Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch

Von Jürgen Fritz, So. 16. Aug 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot

Sophokles gilt neben Aischylos und Euripides als der bedeutendste Tragödiendichter der griechischen Antike. Seine erhaltenen Stücke, vor allem Antigone, uraufgeführt 442 v. u. Z., und König Ödipus, entstanden zwischen 429 und 425 v. u. Z., zählen zu den herausragenden Werken der Weltliteratur und werden seit Jahrtausenden auf den Bühnen der ganzen Welt gespielt. Im berühmten zweiten Chorlied der Antigone – Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch – lässt Sophokles den Chor seine Ansicht vom Wesen des Menschen aussprechen.

Antigone: Vorgeschichte

Schweres Unheil lastet auf dem Haus der Labdakiden.
Drei Generationen schon wird Thebens herrschaftliches Geschlecht geplagt von jenem.
Seit König Laios beging die finstre Tat.
Als nun die eig’ne Gattin, Iokaste, sein Kind im Leibe trägt,
Prophezeit das Orakel in Delphi ihm ein gar finst’res Wort.
Das Kind im Bauch der Iokaste, sein eig’ner Sohn,
sei dazu bestimmt, ihn, den Vater und den König,
zu erschlagen mit der eig’nen Hand.
Doch damit nicht genug.
Das ungebor’ne Kind werde sodann,
Nachdem es ihn erschlagen,
Ehelichen Iokaste, die eig’ne Mutter.

Um zu vereiteln solch schrecklich Ungemach,
lässt Laios dem neugebor’nen Sohn,
seine Füße durchstechen und zusammenbinden,
im Einverständnis mit seiner Frau Iokaste.
Sodann setzt ein Hirte das Kinde,  auf dem lastet der schwere Fluch,
aussetzen im Gebirge Kithairon,
auf dass es sterben möge.

Doch der Hirte hat Mitleid mit dem Kinde,
gibt es einem Wanderer, zu retten ihm das Leben.
Dieser bringt es zum König Polybos von Sikyon.
Der nimmt den Jungen an als seinen an.
Und seine Frau heilt die Wunden des Knaben.
Wegen der geschwollenen Füße nennen sie den Jungen Ödipus, den Schwellfuß.

Die Jahre vergehen und aus Ödipus wird ein junger Mann,
der nicht um seine wahre Herkunft weiß.
Auf einem Feste aber,
tut ein Betrunk’ner dem Ödipus Schreckliches kund.
Die, der er für seine Eltern halte,
die seien es in Wahrheit nicht.

Dies Wort lastet schwer in des Ödipus Herz
und lässt ihm fortan keine Ruh.
So macht der Jüngling sich auf den Weg
zu befragen das Orakel.
Doch auch jenes kann nicht beruhigen das Herz des Ödipus.
Ja schlimmer noch, es verkündet ihm:
Er werde erschlagen den eig’nen Vater
und ehelichen die Mutter.
Von Entsetzen erfasst, ergreift der Jüngling die Flucht,
will von den Eltern weit weg, um solches niemals gescheh’n zu lassen.

Auf seiner Wanderschaft trifft Ödipus den eig’nen Vater, Laios,
nicht wissend, wen er vor sich hat.
Dieser befiehlt ihm, den Weg zu machen frei,
da er zu schmal für zwei Wagen.
Es kommt zum Streit und es geschieht der Prophezeiung erster Teil:
Der Vater kommt zu Tode durch des Sohnes Hand.

In Theben aber übernimmt nach dem Tod des Laios
die Krone des Königs der Bruder der Iokaste, mit Namen Kreon.
Doch Theben wird geplagt von der Tochter der Ungeheuer Typhon und Echidna,
der Sphinx, welche jedem, der zieht vorbei an ihrem Felsen, ein Rätsel stellt.
Und kann er es nicht lösen, verschlingt sie ihn.
Um die Stadt von jenem Ungeheur zu befrei’n
verspricht Kreon jenem den Thron von Theben
und auch die Iokaste zur Frau,
der das Rätsel der Sphinx lösen könnt.

Und siehe da, einem gelingt es endlich,
das Rätsel zu lösen der Sphinx: dem Ödipus.
Diese Schmach überlebt das Ungeheuer nicht
und stürzt sich ins Meer.
Die Stadt ist von der Sphinx befreit.
Ödipus wird nun ernannt zum König
und erhält Iokaste zu seiner Frau.
Damit ist erfüllt der Prophezeiung zweiter Teil.

Vier Kinder zeugt der Ödipus mit seiner eig’nen Mutter,
ohne zu wissen, wer sie und wer er selbst tatsächlich ist.
Zuerst kommen zur Welt die Zwillinge Eteokles und Polyneikes,
dann zwei Töchter Ismene und Antigone.
Doch eines Tages kommt’s ans Tageslicht,
wer wen geehelicht.

Nachdem sie dies vernommen,
möcht‘ Iokaste nimmer weiterleben
und hängt sich selber auf.
Ihr Sohn und Mann, der Vater ihrer Kinder,
der Ödipus sticht sich darauf die Augen aus,
um nichts mehr sehen zu müssen.

Antigone: Inhalt

Nach seinem Tod wachsen die Kinder bei ihrem Oheim, Kreon, auf.
Als sie erwachsen sind, sollen Eteokles und sein Bruder Polyneikes,
abwechselnd herrschen über Theben.
Doch als Eteokles die Krone hat auf seinem Haupt,
denkt er nicht mehr dran, sie abzugeben.
Polyneikes wird aus Theben verbannt.
Doch sammelt der Verbündete
und wendet sich gegen die eigene Stadt.
Es kommt zum Krieg.

Sieben gegen Theben versuchen, die Stadt zu erobern.
Es naht die Entscheidungsschlacht
und in dieser sterben beide Brüder
durch die Hand des jeweils andern.
Die Angreifer werden geschlagen zurück
und die Herrschaft übernimmt nun wieder Kreon.

Seinen Neffen Eteokles, den Verteidiger der Stadt,
lässt bestatten er, gemäß den alten Sitten.
Ihm wird zuteil der Toten Ehre,
doch nicht dem and’ren Neffen, dem Polyneikes,
da dieser sich wendete gegen die Stadt.
Damit verwehrt der neue König,
dem toten Polyneikes den Einzug ins Totenreich,
überlässt ihn den Vögeln zum Fraß.
Wer es wagen sollt, gegen sein Verbot zu verstoßen,
der sei des Todes.

Antigone aber, des Kreon Nichte,
die Schwester der beiden Toten,
hält sich nicht an des Königs Gebot.
Der Bruder muss bestattet werden.
Der Götter Gesetz steht über dem des Königs,
der ihr Onkel ist.

Antigone wird gefasst und vor den König geführt.
Er will retten die eig’ne Nichte.
Kreon beschwört die Tochter des Ödipus,
sein Gesetz zu achten.
Dann will er vergessen ihre Tat
und keiner soll erfahr’n davon.

Doch sie lässt sich darauf nicht ein und beharrt:
Der Bruder muss, egal was er getan,
bestattet werden, wie es sich geziehmt.
Die Menschlichkeit gebietet es.
Wer tot ist, ist kein Feind,
von niemand mehr.
Jedem gebührt der Toten Ehre,
so auch dem geliebten Bruder.

Noch einmal versucht der König Antigone zu retten,
dies edle Herz, sie ist ja noch ein halbes Kind,
die Tochter der eig’nen Schwester noch dazu.
Doch Antigone rückt von ihrem Ansinnen nicht ab:
Der Bruder muss beerdigt werden.
Es gibt Gesetze, die über dem des Königs steh’n.

Kreon will nicht ihren Tod,
doch ist er nun gefangen
im eig’nen Gesetz, das er erlassen.
Und schlimmer noch, sein Sohn, der edle Haimon,
liebt Antigone, will nehmen sie zu seiner Frau.
Er redet auf den Vater ein,
findet manch kluges Wort,
um die Sicht des Vaters zu dreh’n,
seine Geliebte nicht zu töten.

Kreon aber bleibt hart,
befiehlt, Antigone lebendig einzumauern.
Als Haimon davon hört
und zur Geliebten in die Höhle eilt,
ist es bereits zu spät.
Er findet er sie leblos vor.
Eingemauert nahm sich sich selbst das Leben.

Nun will auch er nicht weiter sein
und folgt ihr nach ins Reich der Toten.
Als seine Mutter, Eurydike, von diesem Unglück hört,
geht sie schweigend ins Haus
und auch sie nimmt sich nun das Leben.

So hat der König sie alle verloren.
Zuerst die Schwester und den Schwager,
dann die beiden Neffen.
Nun auch die Nichte.
Schließlich den eig’nen Sohn und seine Frau,
Da er erlassen ein Gesetz,
das verstoßen hat gegen Höheres.

Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheuerer als der Mensch

Im berühmten zweiten Chorlied der Antigone, noch vor der Entfaltung des zentralen Konflikts der Tragödie zwischen Kreon und Antigone, lässt Sophokles den Chor seine Ansicht vom Wesen des Menschen aussprechen (Übersetzt aus dem Altgriechischen von Friedrich Hölderlin):

Ungeheuer ist viel. Doch nichts
Ungeheuerer, als der Mensch.
Denn der, über die Nacht
Des Meers, wenn gegen den Winter wehet
Der Südwind, fähret er aus
In geflügelten sausenden Häusern.
Und der Himmlischen erhabene Erde,
Die unverderbliche, unermüdete,
Reibet er auf; mit dem strebenden Pfluge,
Von Jahr zu Jahr,
Treibt sein Verkehr er, mit dem Rossegeschlecht,
Und leichtträumender Vögel Welt
Bestrickt er, und jagt sie;
Und wilder Tiere Zug,
Und des Pontos salzbelebte Natur
Mit gesponnenen Netzen,
Der kundige Mann.
Und fängt mit Künsten das Wild,
Das auf Bergen übernachtet und schweift.
Und dem raumähnigen Rosse wirft er um
Den Nacken das Joch, und dem Berge
Bewandelnden unbezähmten Stier.

Und die Red und den luftigen
Gedanken und städtebeherrschenden Stolz
Hat erlernet er, und übelwohnender
Hügel feuchte Lüfte, und
Die unglücklichen zu fliehen, die Pfeile. Allbewandert,
Unbewandert. Zu nichts kommt er.
Der Toten künftigen Ort nur
Zu fliehen weiß er nicht,
Und die Flucht unbeholfener Seuchen
Zu überdenken.
Von Weisem etwas, und das Geschickte der Kunst
Mehr, als er hoffen kann, besitzend,
Kommt einmal er auf Schlimmes, das andre zu Gutem.
Die Gesetze kränkt er, der Erd und Naturgewaltger
Beschwornes Gewissen;
Hochstädtisch kommt, unstädtisch
Zu nichts er, wo das Schöne
Mit ihm ist und mit Frechheit.
Nicht sei am Herde mit mir,
Noch gleichgesinnet,
Wer solches tut.

Antigone Trailer

Bodo Wartke: Antigone und Kreon

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