Kommissarin Heller: Vorsehung – Eine Allegorie auf die Situation Deutschlands?

Von Jürgen Fritz

Mit dieser Folge hat die ohnehin erstklassige Reihe Kommissarin Heller einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Titelheldin gerät in ihrem Kampf gegen das Verbrechen, mithin das Böse und ihre inneren Dämonen an ihre Grenzen und darüber hinaus. Ihre Widerstandskräfte sind aufgebraucht und sie ist soweit, sich in ihr Schicksal zu fügen, welches gleichsam ihr Ende bedeuten dürfte. Doch dann, als bereits alles vorbei zu sein scheint, naht die Rettung von ungeahnter Seite und alles verändert sich. Eine Allegorie auf die Situation Deutschlands und Europas?

Lisa Wagner alias Winnie Heller spielt sich ganz nach oben in die Top-Liga der Kommissare

Dass das ZDF auch mal Qualität abliefern kann, bewies es gestern Abend mit „Kommissarin Heller: Vorsehung“. Hier wurde ein Niveau erreicht, welches es bei deutschen Krimis nur selten zu sehen gibt. Die Titelheldin der Winnie Heller, mit Lisa Wagner äußerlich ganz anders besetzt als in der Romanvorlage von Silvia Roth, geriet an ihre Grenzen und darüber hinaus. Dabei erweist sich Lisa Wagner einmal mehr als Idealbesetzung, weil sie die innere Zerrissenheit der Figur, ihre Schroffheit, ihr sich völlig inneres Abschotten, um sich selbst zu schützen, und ihre Trotzigkeit ganz exzellent verkörpert. Mit der Folge gestern hat sie sich ganz nach oben gespielt in die Top-Liga der deutschen Kommissare, wenn nicht auf Platz 1.

Sowohl Dramatik als auch psychologischer Tiefgang von „Vorsehung“ sind kaum zu toppen. Hier stimmt alles: Drehbuch, Regie, Kamera, Darsteller. Das Konzept und sechs der bislang acht Drehbücher der Reihe „Kommissarin Heller“ stammen von Mathias Klaschka. Dieser greift für die achte Episode auf frühere Ereignisse im Leben der Kommissarin zurück.

Winnie Hellers Sozialverhalten war seit jeher problematisch. „Mir steht niemand nahe. Das wissen Sie doch“, sagt sie zu ihrem Chef. Die Person, die ihr noch am nächsten steht, ist seit der Versetzung ihres Kollegen Verhoeven von Wiesbaden nach Karlsruhe (neuer Tatort-Kommisar) der Kassierer einer Tankstelle, wo sie sich gelegentlich eine Curry-Wurst in der Mikrowelle heiß machen lässt. Der junge Mann, ebenfalls ein Außenseiter, weiß, dass Heller sich seit ihrer Kindheit für die Animationsserie „Captain Future“ begeistert. Ihre Mutter wird Winnies Faible später bei ihrer Psychiaterin erklären. Captain Future ist ein Waise, seine Eltern wurden ermordet. Die kleine Winnie weiß genau, wie Captain Future sich fühlt. Auch sie fühlt sich schon als Kind völlig allein.

Entweder er oder ich

Die Folge „Vorsehung“ beginnt mit einer Geiselnahme in einer Spielhalle, in der Heller sich gerade aufhält. Sie ist gezwungen, den Geiselnehmer zu erschießen, der eine Geisel bereits schwer verletzt hat und eine weitere bedroht. „Als Sie auf den Geiselnehmer geschossen haben, was haben Sie da gedacht?“, fragt sie ihre Psychiaterin. „Dass ich ihm die Jacke kaputt gemacht hab. Die war bestimmt teuer“, so Hellers Antwort. Und auf die Nachfrage ihrer Therapeutin: „Entweder er oder ich.“

Sie versucht den Todesschuss nicht an sich rankommen zu lassen, doch das ändert sich endgültig, als die Mutter des Toten Mutter des Erschossenen sie nun verfolgt und ihre schwere Vorwürfe macht, dass sie ihren 19-jährigen drogenabhängigen Sohn tötete.

Die Psychologie der Charaktere und ihre Beziehungen untereinander, die in dieser Reihe ohnehin von Anfang an gut waren, sind hier bis ins Kleinste ausgefeilt. Die schmerzhaften Nachwehen der Kindheit, der Verlust der Schwester, die früh ums Leben kam, worüber Winnie nie hinweg gekommen ist. Dann der Verlust des beruflichen Partners, zu dem sie eine innere Beziehung aufgebaut hatte, was sie sonst immer zu vermeiden weiß. Schließlich der Todesschuss auf den jungen Geiselnehmer, was sie nicht an sich herankommen lassen will, was ihr aber letztlich nicht gelingt. Dann auch noch die Attacke auf die Therapeutin mit einem Stich ins Herz, die Einzige, mit der sie überhaupt noch reden kann, wenngleich sie auch diese nicht an sich rankommen lässt.

Der Zusammenbruch

Die Welt scheint über Winnie Heller zusammenzubrechen und da ist nichts mehr, was ihr Halt geben könnte. Wie sehr sie ihren Kollegen vermisst, zeigt sich immer wieder in Tagtraumsequenzen, wenn er plötzlich hinter ihr steht. Dann huscht ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. In diesen Momenten bewegt sie sich in einer Zwischenwelt. Regisseurin Christiane Balthasar findet dafür großartige Bilder.

In einem der Höhepunkte des Films bevölkert sie im Geiste das leere Haus des versetzten Kollegen Verhoevens, möbliert es, imaginiert eine Tischszene mit ihm, seiner Frau und Tochter. Die Sequenz ist geschrieben und inszeniert wie eine Sitcom, unheimlich witzig, surreal, mit Gelächter aus dem Off. In dieser Szene zeigt sich die ganze Einsamkeit der Heldin und ihre Sehnsucht nach Normalität, nach einer funktionierenden Familie, nach Halt und Geborgenheit.

Der Höhepunkt des Films

Und übrigens, es wurde doch tatsächlich gezeigt, wie gefährlich bestimmte männliche Immigranten sein können. Dies ist zugleich der Höhepunkt der Folge, auf den gewissermaßen alles zusteuert.

Ein Tatverdächtiger, ebenfalls großartig gespielt von Murathan Muslu, der seine deutsche Exfrau permanent bedroht, ihr und anderen gegenüber immer wieder gewalttätig wird, insbesondere weil er seinen Sohn nur zu bestimmten Zeiten sehen darf, geht gegen Ende der Folge auf Kommisssarin Heller los. Wieder steht sie vor der Entscheidung: Er oder ich. Doch dieses Mal schafft sie es nicht, ihn zu erschießen. Heller kann nicht mehr. Ihr Abwehrkräfte scheinen zum Erliegen zu kommen. Eine Allegorie auf die Situation Deutschlands und Europas?

Heller lässt sich von dem hoch aggressiven und gefährlichen Mann die Waffe aus der Hand nehmen. Sie ist nicht mehr fähig abzudrücken. Sie kann oder will nicht auf ihn schießen, ist wohl auch bereit, ihr eigenes Leben, an dem sie zunehmend leidet, los zu lassen.

Anschließend schlägt und tritt der Mann sie so zusammen, dass man ahnt, er wird sie zu Tode bringen. Die Dramatik dieser Szene, wenn sie alles völlig wehrlos über sich ergehen lässt, ist überwältigend, ja haut einen förmlich um.

Die Wende

Doch da fällt ein Schuss und noch ein zweiter. Der brutale Schläger stürzt zu Boden, fällt auf auf die Kommissarin. Seine Ex-Frau, die sich und ihren Sohn in Sicherheit bringen sollte, kommt zurück, nimmt die Waffe, die ihr Ex Winnie Heller weggenommen und zur Seite geworfen hat, und erschießt ihn von hinten. Die Frau befreit sich von der ständigen Bedrohung durch diesen Mann, der von ihr und ihrem Kind Besitz ergreifen wollte, der sie niemals freigegeben hätte, ja der gegenüber der Psychiaterin geäußert hatte, dass er eher beide umbringen werde, als seinen Sohn ganz seiner Frau zu überlassen.

Die Kommissarin überlebt schwer verletzt und ihr Kollege Verhoeven, den sie so schrecklich vermisst und in den Tagtraumsequenzen immer wieder gesehen hat, besucht sie im Krankenhaus. Ihre Hand sucht die die seine. Und jetzt kommt es zu einer echten, nicht nur phantasierten Berührung.

Am Ende der Folge gibt Heller ihre Dienstwaffe ab und sagt, dass sie eine Auszeit benötigt. Man weiß nicht, ob sie zurückkehren wird. Nicht nur nach dieser Folge kann man das jedoch nur hoffen. Eine interessantere und tiefschichtigere Figur als Ermittlerin gibt es derzeit kaum im deutschen Fernsehen.

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Hier kann die Folge in der ZDF Mediathek angesehen werden. Es lohnt sich!

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Titelbild: Screenshot aus Kommissarin Heller: Vorsehung

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16 Antworten auf „Kommissarin Heller: Vorsehung – Eine Allegorie auf die Situation Deutschlands?

  1. frieda700success

    Hallo Herr Heller,

     

    kürzlich abonnierte ich Ihren Newsletter. Eine Frage: Sie loben einen Krimi, in dem es anscheinend viel Mord und Todschlag gibt, lehnen Verbrechen aber "in der Realität" ab. Das heißt, Sie finden Gewalt und Verbrechen auf dem Bildschirm gut, aber auf der Bühne des Lebens schlecht. Daher eine Frage: Worin liegt aus Ihrer Sicht der Unterschied für den menschlichen Geist?

     

    Freundliche Grüße

     

    Beate Wiemers

    Tel. 0421-217878

    http://beate-wiemers.de/  

       

    Gesendet: Sonntag, 21. Januar 2018 um 17:50 Uhr Von: "Jürgen Fritz Blog" <comment-reply@wordpress.com> An: beate.wiemers@gmx.de Betreff: [New post] Kommissarin Heller: Vorsehung – Eine Allegorie auf die Situation Deutschlands?

    Jürgen Fritz posted: "Von Jürgen Fritz Mit dieser Folge hat die ohnehin erstklassige Reihe Kommissarin Heller einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Titelheldin gerät in ihrem Kampf gegen das Verbrechen, mithin das Böse und ihre inneren Dämonen an ihre Grenzen und darüber hinaus"

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    1. Clemens Bernhard Bartholdy

      Herr Fritz, der Klarname und die Telefonnummer sind doch sicher nicht für den öffentlichen Bereich gedacht, oder?
      Vielleicht kapiere ich da auch nur etwas nicht…

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  2. anvo1059

    Ein solches Lob für das ZDF kommt ja fast einer Adligung gleich….😀😀😀😀😀
    Aber im Ernst : Gerade das schätze ich an ihrem Blog. Es wird nicht nur kritisiert sondern auch Respekt gezollt für gute Beiträge der „Gegenseite“ !!!!

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  3. bibinka

    Ich glaube, daß der Tatort 2014 gedreht wurde , was schon einiges aussagt. Leider nur in der Mediathek zu sehen.
    Trotzdem möchte ich hier mal eines sagen, die, die so sind müssen weggesperrt oder besser noch außer Landes gebracht werden. Die Blutraute zwingt uns JEDEN unter Generalverdacht zu stellen, weil sie nicht entfernt werden. Wenn man aus einem Korb Äpfel nicht den schlechten entfernt, werden alle schlecht!
    Das ist so!
    Gott stehe uns bei was noch auf uns zukommt!

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  5. Caro DeClerk

    Ein Glücksgriff für die Staats- und Dummfunker.

    Weil Schlaf-Michel sowieso der allabendlichen Balltretung frönt, kann er auch gleich weiterschalten und nach einer kurzen Verarschungspause, in der ihm sein noch vorhandenes Rest-Hirn weggeblasen wird, der regime-treuen Justiz-Büttel_In zusehen, im Kampfe gegen die anbrandenden Genital-Schnippler und Kinderficker.

    Schade nur, dass niemand merkt, dass sie dafür mindestens zweihundert Jahre zu spät kommt.

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  6. anvo1059

    Bekam gerade folgenden Post zu einem Beitrag zum selben Thema :
    „………zu deinem Kommentar unter Jürgen Fritz Blog : Kommissarin Heller im ZDF.
    >>>>Ein gut platziertes Lob kann vernichtender sein als eine schlechte Kritik…..<<<<
    Auch ein Argument…….😀😀😀

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  7. Brigitte Brauer

    Kann einfach diese Lobhudelei nicht verstehen, gerade die Person der Kommissarin Heller ist unsympathisch und lässt ständig den Gedanken aufkommen, hoffentlich haben wir derart kaputte Typen nicht in den Reihen unserer Polizei und Wissen doch, dass es so ist. Die ständigen Berichte nach irgendwelchen Einsätzen sagen es uns, phychologische Hilfe für die „Einsatzkräfte“. Die verkraften nichts mehr, wahrscheinlich auch eine zu schlechte Ausbildung und das wird auch genau der Grund sein, warum die sich einfach nicht durchsetzen können bei z. B. angeordneten Abschiebungen usw. und ebenso ist genau dieses Verhalten der ursächliche Grund, dass die Achtung der Bürger vor der Polizei derart im Sinkflug ist. Die Asylanten mache es uns vor und wir sehen zu wie das wirkt, die Polizei zieht sich zurück. Möchte noch anmerken, keine Serie oder TV Film, Tatort usw. kommt mehr ohne diese widerlichen Themen aus wie Vergewaltigung, Missbrauch, phsychisch gestörte Kommissare. Wann bitte haben Sie den letzten tollen Krimi gesehen ? Die alten mit Götz Gorge, oder wie ?Heute Abend wird die nächste Katastrophe von Krimi auf uns losgelassen mit Nora Waldstätten, auch vollstens gestörte Person mit höchstem Sprachfehler, extremer Nuschelei, kaum je zu verstehen ! Und dafür zahlen wir Milliarden ?

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  8. ceterum_censeo

    Habe diese Folge ‚Heller‘ nicht gesehen, nur einige vereinzelte.

    Gut, die Person ‚Heller‘ mag in der Serie als durchaus etwas ’schräg‘ angelegt sein;
    immerhin habe ich in den einigen mir bekannten Folgen noch keine extremen Beispiele von überLügenmässigem Anti-‚NAZI‘ Geschwurbel wahrgenommen – im Gegensatz zu einigen anderen ‚Serien‘ -wobei ich mir das ‚Staa…siLügenfernsehen‘ ohnehin höchst selten antue.

    Ein Gedanke aber noch, zu der nun, immerhin weisungsgebundenen und von ‚oben‘ zielgerecht ‚instruierten‘ Polizei – die ich im übrigen kritisch genug sehe, auch angesichts eigener Erfahrungen.

    Wenn sicher auch ‚die Polizei‘ im allgemeinen und in dieser Ausprägung sicher durchaus kritikwürdig ist, würde ich ein Unwerturteil indessen noch nicht auf jeden einzelnen Beamten speziell übertragen schen wollen:

    – auch wenn sich sicherlich darunter etliche – aus welchen Gründen auch immer – ‚dem System hörige‘ befinden, es gibt aber sicher auch noch einige ‚Aufrechte‘ darunter, auch wenn man die heutzutage schon mit der Lupe suchen muss.

    Über eins allerdings sollten wir uns nicht täuschen: Wenn es wirklich bei dem MerKILL’SSchen ‚weiter so‘ eines Tages ‚hart auf hart‘ kommen sollte,

    wird die ‚Polizei‘ sicher – gehalten sein – dem Machterhalt des Systems (zu] dienen….

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