Sein-Sollen-Fehlschluss und naturalistischer Fehlschluss: Was ist der Unterschied?

Von Jürgen Fritz, Sa. 21. Sep 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

In seinem berühmten Werk A Treatise of Human Nature (Ein Traktat über die menschliche Natur) stellte der schottische Philosoph David Hume 1739/40 bereits fest, dass aus einem Sein kein Sollen geschlossen werden könne. Dieser Sein-Sollen-Fehlschluss, auch Humes Gesetz genannt, wird häufig auch als naturalistischer Fehlschluss bezeichnet beziehungsweise mit diesem verwechselt. Doch der naturalistische Fehlschluss nach George Edward Moore ist wieder etwas anders. Was ist der Unterschied? Hier die Erklärung.

Der Sein-Sollen-Fehlschluss nach Hume

Der schottische Philosoph, Ökonom und Historiker David Hume (1711 – 1776) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung. Er wird der philosophischen Strömung des Empirismus respektive des Sensualismus zugerechnet. Sein skeptischer, metaphysikfreier Ansatz regte insbesondere Immanuel Kant zu dessen Kritik der reinen Vernunft an. Auch wirkte Hume als Vordenker der Aufklärung auf die modernen Richtungen des Positivismus und der analytischen Philosophie. In seinem Frühwerk A Treatise of Human Nature (Ein Traktat über die menschliche Natur) von 1739/40, das er mit Ende 20 veröffentlichte, machte er bereits eine wichtige Feststellung:

»In jedem Moralsystem, das mir bisher vorkam, habe ich immer bemerkt, dass der Verfasser eine Zeitlang in der gewöhnlichen Betrachtungsweise vorgeht, das Dasein Gottes feststellt oder Beobachtungen über menschliche Dinge vorbringt. Plötzlich werde ich damit überrascht, dass mir anstatt der üblichen Verbindungen von Worten mit „ist“ [is] und „ist nicht“ [is not] kein Satz mehr begegnete in dem nicht ein „sollte“ [ought] oder „sollte nicht“ [ought not] sich fände. Dieser Wechsel vollzieht sich unmerklich; aber er ist von größter Wichtigkeit. Dies „sollte“ oder „sollte nicht“ drückt eine neue Beziehung oder Behauptung aus, muss also notwendigerweise beachtet und erklärt werden. Gleichzeitig muss ein Grund angegeben werden für etwas, das sonst ganz unbegreiflich scheint, nämlich dafür, wie diese neue Beziehung zurückgeführt werden kann auf andere, die von ihr ganz verschieden sind. Da die Schriftsteller diese Vorsicht meistens nicht gebrauchen, so erlaube ich mir, sie meinen Lesern zu empfehlen; ich bin überzeugt, dass dieser kleine Akt der Aufmerksamkeit alle gewöhnlichen Moralsysteme umwerfen würde.« (David Hume: A Treatise of Human Nature (Buch III, Teil I, Kapitel I)

Diese Feststellung ging in die Geschichte ein als Humes Gesetz oder als Sein-Sollen-Fehlschluss. Dieser sieht wie folgt aus:

  1. A ist Q (hat die natürliche, überprüfbare Eigenschaft Q), ergo
  2. A ist gut (bzw. A ist schlecht).

Aus einem Sein kann aber logisch kein Sollen abgeleitet werden, aus Tatsachen-Behauptungen keine Werturteile, aus Fakten keine Normen, aus Feststellungen keine Forderungen, aus Indikativen keine Imperative, aus deskriptiven Sätzen keine präskriptiven. Beispiel (Konklusion zuerst genannt, dann die Prämisse als Begründung): Mord ist schlecht, weil es im fünften Gebot steht (Jude, Christ), oder: weil es im Strafgesetzbuch verboten ist (Rechtspositivist), oder: weil es schädlich für den Fortbestand der Gattung ist (Biologe), oder: weil Mord mit Aktivitäten stammesgeschichtlich älterer Hirnareale einhergeht (Hirnforscher).

All diese Schlüsse sind zunächst einmal ungültig, weil unvollständig. Hier hat Hume natürlich Recht. Aus: „Im Strafgesetzbuch steht, dass Mord verboten ist“ kann logisch natürlich nicht gefolgert werden: „Mord ist schlecht“. All diese logischen Fehlschlüsse können aber immer relativ leicht geheilt werden, wenn eine zweite Prämisse hinzugefügt wird, die dann aber natürlich ein Sollen, ein Werturteil, eine Norm, eine Forderung, einen Imperativ enthalten muss. Beispiel: 1. Was Gott gebietet, ist gut, was er verbietet, ist schlecht, oder: Was schädlich ist für den Fortbestand der Gattung, ist schlecht, oder: Wenn im Strafgesetzbuch etwas verboten ist, dann ist es schlecht (übergeordnetes Werturteil). 2. Mord ist durch Gott verboten, oder: Mord ist schädlich für den Fortbestand der Gattung (Tatsachenbehauptung). 3. Ergo ist Mord schlecht (abgeleitetes Werturteil).

Im dem Moment, da das übergeordnete Werturteil explizit genannt wird, wird es aber natürlich inhaltlich angreifbar (Warum ist der Fortbestand der Gattung gut? Weshalb soll man Gottes Ge- und Verbote einhalten?) und muss damit begründet werden. So entsteht die Notwendigkeit der Rechtfertigung. Manchmal wird das übergeordnete Werturteil deswegen nicht genannt, weil es völlig klar ist und man davon ausgeht, dass Selbstverständliches nicht eigens genannt werden muss, manchmal aber auch deshalb, um der Kritik am übergeordneten Werturteil zu entgehen, um dieses nicht rechtfertigen, es nicht begründen zu müssen, um es der Kritik zu entziehen. Was ist nun der Unterschied zum naturalistischen Fehlschluss?

Der naturalistische Fehlschluss nach Moore

Der englische Philosoph George Edward Moore (1873 – 1958) wurde gemeinsam mit Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein, und in der Nachfolge von Gottlob Frege, zu einem der Väter der analytischen Philosophie. In seinem einflussreichen Werk Principia Ethica (1903) legte er erstmals den naturalistischen Fehlschluss (naturalistic fallacy) dar:

»Es mag sein, dass alle Dinge, die gut sind, auch etwas anderes sind. Und es steht fest, dass die Ethik entdecken will, welches diese anderen Eigenschaften sind, die allen Dingen, die gut sind, zukommen. Aber viel zu viele Philosophen haben gemeint, dass sie, wenn sie diese anderen Eigenschaften nennen, tatsächlich „gut“ definieren; dass diese Eigenschaften in Wirklichkeit nicht „andere“ seien, sondern absolut und vollständig gleichbedeutend mit Gutheit [goodness]. Diese Ansicht möchte ich den „naturalistischen Fehlschluss“ [naturalistic fallacy] nennen.« (George E. Moore: Principia Ethica, S. 40f.)

Ein naturalistischer Fehlschluss liegt also vor, wenn das moralische Prädikat „gut“ durch andere nicht-moralische Prädikate definiert wird, dergestalt behauptet wird:

  1. Das Wort „gut“ bedeutet nichts anders als Q (zum Beispiel: gut bedeutet nichts anderes als: von Gott geboten, was eine Tatsachenbehauptung darstellt, wenngleich eine nicht überprüfbare; oder bedeutet nichts anderes als: steht so in den Gesetzen, was eine überprüfbare Tatsachenbehauptung darstellt, oder bedeutet nichts anderes als: dient der Arterhaltung, was empirisch untersucht werden kann).
  2. A (z.B. jeden Tag fünfmal beten) ist Q (von Gott geboten, steht so in den Gesetzen, dient der Arterhaltung).
  3. Ergo: A (fünfmal am Tag beten) ist gut.

Wir sehen sofort: Hier liegt gar kein Fehlschluss vor. Der Schluss von 1 und 2 auf 3 ist formallogisch durchaus korrekt. Er ist gültig. Wenn „gut“ Q bedeutet und A Q ist, dann muss natürlich A gut sein, denn „gut“ wurde ja als Q definiert und A ist Q.

Der Fehler liegt hier also nicht im Schluss selbst, er liegt in der 1. Prämisse, denn „gut“ kann nicht durch andere (nicht-moralische) Prädikate terminologisch definiert werden im Sinne eines analytischen Urteils, im Sinne einer sprachlichen (semantischen) Festlegung. „Gut“ ist vielmehr ein (moralischer) Grundbegriff, der nicht auf andere Begriffe zurückgeführt werden kann.

Dass man „gut“ nicht durch andere Begriffe Q (von Gott geboten oder dient der Erhaltung der Gattung etc.) definieren kann, im Sinne von: gut bedeutet Q, erkennt man daran, dass es bei jedem solchen Definitionsversuch möglich ist, zu fragen: Ist Q wirklich gut? Zum Beispiel: Ist es wirklich gut, was Gott hier in diesem Fall geboten hat? (Argument der offenen Frage = open question argument).

Diese Frage: „Ist Q wirklich gut?“, zum Beispiel: „Ist dieses Gebot Gottes wirklich gut?“, ist offensichtlich keine sinnlose Frage, während es bei einer reinen sprachanalytischen Definition sinnlos ist zu fragen: „Ist ein Junggeselle wirklich ein lediger Mann?“, oder: „Hat wirklich jedes Viereck vier Ecken?“. Wer so fragt, hat offensichtlich die Bedeutung des Wortes „Junggeselle“ bzw. „Viereck“ nicht verstanden und man kann ihm antworten: „Junggeselle bedeutet doch gerade lediger Mann“, „Viereck bedeutet doch gerade, dass die geometrische Figur vier Ecken hat„.

Genau das ist aber offensichtlich bei dem Wort „gut“ nicht möglich. Man kann nicht sagen: „Gut bedeutet doch eben gerade Q“, zum Beispiel: von Gott geboten oder in den Gesetzen vorgeschrieben. Die Rückfrage: „Wirklich? Bedeutet es das wirklich?“ bzw. „Ist dieses Gebot Gottes oder dieser Paragraph wirklich gut?“ ist offensichtlich keine sinnlose Frage. Das zeigt, dass der Ausdruck „gut“ nicht durch andere Begriffe definiert werden kann, wie Moore deutlich machte, dass es sich eben um einen Grundbegriff unseres Denkens handelt.

Insofern müsste man statt vom „naturalistischen Fehlschluss“ eher von der naturalistischen Fehlannahme sprechen, die darin besteht, dass gemeint wird, man könnte den moralischen Grundbegriff „gut“ durch andere, nicht-moralische Begriffe definieren. Während also bei der naturalistischen Fehlannahme innerhalb eines logischen korrekten Schlusses von einer falschen Prämisse ausgegangen wird, nämlich dass man die moralischen Grundbegriffe „gut“, „schlecht“ oder „böse“ durch nicht-moralische andere Begriffe definieren könnte, liegt beim Sein-Sollen-Fehlschluss tatsächlich ein logischer Fehlschluss vor, der aber immer geheilt werden kann. Das aber eben nur, indem eine zweite oder dritte Prämisse ergänzt wird, die dann natürlich ein Sollen, ein Werturteil, eine Norm enthalten muss, denn: Aus einem Sein kann kein Sollen gefolgert werden.

Zur Vertiefung

Prof. Dr. Dietmar Hübner, der auch eine ausgezeichnete Einführung in die philosophische Ethik verfasst hat, eine der besten überhaupt, erklärt es hier in seiner Vorlesung Einführung in die praktische Philosophie ganz exzellent:

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Literaturempfehlung: Dietmar Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Aufl. 2018, EUR 20,99

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