Der nächste Kanzler wird Söder oder Merz heißen

Von Jürgen Fritz, So. 28. Jun 2020, Titelbild: YouTube-Screenshots

Würde heute gewählt, kämen CDU/CSU im Wahl-O-Matrix-Mittel aller Institute auf fast 38 Prozent, fast so viel wie Grüne, SPD und Linkspartei zusammen, lägen fast 20 Punkte vor den Grünen. Insofern deutet alles darauf hin, dass die Union, die dann in 52 von 72 Jahren den Bundeskanzler stellte, dies auch ab 2021 tun wird. Fünf Personen kommen derzeit als CDU/CSU-Kanzlerkandidat in Frage. Reale Chancen haben aber eigentlich nur zwei.

So würden die Deutschen derzeit wählen

Betrachten wir zunächst, wie die Bundesbürger im Falle von Bundestagswahlen heute votieren würden. Angegeben ist wie immer für jede Partei der Wahl-O-Matrix-Mittelwert aller Institute,  die – bezogen auf den mittleren Tag der Befragung – in den letzten drei Wochen repräsentative Erhebungen durchführten. Dies waren insgesamt neun. Aufgeführt ist für jede Partei der niedrigste und der höchste Wert dieser neun einbezogenen Institute sowie fettgedruckt das arithmetische Wahl-O-Matrix-Mittel aller neun Werte:

  1. CDU/CSU: 34,9* – 40 % ==> 37,7 %
  2. GRÜNE: 17 – 20 % ==> 18,1 %
  3. SPD: 14 – 16 % ==> 15,2 %
  4. AfD: 911,5* % ==> 10,0 %
  5. LINKE: 79 % ==> 7,8 %
  6. FDP: 4,56,3 % ==> 5,5 %
  7. Sonstige: 4,5 – 7 % ==> 5,6 %
2020-06-28

© JFB

*Der niedrigste CDU/CSU-Wert von 34,9 Prozent und der höchste AfD-Wert von 11,5 Prozent stammen beide von Civey, das meist für den SPIEGEL tätig ist und mit einem anderen Verfahren arbeitet, bei dem fragwürdig ist, ob es die gleiche Professionalität an den Tag legt wie die meisten anderen renommierten Forschungsinstitute. Alle anderen Institute sehen zum Beispiel die Union zwischen 36,5 und 40 Prozent, nur Civey reißt hier weit nach unten aus mit unter 35 Prozent und bei der AfD deutlich nach oben. Gleichwohl wurden die Civey-Werte trotz Bedenken ob ihrer Zuverlässigkeit mit aufgenommen und auch nicht herabgewichtet, da der Verzerrungseffekt als nur ein von neun Instituten nicht sehr groß ist.

Die Erhebungen dieser Institute wurden ausgewertet

Die neun Institute, die (bezogen auf den mittleren Tag der Befragung) in den letzten drei Wochen Erhebungen durchführten, welche ausgewertet wurden, waren:

  • Allensbach, mittlerer Tag der Befragung: 07.06.2020, persönlich-mündliche Befragung von 1.314 nach Quotenvorgaben ausgewählten Personen
  • GMS, mittlerer Tag der Befragung: 12.06.2020, telefonische Befragung von 1.002 zufällig ausgewählten Personen
  • YouGov, mittlerer Tag der Befragung: 20.06.2020, internetbasierte Befragung von 1.636 nach Quotenvorgaben ausgewählten Mitgliedern eines Befragten-Pools
  • INSA, mittlerer Tag der Befragung: 20./21.06.2020, internetbasierte Befragung von 2.058 nach Quotenvorgaben ausgewählten Mitgliedern eines Befragten-Pools
  • Kantar, mittlerer Tag der Befragung: 21.06.2020, telefonische Befragung von 1.550 zufällig ausgewählten Personen
  • Civey, mittlerer Tag der Befragung: 21./22.06.2020, internetbasierte Befragung von 12.279 Personen
  • Infratest dimap, mittlerer Tag der Befragung: 23./24.06.2020, telefonische Befragung von 1.068 zufällig ausgewählten Personen
  • Forschungsgruppe Wahlen, mittlerer Tag der Befragung: 24.06.2020, telefonische Befragung von 1.227 zufällig ausgewählten Personen
  • Forsa, mittlerer Tag der Befragung: 24.06.2020, telefonische Befragung von 2.501 zufällig ausgewählten Personen

Wahl-O-Matrix, Deutschlands führendes Meta-Analyse-Tool (von JFB gegründet), hat damit eine breite Datenbasis von insgesamt 24.635 Befragten.

Am liebsten würden die Deutschen Merkel als Kanzlerin behalten

Bei diesen Stärkeverhältnissen ist es mehr als wahrscheinlich, dass die Union, die 2021 dann in 52 von 72 Jahren (fast drei Viertel der Zeit) bundesrepublikanischer Geschichte den Kanzler stellte, dies auch ab 2021 tun wird. Insofern kommt der Frage, wer CDU/CSU-Kanzlerkandidat wird, eine Schlüsselrolle zu. Wer kommt hierfür in Frage und wen wünschen sich die Bundesbürger?

Das Meinungsforschungsinstitut Kantar (vormals Emnid), befragte Mitte der Woche (am 24.06.2020) im Auftrag der Funke Mediengruppe mehr als 500 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger und stellte ihnen dabei die folgende Frage:

„Eignen sich Ihrer Meinung nach die folgenden Politiker als Kanzlerkandidaten der CDU/CSU?“

Als Antwortmöglichkeit waren sechs Unionspolitiker angegeben, bei denen jeder Befragten jeweils mit Ja oder Nein antworten konnte. Hier das Ergebnis aller Befragten, also nicht nur von Unionswählern, sondern auch der Anhänger und Wähler der anderen Parteien:

Als CDU/CSU-Kanzlerkandidat geeignetnicht geeignet (Angaben in Prozent, die auf 100 fehlende Anzahl wollte sich jeweils nicht festlegen):

  1. Angela Merkel: 5442
  2. Markus Söder: 4536
  3. Friedrich Merz: 3056
  4. Jens Spahn: 2757
  5. Armin Laschet: 1961
  6. Norbert Röttgen: 1360

Die einzige, die bei allen Wählern und Parteianhängern auf über 50 Prozent Zustimmung kommt, ist also die amtierende Kanzlerin, die auch 18,7 Jahre CDU-Vorsitzende war, Angela Merkel. Diese hat aber den Parteivorsitz bereits im Dezember 2018 abgegeben und will bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr nach 16 Jahren im Amt nicht mehr kandidieren.

Auf Platz zwei und drei: Markus Söder und Friedrich Merz, ganz schwach Armin Laschet und Norbert Röttgen

Den zweitbesten Wert erzielt der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Markus Söder mit guten 45 Prozent bei allen Wählern, vor dem besten Kandidaten für den CDU-Vorsitz Friedrich Merz mit 30 Prozent. Selbst der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der ja gar nicht mehr für den CDU-Vorsitzen kandidieren möchte und sich freiwillig als zweiter Mann ins Team Laschet begeben hat, erzielt mit 27 Prozent einen noch passablen Wert.

Ganz schwach dagegen der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, den sich nur 19 Prozent als Kanzlerkandidat vorstellen können und bei dem zugleich mehr als bei jedem anderen der Auffassung sind, dass er hierfür ungeeignet sei, nämlich 61 Prozent. Norbert Röttgen erhält sogar nur 13 Prozent Zustimmung.

Hierbei muss man bedenken, dass Merz und Röttgen die letzten Monate quasi überhaupt keine Möglichkeiten hatten, sich in der Bevölkerung zu profilieren, da sie keinerlei staatliches respektive keinerlei Regierungsamt innehaben, im Gegensatz zur Kanzlerin, dem bayerischen und NRW-Ministerpräsidenten und dem Bundesgesundheitsminister.

Vor allem die Corona-Krise war hier eine Möglichkeit, seine Tauglichkeit als Regierungsoberhaupt unter Beweis zu stellen. Angela Merkel und Markus Söder ist das sehr gut gelungen, Jens Spahn offensichtlich zumindest teilweise, Armin Laschet, dem Ministerpräsident des bevölkerungsmäßig mit Abstand größten Bundeslandes dagegen gar nicht. Er hat diese Chance nicht nur nicht genutzt, er hat regelrecht gepatzt. Der NRW-Ministerpräsident kann nicht einmal ein Drittel der eigene Parteianhänger überzeugen.

 Die Unions-Anhänger wünschen sich Söder, Merkel oder Merz

Mindestens genauso interessant wie die Einschätzung von allen Wählern, wer der am besten geeignete CDU/CSU-Kandidat wäre, ist natürlich die Einschätzung der Unionsanhänger, denn diese gilt es ja zuallererst zu mobilisieren. Wenn ein Kandidat CDU- und CSU-Anhänger nicht zu überzeugen vermag, hat dies selbstredend eine völlig andere Bedeutung, als wenn jemand den Wählern der Linkspartei nicht gefällt. Und bei den Unionsanhängern liegt die Kanzlerin nicht auf Platz eins, sondern ein anderer:

Als CDU/CSU-Kanzlerkandidat geeignet aus Sicht der Unionsanhänger:

  1. Markus Söder: 69 %
  2. Angela Merkel: 63 %
  3. Friedrich Merz: 52 %
  4. Jens Spahn: 31 %
  5. Armin Laschet: 31 %
  6. Norbert Röttgen: 24 %

Norbert Röttgen hält nicht einmal jeder Vierte CDU/CSU-Anhänger als Kanzlerkandidat für geeignet, Armin Laschet und Jens Spahn nicht einmal jeder Dritte. Über die Hälfte können sich Merz, Merkel und vor allem Söder gut vorstellen. Da Merkel nicht mehr antreten will, sprechen diese Werte vor allem für Söder, der sich in der Corona-Krise neben der Kanzlerin enorm profilieren konnte.

Friedrich Merz bei den Bürgern klarer Favorit für den CDU-Vorsitz

Doch Achtung, Merz liegt nicht so weit hinter dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden und das obschon Merz weder ein Partei- noch ein Regierungsamt innehat. Söder hat also derzeit die Nase sicherlich vorne, aber diese Frage ist noch nicht vorentschieden. Zumal noch nie ein CSU-Politiker Bundeskanzler wurde. Das muss nicht so bleiben, könnte sich mit Söder ändern. Andererseits ist Markus Söder mit 53 Jahren noch relativ jung und gerade mal seit zwei Jahren bayerischer Ministerpräsident. Seine Zeit in Berlin könnte also auch nach 2021 noch kommen, zum Beispiel 2025, dann mit sieben Jahren Regierungserfahrung auf Landesebene.

Für den 64-jährigen Friedrich Merz dürfte das dagegen die letzte Gelegenheit sein, a) den CDU-Parteivorsitz und b) die Kanzlerschaft zu übernehmen. Wenn beide klug sind, einen gute Draht zueinander haben und ein Vertrauensverhältnis zueinander entwickeln können, könnte man sich absprechen: Merz übernimmt die Spitzenkandidatur 2021, was Söder unterstützt, und Söder dann 2025, was Merz unterstützt. Zusammen dürften die beiden derzeit unschlagbar sein.

Für den CDU-Vorsitz ist der ehemalige Unions-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag bei den Wählern auf jeden Fall klarer Favorit, wie auch eine aktuelle Live-Abstimmung beim RND zeigt. Laschet mag also einigen CDU-Funktionären vermittelbar sein, 80 bis 85 Prozent der Bürger aber kaum. Röttgen dagegen können viele wohl gar nicht einschätzen und seine Zustimmungswerte sind sogar noch niedriger.

Das wird auch Einfluss haben auf die Entscheidung der CDU-Funktionäre bei der Wahl des neuen Bundesvorsitzenden, so sie klug sind. Zumal sie mit Kramp-Karrenbauer schon einmal völlig daneben gegriffen haben. (Unter AKK fiel die Union innerhalb von sechs Monaten nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden auf einen historischen Tiefstand von 24 bis 26 Prozent.) Die Chancen von Laschet und Röttgen dürften also – zumindest nach heutigem Stand – in der Tat eher gering sein.

CDU-Vorsitz-RND

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