Prof. Stefan Kooths zu Gast bei Heinisch & Fritz

Von Jürgen Fritz, Do. 05. Mär 2026, Titelbild: Heinisch & Fritz

Mit Prof. Dr. Stefan Kooths, Forschungsdirektor im Kieler Institut für Weltwirtschaft, Vorsitzender der deutschen Hayek-Gesellschaft und Mitgründer des Javier Milei-Instituts, sprechen Annette Heinisch und Jürgen Fritz über das Erfolgsrezept der Marktwirtschaft, über die Wichtigkeit der Standortpolitik und des Subsidiaritätsprinzips sowie das Erfolgsmodell Javier Milei.

Heinisch & Fritz – Der Podcast

Annette Heinisch und Jürgen Fritz sprechen mit prominenten und interessanten Gästen über wichtige Themen unserer Zeit, die in den Massenmedien oft zu kurz kommen oder nicht so beleuchtet werden, wie es nötig wäre. Die gesellschaftliche Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Im gemeinsamen Gespräch versuchen sie, die gegenwärtige Realität so genau wie möglich zu erfassen und dabei Anknüpfungspunkte zu finden, wie wir unsere eigene Zukunft so gestalten können, dass es wieder besser wird. Als Gast begrüßen sie dieses Mal den Ökonom und Forschungsdirektor im Kieler Institut für Weltwirtschaft, dem führenden Forschungsinstitut für internationale Wirtschaftsfragen in Deutschland, Stefan Kooths. Seit 2020 lehrt er als Professor für VWL an der BSP Business and Law School und ist Vorsitzender der deutschen Hayek-Gesellschaft. Außerdem ist er Mitgründer des Javier Milei-Instituts für Deregulierung in Europa. 2025 erschien sein Buch „Marktwirtschaft: Wohlstand, Wachstum, Wettbewerb“.

Das Erfolgsrezept der Marktwirtschaft

In dem Gespräch macht Prof. Kooths klar, dass es Ökonomen nicht darum geht, hohe Wachstumsraten zu erzeugen, sondern den Menschen die Möglichkeiten zu geben, das zu tun, was ihren Interessen dient. Dann ergebe sich typischerweise in freien Wirtschaftssystemen automatisch einen Wachstumsprozess. Es geht nicht so sehr darum, die Leute zum Jagen zu tragen, sondern ihnen die vielen Steine, die unnötigerweise im Weg liegen, aus dem Weg zu räumen.

Wichtig ist ihm, „dass wir als Ökonomen nicht die Vorstellung verbreiten, es gäbe zwei unterschiedliche Welten“, eine mikroökonomische Welt, wo das eine gilt, und eine makroökonomische Welt, wo plötzlich alles ganz anders sei. Es gebe vielmehr nur einen ökonomischen Prozess, den Ökonomen verstehen wollen. Auf diesen Prozess könne man aus unterschiedlichen Perspektiven drauf schauen, einmal aus der Frosch-Perspektive, der im Wald herumhüpft und nur einen kleinen Ausschnitt sieht, den aber sehr genau, oder aber aus der Adler-Perspektive. Der Adler fliegt über dem Wald und sieht typischerweise etwas anderes. Aber „am Ende des Tages ist es jeweils immer derselbe Wald“.

Eine große Gefahr der Wirtschaftspolitik sieht Stefan Kooths darain, dass man nur auf die makroökonomischen Ergebnisse schaut, beispielsweise eine schwache Konjunktur, schwache Wachstumsraten oder ähnliches und man dann versucht, nicht die Probleme im Unterholz zu lösen, sondern mit brachialen Instrumenten von ganz oben irgendwie die Wachstumsraten hoch zu jagen versucht. Das könne nur fehlschlagen, „weil man dann immer nur die Symptome kuriert und niemals an die Ursachen herangeht“.

Natürlich brauche es einen Ordnungsrahmen, damit Marktprozesse tatsächlich funktionieren können. Aber innerhalb dieses Ordnungsrahmens braucht man da nicht permanent einen interventionistischen Akteur, den Staat (bzw. die Staatsgewalt) als Regulierer und als Feinjustierer, der sich immer wieder in den Wirtschaftsprozess einmische.  Der Staat sollte tatsächlich in der Schiedsrichter- und in der Rahmensetzer-Rolle bleiben und sich nicht Dinge anmaßen, die er gar nicht besser machen könne als die privaten Akteure. Das überragende Thema sei dabei immer, wer hat das relevante Wissen, kluge Entscheidungen treffen zu können.

Zu diesem Ordnungsrahmen gehören bestimmte Prinzipien, denen man folgen müsse, insbesondere eine Eigentumsordnung. Die Eigentumsrechte müsse der Staat (die Staatsgewalt) entsprechend definieren und auch durchsetzen, hier brauche es also ein Gewaltmonopol. Der Ordnungsrahmen müsse auch das Haftungsprinzip beinhalten. Eigentum verleihe einem nicht nur Handlungsautonomie, sondern gebe einem auch die Verantwortung, wenn dann das Disponieren mit dem Eigentum an anderer Stelle zu Schäden führe, dass man dafür dann auch geradestehen muss. „Viel zu oft haben wir Situationen, wo man die Gewinne nur privatisiert und sich dann einen schlanken Fuß macht, wenn es schief läuft, und dann meint, die Kosten sozialisieren zu können“, so Prof. Kooths. „Das kann natürlich nicht funktionieren.“

Hier wurden in der Vergangenheit mehrfach Fehler gemacht, so in der Finanzkrise. „Too big to fail war dann der Schlachtruf, wo man dann plötzlich die Kernprinzipien der Marktwirtschaft meinte, überschreiben zu sollen“ und dann auch noch eine extrem expansive Geldpolitik betrieb. All das seien natürlich keine Elemente einer freien Marktwirtschaft, sondern von krasser staatlicher Intervention. Das müsse man auch benennen, „denn leider ist ja durch die Weltfinanzkrise auch der Ruf der Marktwirtschaft und der Stabilität eines kapitalistischen Systems arg ramponiert worden und ich meine zu Unrecht“, so der Forschungsdirektor des Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Freiheit und Verantwortung gehören immer zusammen. Und das Erfolgsrezept der Marktwirtschaft sei, diesen Koordinationsprozess hinzubekommen, wo das individuell vorgehaltene Wissen eingespeist wird in einen sozialen Koordinationsprozess. „Und das lässt sich eben nicht durch zentrale Entscheidungen in irgendeiner Weise, auch nur näherungsweise rezipieren. Überall, wo man das versucht hat, ist man kläglich gescheitert und man hat es sehr oft versucht.“

Zum argentinischen Erfolgsmodell Milei und der Frage der Übertragbarkeit auf Europa

Was Javier Milei in Argentinien gemacht hat, sei tatsächlich vorbildlich. Zum Einen habe er sich auf die Regierungsübernahme jahrelang vorbereitet. „Er ist ja ein hochintellektueller Kopf, der das, was er dort tut, sehr systematisch durchdacht hat“. Und er habe ein Team von Fachleuten gewonnen, die diese Reformagenda abarbeiten. Sein Erfolgsrezept bestehe darin, dass er bestimmte Prinzipien definiert hat. Milei wisse, was ein Wirtschaftsraum braucht, um zu einer Wohlstandsmaschine zu werden. „Und danach wird jetzt jede Regulierung auf den Prüfstand gestellt und dann gibt es drei Möglichkeiten: 1. Entweder man kommt zu dem Ergebnis, die Regulierung ist vernünftig, dann kann sie Bestand haben. Oder man kommt 2. zu dem Ergebnis, die Reform muss geändert werden. Dann wird sie eben entsprechend geändert. 3. Die dritte Möglichkeit ist, dass eben eine solche Regulierung durchfällt und dann wird sie komplett gestrichen. Und vieles von dem, was in Argentinien an Regulierungen besteht oder bestand und eben nur den Partikularinteressen dienten, die damit die Möglichkeit bekamen, sich auf Kosten von anderen zu bereichern, ohne irgendeine Leistung dafür zu erbringen, das hat er dann eben auch konsequent gestrichen. Das ist das Erfolgsrezept.“

Solch ein Reformansatz fehle in Europa, so Prof. Kooths. Wir haben uns in einem Netz von Regulierungen quasi selbst eingeschnürt. Stefan Kooths nennt das das Gulliver-Syndrom. „So wie auch Gulliver nicht von einem Faden am Boden gehalten wurde, sondern von einem ganzen Netzwerk an Fäden, so ist es auch mit der ökonomischen Dynamik. Die kommt nicht von der Stelle, weil wir ein ganzes Netz von Regulierungen aufgespannt haben, wo man immer wieder vor neue Hürden läuft als unternehmerischer Akteur oder auch als Arbeitnehmer.“

In unserem Sozialsystem finden wir inzwischen eine solche Komplexität des Regelungssystems, dass sich dann plötzlich diese Regulierung gegen diejenigen wendet, denen man ursprünglich mal helfen wollte. Um das zu ändern, gehe es nicht darum, einen Hebel an einer Stelle umzulegen, sondern systematisch alle Regeln durchzukämmen. Jede einzelne Verbesserung sei zwar noch kein Gamechanger, aber der Gamechanger komme dann, „wenn wir dieselben marktwirtschaftlichen Kriterien an das gesamte Regulierungsregime anlegen und uns dann wieder frei kämpfen in diesem Dschungel an Überregulierung„. Dafür brauche es einen bestimmten Mindset.

Prof. Kooths meint aber, eine Änderung im Diskurs feststellen zu können inzwischen. Vor knapp zweieinhalb sei man z.B. Milei in Europa und gerade auch in Deutschland noch mit Häme begegnet und habe in der Berichterstattung alles schlecht geredet. Das habe sich nun aber verändert, auch dank der Erfolgsbilanz von Milei. Wir in Europa „können dann eben auch von Ländern lernen, die solche Reformen machen“, so Stefan Kooths.

Zurück zum Subsidiaritätsprinzip

Ganz wichtig erscheint es Prof. Kooths, dass wir das Subsidiaritätsprinzip wieder stärken. Dazu gehöre insbesondere auf allen Ebenen die Zuständigkeiten zu klären und solche Doppelzuständigkeiten oder sogar Dreifachzuständigkeiten, die wir zum Teil haben, dass wir die wieder ausräumen. Das Grundprinzip müsse sein, wo immer es möglich ist, Zuständigkeiten auf die kleinste, die niedrigste Ebene zu verlagern und dann sollen sich auch die übergeordneten Eben dort nicht mehr einmischen. Die EU sei hier seit mehr als zehn Jahren auf Abwege geraten. Wenn wir das nicht reformieren, drohe, die gesamte EU auseinanderzufallen.

Der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU sei hier schon der der Präzedenzfall gewesen, worin der Top-Ökonom gerade auch in Bezug auf die deutsche Politik ein absolutes Versagen diagnostiziert. „Man hätte viel mehr politisches Kapital investieren müssen, die Briten in der Europäischen Union zu halten“.

Heute  müssen wir aufpassen, „dass wir keine schrägen Diskurse führen, dass nicht die, die die Europäische Union wieder flott machen wollen, sie wieder funktionsfähiger machen wollen, dass die nicht als antieuropäisch gelten, nur weil das eben bedeutet, dass bestimmte Kompetenzen wieder auf die nationale oder sogar noch  eine Ebene darunter verlagert wird. Ich nehme aber wahr, dass diese ganzen Diskussionskeulen, die man jahrelang strapaziert hat, immer weniger verfangen“, macht Stefan Kooths Hoffnung. Erfreulicherweise sei es so, dass das Bewusstsein dafür, dass es so wie in den vergangenen Jahren nicht weitergehen könne, immer weiter wächst. Und auch die Bereitschaft, mal über prinzipielle Reformen nachzudenken, wachse.

Die Wichtigkeit der Standortpolitik

Sozialisten hätten es geschafft, Neoliberalismus zur linken Kampfvokabel zu machen. Ebenso den Begriff Marktwirtschaft. Indem Liberale eigene marktwirtschaftliche Prinzipien aufgeben, um Sozialisten ein Stück weit entgegen zu kommen, öffnen sie damit das Einfallstor für die Sozialisten, weil man dann gar nicht mehr begründen kann, warum man nicht noch die nächste Intervention gleich mitmachen kann, auch die übernächste und die überübernächste. Das heißt, hier brauche es eine gewisse Prinzipienfestigkeit. Andernfalls werde das zu einem Einfallstor für den Interventionismus.

Deutschland habe einige eklatante Standortschwächen. Standortpolitik sei nichts für die oberen Zehntausend. Denn die haben immer die Möglichkeit, ihre Zelte hier abzubrechen, das Land zu verlassen und woanders auf der Welt glücklich weiterzuleben. Standortpolitik muss man für diejenigen machen, die diese Optionen nicht haben. Das sind typischerweise die weniger gut qualifizierten Arbeitskräfte. Die gut qualifizierten können sich ihren Arbeitsplatz auf der Erdkugel frei aussuchen. Die weniger gut Qualifizierten können das nicht. Die sind davon abhängig, dass ihre Arbeitskraft hier am Standort produktiv ist. „Für die machen wir das“, so Stefan Kooths. Das ist die eine große Gruppe. Und die andere große Gruppe sind die Rentner. Die können zwar das Land verlassen, aber das nutzt ihnen nichts, weil ihre Rentenhöhe sich nach dem bemisst, was an diesem Standort erwirtschaftet werden kann.  Javier Miley sei übrigens vor allem von den Argentiniern gewählt worden, die in Argentinien bleiben wollten. Das habe den Linken am meisten verärgert, dass er von den Leuten gewählt wurde, von denen sie meinten, sie fest zu ihrer eigenen Klientel zählen zu dürfen.

Literaturempfehlung

Stefan Kooths: Marktwirtschaft – Wohlstand, Wachstum, Wettbewerb, Kohlhammer 2025

Hinweis

Hier finden Sie weitere Informationen zur Milei-Konferenz 2026, die am 14.03.2026 in Leipzig stattfindet. Dort wird unter anderem auch Prof. Dr. Stefan Kooths referieren.

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