Gold-, Silber und Eisenmenschen

Von Jürgen Fritz

Was unterscheidet den gewöhnlichen, den rationalen und den reflektierten Menschen?

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Der gewöhnliche Mensch

Der gewöhnliche Mensch bildet sich zuerst ein Urteil, dann beginnt er nachzudenken und irgendwelche Argumente für sein Urteil zu finden. Er benutzt seinen Verstand (Logos), seinen höchsten Seelenteil quasi wie einen Sklaven, der vorgegebene Befehle der niedrigeren Seelenteile auszuführen hat. Da ihm das meist nicht so recht überzeugend gelingt, resigniert er, beruft sich auf sein „Herz“, auf „Eingebungen von oben“ und dergleichen oder aber er wird grob, persönlich, manchmal auch einschüchternd oder verletzend.

Der rationale Mensch

Der rationale (wissenschaftliche) Mensch denkt zuerst nach, sammelt die Für und Wider, versucht sie zu gewichten, bis er endlich zu einem Urteil kommt, welches er argumentativ zu begründen und zu verteidigen imstande ist. Er degradiert seinen Verstand, seinen Logos, den höchsten Teil seiner Seele, also nicht zu einem Sklaven der niederen Seelenteile (Thymos und Eros).

Manchmal legt er sich auch bereits gefühlsmäßig oder intuitiv fest, ist aber zumindest bereit, seine Vorfestlegung in Frage zu stellen, wenn gewichtige Argumente vorgetragen werden, die er bis dahin nicht mit einbezogen hatte. Kurzum er lässt sich von Argumenten grundsätzlich überzeugen, wenn sie besser sind, und ist bereit, seine Meinung, genauer: sein Urteil zu ändern.

Der reflektierte Mensch

Der reflektierte (philosophische) Mensch agiert wie der rationale, versucht aber zusätzlich zu durchleuchten, ob bei seinem Sammeln von Für und Wider und dem Gewichten dieser ihn nicht doch auch insgeheim noch Anderes, Tieferliegendes leitet und antreibt, welches ihn eventuell korrumpieren, sein Urteil verzerren könnte. Sein Logos versucht also, sich selbst und seinen andere Seelenteile zu beobachten, ob sie nicht heimlich doch wieder die Führung übernehmen.

Wenn er merkt, dass dies der Fall ist, macht er sich dies zumindest ganz bewusst, eventuell reflektiert er sein Urteil auch noch einmal. Vielleicht gibt er auch nach außen zu erkennen, was ihn zu diesem Urteil gebracht hat, dass dies nicht nur die sachlichen Für oder Wider waren. Kurzum er bemüht sich zumindest, erstens ehrlich zu sich selbst, dann auch zu anderen zu sein. Otto Friedrich Bollnow nannte dies: Wahrhaftigkeit.

Platons Metallmythos: Gold-, Silber- und Eisenmenschen

Auch wenn die Bezugspunkte nicht genau die gleichen sind, aber diese Dreiteilung fand ihren Niederschlag auch in unserem dreigliedrigen Schulsystem. Eine ähnliche Drei-Klassen-Einteilung finden wir bereits bei Platon. Diese bezieht sich zum Einen darauf, welcher Seelenteil der dominante ist – Logos, Thymos oder Eros -, was Platon auf die jeweilige angeborene Natur des Einzelnen zurückführt. Hieraus leitet er eine unterschiedliche Aufgabenverteilung innerhalb der Gemeinschaft ab.

In seiner Schrift „Politeia“ (414c – 415a) entwickelt Platon seinen berühmten Metallmythos. Demnach sind die Menschen zwar verwandtschaftlich verbunden, doch hat Gott (respektive die Natur) den einen Gold, den anderen Silber und wieder anderen Eisen und Erz beigemischt, so dass es drei Gruppen oder Klassen mit besonderen Aufgabenbereichen und unterschiedlichen Wertigkeiten für die Gemeinschaft gibt.

Das heißt nicht, dass Eisenmenschen schlechte oder für die Gesellschaft nutzlose Menschen wären. Und sie können nichts dafür, dass sie sind, wie sie sind, genauso wenig wie die Gold- und Silbermenschen etwas dafür können, dass sie Gold- bzw. Silbermenschen sind. Niemand hat sich selbst gemacht. Es heißt auch nicht, dass es Gold- und Silbermenschen zustünde, Eisenmenschen weniger respektvoll oder unhöflich zu begegnen. Es heißt nur, dass nicht jeder für jede Aufgabe gleich gut geeignet ist und dass Goldmenschen für die Gemeinschaft natürlich wichtiger sind als Eisenmenschen, was man nicht so sehr als etwas ansehen sollte, worauf man sich etwas einbildet, sondern eher als ein solches, aus dem eine ganz besondere Verpflichtung erwächst, diese seine von der Natur geschenkten Fähigkeiten im Sinne des Gemeinwohls und der Gerechtigkeit in der Gesellschaft sinnvoll einzusetzen.

Verdeutlichung am konkreten Beispiel

Oder nochmals etwas anders, man stelle sich vor, in einem Flugzeug mit insgesamt über hundert Personen an Bord kommt es zu einer Lebensmittelvergiftung, weil eines der beiden gereichten Menüs schwer verdorben war. Was ist wohl schlimmer für die Insassen des Flugzeugs als Ganzes, wenn zwei beliebige Passagiere in Ohnmacht fallen, die zwei einzigen Ärzte an Bord oder die zwei Piloten?

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Bild: Pixabay, CC0 Public Domain

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2 thoughts on “Gold-, Silber und Eisenmenschen

  1. Sabrina

    Ihren Ausführungen stimme ich zu. Ergänzend möchte ich hinzufügen, daß die Hinterfragung der eigenen Position beim reflektierten Menschen von einer Meta-Ebene aus, ihn dazu befähigen kann, eigenverantwortlich für sich und sein Sein und Handeln in dieser Welt agieren zu können.
    Ein Gelingen von Eigenverantwortung wäre wünschenswert für die Verantwortungsübernahme für verantwortungsvolles Handeln für sich selbst und andere, einem anvertraute Menschen!

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  2. Pingback: Gold-, Silber und Eisenmenschen – Alternativnews

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