Schreiben, was ist, oder: Schreiben, was sein soll?

Von Axel Stöcker, Fr. 04. Jan 2019

Claas Relotius hat Mediengeschichte geschrieben, das aber dergestalt, wie es dem Magazin, für welches er zuletzt hauptsächlich schrieb, nun gar nicht Recht sein kann. Denn plötzlich schauen nicht nur einige, sondern fast alle da genauer hin, wo diejenigen, die uns allwöchentlich und alle Tage mit Informationen versorgen, es gar nicht gerne haben, dass da hingeschaut wird. Und es dämmert dem ein oder anderen, dass dieser unscheinbare junge Mann nur die Spitze eines Eisberges, ein Exemplar eines ganzen Typus von Journalisten sein könnte, dass wir überall von Relotiussen umgeben sind, die anderen ihr Blatt nur vorsichtiger als er reizen, so dass sie nicht ganz so leicht und nicht ganz so spektakulär auffliegen. Axel Stöcker beleuchtet die Spiegel-Affäre 2.0.

Verhindern, dass gelogen wird

In diesen Tagen nimmt eine Untersuchungskommission beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel ihre Arbeit auf. Sie soll „Routinen beim Spiegel hinterfragen“. Es geht um Routinen der Kontrolle, die sicherstellen sollen, dass das Geschriebene und das Geschehene übereinstimmen. Für die Kontrolle besitzt das Magazin eine „hauseigene Dokumentation“, intern „Dok“ genannt. Die gut 60 Personen dieser Abteilung haben die Aufgabe „jedes Wort und jede Zahl“ eines Artikels zu verifizieren, bevor er veröffentlicht wird. Sie sollen Recherchefehler korrigieren. Und: Sie sollen verhindern, dass gelogen wird.

Letzteres gelang in den vergangenen Jahren jedoch nur mit Einschränkungen. Wie inzwischen allgemein bekannt, konnte der mit Preisen überhäufte Starreporter Claas Relotius große Teile seiner Reportagen frei erfinden, ohne dass dies der Dokumentation des oft als „Leitmedium“ apostophierten Hamburger Magazins aufgefallen wäre. Die „Dok“ arbeite vertrauensvoll mit den Reportern zusammen und sei nicht darauf eingestellt, dass sie jemand mit „krimineller Energie“ hinters Licht führe, heißt es dazu – halb entschuldigend, halb rechtfertigend – beim Spiegel.

Man gibt sich ungewohnt selbstkritisch und demütig, sogar von Scham ist die Rede. Dazu hat man auch allen Grund, denn man bangt um das Vertrauen der Leser. Es mag für Leser von JFB schwer nachvollziehbar sein, aber in ihrer Selbstwahrnehmung genießen Spiegelleser ein Premiumprodukt bei ihrer Lektüre (ich kenne das Gefühl noch, denn bis vor ca. 8 Jahren las ich selbst ziemlich regelmäßig den Spiegel). Was nun geschehen ist, ist in etwa so, wie wenn jemand sein Brot immer beim Bio-Bäcker mit dem besten Ruf am Ort gekauft hat, um dann zu erfahren, dass der Teig seit Jahren mit Sägemehl gestreckt wurde.

Hohler Politsprech respektive Bullshit-Bingo

Nun soll also aufgeklärt werden. Jede Silbe, jeder Aufenthalt von Relotius, jede Kontaktperson werde noch einmal durchgecheckt, heißt es beim Spiegel und zwischen den zerknirschten Zeilen scheint bereits ein gewisser Stolz durch: Seht her, so professionell arbeitet nur der Spiegel seine eigenen Fehler auf. Dazu passt auch der Spiegel-Titel der vergangenen Woche. „Schreiben, was ist“ stand da trotzig in unschuldig-weißen Lettern vor spiegelorangenem Hintergrund zu lesen – das Motto des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein.

Indem man „schreiben, was ist“ titelte, schrieb man allerdings gerade das, was nicht ist bzw. in den letzten Jahren nicht war. Dass das in der „Dok“ niemandem aufgefallen ist, gibt einem schon wieder zu denken. Was würde man eigentlich dem Bäcker erzählen, der nach dem Sägemehlskandal ein Plakat mit der Aufschrift: „Nur hier: Echt Bio!“ in sein Schaufenster hängte?

Relotius sei ein Einzeltäter mit krimineller Energie gewesen, heißt es. Eine absolute Sicherheit gegen solche Betrugsversuche könne es nicht geben, aber man werde das Menschenmögliche tun, um sie zu verhindern. Einzelfall, keine absolute Sicherheit, das Menschenmögliche tun – das erinnert verdammt an den hohlen Politsprech unserer Volksvertreter nach einem islamistischen Attentat. Nicht unbedingt falsch, aber eben Bullshit-Bingo.

Schreiben, was ist, oder schreiben, was sein soll?

Nun soll man den Ergebnissen der Untersuchungskommission nicht vorgreifen, aber die Gefahr scheint doch groß zu sein, dass man beim Spiegel, wie in der Politik, am Ende nur ein paar Stellschrauben im Sicherheitssystem neu justiert und die eigentlichen Fragen gar nicht stellt. Was für den islamistischen Terror die offenen Grenzen sind, das könnte beim Spiegel die Erwartungshaltung der Redaktion sein. Wie Alexander Wendt schon unübertrefflich formulierte: „In dem Moment, in dem Klaus Brinkbäumer, Heribert Prantl und Jakob Augstein die Reportagen von Relotius lasen, glaubten sie ihre eigenen Kommentare.“

Dass man an diese Frage nicht ran will beim Spiegel, ist bereits jetzt mit Händen zu greifen. Auf die Frage von Spiegellesern (!): „Kann es sein, dass Claas Relotius geglaubt wurde, weil seine Texte vielen ins Weltbild passten? (…)“ antwortet man leicht übermotiviert: „Nein. Einem Journalisten wird beim SPIEGEL grundsätzlich nicht geglaubt, weil er eine bestimmte Haltung einnimmt. (…)“

Allein die Einseitigkeit von Spiegel-Online (ein Quotenkonservativer gegen den Rest der Redaktion) macht es einem sehr schwer zu glauben, dass hier nicht – bewusst oder unbewusst – bestimmte Haltungen bevorzugt werden. Oder wäre Relotius‘ Karriere genauso verlaufen, wenn er statt der Geschichte vom ehrlichen syrischen 1.000-Euro-Finder jene vom edelmütigen AfD-Politiker, der ein Spendenprojekt für die dritte Welt betreut, erfunden hätte? Wäre er ebenso gut damit durchgekommen, wenn er sich statt der Reportage von den Mexikaner-feindlichen Trump-Wählern jene vom USA-feindlichen Flüchtling ausgedacht hätte? Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!

Der „normale“ Spiegel-Journalist ist so wenig ein Relotius, wie der „normale“ Migrant ein Attentäter ist. Aber hier wie dort ist es ist doch reichlich naiv anzunehmen, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun und es gebe kein Umfeld, das die Entstehung solche Figuren fördert – und sei es ungewollt. Daher muss die Frage schon erlaubt sein: Ist das Motto beim Spiegel wirklich immer: „Schreiben, was ist“? Oder lautet(e) es manchmal doch eher: „Schreiben, was sein soll“? Noch hat die – angeblich unabhängige – Kommission die Möglichkeit, dieser Frage nachzugehen.

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Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren an.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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