Umfrageergebnisse sind keine Prognosen, sondern Aussagen über die Gegenwart

Von Jürgen Fritz, Do. 22. Auf 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Die Ergebnisse von Umfragen sind in jeder modernen Gesellschaft ein wichtiges Mittel, damit sowohl die Politiker und Parteien als auch die Wähler selbst wissen, wie bestimmte Dinge im Volk insgesamt ankommen, wie die Stimmungslage ist, wie die politischen Präferenzen aktuell aussehen und wie sie sich verändern. Doch haben viele Probleme, die Aussagen von solchen Erhebungen zu verstehen, und meinen nicht selten, es würde sich um Prognosen, also Aussagen über die Zukunft handeln.

Umfrageergebnisse sind keine Prognosen (Zukunftsaussagen), sondern, genau wie Wahlen auch, Momentaufnahmen

Vor allem dieser Punkt wird immer wieder falsch verstanden: Umfrageergebnisse (die Sonntagsfrage) sind keine Prognosen (Zukunftsaussagen), keine Aussagen darüber, was sein wird, sondern Gegenwartsaussagen, also Aussagen darüber, was im Moment der Fall ist. Man befragt über einige Tage oder ein, zwei, manchmal auch vier Wochen, Wahlberechtigte, wen sie wählen würden, wenn am nächsten Sonntag Bundes- oder Landtagswahlen wären. Diese Angaben rechnet man dann mit entsprechenden Korrekturfaktoren hoch. Deshalb braucht man auch zusätzliche Daten von den Befragten, wie Geschlecht, Alter, Wohnort, Beschäftigungsart (arbeitslos, Student, Arbeiter, Angestellter, Beamter, Selbstständiger) etc. Weshalb das?

Weil Frauen anders wählen als Männer, 20-Jährige anders als 40-Jährige, 40-Jährige anders als 70-Jährige, Leute auf dem Land anders als Städter, Bayern anders als Hamburger, Cottbusser anders als Saarbrücker, Arbeitslose anders als Selbstständige, Hauptschüler anders als Akademiker usw. Über die Korrekturfaktoren gleicht man die Ergebnisse an die Zusammensetzung aller über 60 Millionen Wahlberechtigten an. Dadurch erst wird ein Ergebnis repräsentativ und daher sind auch Internetumfragen, die diese Daten nicht erheben, fast ohne jede Aussagekraft. Pointiert formuliert: Wenn ich nur in einem sehr teuren Seniorenheim in Hamburg Leute befrage, hat das keinerlei Aussagekraft, wie die Deutschen insgesamt denken im Moment, genauso wie wenn ich nur in Saarbrücken oder in Cottbus in einem sozialen Brennpunkt Leute befrage.

Aber nochmals: Umfrageergebnisse sind keine Prognosen (Zukunftsaussagen), sondern, genau wie Wahlen auch, Momentaufnahmen. Der Moment ist aber eben nicht der Wahltermin, sondern der Zeitpunkt der Befragung. Prognosen über mehrere Wochen oder Monate zu machen, ist seriöserweise schlechterdings nicht möglich.

Warum sind Prognosen über längere Zeiträume nicht möglich?

Weil die Wahlberechtigten ihre Präferenz bis zum Zeitpunkt der Wahl verändern können und das kann man mathematisch nicht (präzise) erfassen. Es braucht nur ein besonderes Ereignis einzutreten, wie ein Terroranschlag, ein GAU in einem Kernkraftwerk, ein Tsunami + GAU in Japan, der medial entsprechend ausgeschlachtet wird, eine Überschwemmung (siehe die Bundestagswahl 2002), ein Wirtschaftseinbruch (siehe die Wahlen ab 1930 nach der Weltwirtschaftskrise) oder was auch immer, und viele Menschen können ihre Wahlentscheidung ändern. Das ist nicht vorhersehbar und berechenbar. Daher sind Prognosen, je länger der Zeitraum ist bis zur Wahl, zunehmend immer unsicherer.

In den letzten ein, zwei Tagen vor der Wahl kann man dann Prognosen abgeben, also zum Beispiel am Freitag oder Samstag, wie die Wahl am Sonntag ausgehen wird, weil die Wahrscheinlichkeit, dass in den ein, zwei Tagen etwas so Gravierendes passiert, dass Millionen ihre Wahlentscheidung nochmals kurzfristig ändern, sehr gering ist. Aber viel länger als einige, wenige Tage kann man kaum seriöse Prognosen abgeben. Gleichwohl enthalten natürlich die Umfrageergebnisse wichtige Informationen, nämlich wie die Leute im Moment in etwa wählen würden. Und wenn nichts Dramatisches passiert, dann werden diese Präferenzen sich nicht innerhalb von Wochen oder wenigen Monaten vollkommen ändern, denn auch diese Änderungen von Präferenzen unterliegen gewissen Gesetzmäßigkeiten.

Menschen ändern ihre Präferenzen. Würden sie das nicht tun, bräuchte ja jeder nur einmal im Leben zu wählen. Dann wüsste man sein Entscheidung bis zu seinem Lebensende. Sie ändern ihre Präferenzen aber nicht 20 mal jedes Jahr. Das heißt, die Anzahl derer unter den gut 60 Millionen, die in einem bestimmten Zeitraum, zum Beispiel drei Monate, ihre Präferenz ändern, kann man einigermaßen einschätzen, so nichts Dramatisches passiert.

Umfrageergebnisse geben den Parteien wichtige Rückmeldungen

Beispiel: Wenn die SPD derzeit bundesweit bei ca. 13 Prozent steht, dann ist es extrem unwahrscheinlich, dass sie, sollten dieses Jahr noch Bundestagswahlen stattfinden, unter 5 Prozent fallen könnte oder auf deutlich über 20 Prozent steigen. Beides kann man nahezu ausschließen. Aber ob sie in drei, vier Monaten eher bei 10 oder eher bei 15 Prozent stehen wird, kann natürlich kein Mensch sicher wissen.

Umfrageergebnisse geben auch den Parteien selbst sehr wichtige Rückmeldungen, wie ihre Politik, wie ihr öffentliches Auftreten bei den Wählern ankommt. Sigmar Gabriel musste als SPD-Vorsitzender zurücktreten, nicht weil er Wahlen verloren hätte, sondern weil die Umfrageergebnisse der SPD über Jahre hinweg unbefriedigend waren. Ebenso Andrea Nahles. Und auch Angela Merkel musste vom CDU-Vorsitz zurücktreten, weil die Umfrageergebnisse der CDU immer schlechter wurden. Die miserablen Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen in Hessen, waren nur noch der letzte Tropfen, der das Fass dann zum Überlaufen brachte.

Auch ist aus den Umfragen sehr schön ablesbar, wie beispielsweise die Union seit September 2015, seit Merkels Verweigerung, die deutschen Außengrenzen konsequent zu sichern vor unbefugtem Eindringen in unser Territorium, von ca. 42 Prozent zunächst recht schnell unter 40 Prozent fiel (innerhalb von ein, zwei Monaten), dann im Laufe von 2016 unter 35 Prozent und ab 2018 dann erstmals unter 30 Prozent, was dazu führte, dass Merkel Ende Oktober 2018 erklärte, sie werden den Parteivorsitz in wenigen Wochen abgeben. Umfrageergebnisse zeigen also sehr schön Entwicklungen und Verläufe auf.

Aber kann denn mit Umfragen nicht auch gesteuert und manipuliert werden?

Ja, natürlich. Das ist definitiv der Fall. Mit Umfrageergebnissen kann man auch Menschen beeinflussen, weil viele nicht zu den Verlierern gehören wollen. Gewinner sind eher sexy als Verlierer. Außerdem motivieren gute Umfrageergebnisse und schlechte solche demotivieren, lassen also die Kräfte im Wahlkampf eher erlahmen.

Mit dem Veröffentlichen von Umfragen kann man also definitiv Einfluss nehmen auf die Wähler und sie auch manipulieren. Das wird auch getan. Die Zahlen selbst aber können nur in sehr beschränktem Umfang manipuliert werden. Dies hält sich also in Grenzen. Wenn ein Institut zu weit von dem Ergebnis abweicht, das es bei völlig neutraler Berechnung ermitteln würde, dann verliert es schnell seine Glaubwürdigkeit, damit seinen guten Ruf, damit seine Reputation und damit weitere Aufträge. Ich kann als mathematischer Gutachter immer ein bisschen nach oben oder unten drehen (und zwar über die Korrekturfaktoren), meinetwegen aus 12,4 Prozent 12 Prozent machen oder 12,5 oder auch 13. Aber nicht 10 oder 15 oder gar noch mehr abweichen. Denn das würde auffallen, weil ja andere Institute dann zu deutlich anderen Ergebnissen kommen. Und wenn das fünf- oder zehnmal vorkommt, immer in die gleiche Richtung, bemerken das die Menschen und es spricht sich herum, dass die Zahlen dieses Instituts mit großer Vorsicht zu genießen sind. Das aber ist für jedes Unternehmen auf lange Sicht tödlich.

Die eigentliche Manipulation steckt also nicht in den Zahlen, dass diese völlig falsch wären, sondern eher wie sie lanciert, wie sie interpretiert, wie sie in den Massenmedien dargeboten werden. Daher ist es sinnvoll, solche Erhebungen selbst lesen zu lernen (Teil der Bildung), um nicht von den M-Medien oder auch Rattenfängern abhängig und diesen ausgeliefert zu sein.

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