Die Französische Revolution und ihre Auswirkungen

Von Herwig Schafberg, Di. 14. Jul 2020, Titelbild: Jean-Pierre Houël / Public domain

Heute, am 14. Juli, feiern die Franzosen ihren Nationalfeiertag. Es ist der Kalendertag, an dem 1789 Aufrührer in Paris die als Kerker genutzte Bastille stürmten. Als der Herzog von Liancourt König Ludwig XVI. davon berichtete, rief dieser bestürzt: „Das ist eine Revolte!“ „Nein, Sire,“ entgegnete ihm der Herzog: „Das ist eine Revolution!“. Der Historiker Herwig Schafberg zieht Bilanz.

A. Revolutionäre Lage in Frankreich

Ja, Frankreich war damals in einer revolutionären Situation, wie aufmerksamen Beobachtern nicht entgangen war. Auch am königlichen Hof in Versailles hatte man im Laufe der Zeit eingesehen, dass der Staat reformiert werden müsste, um Schlimmeres zu verhüten. Und zur Lösung der Finanz- sowie weiterer Probleme waren zum ersten Mal seit 1614 im Mai 1789 die Generalstände (Adel, Klerus und Bürgertum) einberufen worden.

Während die Standesvertreter von Adel und Klerus zum größten Teil auf der Wahrung ihrer Steuerfreiheit und anderen Vorrechte bestanden, wollten die im dritten Stand vertretenen Bürger, die neben den Bauern die Hauptlast der Steuern zu tragen hatten, sich nicht ohne Gegenleistungen vor den Karren des tief in der Krise steckenden „Ancien Regime“ spannen lassen. Sie nahmen für sich in Anspruch, das Volk – die Nation – zu repräsentieren und ihre Standesvertreter erklärten sich im Juni 1789 eigenmächtig zur Nationalversammlung, die auch reformwillige Vertreter aus den anderen Ständen für sich gewann und sich mit der Bildung einer Nationalgarde die Verfügungsgewalt über eigene Streitkräfte verschaffte.

Zu den historischen Errungenschaften, die weit über die revolutionäre Situation in Frankreich hinaus wirkten, gehörte die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die im August 1789 von der Nationalversammlung beschlossen wurde.  Mit ihr wurde manifestiert, dass es „natürliche und unveräußerliche Rechte“ auf Freiheit, Eigentum, Sicherheit und das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung gebe und alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien.

Doch die meisten Franzosen waren weniger interessiert an den theoretischen Erörterungen, die zu diesem Manifest führten, als viel mehr an der praktischen Beseitigung ihrer Not. Die Bauern hatten eine klimatisch bedingte Missernte hinter sich und kaum genug zum Leben, während die Speicher der adeligen sowie geistlichen Grundherren, denen sie Abgaben leisten mussten, gefüllt zu sein schienen, wie es gerüchteweise hieß. Daher gesellte sich zum weit verbreiteten Elend wachsende Empörung – nicht bloß in den Reihen der Bauern, sondern auch der Handwerker, Tagelöhner sowie anderen Städter, die unter den rapide steigenden Preisen für Brot litten.

B. Sturm auf die Bastille: Fanal zur Revolution

Gerüchte über eine drohende Auflösung der Nationalversammlung, auf die viele ihre Hoffnungen setzten, trugen zur Verschärfung der Spannungen bei und führten zum am 14. Juli 1789 zum Sturm auf die Bastille, was zum Fanal der Revolution wurde.

Es hatte schon vor diesem Sturm Aufruhr gegeben – in Paris ebenso wie auf dem Lande, wo die Scheunen der Grundherren nach Getreide durchsucht wurden, Bauernsöhne gegen das adelige Jagdrecht verstießen und massenhaft Tiere in freier Wildbahn abschossen. Doch abgesehen davon, dass der Abschuss von Hasen und Kaninchen sich nicht so gut als Fanal für eine Revolution eignet wie der Sturm auf eine Festung, wollte das aufsteigende Bürgertum die führende Kraft in der revolutionären Bewegung sein und das auch im Gedenken der Ereignisse gewahrt wissen, obwohl es nicht zum Ruhme der Bewegung gereicht, dass es in der Bastille – anders als erwartet – keine politischen Gefangenen zu befreien gab, sondern nur ein paar gewöhnliche Verbrecher und dass der Festungskommandant sowie seine Offiziere – entgegen vorheriger Zusicherung – gelyncht wurden, nachdem sie die Festung den Aufrührern übergeben hatten (nachdem der Kommandant der Bastille zuvor das Feuer auf die vor der Zugbrücke Versammelten hatte eröffnen lassen, wobei mehr als 90 Personen den Tod gefunden hatten).

Zu den vielen unbestätigten Gerüchten gehörte, dass Marie Antoinette, die Frau des Königs, auf die Meldung von mangelnden Brotversorgung der Menschen gesagt hätte: Dann sollen sie doch Kuchen essen!“ Empört über den vermeintlichen Hochmut der Herrschenden rottete sich in Paris eine Menschenmasse zusammen, zog unter der Führung von Marktfrauen zur königlichen Residenz in Versailles und zwang den König, die Königin sowie den Königssohn zur Übersiedlung nach Paris, um sie dort unter Aufsicht zu halten. Dass sie die königliche Familie mit sich führten, kündigten die Entführer beim Einzug in Paris mit dem Schmähruf an: „Da bringen wir den Bäcker, die Bäckersfrau und den kleinen Bäckerjungen!“

Nachdem österreichische, preußische sowie andere deutsche Truppen zur Unterstützung des entmachteten Königs in Frankreich einmarschiert waren, wurde die Monarchie abgeschafft und durch eine republikanische Staatsform ersetzt. (1792). Ludwig XVI. wurde ebenso wie seine Gemahlin wegen Hochverrats hingerichtet und der Königssohn überlebte nicht die „Umerziehung“, zu der die neuen Machthaber den verwaisten Knaben in die Hände eines grobschlächtigen Schusters gegeben hatte.

C. Gewinner der Revolution: Bauern und Bürger

Dass es den Franzosen gelang, die einmarschierten Truppen zurückzuschlagen und im Gegenzug nach Belgien sowie an den Rhein vorzurücken, lag vor allem an der allgemeinen Volksbewaffnung sowie dem weit verbreiteten Willen der Rekruten, Frankreich und die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen; denn die kamen sowohl den Bürgern in den Städten zugute als auch den Bauern auf dem Lande und insofern der Bevölkerungsmehrheit, obgleich Produktion und Handel in den Wirren der Revolution sowie des Krieges ähnlich stark in Mitleidenschaft gezogen wurden wie die Verwaltung des Landes.

Bis zur Revolution war der gesamte Grund und Boden nicht einmal zu einem Drittel im Eigentum der Bauern gewesen. Ein großer Teil von ihnen bestand aus Pächtern, die den Grundherren diverse Leistungen erbringen mussten. Es dauerte zwar noch lange, bis die Herrenrechte am Grund und Boden abgelöst und diese Überreste des Feudalismus beseitigt waren; doch ein Anfang war gemacht, als die Frondienstverpflichtungen, die Jagd- und anderen Sonderrechte der Grundherren genauso abgeschafft wurden wie die Gerichtsbarkeit  von Grundherren, die Vorrechte des Adels beim Ämterzugang und der Kirchenzehnt (1789).

Die Güter geflüchteter Adeliger wurden enteignet. Und von denen, die im Lande geblieben waren, verloren viele im Laufe der revolutionären Bewegung ebenso das Leben durch die Guillotine wie viele andere Menschen, die der „Wohlfahrtsausschuss“ des neuen jakobinisch dominierten Regimes als Feinde der Revolution im Verdacht hatte. Es waren schätzungsweise über 200.000 Menschen, die von Revolutionstribunalen zum Tode verurteilt wurden – teilweise auf Verlangen aufgehetzter Beobachter solcher Schauprozesse.

Neben den Bauern war es vor allem das sozial arrivierende und politisch dominierende Bürgertum, das sich von den Fesseln der alten Ständeordnung befreit hatte, zu reichlich Besitz gekommen war und seine Besitzrechte sichern wollte – nicht gegen den Landadel, der längst entmachtet war, sondern gegen das städtische Proletariat, das sich bei der Verteilung der Beute übergangen fühlte, demgemäß unzufrieden blieb und von den Besitzenden als bedrohlich empfunden wurde. Deshalb wurden gewerkschaftliche Zusammenschlüsse verboten (1792) und das sporadische Aufbegehren der verarmten Proletarier schließlich mit Waffengewalt unterdrückt (1795).

D. Aufstieg Napoleon Bonapartes

Dabei tat sich ein junger Artilleriegeneral namens Napoleon Bonaparte hervor, der sich so für die französische Bourgeoisie als nützlich erwies; denn das arrivierte Bürgertum dachte voller Grausen an den Druck, der bis dahin von der Straße in weit stärkerem Maße ausgegangen war, als es heutzutage „Pegida-“, „Gelbwesten-“, Klima- oder „Black lives matter“-Aktivisten in Europa zu tun vermögen.

Hinter dem Straßenpöbel der Revolutionszeit standen bis zu ihrer Entmachtung (1794) die netzwerkartig organisierten Jakobiner, die sich bei ihrem Marsch durch die Institutionen als Anwälte der Besitzlosen verstanden und – ähnlich wie später Nationalsozialisten und Kommunisten – den Pöbel häufig als Hetzmasse mobilisiert hatten, um den gewählten Volksvertretern ihren Willen aufzuzwingen. In Bonaparte, der nach eigener Aussage für ein „Bündnis der Philosophie mit dem Säbel“ eintrat, fand die Bourgeoisie den starken Mann, der für Ruhe und Ordnung sorgte, die sie zur Wahrung sowie Vermehrung ihres Besitzes brauchte; denn das war ihr letzten Endes wichtiger als Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit, aber auch von Freiheit, gegen deren Einschränkung sie nicht viel einzuwenden hatte, solange sie dafür Sicherheit erhielt.

In der Tat erfüllte Napoleon Bonaparte als Erster Konsul (ab 1799) und dann als Kaiser (ab 1804) die Erwartungen, die man in ihn gesetzt hatte. Er gewährleistete Ruhe und Ordnung im Innern und trug mit seinen Kriegszügen in Deutschland, Italien und Spanien nicht bloß die Ideale der Revolution über die bisherigen Grenzen Frankreichs, sondern erschloss in den besetzten Ländern Europas auch Absatzmärkte für französische Waren.

150 Jahre vor Gründung der Europäischen Gemeinschaften hatte er schon die Vision eines Europa mit einheitlicher Währung, Gesetzgebung und Rechtsprechung, scheiterte jedoch letzten Endes am Widerstand der alten Herrscherhäuser sowie der jungen Nationalbewegungen in Europa. Doch in den Ländern, die zeitweilig dem napoleonischen Frankreich angeschlossen waren, behielt der von Napoleon Bonaparte initiierte Code Civil, ein bürgerliches Gesetzbuch, ebenso Geltung wie in Frankreich.

E. Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit – oder was?

Gleichheit vor dem Gesetz“ gehörte zu den Rechtsprinzipien, denen in anderen europäischen Ländern ebenso wie in Frankreich Geltung verschafft wurde. Doch das bedeutete nicht, dass es gleiche Rechte für alle Menschen gab. So waren beispielsweise noch lange Zeit das Recht zu wählen Besitzenden vorbehalten und Frauen davon vollständig ausgeschlossen. Man sprach in Sonntagsreden von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, hätte dieses Wort jedoch passenderweise durch Männlichkeit ersetzen können; denn Frauen blieben im Laufe der revolutionären Fortschritte auf der Strecke und wurden bei der Einnahme von Positionen, die der Bürger seit dem Sieg über den Adel für sich in Anspruch nahm, übergangen.

In dem Männlichkeitskonzept, das sich seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Frankreich, von dort aus in ganz Europa durchsetzte und den militarisierten Mann zum Schutze von Frau und Familie, Volk und Vaterland vorsah, war für Frauen als handelnde Subjekte außerhalb des Hauses wenig Platz. Das änderte sich erst seit der „Entmilitarisierung“ des Mannes in den achtundsechziger Jahren des letzten Jahrhunderts sowie der damals einsetzenden Emanzipationsbewegung von Frauen mit ihrer mittlerweile überspitzten Gender-Sensibilität. Diese Veränderungen geraten allerdings in Widerspruch zur Sozialisierung in den patriarchalisch strukturierten Milieus arabomuslimischer Einwanderer.

Nach der Beseitigung der alten Ständeordnung in Frankreich und in anderen Ländern Europas hatte Sexismus ebenso zur Neuorientierung sowie Identitätsfindung in der bürgerlichen Gesellschaft gehört wie Nationalismus und Rassismus, die es Juden, Schwarzen und anderen ethnokulturellen Gruppen schwer oder gar unmöglich gemacht hatten, in das eine oder andere „Volk von Brüdern“ integriert zu werden. Das hing und hängt allerdings auch davon ab, inwieweit Angehörige solcher Minderheiten dazu bereit waren beziehungsweise sind und es nicht anderen schwer machen – wie etwa arabischstämmige Franzosen muslimischen Glaubens französischen Juden.

Mögen die Franzosen gleich welcher Herkunft und Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung ihren nationalen Feiertag festlich begehen und über den Tag hinaus die Menschen- und Bürgerrechte, die ich zu den größten Errungenschaften der Französischen Revolution zähle, gegen alle Kräfte der Zersetzung im Innern des Landes wie von außen verteidigen.

 »Allons, enfants de la Patrie… Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons. Marchons! Marchons!« (Kommt, Kinder des Vaterlandes… Zu den Waffen, Bürger! Bilden Sie Ihre Bataillone. Los, marschieren wir! Marschieren wir! Marschieren wir!)

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Zum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand arbeitet er als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert. Zuletzt erschien von ihm sein Buch Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern.

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