Wo die Toleranz des Humanisten im Gegensatz zu der des Idioten endet

Von Jürgen Fritz, Fr. 26. Okt 2018

„Die Menschen kommen durch nichts den Göttern näher, als wenn sie Menschen glücklich machen.“ – „Suche nicht andere, sondern dich selbst zu übertreffen.“ – In diesen beiden Zitaten von Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.) kommen die beiden Momente des Humanismus wunderbar zum Ausdruck. Doch was genau bedeutet Humanismus im Gegensatz zur Humanität und zum Humanitarismus und wo endet die Toleranz des Humanisten gegenüber der des Idioten?

Humanismus = Liebe zum Menschen (Wohlwollen) + Bildung

Der neuzeitliche Humanismus beginnt bereits im 14. Jahrhundert. Die Grundidee – menschenfreundliche Gesinnung plus Bildung – geht schon auf Cicero zurück. Dieser war vom griechischen Philanthropie-Ideal, der Liebe zum Menschen, zutiefst beeindruckt, das er für eine spezifisch griechische Errungenschaft hielt. In diesem Sinne konstatierte er, die Menschlichkeit sei von den Griechen nicht nur praktiziert worden, sondern von ihnen zu den anderen Völkern ausgegangen. Daher schuldeten die Römer nun, da sie Griechenland beherrschten, den Griechen ganz besonders eine menschenfreundliche Behandlung.

Spätestens bei Cicero trat aber neben die herkömmliche Hauptbedeutung von humanus und humanitas eine weitere, die sogar in den Vordergrund rückte. Nach seinem Verständnis gehörte zum Menschentum nicht nur eine wohlwollende „Humanität“, sondern in erster Linie Bildung. Dabei ging es ihm um die Verwirklichung eines Bildungsideals, das an die griechische paideía anknüpfte. Paideia ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis der antiken Kultur und ein zentraler Wertebegriff. Die intellektuelle und ethische Erziehung und Bildung bezeichnet die Hinwendung des Menschen zum Denken des Maßgeblichen und die Ausbildung der Arete (Vortrefflichkeit). Nur durch die richtige Paideia erreicht die Seele ihre Arete, ihre Bestheit, nur durch sie wird der Mensch zu dem, der er sein kann.

Renaissance-Humanismus

Die Verfechter des neuzeitlichen Humanismus traten dann dafür ein, die antike Gelehrsamkeit wiederzubeleben. Sie lasen die antiken Autoren und entwickelten aus diesen Schriften eine kritische Haltung gegenüber ihrer Gegenwart, was sich im Laufe der Zeit auf das Menschenbild auswirkte. Der humanistische Lebensentwurf, der an das antike römische Konzept der humanitas anknüpfte, trat als Alternative neben das traditionelle, aus dem Mittelalter überkommene Menschenbild, das stark auf Gott und das Jenseits ausgerichtet war. Die antiken Ideale der griechischen und römischen Philosophen sollten wiederbelebt werden. Der italienische Dichter Petrarca (1304 – 1374), der den Beginn der Renaissance markiert, besingt zum Beispiel nicht einfach die Schönheit der Natur – das taten viele vor ihm -, sondern er schildert, was die Erfahrung der Natur in ihm auslöst und wird damit zum Begründer der modernen Subjektivität. Die Menschen erkennen jetzt zunehmend, wie wichtig ihr eigenes Ich für das ist, was sich ihnen von der Welt erschließt.

Der Humanismus war aber vor allem eine Bildungsbewegung. Aus ihr entwickelte sich eine umfassende Rückbesinnung auf die Antike auch in der Kunst und der Architektur. Darum nennt man diese Zeit auch Renaissance (Wiedergeburt) und spricht vom Renaissance-Humanismus. Der Schwerpunkt dieser Bildung lag dabei auf den Sprachen und den sprachlichen Ausdrucksmitteln. In den humanistischen Gymnasien lernten die Schüler bis vor wenigen Jahrzehnten daher Latein und Altgriechisch als erste Fremdsprachen. Ab dem 16. Jahrhundert nahmen dann in der Folge die neuzeitlichen Naturwissenschaften, ihren Ausgangspunkt. Diese standen zwar in einem spannungsreichen Verhältnis zur vor allem humanistischen Philologie, aber sie knüpften ebenfalls vor allem an die griechische Antike an und traten einen einzigartigen Siegeszug an, katapultierten Europa damit an die Spitze der Entwicklung der Welt. Insofern bereitete der frühe Renaissance-Humanismus mit seinen vor allem textkritischen und vergleichenden Methoden ein rationales Denken der Vorurteilslosigkeit und der wissenschaftlichen Prüfung von Sachverhalten mit vor.

Wo die Toleranz des Humanisten endet

Der Humanismus stellt hierbei den einzelnen Menschen mehr in den Vordergrund. Es kommt also zu einer allmählichen Akzentverschiebung. Wichtigster Grundzug ist eine an der Antike orientierte menschliche (humane), nicht theologische Bildung. Der Mensch steht jetzt also zunehmend mehr im Zentrum. Zu den Prinzipien des Humanismus gehören: Andere Menschen sollen ihre Meinung vertreten dürfen (Recht auf freie Meinungsäußerung, inkl. Religionskritik) und geduldet sein (Toleranz). Es soll keine Gewalt geben. Jeder soll frei sein, Entscheidungen nach seinem Gewissen zu treffen.

Auf diesen Grundlagen soll das menschliche Zusammenleben beruhen. Dazu gehören auch Güte, Mitgefühl und Freundlichkeit. Der Mensch soll tüchtig sein und seine Fähigkeiten voll entfalten. Dazu gehören insbesondere seine geistigen und kreativen Fähigkeiten und seine Autonomie, seine Selbstbestimmungsfähigkeit = Menschenwürde. Der Mensch wurde also ab jetzt mehr und mehr nicht nur als kleines, unbedeutendes Geschöpf in einem großen, von Gott gemachten Getriebe gesehen, ein Geschöpf, das sich sich stur an religiösen Regeln zu orientieren habe. Aus dem dumpfen Knecht Gottes sollten freie, selbstbestimmte, mit Würde versehene Wesen werden.

Moderner Humanismus impliziert also, diejenigen, die das zerstören oder unterlaufen wollen, die den Menschen wieder zum Knecht eines (imaginierten) metaphysischen Wesens oder der Machteliten machen wollen, die die Welt wieder zurück ins Mittelalter führen wollen, aktiv zu bekämpfen und das nicht zuzulassen. Hier endet die Toleranz des Humanisten, die des Idioten, der keinerlei Bildung besitzt und für den alles gleich, der also gerade kein Humanist ist, natürlich nicht.

P.S.: Der Idiot

Das Wort leitet sich vom griechischen ἰδιώτης (idiotes) her, was in etwa so viel bedeutet wie „Privatperson“. Es bezeichnete in der Polis Personen, die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich gewesen wäre. In der Attischen Demokratie, die auf informierten und aktiven Bürgern (Polites) beruhte, waren die Idiotes wenig geschätzt. Man wurde als Idiot geboren und blieb es, wenn nicht Erziehung und Bildung den politische bewussten Bürger schufen, meinte Tocqueville. Gemeint sind hier also Personen, die aus Mangel an Interesse oder Intellekt für die Belange der Allgemeinheit wenig oder gar nichts beitragen, die sich für das Gemeinwohl der Polis (des Staates) nicht interessieren.

Ins Lateinische als idiōta entlehnt, verschob sich die Bedeutung des Wortes hin zu „Laie“, auch „Pfuscher“, „Stümper“, „unwissender Mensch“. Später wurde der Begriff allgemein auf Laien oder Personen mit einem geringen Bildungsgrad angewandt.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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