Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen

Von Jürgen Fritz, Do. 20. Jun 2019

Wie heute morgen bereits berichtet, scheint YouTube Hamed Abdel-Samads Kanal mit über 120.000 Abonnenten und über 25 Millionen Aufrufen ohne Vorwarnung komplett gelöscht zu haben. Längst schon zeichnet sich ab, dass die Zeit der Bücherverbrennungen, die wir nach 1945 zumindest in Deutschland und in der westlichen Welt überwunden glaubten, langsam aber sicher und von Jahr zu Jahr massiver zurückkehrt. Hierzu ein Kommentar von Imad Karim und aufschlussreiche Hintergründe zum Thema Bücherverbrennungen, die wir nun in moderner Form erneut erleben müssen.

I. Imad Karims Kommentar

»Das Verbrechen hat viele Farben und sie sind alle hässlich! Der YouTube Kanal von Hamed Abdel-Samad ist für viele Menschen insbesondere aus dem arabischen Raum das Fenster zur Freiheit, der Korridor zum kritischen Denken und die Wiese zur Selbstreflexion. Jetzt hat YouTube den Kanal willkürlich gelöscht. Auch bei mir werden viele mühsam übersetzte Videos von YouTube gelöscht.

Ich kenne persönlich und im Netz wirklich nicht wenige arabisch sprechende Muslime, die durch die Aufklärungsarbeit von Hamed begannen, ihre eigenen Gedanken über ihre Religion zu machen und vieles kritisch zu betrachten. Viele dieser meistens jungen Menschen sind heute selbst in den Sozialmedien aktiv und versuchen andere Muslime aufzuklären.

Es ist der Arbeit von Hamed auf YouTube mit Millionen Klicks zu verdanken, dass wir heute Hunderttausende von Muslime haben, die Gewalt, Terror, Ablehnung des Anderen verabscheuen und mit denen man eine wunderbare Zeitgenossenschaft haben kann.

Was man mit dem Kanal von Hamed tat, ist wenigstens so schlimm wie einst die Bücherverbrennungen in der jüngsten Vergangenheit. Manchmal denke ich, der Westen sehnt sich nach dem Untergang.«

II. Historische Bücherverbrennungen

Bücherzerstörungen hat es in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben. Meist erfolgten sie in öffentlich durchgeführten Verbrennungen. Die Gründe waren moralische, politische oder religiöse Einwände gegen den Inhalt der Schrift.  Missliebige Bücher wurden dabei als blasphemisch, häretisch, ketzerisch, unmoralisch, obszön, aufrührerisch oder hochverräterisch rubriziert respektive diffamiert und dann entweder symbolisch oder auch tatsächlich verbrannt.

A. Antike

  • 213 v. Chr. greift der chinesische Kaiser Qin Shihuangdi im Zuge der Reichseinigung zu rigorosen Maßnahmen. Ausschließlich die staatstragende Philosophie wird noch gebilligt, die Bücher aller anderen Schulen verbrannt.
  • 325 werden nach dem Ersten Konzil von Nicäa die Bücher des Arius, dessen Lehre von der christlichen Reichskirche nicht anerkannt werden, und auch die Bücher seiner Schüler als häretisch verbrannt.
  • 381, 431 und 451 werden nach ähnlichen Anordnungen in Konzilien die Verbrennung häretischer Schriften angeordnet.
  • Ab ca. 350 bis ins Mittelalter hinein gibt es Nachweise für die Verbrennung von sogenannten„Zauberbüchern“ im Rahmen christlicher Bekehrung. Was „Zauber“ war bestimmte dabei natürlich die christliche Kirche.  Im 4. Jahrhundert wurden Besitzer von „Zauberbüchern“ teilweise sogar mit dem Tode bestraft.
  • Ferner gibt es Berichte aus dem 4. Jahrhundert von Verfolgungen und Hinrichtungen von Personen, die im Besitz von Büchern verbotenen Inhalts waren. Ihre Codices und Rollen wurden in großer Zahl öffentlich verbrannt. Bei den Büchern soll es sich vor allem um Werke der artes liberales, der klassischen antiken Wissenschaften, gehandelt haben. Infolgedessen hätten in den „östlichen Provinzen … aus Furcht vor ähnlichen Schicksalen die Besitzer ihre ganzen Bibliotheken verbrannt“.
  • Nach 370 befahl der Kaiser Valens eine der größten Büchervernichtungen. Zum konfiszierten und vernichteten Material gehörten dabei mehr Schriften der Artes liberales und des Rechts als der „Magie“. Was besonders schlimm war, Valens ließ die Bücher der Verdächtigten in ihren Häusern aufspüren, was einen besonders schweren Verstoß gegen römisches Recht darstellte. Die Bücherverbrennung fand in Verbindung mit der Hinrichtung vieler angesehener Männer, insbesondere von Philosophen statt.
  • 475 wurden die Bücher des Nestorius, dem ehemaligen Patriarchen von Konstantinopel, dessen Christologie auf zwei Konzilen verworfen wurde, nach einem Edikt Theodosius II. als häretisch verbrannt.

B. Mittelalter

  • 562 ließ der christliche römische Imperator Justinian I., unter dem das Reich eine immer stärkere Sakralisierung erfuhr, der auch die neuplatonischen Philosophenschule in Athen schließen ließ, heidnische Bücher, Bilder und Götterstatuen an dem Ort verbrennen, „wohin die Leiber der Hingerichteten geworfen wurden“, eine besonders verachtende Form der damnatio memoriae, der Auslöschung der Erinnerung.
  • 642 sollen einer Legende aus dem 13. Jahrhundert zufolge, die allerdings umstritten ist, die Bücher der Bibliothek von Alexandria, die als die bedeutendste der gesamten antike Welt galt, von dem muslimischen Eroberer Emir ʿAmr ibn al-ʿĀs auf Befehl des Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb verbrannt worden sein. Angeblich ließ er sechs Monate lang die 4.000 Bäder von Alexandria damit heizen.
  • 1121 wurde Peter Abaelard auf dem Konzil von Soissons gezwungen, seine Schrift über die Heilige Trinität zu verbrennen. 1141, nach dem Konzil von Sens, befahl Papst Innozenz II., ihn in ein Kloster einzusperren und alle seine Schriften zu verbrennen. Der französische Philosoph  vertrat viele Jahrhunderte vor der Aufklärung den Vorrang der Vernunft nicht nur in der Philosophie, sondern auch in Glaubensfragen.
  • Nach 1160 wurden Gebete an die Planeten und Avicennas Schriften Buch der Genesung und Buch der Rettung durch Ibn al-Māristānīya in Bagdad öffentlich verbrannt
  • 1193 wurde die buddhistische Nalanda-Universität vermutlich die weltweit größte ihrer Zeit, vom islamisch-türkischen Eroberer Bakhtiyar Khilji zerstört. Dabei kam es zu einem Massaker an Tausenden von Lehrern und Studenten, meist buddhistischen Mönchen. Die Opfer wurden enthauptet oder lebendig verbrannt. Zudem wurden alle Bücher der Bibliothek verbrannt, was aufgrund des riesigen Umfanges mehrere Monate gedauert haben soll. Das Ereignis gilt auch als Wendepunkt des Buddhismus in Indien, der hierbei auf dem Subkontinent weitgehend ausgelöscht wurde.
  • 1207 übergab der mit der Ketzerbekämpfung beauftragte Dominikus in Albi die Schriften der Albigenser den Flammen. Während Dominikus die Schriften der Albigenser verbrannte, hob er die „rechtgläubig katholischen“ Bücher in den Himmel empor.
  • 1242 kam es zur Pariser Talmudverbrennung, bei der sämtliche in Frankreich, England, Portugal und im nicht-almohadischen Teil Spaniens entdeckten jüdischen Bücher konfisziert und vernichtet wurden. Die Scheiterhaufen brannten zwei Tage lang. Diese Bücherverbrennung ging auf eine Anweisung von Papst Gregor IX. an die dortigen Bischöfe zurück, denen es gelang, Ludwig IX. zu überreden, zwölftausend Exemplare des Talmud in Paris verbrennen zu lassen. Weitere Päpste taten es ihm gleich, so Innozenz IV. (1243–1254), Clemens IV.(1256–1268), Johannes XXII. (1316–1334), Paul IV. (1555–1559), Pius V. (1566–1572) und Clemens VIII. (1592–1605), denen es gelang, fast das gesamte jüdische Schrifttum zu vernichten.
  • 1256 ordnete der Mongolen-Khan Hülegü die Verbrennung der großen Bibliothek an, welche die Assassinen auf Alamut zusammengestellt hatten. Lediglich alle Koran-Handschriften und wissenschaftlichen Werke wurden zuvor aussortiert.
  • 1415 wurde der böhmische Reformator Jan Hus in Konstanz zum Feuertod verurteilt. Auf dem Weg zur Hinrichtung wurde er am Friedhof jener Kirche vorbeigeführt, wo zur selben Stunde seine Bücher „in Anwesenheit des Klerus und johlenden Volkes“ verbrannt wurden.
  • 1497 und 1498 ließ der Dominikanerpater Girolamo Savonarola in Florenz durch eine „Kinderpolizei“ in Haus- und Straßensammlungen die „Herausgabe aller unehrbaren Schriften, Figuren und Gemälde“ erzwingen und verbrannte in einem „Scheiterhaufen der Eitelkeiten“ pornographische und heidnische Bücher, Glücksspiele, Kosmetik, obszöne Bilder, Boccaccios Decamerone und alle Werke des Ovid, die in der Stadt gefunden werden konnten.
  • Im 15. Jahrhundert gab es zahlreiche derartige Aktionen, die ebenfalls oft von Bußpredigern initiiert wurden, etwa in Bologna, Augsburg, Nürnberg, Bamberg und Wien.

C. Frühe Neuzeit

  • 1501 wurde die Bücherverbrennung papstfeindlicher Schriften in der Päpstlichen Bulle angeordnet.
  • 1520 erließ Papst Leo X. eine Bulle gegen Martin Luther mit der Androhung des Bannes. Die Verbrennung seiner Schriften, die zwar vielerorts von der Kanzel herab angeordnet, aber nur in wenigen deutschen Städten im Oktober tatsächlich befolgt wurde, veranlasste Luther dazu, seinerseits Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Er verbrannte am 10. Dezember in Wittenberg die „papistischen“ kanonischen Rechtsbücher und die päpstliche Bannandrohungsbulle. Mit diesem Akt vollzog Luther die symbolische Loslösung von Rom; mit einer lateinischen Verdammungsformel warf er die Bulle ins Feuer: „Weil Du getilgt hast die Wahrheit Gottes, so tilge Dich heute der Herr. Hinein mit Dir hier ins Feuer!“.
  • 1521 erließ Karl V. das Mandat zur Verbrennung der Schriften Martin Luthers.
  • 1555 befahl die Römische Inquisition die Konfiszierung des Talmuds aus jüdischen Haushalten und ordnete die anschließende Verbrennung aller Kopien an.
  • 1559 erschien erstmals der Index Librorum Prohibitorum, ein Verzeichnis der für jeden Katholiken bei Strafe der Exkommunikation verbindlich verbotenen Bücher. Die letzte amtliche Ausgabe erschien 1948.
  • 1562 ließ der Bischof von Yucatán, Diego de Landa, vor dem Franziskanerkonvent in Maní alle Götzen und Objekte, von denen er meinte, dass sie den Maya zur Teufelsanbetung dienten, auf einem Scheiterhaufen verbrennen. So wurden fast alle Bücher, die in Maya-Schrift geschrieben waren, ein Opfer der Flammen. Nur vier Codices überlebten die Vernichtung und geben uns heute einen kleinen Einblick in die Lebenswelt der Maya.
  • 1562 verurteilte Papst Leo X. Pietro Pomponazzis „Tractatus de immortalitate animae“ (Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele) von 1516. Es wurde öffentlich verbrannt. Pomponazzi hatte in seinem Werk die Unsterblichkeit der Seele als unhaltbar zurückgewiesen.
  • Um 1618 verbrannten Protestanten in England durch den Henker das „Book of Sports“, das nach puritanischer Ansicht der Heiligung des Sabbath widersprach.
  • 1650 fand die erste nachgewiesene Bücherverbrennung auf US-amerikanischem Boden auf dem Marktplatz von Boston statt, wo religiöse Schriften dem Feuer übergeben wurden. Dies begründete eine lange Tradition von Bücherverboten und Bücherverbrennungen in den USA.
  • 1660 verfügte der Staatsrat unter dem französischen König Ludwig XIV., die Lettres provinciales des Philosophen Blaise Pascal zu verbrennen, und verbot allen Druckern und Buchhändlern bei Androhung „exemplarischer“ Bestrafung nicht nur Druck und Verbreitung, sondern auch den privaten Besitz des Buches. Die Schrift, in der sich Pascal kritisch mit dem sittlichen Verfall der Jesuiten und der  probabilistischen Moraltheologie auseinandersetzte, war zuvor durch eine hochrangig besetzte Kommission von katholischen Klerikern und Theologen der Sorbonne als häretisch eingestuft worden.
  • 1762 verbot das Parlament in Paris und die Genfer Autoritäten Rousseaus Emile oder über die Erziehung, das wohl wichtigste Buch zum Thema Erziehung seit Platons Politeia, also seit über 2000 Jahren. In Genf zusätzlich auch seine epochale Schrift Gesellschaftsvertrag. An beiden Orten, in Paris und Genf, gab es entsprechende Bücherverbrennungen und Haftbefehle gegen den Vordenker der Aufklärung.

D. Neueste Zeit

  • 1793 ordnete der französische Revolutionsführer Robespierre die Verbrennung religiöser Bibliotheken und der Bücher verherrlichender Literatur der französischen Könige an. 1794 forderte er in einer Sitzung des Klubs der Jakobiner, sämtliche Ausgaben der Zeitung Vieux Cordelier in der Saalmitte zu verbrennen.
  • 1854 verbrannte der Bürgerrechtler William Lloyd Garrison die Verfassung der Vereinigten Staaten während eines Treffens der Abolitionisten in Framingham, Massachusetts als Dokument der Sklaverei.
  • In den Jahren des Russischen Bürgerkriegs (1918–1922) und im Zuge der von den Bolschewiki angestrebten kulturellen Revolution wurden in der Sowjetunion der späten 1920er-Jahre Bibliotheken geplündert, Bücher verbrannt und auf andere Weise vernichtet.
  • Am 10. Mai 1933 fanden im nationalsozialistischen Deutschland im Zuge einer Aktion wider den undeutschen Geist der Deutschen Studentenschaft Bücherverbrennungen statt, wobei in 22 Universitätsstädten öffentlich zehntausende Bücher von jüdischen, marxistischen und pazifistischen Schriftstellern konfisziert und verbrannt wurden.
  • Seit der Machtübernahme der Kommunistischen Partei in der Volksrepublik China 1949 werden öffentlich „anti-kommunistische“ Bücher und Medien vernichtet. Dazu gehören vor allem Bücher und digitale Medien von verfolgten Gruppen wie Demokraten und Menschenrechtlern. Auch Medien von verbotenen religiösen Gruppen, wie Falun Gong, werden öffentlich vernichtet.
  • 1966 erfolgten nach Aufruf durch evangelikale Kreise in den USA öffentliche Verbrennungen von Beatles-Schallplatten.
  • 1975 kamen in Kambodscha die Roten Khmer an die Macht, deren Führer Pol Pot auf kommunistischer Basis eine reine Agrargesellschaft schaffen wollte, in der jeglicher Intellekt verboten war. Geld wurde abgeschafft, Bücher wurden verbrannt, Lehrer, Händler und beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes wurde ermordet, um den Agrarkommunismus zu verwirklichen.
  • Der 1988 erschienene Roman Die satanischen Verse von Salman Rushdie wurde von Muslimen als gotteslästerlich verbrannt.
  • 1998 zerstörten die Taliban Druckerei, Museum und Bücherei der Nasir-i Khuschra Stiftung in Kabul, Afghanistan. Diese beinhaltete einen großen, einmaligen Schatz an Museumsgütern und Büchern in Arabisch, Englisch und Paschtu. Die Taliaban verschonten nicht einen Buchband, nicht einmal eine tausendjährige Ausgabe des Korans.
  • 2001 ließ das Ägyptische Kulturministerium auf Druck islamischer Fundamentalisten 6.000 Exemplare homoerotischer Poesie von Abu Nuwas verbrennen.
  • 2001 ließen der US-amerikanische Pastor George Bender und Mitglieder der „Harvest Assembly of God“-Kirche in Pittsburgh u. a. die Harry Potter-Romane von J. K. Rowlings verbrennen. Dies geschah während eines „Book-Burning“-Gottesdienstes und mit der Begründung, der neue Held verherrliche Zauberei und Hexentum.

III. Schluss

Wir sehen, dass es durch die Geschichte hindurch über Jahrhunderte und Jahrtausende vor allen Dingen drei antiliberale und oft auch antiintellektuelle Gruppen waren, die Bücher – und auch Menschen – verbrannten: a) Christentum-Anhänger, b) Islam-Anhänger und c) Kommunismus- bzw. Sozialismus-Anhänger, wozu man die Nationalsozialisten als Epigonen der Kommunisten in gewisser Weise hinzurechnen kann. Nun kann sich jeder vorstellen, was passieren wird, wenn diese drei Gruppen sich zusammentun.

„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine, Almansor, 1823)

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Titelbild: Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D

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