Gerechtigkeit

Von Jürgen Fritz, Di. 22. Jan 2019

„Und der vorherrschende Glaube an »soziale Gerechtigkeit« ist gegenwärtig wahrscheinlich die schwerste Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Zivilisation.“ (Friedrich August von Hayek) – „Es gibt nur etwas, das schlimmer ist als Ungerechtigkeit, und das ist Gerechtigkeit ohne Schwert in der Hand. Wenn Recht nicht Macht ist, ist es Übel.“ (Oscar Wilde)

Jeder Mensch ist gleich wertvoll

Vor vielen Jahren machte er (A) sich mit seiner Frau auf in ein fernes Land, das noch weitgehend unbewohnt war. Dort bauten sie sich gemeinsam etwas auf. Sie arbeiteten hart, aber es machte ihnen nichts aus, weil sie wussten, dass es für sie selbst und ihre Kinder sein würde. Sie erwarben ein Stück Land, bauten sich ein Haus, bewirtschafteten das Land und kamen mit der Zeit zu etwas Wohlstand. Beide waren fleißig und tüchtig. Entscheidungen trafen sie immer gemeinsam, nachdem sie darüber gesprochen hatten. Sie bekamen zwei Kinder, die sie ebenso erzogen. Bald schon halfen diese im Haushalt und bei der Feldarbeit mit. Nach einigen Jahren bauten sie das Haus weiter aus, kauften sich mehr Tiere dazu. Die harte Arbeit hatte sich rentiert. Die Kinder wurden gut erzogen, lernten lesen, rechnen, schreiben, musizieren, lasen klassische Literatur.

Mit den Jahren bekamen sie zwei Nachbarn. Der eine (B) hatte eine Frau und drei Kinder. Früher hatte auch er gearbeitet, inzwischen hat er aber starke Rückenprobleme. Die Feldarbeit ist ihm daher zu anstrengend geworden. In letzter Zeit greift er immer öfter zur Flasche, manchmal schon am Vormittag. Der andere Nachbar (C) hat zwei Ehefrauen und insgesamt acht Kinder, fünf mit seiner Erstfrau, drei mit der Zweitfrau. Zum Arbeiten kommt er nicht mehr und möchte eigentlich auch nicht. Mit der elf-köpfigen Familie hat er genug zu tun. Außerdem besagt seine Religion, dass ein Mann keine Feldarbeit zu machen habe. Seine Frauen versorgen die Kinder und arbeiten zusätzlich noch etwas. Doch der Lebensstandard der Familie ist entsprechend gering. Außer ihrer Religion haben er und seine Frauen, die kaum lesen und schreiben können, nicht viel, was sie ihren Kindern beibringen könnten. In ihrem Haushalt gibt es nur ein Buch, die heilige Schrift ihrer Religion.

Auch die Kinder von B sehen, dass der Vater nicht viel arbeitet. Das prägt ihr Bild vom Leben. Sie kennen es von klein auf nicht anders. Konflikte werden in beiden Familien so ausgetragen, dass der Stärkere sich durchsetzt. Notfalls mit Gewalt. Beide Nachbarn sind mit ihrer wirtschaftlichen Situation nicht gerade zufrieden. Vor allem wenn sie sehen, wie gut es A, seiner Frau und seinen Kindern geht, empfinden sie das als ungerecht. Also beschließen sie gemeinsam, das etwas getan werden müsse.

Sie gehen zu A und sagen zu ihm: „Schau, ihr habt so viel und wir so wenig. Das ist ungerecht, das geht so nicht. Das musst du doch einsehen, nicht wahr? Wir sind fünf beziehungsweise elf, zusammen 16, ihr nur vier. Jeder Mensch ist aber gleich wertvoll. Du musst also fortan vier Fünftel von dem, was du erwirtschaftest, an uns abgeben, dann hat jeder gleich viel. Unsere Kinder sind nicht weniger wert als die deinen und wir nicht weniger als du.“

Das ist ungerecht

A und seine Frau sind damit nicht einverstanden. Sie meinen, jeder müsse für sich selbst sorgen. Es sei ungerecht, wenn sie die ganze Arbeit verrichten und dann nur ein Fünftel davon behalten dürfen. Sie wären bereit, aus Solidarität jeden Monat ein Zehntel abzugeben, welches die beiden, B und C, dann untereinander aufteilen könnten. Diese schauen sich gegenseitig an und lachen laut. „Ein Zehntel? Für uns beide zusammen?“ Wieder lachen sie. Doch dann verfinstern sich ihre Minen. „Entweder ihr gebt uns jeden Monat vier Fünftel von dem, was ihr habt, oder wir werden es uns nehmen. Seid froh, dass wir euch überhaupt so viel lassen. Wir sind in der Mehrheit. Vergesst das nicht! Und wir haben nichts zu verlieren, ihr alles.“

Am Abend liegen A und seine Frau nebeneinander im Bett. Sie können nicht einschlafen. Beide denken nach. „Was sollen wir tun?“ fragt er sie. „Ich weiß es nicht“, antwortet sie. „Wenn wir ihnen nicht geben, was sie wollen, werden sie es uns mit Gewalt wegnehmen.“ „Das ist ungerecht“, sagt er. „Wozu haben wir uns das all die Jahre aufgebaut? Wozu die ganze Arbeit, wenn wir jetzt fast alles abgeben müssen?“ Lange Stille. Sie starren an die Decke. Sie hat Tränen in den Augen. Sie spürt, was auf sie zukommen wird und ihr Herz zieht sich in ihr zusammen. Sie hat Angst.

„Soll ich mir ein Gewehr kaufen?“ fragt er plötzlich. „Dann werden sie uns früher oder später umbringen“, sagt sie. „und sich unser Haus und das Land nehmen. Wir müssen an unsere Kinder denken. Wir tragen Verantwortung für sie. Wir müssen für sie da sein. Sie sind noch zu klein, um allein zurecht zu kommen.“ „Das ist ungerecht“, sagt er. „Ja, das ist ungerecht“ wiederholt sie seine Worte.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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