Warum man sich nicht als Atheist (oder Agnostiker) bezeichnen sollte

Von Jürgen Fritz, Mo. 2. Jul 2018

Der Götterzentriker neigt dazu, die ganze Menschengattung in Theisten, Agnostiker und Atheisten einzuteilen. Aus seiner Perspektive, die von außen zu betrachten er nicht selten völlig unfähig ist, mag das verständlich sein, sollte aber aus philosophischer Sicht nicht nachvollzogen werden. Wer die Herrschaft über die Worte und die Sprache ausübt, der übt sie auch über das Denken und die Mitmenschen aus. Oder wie schon Schopenhauer formulierte: Was für eine schlaue Erschleichung und hinterlistige Insinuation in dem Wort Atheismus liegt! – als verstände der Theismus sich von selbst.“

Ich bin kein Atheist, sondern ein ontologischer, epistemologischer und ethischer Realist

Wenn mich jemand fragt, ob ich Atheist sei, dann würde ich eigentlich am liebsten antworten, dass ich 1. ein ontologischer und 2. ein epistemologischer (erkenntnistheoretischer) Realist bin. Das heißt, ich glaube

1. anders als der ontologische Idealist oder Anti-Realist, dass es
a) eine Außenwelt außerhalb meines Geistes tatsächlich gibt (Außenweltforderung) und
b) dass deren Existenz unabhängig davon ist, ob und wie ich sie wahrnehme und beschreibe (Autonomieforderung: die Außenwelt ist nicht von uns abhängig, sie ist autonom; wenn ein Baum umfällt, dann liegt er am Boden, ob wir dies zur Kenntnis nehmen oder nicht).

Und ich glaube 2.  anders als der epistemologische Skeptiker, dass die Wirklichkeit (die Realität)
a) zu einem Großteil für uns Menschen erkennbar ist (Zugänglichkeitsforderung: die Welt ist für uns über unsere Sinnesorgane und unseren Verstand, der die Sinnesdaten verarbeitet, zugänglich) und
b) dass vielfach bestätigte Behauptungen über die Wirklichkeit eine wahre Beschreibung der Welt liefern – zwar keine vollständige, aber eine wahre (Referenzforderung: eine wahre Beschreibung der Wirklichkeit bezieht sich – referiert – auf ein tatsächliches Referenzobjekt in der Realität und beschreibt diese korrekt).

Ferner dass ich 3. ein ethischer Kognitivist, Objektivist und Realist bin, das heißt ich glaube an objektive moralische Wahrheiten, die von uns ebenfalls – nicht nach objektiven Kriterien konstruiert (objektivistischer Konstruktivist), sondern tatsächlich – entdeckt werden können. Und zwar über die Ratio (Vernunft) und auch über die Intuition, sofern diese rational geschult beziehungsweise zumindest nicht durch dogmatische Weltanschauungen verformt ist. Das Problem ist nur, dass die meisten, die nur wissen wollen, ob ich an Götter glaube, mit einer solchen Antwort nicht viel anfangen können, weil sie weder mit den Ausdrücken, den Worten noch mit den Begriff(sinhalt)en vertraut sind.

Warum man sich selbst nicht als Atheisten bezeichnen sollte

Wenn ich mich dagegen als Atheisten bezeichnen würde, dann übernähme ich ja bereits das – von mir als inadäquat angesehene – Einteilungsschema des götterzentrischen Denkens. Ich ließe mich dann bereits in das Denkschema des Theisten hineindrängen und übernähme mit seiner Sprache auch schon seine (in meinen Augen seltsame) Strukturierung der Welt und ihrer Anschauungen. Ich würde mich ja auch nicht als Anti-Ufogläubiger oder als Ufo-Ungläubiger bezeichnen oder als Anti-Nietzscheianer. Eine solche Einteilung der Menschen erschiene mir ebenso unpassend, auch wenn es sich für den Ufo- beziehungsweise Nietzsche-Fixierten, dessen ganzes Denken sich primär um diese Frage dreht, ganz anders darstellt.

Aus philosophischer Sicht sind das meines Erachtens völlig schiefe Einteilungen, weil sie die Weltanschauungen nicht aus der Außenperspektive betrachten und dann eine sachlogische Einteilung vornehmen, sondern von der je eigenen Weltanschauung ausgehen und dann nur zwei Schubladen kennen: die, in der sie selbst stecken und die der anderen, die dann je nach Nähe zur eigenen nochmals in Unterschubladen geordnet wird, aber immer eben mit Bezug zur eigenen, nie von außen die Sache beleuchtend, was natürlich eine geistige Transzendierung der eigenen Sicht voraussetzt, mithin die Fähigkeit, kognitiv zu sich selbst in Distanz zu gehen und sich nicht nur aus der Perspektive des anderen, sondern aus der Gesamtperspektive zu betrachten und dann aus dieser seine eigene Position zu bestimmen.

Die subtile Manipulation über die Sprache

Wer Herrschaft über andere Menschen ausüben will, der fängt am besten damit an, ihre Denkweise unter seine Kontrolle zu bringen. Dies beginnt idealerweise mit der Sprache und der Begriffsbildung. Denken im engeren Sinne ist im Gegensatz zum Assoziieren, welches oftmals eher bildhaft, vor allem nicht logisch von statten geht, ein Operieren mit Begriffen. Wer über bestimmte Begriffe nicht verfügt – zum Beispiel Freiheit oder Emanzipation, ontologischer Realismus oder ethischer Objektivismus  -, der kann sie oder ihr Gegenteil auch nicht erkennen. „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind“, arbeitete schon Kant (1724-1804) minutiös heraus.

Und der Begriff „Atheismus“ ist eine äußerst raffinierte solche Manipulation, weil er bereits eine entscheidende Vorfestlegung trifft und diese ins Zentrum stellt, so dass alle anderen Begriffe sich darum scharen müssen beziehungsweise wie Schopenhauer (1788 – 1860) es formulierte:

Was für eine schlaue Erschleichung und hinterlistige Insinuation in dem Wort Atheismus liegt! – als verstände der Theismus sich von selbst.“

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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