Russland überholt Deutschland bei Covid-Toten: Gewalt gegen Frauen nimmt nochmals zu

Von Jürgen Fritz, Mo. 29. Jun 2020, Titelbild: DW-Screenshot

Peru mit knapp 33 Millionen Einwohnern und Russland mit knapp 146 Millionen haben am Wochenende Deutschland (83,8 Millionen) bei der Zahl der offiziellen COVID-19-Todesfälle überholt. Dabei mehren sich die Zweifel an den russischen Todesfallzahlen. Einiges deutet darauf hin, dass diese in Wahrheit drei- bis viermal so hoch sind, wie offiziell angegeben. Zudem gibt es Berichte von Hilfsorganisationen, dass die ohnehin schon hohe häusliche Gewalt gegen Frauen in Russland im Zuge des Corona-Lockdowns nochmals drastisch zugenommen habe.

Peru und Russland verzeichnen nun mehr COVID-19-Tote als Deutschland

Zwölf Länder verzeichnen inzwischen offiziell mehr Corona-Tote als Deutschland (Stand: 28.06.2020, am Ende des Tages):

  1. USA: 128.437
  2. Brasilien: 57.658
  3. Großbritannien: 43.550
  4. Italien: 34.738
  5. Frankreich: 29.778
  6. Spanien: 28.343
  7. Mexiko: 26.381
  8. Indien: 16.487
  9. Iran: 10.508
  10. Belgien*: 9.732
  11. Peru: 9.317
  12. Russland: 9.073
  13. Deutschland: 9.029

Peru und Russland haben am Wochenende Deutschland überholt. Dabei deutet vieles darauf hin, dass die Zahl der Todesfälle in Russland nicht nur etwas (das dürfte in den meisten Länder so sein, da nirgends jeder Todesfall erfasst wird), sondern sogar um ein Vielfaches, also mehrere hundert Prozent höher ist, als von den russischen Behörden angegeben wird.

Offizielle Fallsterblichkeit in Russland um 71 Prozent niedriger als im Rest der Welt

Zum einen fällt auf, dass die case fatality rate (Fall-Verstorbenen-Anteil, Fallsterblichkeit, fallbezogene Fatalitätsrate) weltweit bei 4,92 % liegt, in Russland aber nur bei 1,43 % (nur 29 Prozent so hoch wie im weltweiten Durchschnitt). Im Vergleich zu anderen Ländern ist das ausgesprochen wenig. Indien kommt hier beispielsweise auf 3 %, Österreich auf ca. 4 %, Brasilien auf 4,3 %, Deutschland auf über 4,6 %, die USA auf fast 4,9 %, China auf 5,55 %, Schweden auf 8,1 %, Spanien auf 9,6 %, Großbritannien auf 14 %, Italien auf 14,5 % und Frankreich sogar auf 18,3 %.

Bei Ländern, die so hohen case fatality rates aufweisen, ist das meist recht einfach damit zu erklären, dass die Länder, die sehr stark von der Corona-Pandemie betroffen waren, mit dem Testen gar nicht hinterher kamen, also viel zu wenige Infizierte erfassten. Damit ist der Nenner viel zu klein angegeben, was den Bruchwert: Verstorbene/Fälle viel zu groß macht (5/100 ist viel größer als 5/1000). Demnach könnte man höchstens vermuten, dass Russland vielleicht einfach so viel getestet wurde, dass der Nenner eher der Realität entspricht als zum Beispiel in Frankreich, Italien oder Großbritannien.

Sind die tatsächlichen Todesfallzahlen in Russland drei- bis viermal so hoch wie offiziell beziffert?

In Russland wurde in der Tat relativ viel getestet, nämlich bereits 13,05 Prozent der Bevölkerung (130.504 pro eine Million). Das vermag diese große Diskrepanz bei der case fatality rate aber nicht so richtig zu erklären, denn die USA haben auch schon fast 10 Prozent ihrer Bevölkerung getestet, Spanien schon über 11 Prozent, Großbritannien sogar über 13,5 Prozent und Dänemark gar über 17,2 Prozent. Gleichwohl hat Dänemark eine Fallsterblichkeit von 4,77 Prozent, Russland aber nur 1,43 Prozent, also nicht einmal ein Drittel so viel, ja weniger als 30 Prozent. Sind die tatsächlichen Todesfälle also womöglich drei- bis viermal so hoch wie angegeben in Russland? Denn das wäre die andere Erklärung.

Zweifel an den russischen Todesfallzahlen gibt es schon länger. Bereits im Mai stellten die New York Times und die Financial Times die russischen Todesfallzahlen in Frage und wiesen darauf hin, dass 70 Prozent der COVID-19-Todesfälle in Moskau und St. Petersburg in den offiziellen Statistiken gar nicht enthalten seien. 70 Prozent! Die russischen Behörden hingegen behaupten, die offiziellen Zahlen seien korrekt. WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan allerdings erklärte, die russische Statistik zur Coronavirus-Sterblichkeit sei „schwer verständlich“ und die Diskrepanz zwischen der Anzahl der Erkrankten und der Verstorbenen „ungewöhnlich“.

Pathologen unter Druck gesetzt, genehme Berichte zu schreiben

Ende Mai veröffentlichte das russische Gesundheitsministerium eine Liste mit 101 Namen von Ärzten, die mit SARS-CoV-2 gestorben sind. Doch russische Ärzte führen längst eine eigene Statistik – die „Gedenkliste“, auf Mitte Juni bereits über 400 Personen standen. DW berichtete bereits darüber. Auch die Stuttgarter Zeitung berichtete bereits: die enorme Diskrepanz bei der case fatality rates lasse „Spekulationen über mögliche Manipulationen Raum“.

Russland habe die Angewohnheit, gerne unangenehme Wahrheiten zu verschleiern, sagt Judy Twigg, Professorin der Virginia Commonwealth University und Expertin für internationale Studien. Auch Pathologen haben der Nachrichtenagentur AP hinter vorgehaltener Hand verraten, dass sie von den Krankenhausverwaltungen unter Druck gesetzt würden, den Behörden genehme Berichte zu schreiben. Anfragen und Anweisungen, bestimmte Todesursachen zu verdecken, seien „ein unausweichlicher Teil unseres Jobs“, sagte ein Pathologe in Sibirien unter der Voraussetzung, dass sein Name nicht genannt würde.

„Ich traue den offiziellen Statistiken nicht – und ich glaube, ich habe guten Grund dazu“

Auch Datenanalysten haben wiederholt Auffälligkeiten entdeckt. So gebe es Regionen, die mehrere Tage hintereinander exakt die gleichen Infektionszahlen meldeten. Oder die Daten der Regionen und der Zentralregierung wichen voneinander ab. „Ich traue den offiziellen Statistiken nicht“, sagt Boris Owtschinnikow, Direktor der Moskauer Forschungsgruppe Data Insight. „Und ich glaube, ich habe guten Grund dazu.“

Sollten diese wohlbegründete Annahmen stimmen, dass Moskau nur 30 Prozent der tatsächlichen Todesfälle offiziell bekannt gibt, so läge es fast genau im weltweiten Schnitt in der case fatality rate, nur noch minimal darunter (4,77 % statt 4,92 %). Das aber würde bedeuten, das die tatsächlichen Todesfälle drei- bis viermal so hoch sind wie offiziell angegeben, also nicht 9.073, sondern bereits über 30.000.

Russland: Gewalt gegen Frauen nimmt in Corona-Zeiten nochmals zu

Außerdem gibt es Berichte, dass die häusliche Gewalt gegen Frauen im Zuge des Corona-Lockdowns nochmals drastisch zugenommen habe. Ohnehin ist gerade Gewalt gegen Frauen (und auch gegen Homosexuelle) ein großes Problem in Putins Reicht. Schätzung zufolge sterben jedes Jahr ohnehin schon über 10.000 Frauen durch Gewalt ihrer Partner. Häusliche Gewalt werde in Russland noch immer nur gering bestraft, berichtet DW. Und nun sollen in der Corona-Lockdown-Phase die Notrufe um bis zu 75 Prozent zugenommen haben, wie Hilfsorganisationen berichten.

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