Anetta Kahane wird 65: Hubertus Knabe beleuchtet die Vergangenheit von IM Victoria

Von Jürgen Fritz, Do. 25. Jul 2019

In Wie SED-ler in der Bundesrepublik weiter wirken und wer da alles mit drin hängt haben Vera Lengsfeld und ich die Amadeu Antonio Stiftung schon einmal genauer unter die Lupe genommen. Heute wird deren Vorsitzende Anetta Kahane 65 Jahre alt. Der Historiker Hubertus Knabe, der 18 Jahre lang Direktor der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen war und sich intensiv mit der DDR-Staatssicherheit, den Oppositionsbewegungen im Ostblock sowie der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigte, hat sich nun der Vergangenheit und Gegenwart dieser ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin gewidmet, die „einen ausufernden Kampf gegen Rechts“ führt. Heraus kam ein Artikel, den man unbedingt gelesen haben sollte.

IM Victoria

Die handschriftliche Verpflichtungserklärung war kurz, aber eindeutig:

„Hiermit erkläre ich mich bereit, auf freiwilliger Basis mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuarbeiten. Ich verpflichte mich, mit niemandem über diese Verbindung zu sprechen. Aus Sicherheitsgründen wähle ich mir den Decknamen Victoria.“

So begann alles im Jahre 1974. Kahane war damals knapp 20 Jahre alt. Acht Jahre, nicht sechs, wie sie selbst bisweilen erzählte, war sie als Spitzel für die Geheimpolizei der SED-Diktatur tätig, lieferte zahlreiche Berichte über Freunde und Bekannte. Niemand war vor ihr sicher, der in ihre Nähe kam. Selbst persönlichste Dinge landeten so direkt bei der Geheimpolizei, ohne dass die Menschen wussten, wie ihnen geschah. Dabei kommt Hubertus Knabe nach umfangreichem Aktenstudium zu dem Ergebnis:

»Den Unterlagen zufolge zeigte Kahane keine Hemmungen, über andere Personen Auskunft zu geben. (…) Neben Einschätzungen zu den politischen Auffassungen der Diplomaten hintertrug sie der Stasi auch viele private Details – von der Kleidung über das Benehmen bis hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Für das MfS waren diese Informationen vor allem für die Anfertigung von Personendossiers von Bedeutung. Im Ministerium für Staatssicherheit bildeten diese gleichsam das Fundament der geheimdienstlichen Arbeit. 

Auffällig an Kahanes Berichten ist ihre nahezu ungebremste Bereitschaft, der Stasi auch über ganz private Begegnungen zu berichten. Wer das Pech hatte, mit ihr gemeinsam Polterabend oder Fasching zu feiern, landete, ohne dies zu ahnen, anschließend häufig in einer Stasi-Akte. (…)

Kahanes Berichte betrafen aber nicht nur Ausländer, sondern auch DDR-Bürger. Diese gerieten dadurch noch mehr in Gefahr, weil sie sich einem Zugriff der Stasi kaum entziehen konnten. Bereits in ihrem zweiten Gespräch mit dem MfS-Offizier nannte Kahane 1974 mehrere Personen, die „potentiell für staatsfeindliche Handlungen“ infrage kämen. Zwei Jahre später teilte sie über zwei prominente DDR-Künstler mit: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“ (…) Dass Klaus Brasch, wie im Internet behauptet wird, wegen ihrer Denunziation vier Jahre später Selbstmord beging, wird durch die Akten allerdings nicht bestätigt.

Kahane informierte ihren Führungsoffizier auch über Sympathisanten des ausgebürgerten DDR-Liedermachers Wolf Biermann. Eine Bühnenbild-Studentin brandmarkte sie „als politisch ungefestigt und unklar“. Einen in Mozambique eingesetzten DDR-Experten, der sich negativ über Land und Leute geäußert hatte, prangerte sie wegen „rassistischer Tendenzen“ an. Von Partys oder Geburtstagsfeiern übermittelte sie akribisch die Namen und Tätigkeiten aller Teilnehmer. Einige der IM-Berichte hat der Journalist Dirk Maxeiner unlängst ausführlicher dokumentiert – als erster und einziger, obwohl die Akte seit 27 Jahren zugänglich ist.«

Die zweite Geschichte der IM Victoria

Doch Hubertus Knabe beleuchtet nicht nur die 1970er und frühen 1980er Jahre, sondern auch die Zeit danach, insbesondere wie Kahane ihre eigene Vergangenheit nach 1990 selbst darstellte.

»Der Ausstieg aus der IM-Tätigkeit ist Kahane zweifellos positiv anzurechnen. Andere Spitzel haben bis zum Ende der DDR weitergemacht. (…) Stimmt es, dass sie – wie sie im April 2016 erklärte – ihre IM-Vergangenheit stets öffentlich gemacht und nie beschönigt hat? Die Antwort auf diese Frage ist, wenn man so will, die zweite Geschichte der IM „Victoria“. 

Nach dem Erscheinen eines kritischen Artikels über Kahanes IM-Tätigkeit im Focus im Dezember 2016 verwahrte sich die Chefin der Amadeu Antonio Stiftung gegen den Vorwurf, sie habe ihre MfS-Biografie lange Zeit verschwiegen. Über ihren Anwalt ließ sie mitteilen, sie habe „vielfach vor dem Jahre 2002 auf die IM-Verstrickung hingewiesen“. Zum Beweis nannte sie mehrere Personen, die sie 1990/91 informiert hätte. Eine Bestätigung durch die Genannten wurde allerdings nicht vorgelegt. Öffentlich wurde ihre Stasi-Tätigkeit verschiedenen Presseberichten zufolge freilich erst im Oktober 2002 – nachdem sie von der Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) für das Amt der Ausländerbeauftragten vorgeschlagen worden war. (…)

In einem Bericht aus dieser Zeit heißt es, ihre Absage für das Amt „erfolgt nun zwei Tage, nachdem sie eine IM-Tätigkeit zugab.“ Laut einem weiteren Artikel gestand sie damals ein, als die Akte Anfang der neunziger Jahre „gekommen“ sei, habe sie „nicht das größte Interesse an einer Veröffentlichung“ gehabt, da ihr gesamtes Leben aus diesem einen Punkt heraus hätte bewertet werden können. Liest man die Artikel dieser Zeit, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kahane damals auch den Inhalt ihrer IM-Tätigkeit zu beschönigen versuchte. (…)

Als Heldin statt als Spitzel präsentierte sich Kahane auch in ihrer 2004 erschienenen Autobiografie. Statt reinen Tisch zu machen, beschreibt sie sich dort als Kritikerin der DDR, die sich nur widerwillig mit einem Mitarbeiter des MfS getroffen hätte. Die Stasi hätte sie bei der Anwerbung unter Druck gesetzt. Ihr sei es sogar verboten worden, sich mit Lateinamerikanern zu treffen, und wegen ihrer politischen Einstellung habe sie lange Zeit nicht ins Ausland reisen dürfen. Ihre Spitzelberichte erwähnte sie nicht. Stattdessen behauptete sie: „Ich wollte auf keinen Fall schlecht über Leute reden, über deren Absichten und Ansichten, selbst wenn ich sie nicht teilte.“ Dieses Selbstbild bestimmt bis heute die Selbstdarstellung Kahanes.«

Kahane und die Amadeu Antonio Stiftung ließen sogar Gutachten erstellen, in denen versucht wurde, Kahane reinzuwaschen. Höchst fragwürdige Gutachten, wie Hubertus Knabe dezidiert aufzeigt. Und so kommt der Historiker zu dem Resumé:

»Dass die Helfershelfer der SED-Diktatur heute wieder über Macht und Einfluss verfügen, ist vor allem für die Opfer der Stasi schwer zu verstehen. Viele von ihnen haben sogar den Eindruck, dass Kahanes politische Aktivitäten nahtlos an ihre früheren Zusammenarbeit mit dem MfS anknüpfen. Die Vergangenheit kehrt in ihren Augen gleichsam zurück.«

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Lesen Sie hier den gesamten Artikel von Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns.

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Titelbild: ARD-Screenshot von Anetta Kahane

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