen ständigen kulturellen und sozialen Wandel. Ich halte es für gut und richtig, dass Homosexualität entkriminalisiert und Vergewaltigung in der Ehe von einem Privileg des Mannes zu einer Straftat degradiert wurde. Beides war vollkommen richtig und nötig. Ich halte es für gut und richtig, dass Kinderehen verboten bleiben, ohne Rücksicht auf den kulturellen Hintergrund der beteiligten Familien. Ich plädiere auch – ich weiß, vollkommen zwecklos, ich tue es trotzdem – für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können wie den der bedauernswerten Greta – wir sprachen schon über sie – aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.

Ich finde es richtig, dass ich – wenn ich jemand einen „Antisemiten“ nenne – diesen Vorwurf belegen muss, was angesichts des Bildungs- beziehungsweise Unbildungsgrades deutscher Richter nicht ganz einfach ist. Deutsche Richter, für die der Holocaust das Maß aller Dinge ist. Damit es ein Massenmord ist, müssen es sechs Millionen sein, und alles drunter fällt in den Bereich der  Ordnungswidrigkeiten. Und wenn jemand eine Politikerin, die er nicht mag, eine „Nazi-Schlampe“ nennt, dann müsste das auch belegt und nicht durch den Freifahrtschein der Satire belohnt werden. Hier gibt es noch einen erheblichen Nachholfbedarf bei der Justiz. Aber es geht nicht nur um Gesetze, die natürlich verschieden ausgelegt werden, was man den „Ermessensspielraum“ nennt, der gelegentlich auch zu Urteilen führt, die kein gemeiner Mensch nachvollziehen kann. Das gibt es, das sind Betriebsunfälle der Justiz, aber sie diskreditieren nicht das System.

Es geht auch um etwas, das unsere PC-mäßig unverdorbenen Eltern in die Worte „Das tut man nicht“  gefasst haben. Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der neuen deutschen Geschichte nicht einen „Vogelschiss“. Das ist nicht nur aus der Sicht der Nazi-Opfer – der Juden, der Zigeuner, der Homosexuellen, der Widerstandskämpfer, der Deserteure – eine schwere Sünde. Es muss auch ein No-Go für jeden Deutschen sein, der kein Jude, kein Zigeuner, nicht schwul ist und keine Angehörigen im Zuge der Nazi-Herrschaft verloren hat. Ich merke schon, wie Sie ihren Beifall sorgfältig dosieren.

Meine Damen und Herren, ich bin nicht hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten oder Ihnen zu sagen, was Sie tun oder was Sie lassen sollten. Ich will Ihnen weder den Weg versperren noch den Weg weisen. Oder allenfalls ein ganz klein wenig. Ich bin hier aus zwei Gründen. Erstens bin ich für Fair Play. Und der Umgang mit Ihrer Partei ist alles andere als fair. Als Ihr Bremer Kollege Magnitz niedergeschlagen wurde – Weiß zufällig jemand, wie der Stand der Ermittlungen ist? Hat man schon jemanden gefasst oder wird immer noch in alle Richtungen ermittelt? Sind vielleicht ein paar slowakische Pfadfinder in den Verdacht geraten? Nein? Okay, ich wollt’s nur mal fragen, weil ich in den Nachrichten der letzten Tage nichts dazu gefunden habe. –

Als also Ihr Kollege Magnitz niedergeschlagen wurde, haben zwar alle die Tat verurteilt, in manchen der Distanzierungen wurde aber auch darauf hingewiesen, dass diejenigen, die Wind säen, damit rechnen müssten, Sturm zu ernten. Wie Frauen, die eine gewisse Mitschuld tragen, wenn sie sexuell belästigt werden, weil sie zu kurze Röcke anhaben. Das geht nicht, das ist einer Demokratie unwürdig, die auf dem Gedanken basiert, dass auch im weitesten Sinne „falsche“, also vom allgemeinen Konsens abweichende Haltungen und Meinungen geschützt werden. Das Recht auf Meinungsfreiheit verteidigt Meinungen. Und im Sinne dieses Rechtes gibt es keine richtigen und keine falschen Meinungen. Die Grenzen des Erlaubten, ich habe darauf bereits hingewiesen, legt das Strafgesetzbuch fest und alles, was da steht, ist vernünftig und nachvollziehbar.

Ein unsäglicher Griff in das Plumpsklo war der Auftritt des SPD-Abgeordneten Johannes Kahrs vor einigen Wochen im Laufe einer Plenarsitzung. Sie werden sich noch erinnern, er riet Ihnen, in den Spiegel zu schauen, damit Sie sehen, wie hässlich Sie sind. „Hass macht hässlich!“, rief er Ihnen zu mit der Unschuld eines Menschen, der selbst keinen Spiegel daheim hat. Ich war sprachlos und wartete, vergeblich, auf einen Ordnungsruf des Parlamentspräsidenten.

Von einer ähnlichen Qualität – eigentlich noch übler – war der Beitrag eines Redakteurs der „Hamburger Morgenpost“, der seiner Fantasie freien Lauf ließ: „In einer gerechten Welt müsste man AfD-Fans das Wahlrecht entziehen. So, wie man Kindern Bauklötze wegnimmt, wenn sie randalieren.“ Die Frage, woran man AfD-Fans erkennt und wie eine solche Maßnahme mit den Regeln einer freien Wahl vereinbart werden könnte, wurde weder gestellt noch beantwortet. Ein Einzelfall gewiss, ein Ausraster, aber doch ein charakteristischer.

Gestern, einen Tag nach dem Holocaust-Gedenktag, wurde im Deutschlandfunk der grüne Europa-Abgeordnete Michael Cramer interviewt. Ich hab mir das Interview erst später angehört, weil Cramer zu den Menschen gehört, die ganz früh aufstehen, um im Radio sprechen zu können. Ich meine, wer um 06:30 Uhr schon im Radio redet, einem solchen Menschen kann man nicht vertrauen. Ausgeschlossen! Aber es gibt diese wunderbare Einrichtung der Mediathek, die ich für etwas Großartiges halte. Ich hab mir das Interview am Nachmittag angehört und ich hörte dann, wie Michael Cramer über den Klimawandel sprach und über und die Schadstoffe in der Luft und alles, was nicht gesund ist. Dabei sagte Cramer unter anderem Folgendes: „Dass man unterschiedliche Positionen hat, das gehört dazu. Es gibt Leute, die leugnen den Holocaust. Es gibt Leute, die leugnen, dass Feinstaub und Feinstaubpartikel und CO2 und Stickoxide gesundheitsschädlich sind, das gehört auch dazu.“

Ich war erstmal platt. Ich war erstmal wirklich platt, weil ich habe so was schon öfter gehört, aber ich hab es noch nicht im Deutschlandfunk gehört. Ich versuche, mir vorzustellen, was in diesem Lande los wäre, wenn jemand von Ihnen so etwas gesagt hätte. Und, ich gebe es gleich zu, ich wäre unter den Ersten, die über Sie hergefallen wären, nach einer solchen Äußerung. Die einen leugnen den Holocaust, die anderen das Klima, was nicht nur faktisch eine idiotische Analogie ist. Wenn schon, ich nehm’s mal ganz genau, müsste man von Klimawandelleugnern sprechen, ich sagte es schon am Anfang, genauer: von Menschen, die daran zweifeln, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt. Nun warte ich darauf, dass Klimaleugnung ebenso unter Strafe gestellt wird wie die Leugnung des Holocaust, und freue mich schon auf die erste Verhandlung eines grünen Volksgerichts unter dem Vorsitz von Michael Cramer.

Nun ist das noch nicht das Ende der Geschichte. Nachdem wir die Geschichte mit Michael Cramer und das Interview gestern online gestellt haben auf die Achse – Übrigens interessant, dass der Deutschlandfunk nicht mit Beschwerden geflutet wurde. Leute regen sich ja schon auf, wenn es nur „Bürger“ heißt und nicht „Bürgerinnen und Bürger“. Oder wenn ein Moderator aus Versehen sagt „Die Wähler“. Es muss natürlich heißen „Wähler und Wählerinnen“. In dem Fall der seltsamen Analogie von Holocaust und Klima scheint sich keiner beschwert zu haben. Wir haben gestern die Geschichte auf die Achse gestellt und daraufhin begab sich Herr Cramer an seinen Computer und tippte folgendes auf seine Facebookseite:

„Selbstverständlich kann man Menschen, die den Holocaust leugnen, nicht mit Menschen vergleichen, die den Klimawandel leugnen. Dass ich dies in einen Zusammenhang gebracht habe, war dumm und falsch. Der Holocaust ist in seiner Dimension und Grausamkeit einzigartig und in keinster Weise beabsichtigte ich eine Verharmlosung der Greueltaten der Nationalsozialisten. Der Einsatz für das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust sind der wichtigste Grund für mein politisches Engagement. Eine Relativierung dessen, ist das Letzte, was ich möchte. Ich bedauere meine Aussage zutiefst. Ich bitte dafür in aller Form um Entschuldigung und bin selbst enttäuscht von mir.“

Tja, ich meine: beneidenswert. So viel Humor muss man erstmal haben. Stellen Sie sich vor, jemand sagt „Ich bin enttäuscht von mir“. Was soll man ihm sagen? „Dann lass dich scheiden“ oder was? Es ist irre. Es ist einfach gaga. Mir fehlen dafür die Worte. Ich werde ein bisschen neidisch, weil solche Sätze möchte ich mal niederschreiben können: „Ich bin enttäuscht von mir“. Der Claas Relotius-Preis wäre mir gewiss.

Meine Damen und Herren, wir leben in einer Konsensdemokratie. Das mag nicht schlecht sein – ich habe im Prinzip nichts dagegen -, ich bin aber überzeugt, dass nicht der Konsens, sondern der Dissens das Wesen der Demokratie ausmacht. Wie wir es gerade in England erleben, wo die Premierministerin von ihrer eigenen Partei in die Enge getrieben wird. Was übrigens in der Tagesschau immer mit den Worten beschrieben wird „England zerlegt sich selbst“. Was bei uns – diese Attitüde der Briten – so undenkbar wäre, wie die Übernahme der Bundeswehr durch die Heilsarmee.

Ich bin also heute hier, um – wie würde es Anja Reschke an dieser Stelle formulieren – „ein Zeichen“ zu setzen, für einen fairen Umgang mit dem politischen Gegner, ganz im Sinne unseres Bundespräsidenten. Der zweite Grund, warum ich hier bin ist ebenfalls ein sehr einfacher. Ich lasse mir als mündiger Bürger dieser Republik nicht vorschreiben, wo ich auftreten darf und wo nicht.

Ich weiß natürlich, dass die AfD ein No-go-Gebiet ist, das man am besten weiträumig umgehen sollte. Manchmal gibt es dazu auch gute Gründe, die in der AfD selbst liegen. Mehr und mehr wird es aber zur Routine, strittige Meinungsäußerungen mit den Worten anzufangen: „Ich bin kein Anhänger der AfD, aber …“ Ja, aber was? Die Haltung zur AfD ist heute eine Art politischer Lackmustest, so wie es zu meiner Jugend, die leider lange her ist, die Haltung zur DDR war. Wer nicht „sogenannte DDR“ sagte, der musste ein Kommunistenschwein sein. Eine fünfte Kolonne der Sowjetunion.

Meine erste und einzige Vorladung zur politischen Polizei bekam ich noch vor dem Abitur. Ich hatte irgendwo in der DDR ein paar Broschüren bestellt, die unterwegs abgefangen wurden. Als ich vor ein paar Tagen einem alten Freund sagte, dass ich heute bei Ihnen auftreten würde, machte er ein Gesicht, als hätte ich ihm gebeichtet, dass ich vom Handel mit Drogen lebe. „Du wirst doch nur instrumentalisiert“, sagte er, „weißt du es nicht?“  Natürlich weiß ich es. Und wissen Sie was? Es ist mir wurscht.

Jeder instrumentalisiert jeden. Die BILD-Zeitung Helene Fischer, Helene Fischer Florian Silbereisen, Florian Silbereisen seine depperten Fans, die ihm nachreisen. Und ich? Ich werde jeden Tag instrumentalisiert. Als Beweis dafür, dass es wieder ein jüdisches Leben in Deutschland gibt, jüdische Gemeinden, jüdische Literatur- und Musiktage und immer mehr jüdische Cafés und Restaurants. Da kommt es auf eine weitere Instrumentalisierung mehr oder weniger nicht an. Sie instrumentalisieren mich, und ich instrumentalisiere Sie. Ich probiere aus, wie weit ich gehen kann. Wenn es keinen Shitstorm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.

Schluss

Und falls Sie mich jetzt fragen, ob ich vorhabe, Sie zu wählen, kann ich nur sagen: Das hängt ganz von Ihnen ab. Ich bin ein echter Wechselwähler. Bei der letzten Bundestagswahl habe ich meine Stimme der Tierschutzpartei gegeben und ich bin sicher, es war die richtige Entscheidung. Wenn Sie meine Stimme haben wollen, müssen Sie mich erst überzeugen.

Ich finde es prima, dass Sie für das Existenzrecht Israels eintreten, was übrigens eine Selbstverständlichkeit ist. Jemand, der für das Existenzrecht von Belgien plädieren würde, würde für verrückt erklärt werden, weil es niemanden gibt, der das belgische Existenzrecht in Frage stellt. (Ein bisschen die Flamen, das ist okay.) Gut, ein anderes Beispiel, sagen wir Dänemark. Ja, ich finde es prima, dass Sie für das Existenzrecht Israels eintreten, es bejahen, aber ehrlich, das reicht mir nicht. Ich erwarte mehr.

Sie müssten Ihre Begeisterung für Russland und Putin dämpfen, Ihre USA-Allergie kurieren, Zweideutigkeiten in Bezug auf die deutsche Geschichte unterlassen und sowohl Ihren Mitgliedern wie Wählern klaren Wein darüber einschenken, dass Sie kein Depot für kontaminierte deutsche Devotionalien (Andachtsgegenstände, wie Rosenkranz, Statue, Kreuz …) sind. Mag sein, dass Sie das einige Wähler dabei verlieren werden, aber das sollte es Ihnen wert sein. Das Motto meines Lebens war immer: Klarheit vor Einheit! Für politische Parteien gilt das Gleiche wie für guten Wein. Schon ein Tropfen Buttersäure verdirbt den Geschmack.

Ich habe eine Weile überlegt, wie ich diese kurze Rede beenden soll. Dramatisch oder entspannt? Mit einer guten Pointe oder einem schlechten Witz? Vielleicht mit dem Klassiker: Ich teile nicht Ihre Meinung, aber ich werde mich immer dafür einsetzen, dass Sie sie frei äußern dürfen … Das ist mir zu abgenutzt, außerdem ist die Quelle unklar. Es könnte von Voltaire sein oder von Rosa Luxemburg, notfalls auch Sarah Wagenknecht.

Also mache ich es kurz und schmerzlos: Vielen Dank für die Einladung. Ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt. Und ich wünsche Ihnen die Kraft und den Mut, sich selbst infrage zu stellen. Schalom allerseits!

Broders Rede in Bild und Ton

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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