Die Deutschen sind die neuen Juden

Ein Gastbeitrag von Frank Böckelmann

Der Tumult-Herausgeber zur Verleumdung des verstorbenen Rolf Peter Sieferle durch den „Spiegel“.

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Vorwort vom Blogbetreiber Jürgen Fritz

Im September 2016 nahm der große Gelehrte Rolf Peter Sieferle sich das Leben. Einige Monate zuvor hatte er in Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung, die ich nur wärmstens empfehlen kann (!), einen großartigen Essay veröffentlicht unter dem Titel Deutschland, Schlaraffenland. Über diesen haben ich hier, auf Philosophia perennis, auf Jouwatch, Epoch Times und auf The European bereits ausführlich berichtet.

Sieferle hinterließ mehrere Buchmanuskripte, die posthum veröffentlicht wurden, so auch Finis Germania, über das ich hier kürzlich ebenfalls berichtet habe. Dieses Werk schlug hohe Wellen, wurde zunächst vom NDR und der „Süddeutschen Zeitung“ auf die Liste „Sachbücher des Monats“ genommen, dann, als es zu erfolgreich wurde, bei Amazon sogar auf Platz 1 schoss, wieder von der Liste verbannt und das Ansehen des verstorbenen Rolf Peter Sieferle von verschiedenen Seiten, insbesondere vom „Spiegel“ versucht zu beschädigen. Frank Böckelmann, der Herausgeber von „Tumult“ hat über Facebook hierauf eine beeindruckende Antwort gegeben, die ich in Rücksprache mit „Tumult“ im folgenden gerne wiedergeben möchte.

Frank Böckelmanns Antwort auf die Verleumdungen des „Spiegels“

In der Causa „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle wurde nun das höchstrichterliche Urteil gesprochen. „Es gibt keinen Zweifel“, bescheidet uns die stellvertretende Chefredakteurin des Spiegel, Susanne Beyer, nach „Lektüre“: „Das Werk ist rechtsradikal, antisemitisch, geschichtsrevisionistisch.“

Nun, ich habe das Werk Satz für Satz geprüft und gelange zu dem zweifelsfreien Befund, dass es nicht einmal in die Nähe von „Rechtsextremismus“ (ein vogelfreies Rätselwort), Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus geraten ist. Jede Wette, dass Susanne Beyer nur die ihr als verdächtig avisierten Passagen gelesen hat, und diese erst dann, als das Urteil nach dem kühnen Eingriff Johannes Saltzwedels in das Sachbuch-Ranking und der gekränkten Abmahnung durch den Chefredakteur schon feststand.

„Die Deutschen sind die neuen Juden“

Mit der Urteilsbegründung wurde der stellvertretende Kulturchef Sebastian Hammelehle betraut. Von ihm lässt sich lernen, wie man eine lästige Schrift verteufelt. Zunächst legt er nahe, Sieferle sei ein krypto-esoterischer Hitler-Bewunderer. Dann setzt er dem Werk eine Deutungsmaske auf: „Dies ist der zentrale Satz in diesem Buch – seine These: Die Deutschen sind die neuen Juden.“ Sieferle macht also die Deutschen zu den Hauptkriegsopfern – pervers!

Aber Sieferle hat nur schlicht registriert, dass aus dem Grauen von „Auschwitz“, dem unbestreitbaren industriellen Massenmord, in glaubensarmer Zeit ein heiligmäßiger Mythos für Deutschland, vielleicht für ganz Europa geformt worden ist, nämlich das Dogma von der Unvergleichlichkeit: „‘Auschwitz‘ ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden.“ (S. 65)

Die neue Todsünde: das Relativieren des Holocaust

Das bekommt seit Jahrzehnten jeder zu spüren, der den Holocaust in eine Dimension mit den Genoziden Stalins, Maos und Pol Pots stellt (um nur im 20. Jahrhundert zu bleiben) oder die Lehre von der Kollektivschuld eines ganzen Volkes ablehnt. Er wird des „Relativierens“ überführt, eines todsündenähnlichen Frevels.

Dass die Schuld an „Auschwitz“ unvergleichlich und untilgbar sei – das ist der Kern jener großen Erzählung. Noch präziser hätte es Sieferle nicht erläutern können. Dennoch lässt Hammelehle nicht vom Rufmord ab: Sieferle habe „Tatsachen als Mythen denunziert und damit die historischen Kategorien relativiert“. Auf diese Weise versuche er, „den Verlauf der Geschichte zu verschleiern und nachträglich infrage zu stellen“.

Professionelle Täuscher, Belehrer und Schönredner

Von solchen Kulturjournalisten, solchen vorurteilsvollen und ränkereichen Täuschern, werden wir Woche für Woche über den Gang der Debatten um unsere Vergangenheit und die Bedeutung der Massenzuwanderung belehrt. Und immer noch Hunderttausende nehmen es ihnen ab.

Zugleich bestätigt Hammelehle, dass jener Mythos nach wie vor, obwohl die Welt eine ganz andere geworden ist, darüber entscheidet, was als „rechtsradikal“ gilt: „Entscheidendes Merkmal“ für eine rechtsradikale Position sei „die Haltung, die ein Autor zu den Verbrechen der NS-Zeit einnimmt“. Von ebendieser zähen Zuschreibung handelt Sieferles Text. Das heutige politische Gegeneinander gibt offenbar keinen Begriff für „rechtsradikal“ und „linksradikal“ mehr her. Grimmig lästert Sieferle: „Das Erste Gebot lautet: Du sollst keinen Holocaust neben mir haben.“ (S. 71)

Das unverzeihliche Verbrechen Sieferles: das Schlachten heiliger Kühe

Rolf Peter Sieferle wäre aber auch ohne das Votum eines Spiegel (!)-Redakteurs für Finis Germania ins Visier der Gesinnungswächter geraten. Denn Sieferle hat die heiligen Kühe der professionellen Schönredner unserer Zustände gleich dutzendweise geschlachtet: die Vorstellung von einer wildbewegten Parteienlandschaft (Sieferle: „fundamentaler Sozialdemokratismus“ im gesamten politischen Spektrum), die Gleichsetzung von Moderne und liberaler Demokratie, die gepriesene Individualisierung (in Gleichschaltung mündend), den Fortschrittsglauben, die „Zivilgesellschaft“.

Mit solchen Botschaften kränkt Sieferle das Weltgefühl der tonangebenden Journalisten, die ihre Sache auf die „Vielfalt“, sprich: die unbegrenzte Austauschbarkeit der Orte, Herkünfte und Lebensweisen, gestellt haben. Von Sieferles Illusionslosigkeit sehen sich diese Journalisten insgesamt, wie eine politische Partei, angegriffen.

Man muss dem Journalisten nicht erst sagen, was noch sagbar ist

Journalisten sind Tagesglücksritter. Sie haschen nach beachtungsträchtigen Themen und versuchen, sie zu besetzen. Den Erfolg ihrer Arbeit messen sie weniger an der Reaktion der Leser als am Urteil und der Anerkennung ihrer Kollegen und Informanten. (Verstärkt gilt dies für die elektronischen Medien.) Journalisten haben gelernt, unter starkem Konsensdruck zu arbeiten und ihn als Freiheit auszulegen, und wissen, welch tiefe Stille sich um Abtrünnige herum ausbreitet. Man muss ihnen nicht erst sagen, was (noch) sagbar ist. Als Glücksritter wetten sie auf den Hype von morgen.

Sie wollen ja auch künftig dabei sein, und die Zukunft ist für sie die Zirkulationssphäre, die sich ständig erweitert. Instinktsicher betreiben sie Entgrenzung – und sehen sich bei einem unverbindlichen Universalismus und Kosmopolitismus am besten aufgehoben. Darin wurzelt ihr typischer Zynismus, verbrämt mit Öffnungspathos. Denker wie Sieferle, die in die Menschheitsgeschichte und in die Weite blicken und infolgedessen am Fortschritt und am Gutmenschentum zweifeln, erregen ihre tiefe Abneigung, ja ihre Wut.

Sieferle war ein Universalgelehrter, der dem Erkenntnisdrang verfallen war

Viele Leser spüren, dass die meisten Journalisten heute die Rolle des objektiven Beobachters und neutralen Sachwalters aufgegeben haben und ihre Leserschaft belehren wollen. Das macht sie auch argwöhnisch gegen die Sieferle-Schelte. Wer aber Sieferle einmal neugierig gelesen hat, fasst Vertrauen zu diesem Universalgelehrten. Er spürt, dass Sieferle nicht dem Ressentiment und Revisionismus, sondern dem Erkenntnisdrang verfallen war.

Die Diffamierung von heute presst seinen Namen ins Bewusstsein wachsender widerständiger Minderheiten. Sieferle wird, wenn die Werkausgabe seiner Schriften voranschreitet, in wenigen Jahren einem nach ungeschminkter Erkenntnis hungernden Publikum als einer der großen Denker unserer Zeit imponieren. Er hat den Rang von Kulturwissenschaftlern wie Rudolf Kassner und Eugen Rosenstock-Huessy, von Sozialphilosophen wie José Ortega y Gasset, Arnold Gehlen und Panajotis Kondylis und von Historikern wie Arnold J. Toynbee, Reinhart Koselleck und Christian Meier.

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Zum Autor: Frank Böckelmann ist Autor, Medien- und Kulturwissenschaftler. Er ist Herausgeber von Tumult.

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Hier geht es zur Erstveröffentlichung von Frank Böckelmanns Antwort auf Facebook und hier zur Homepage des Tumult-Magazins, welches ich wie gesagt nur wärmstens empfehlen kann.

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Lesen Sie hier

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Bild: Tumult Ausgabe Sommer 2017

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8 Kommentare zu „Die Deutschen sind die neuen Juden

  1. Der Spiegel ist inzwischen zum linkspopulistischen Käseblatt mutiert, deren geistige Ergüsse dem Niveau Berliner Durchschnittsabiturienten entsprechen. Einzig Herr Fleischhauer ist noch lesenswert. Wird ein Buch im Spiegel verrissen, wirkt das auf mich wie eine Kaufempfehlung. Von Prof. Sieferle habe ich bereits „Das Migrationsproblem“ gelesen, absolut nichts deutet auf eine rechte Gesinnung hin, es sei denn klare Situationsanalysen und logische Schlussfolgerungen gelten als „rechts“. Wer allerdings (wie einige Journalisten) mit gesinnungsethischem Brett vorm Kopf durch die Gegend stolpert, wird in jeder Kritik an der deutschen Politik rechtsextremes Gedankengut identifizieren.

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  2. Sogar die New York Times schreibt über Sieferle Finis Germania

    Eine sachliche, positive Kritik, nicht so wie die linke Presse in Deuschland!

    http://www.nytimes.com/2017/07/08/opinion/sunday/germanys-newest-intellectual-antihero.html

    Link für mobile phones:

    http://mobile.nytimes.com/2017/07/08/opinion/sunday/germanys-newest-intellectual-antihero.html

    Und Sicherung, falls mal nicht erreichbar:

    http://web.archive.org/web/20170712162020/https://mobile.nytimes.com/2017/07/08/opinion/sunday/germanys-newest-intellectual-antihero.html

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  3. „Mit der Urteilsbegründung wurde der stellvertretende Kulturchef Sebastian Hammelehle betraut. Von ihm lässt sich lernen, wie man eine lästige Schrift verteufelt. Zunächst legt er nahe, Sieferle sei ein krypto-esoterischer Hitler-Bewunderer. Dann setzt er dem Werk eine Deutungsmaske auf: „Dies ist der zentrale Satz in diesem Buch – seine These: Die Deutschen sind die neuen Juden.“ Sieferle macht also die Deutschen zu den Hauptkriegsopfern – pervers!“

    JFP, da haben Sie ein sehr wichtige Wahrnehmung geschildert, die voll und ganz meinem Eindruck entspricht, den der Herr Hammelehle u. a. vom SPIEGEL hinterlässt: Karriere macht man beim SPIEGEL nicht durch Talent, wissenschaftlicher Befähigung, Tüchtigkeit oder Berufung, sondern mit Hilfe von Ellbogen, fiesen Egotaktiken und rhetorischen Effekten auf Kosten der wohlfeilen Opfer, die brutal vorgeführt werden wie eine zufällige westliche Geisel bei ISIS, Daesch usw.

    Journalistischer „Erfolg“ bedeutet für den „Kulturspiegel“ anscheinend, wenn wieder einmal mehr die Köpfe der deutschen „Bourgeoisie“ rollen und das Chaos perfekt ist – ganz gemäß der marxistisch-leninistischen Zielvorganbe der systematischen und unmissverständlichen Demoralisierung der westliche Jugend durch Eroberung ihrer Köpfe mittels „Kulturrevolution“.

    Hätten die selbstbeflissenen Kritiker von R. P. S. tatsächlich selbst einmal Geschichte studiert — wie wenigstens R. P. S. selbst — und nicht nur zum Zwecke des pseudo-intellektuellen Images bloß trotz fehlendem Universitätsabschluss einfach so im Werdegang behauptet, dann würden sie vielleicht auch mehr von der zugrundeliegenden faktischen Opferrolle Deutschland im Verlauf der europäischen Geschichte und seiner geografischen Zufallssituation in Mitteleuropa verstehen, und würden das Geschwafel von der singulären deutschen Täterrolle — die übrigens sogar der frz. Präsident Macron mittlerweile mit Blick auf VIchy bestreitet — als eine reine metaphysische Dichotomie der oberflächlichen, pseudo-hegelianischen Sorte durchschauen.

    Und da liegt auch das ganze Problem: Die Opfer der sensationsheischenden öffentlichen Anprangerungen durch die werbegesponsorten Illustriertenverlage wie G+J und SPIEGEL sind letztendlich austauschbar, sie wurden in den meisten Fällen inhaltlich und persönlich gar nicht verstanden, manchmal sogar von den so stolzen und selbstverliebten „Journalisten“ gar nicht gelesen, ganz nach dem fogelnden Motto: Beurteile ein Buch nicht nach seinem Cover…. sondern stelle lieber haltlose Vermutungen über den ungelesenen Inhalt an – wie zum Beispiel, ob sich der Autor ggf. für ein zümpftige Antisemitimus- oder Nazi-Unterstellung eignen würde — Ja, mei, so eine Gaudi aber auch.

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  4. Die Linke zerfleischt sich selbst. Sie können es nicht ertragen, wenn einer der ihren sie posthum entblößt. Rolf Peter Sieferle wählte für sich den Freitod, weil er die Wirklichkeit nicht mehr verkraftete. Die lebenden Linken kämpfen jetzt mit sich selbst. Es ist grausam, gelinkt zu werden. Die Aufrechten schauen zu.

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