Nicht Polizisten sollten auf die Knie fallen, sondern Prediger mehrerer Religionen

Von Herwig Schafberg, So. 28. Jun 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot

Heute vor 51 Jahren, am 28. Juni 1969, begannen in der New Yorker Christopher Street die Stonewall riots, durch welche die gay liberation gewaltigen Auftrieb bekam. Bei der Glorifizierung dieser riots wird allerdings kaum erwähnt, dass es damals nicht bloß um schwule, sondern auch um schwarze Opfer von Polizeigewalt ging. Reumütig auf die Knie fallen sollten jedoch weniger Polizisten als viel mehr Prediger – nicht vor Gott, sondern vor Menschen. Denn Prediger unterschiedlicher Religionen sind es gewesen, die Jahrhunderte lang verkündet haben, dass Schwule den Tod und Schwarze Knechtschaft verdient hätten. Herwig Schafberg nimmt uns mit zurück ins Jahr 1969.

Stonewall riots homo- sowie transsexueller Farbiger

In den 1960er Jahren galt es in den USA wie in Europa noch als „anstößig“, homosexuelle Neigungen offen zu zeigen. Das konnte wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ strafrechtlich verfolgt werden. Deswegen waren bestimmte Bars und Clubs in Städten wie New York die einzigen Rückzugsräume außerhalb ihrer Wohnungen, in denen Homo- und Transsexuelle ihre Neigungen nicht zu verbergen brauchten, solange es keine Razzien der Polizei gab. Solche Razzien endeten häufig mit der Festnahme von Gästen, die durch ihr Verhalten oder ihr Erscheinungsbild „Anstoß“ erregt hätten: Besonders Männer, die in Frauenkleidern aufgegriffen wurden.

So war es nichts Neues, als in der Nacht zum 28. Juni 1969 Polizisten eine Razzia in einem New Yorker Lokal namens Stonewall durchführten und dort „anstößig“ wirkende Gäste festnehmen wollten. Neu war jedoch, dass sie dabei auf Widerstand stießen, der vor der Tür – in der Christopher Street – durch Passanten verstärkt wurde. Dort kam es in den folgenden Tagen zu weiteren Protestaktionen, an denen mehr als tausend Menschen teilnahmen.

Daran beteiligt waren vor allem Schwarze und Latinos, die sich durch die Razzien besonders schikaniert fühlten und den Verdacht hatten, dass Festnahmen nicht bloß sexistisch, sondern auch rassistisch motiviert waren. Das Stonewall war anscheinend ein Treffpunkt vor allem homo- sowie transsexueller Schwarzer und auch Latinos, die kaum Zugang zu relativ sicheren Clubs hatten, in denen die weiße homosexuelle Schickeria ungestört verkehrte.

Christianisten haben ebenso wie Islamisten “No tears for Queers”

Seitdem es die „gay liberation front“ gibt, die als Reaktion auf die „Stonewall riots“ gebildet wurde, hat sich viel verändert: Homosexuelle werden in den USA wie auch in den meisten europäischen Ländern längst nicht mehr strafrechtlich verfolgt und sollen auch nicht mehr diskriminiert werden.

Die Veränderungen haben allerdings nicht bei allen heterosexuell Normierten Beifall gefunden. Das Schmähwort „schwul“, mit dem homosexuelle Männer seit langem stigmatisiert werden, hat zwar eine deutliche Aufwertung in der deutschen Umgangssprache erfahren, wird jedoch ebenso wie die Bezeichnung „Jude“ von vielen Menschen weiterhin zum Schmähen gebraucht und reizt manch einen zur Gewaltanwendung gegen „Schwule“ und „Juden“. Dabei denke ich nicht bloß an Frevler aus den muslimisch sozialisierten Milieus unserer Städte, sondern auch an andere – nicht zuletzt an jene Christen, die ebenso große Defizite in der Entwicklung zum Homo Sapiens zeigen.

Mitglieder der Westboro Baptist Church entblödeten sich nicht, eine Trauerfeier für Matthew Shepherd zu stören, der wegen seiner Homosexualität ermordet worden war: „No tears for Queers“ sowie „Matt to Hell“ stand auf Plakaten, die sie der Trauergemeinde entgegen halten wollten. Sie stießen aber auf Gegendemonstranten, die sich – als „white Angels“ verkleidet – zwischen die Angehörigen des Toten und die schwarzen Baptisten stellten.

Dass „white Angels“ sich black people entgegenstellten, mögen religiöse und antirassistische Schwarze sowie autorassistische Weiße als Affront empfinden; es wurde aber zum Vorbild für ähnliche Aktionen bei weiteren Beerdigungen: Obwohl zur Gemeinde der Westboro Baptist Church nur rund vierzig Verwandte des Predigers Fred Phelps gehörten, waren diese frömmelnden Baptisten umtriebig frevelnd und sorgten nicht bloß bei der Bestattung von Matthew Shepherd und anderen Homosexuellen, sondern auch von Politikern und Soldaten gleich welcher sexuellen Orientierung für Empörung, wenn sie dort mit Plakaten auftraten, auf denen zu lesen war: „God Hates Fags“ oder „Fag Troops“; denn in ihrer religiotischen Homophobie gingen sie so weit, dass sie im Irak-Krieg eine Strafe Gottes für die Tolerierung von Homosexuellen sahen und bei der Bestattung eines getöteten US-Soldaten Schilder zeigten, auf denen sie Gott für dessen Tötung dankten.

Soweit US-Streitkräfte im Zusammenhang mit Homosexuellen etwas anzulasten ist, dann ist es ihre Kooperation im Irak mit einem hohen muslimischen Geistlichen, obgleich dessen Milizen regelmäßig Jagd auf Homosexuelle machten und diese sadistisch umbrachten; denn „Homosexuelle sollten in der schlimmst möglichen Art und Weise getötet werden,“ wie ihnen gepredigt wurde. Wer von diesen fromm frevelnden Hosenstallschnüfflern verdächtigt wurde, homosexuell zu sein, lief Gefahr, dass ihm der Darmausgang fest zugeklebt wurde und er insofern elendig verrecken musste oder dass ihm vor der Tötung die Genitalien abgeschnitten wurden.

Black lives matter – nicht für muslimische und christliche Sklavenhändler

Männer zu kastrieren, hatte im arabisch-muslimischen  Kulturkreis eine weit zurückreichende Tradition. Opfer  waren vor allem schwarze Sklaven. „Der muslimische Sklavenhandel war der längste in der Geschichte der Menschheit“, schreibt der sudanesische Anthropologe N`Diaye: „Der verschleierte Völkermord der Araber“, so ist der Titel seines Buches, „währte 13 Jahrhunderte und hatte viel mehr Opfer als der Sklavenhandel nach Amerika – der 400 Jahre dauerte. Und das Traurigste daran ist“ nach N`Diaye`s Einschätzung, „dass die meisten der Verschleppten unglücklicherweise keine Kinder bekommen konnten, weil sie kastriert wurden.“ Dass ein großer Teil der Opfer an den Folgen des Eingriffs starb, steigerte den Wert der überlebenden Eunuchen, für die es im muslimischen Orient einen hohen Bedarf als versklavte Haremswächter und  -aufseher gab.

Die Versklavung von Schwarzen war keine Erfindung jener Weißen, die sich mit christlichen Missionaren an Bord auf den Weg zu afrikanischen Sklavenmärkten machten; denn dass schwarze Afrikaner von anderen Schwarzen versklavt und verkauft wurden, hatte sich bereits zu einem grenzübergreifenden Geschäftsmodell entwickelt, nachdem die islamisierten Araber Nordafrika den „Gesetzen Allahs“ unterworfen hatten.

Abgesehen davon, dass Nichtmuslime ohnehin nicht mit Muslimen vor diesen Gesetzen gleichgestellt waren und versklavt werden durften, galten Schwarze aus der Sicht von Muslimen sowie von Christen als Nachkommen von Ham. Nach Überlieferungen der abrahamitischen Religionen war dieser von seinem Vater Noah zur Knechtschaft verdammt worden – und mit ihm sämtliche Nachkommen. Das waren aus israelitischer Sicht die Kanaaiter, die dem Volk Israel das „verheißene“ Land nicht überlassen wollten. Damit mochten sich viele fromme Christen und Muslime nicht begnügen, sondern hatten Afrika im Visier und nahmen an, dass Schwarze die zur Knechtschaft verurteilten Nachkommen Hams und von Gott dafür mit dunkler Hautfarbe gekennzeichnet worden wären.

Ich will mich nicht zu der Behauptung versteigen, dass Rassismus zur DNA der drei abrahamitischen Religionen gehört. Es darf allerdings angenommen werden, dass in deren „heiligen Schriften“ manches zu lesen ist, was rassistischen Ressentiments Nahrung gibt und die Herabwürdigung von Menschen zu legitimieren scheint. Erst vor 155 Jahren wurde in den amerikanischen Südstaaten die Versklavung von Schwarzen beendet, die dort unter anderem mit Noahs Fluch gerechtfertigt worden war. Einerlei, inwieweit dieser Fluch als frommes Hirngespinst nachwirkt, ist er bezeichnend für die Geringschätzung, mit der Schwarze von Weißen im christlichen Occident und von Farbigen im muslimischen Orient seit Jahrhunderten behandelt und teilweise auch misshandelt werden, wie Betroffene in nordamerikanischen Städten sowie in nordafrikanischen Lagern brutal erfahren müssen.

Mit dem „Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act” gegen Hassverbrechen

Zu den Opfern rassistisch motivierter Gewalt in den USA gehörte James Byrd. Jr., der wegen seiner schwarzen Hautfarbe von Weißen gelyncht wurde und mit seinem Verhalten ebenso wenig Anlass für seine Ermordung gegeben hatte wie Matthew Shepard, dem seine homosexuelle Orientierung zum Verhängnis geworden war. Zur Bekämpfung solcher Verbrechen beschloss der US-Kongress den „Hate Crimes Prevention Act“ und benannte ihn nach James Byrd, Jr und Matthew Shepard, als ob man damit dem Tod der beiden einen Sinn geben könnte.

Doch der gewaltsame Tod hat keinen Sinn, auch wenn Prediger sich nicht entblöden, die Tötung von Menschen als göttlich gewollte Strafe für individuelle oder kollektive „Sünden“ zu rechtfertigen. Mit dem vermeintlichen Willen Gottes begründeten auch die Mörder von Matthew Shepard ihre frevlerische Tat. Sie könnten sich dabei auf evangelikale Frömmler gleich welcher Hautfarbe berufen, die in Afrika an der Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle mitwirkten, und waren um keinen Deut humaner als fromme Frevler islamischen Glaubens, die mit der Tötung von Homosexuellen eine breite Blutspur von Zentralasien bis nach Nordafrika gezogen haben. Die einen wie die anderen nehmen Bezug auf die Legende vom Untergang der Stadt Sodom, die angeblich von Gott (Allah) dafür bestraft wurde, dass Sodomiter vorgehabt hätten, sich an Männern im Hause des Lot zu vergreifen.

Mit dem „Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act” ließ sich nicht das Hassverbrechen verhindern, dass ein Massenmörder an Homosexuellen in Orlando / Florida beging. Daran wurde am Jahrestag vor wenigen Tagen erinnert. Es hätte auch ein Christ sein können, kommentierte ein Journalist der Süddeutschen Zeitung relativierend das Attentat, bei dem knapp 50 zu Tode und über 50 Menschen verletzt wurden. Ja, aber es war ein Moslem namens Omar Mateen. Und er bekannte sich als Kämpfer des Islamischen Staates (IS), der seine frommen Anhänger dazu aufgerufen hatte, sich die Hinrichtungspraxis in seinem Machtbereich frevlerisch zum Vorbild zu nehmen und auch woanders – insbesondere im Westen – Homosexuelle zu töten.

Nach Aussage seines Vaters hatte Omar sich vor zwei Männern geekelt, die sich in der Öffentlichkeit geküsst hätten. Wollte er seinen Ekel genießen, als er mehrere Male in Orlando eine Bar für Homosexuelle besuchte, bevor er eben dort zum Massenmörder wurde? Gehörte er zu jenen religiösen Zwangsneurotikern, die unter Spannungen zwischen ihren sexuellen Begierden und sexualverneinenden Geboten leiden? Glaubte er, sich davon nur erlösen zu können, indem er vernichtete, was er ebenso erregend wie verwerflich fand? Wollte er bei der Gelegenheit auch sein eigenes Leben in religiöser Vorlustspannung – im Sinne Wilhelm Reichs – beenden?

Wenn er glaubte, mit der Tötung von Homosexuellen den Willen Allahs zu erfüllen, starb er vermutlich in dem Glauben, ins Paradies zu gelangen. Und nach Verkündungen im Koran erwarten den Rechtgläubigen dort nicht bloß „Jungfrauen… die berücken mit großen schwarzen Augen“ (Sure 52: Vers 21), sondern auch „ein Kreis von Jünglingen… so schön wie Perlen“ (Sure 52: 25). Wer weiß, was für paradiesische Freuden der fromm frevelnde Omar im Sinn hatte, als er im Kampf für den „rechten Glauben“ andere töten und dann selbst sterben wollte?

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Zum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand arbeitet er als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert. Zuletzt erschien von ihm sein Buch Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern.

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