Warum Grüne und Linke den „Nazi“ brauchen, ihn notfalls einfach herbeiphantasieren

Ein Gastbeitrag von Rudolf Brandner, Fr. 21. Dez 2018

Was für ein herrliches Spektakel dieses Jahr doch die Maaßen-Affäre bot! Zumindest für einen Pathologen des Zeitgeistes, dem hier ein Paradebeispiel aus dem Schulbuch für massenpsychologische Übertragungsprozesse und ihre Pathologien geliefert wurde. Doch der Reihe nach, beginnen wir mit der Theorie. Danach verläuft die Grenze zwischen rationalem und pathologischem Verhalten dort, wo das Bewußtsein sich nicht mehr gegenständlich unterscheidend der Wirklichkeit seiner Sache vergewissert, sondern affektiv übermächtigt Erscheinungsbilder (Phantasmata) seiner Ängste erzeugt, die in Verhaltensauffälligkeiten zutage treten.

Kollektive Pathologien: Wenn das Bewußtsein von Phantasmagorien beherrscht wird

Wer sich ohne Anlaß alle naselang die Hände wäscht, ist verhaltensauffällig. Wer in panischer Angst überall auf Spinnen lauert und kreischend auffährt, so­bald auch nur eine Stubenfliege vorbeihuscht oder sich ein dunkler Fleck an der Wand abzeichnet, ist verhaltensauffällig. Ob neurotischer Waschzwang oder Spinnenphobie – am Unverhältnismäßigen des Verhaltens verrät sich, daß der kritisch unterscheidende Realitätsbezug ausgesetzt durch eine rein psychische Gewalt übermächtigt wird, die sich in gegenständlichen Phantasmagorien auslebt. Irgendeine seelische Verletzung (Trauma) zwingt das Bewußtsein zur Selbstanschauung seiner Ängste, die phan­tas­ma­go­risch produziert zu den entsprechenden Verhaltensauffälligkeiten führen.

Dazu gehören auch kollektive Pathologien, die, wie der Hexenwahn, ganze Bevölkerungsgruppen ergreifen mögen: Eine verdrängte Sexualangst mag sich in Phantas­ma­gorien des Weiblichen als Teufelskräften des Bösen entladen. Zu guter letzt wird sie an brennenden Scheiterhaufen verhal­tensauffällig. Wenn Wahnvorstellungen bei Einzelnen die Ausnahme, bei ganzen Völkern aber die Regel sind, wie Nietzsche meinte, dann hat politische Rationalität immer auch die therapeutische Aufgabe, dem kollektiven Wahn durch die Wiederherstellung kritisch unterscheidender Sachbezüge entgegenzuwirken, um den pragmatischen Umgang mit den geschichtlichen Realitäten zu ermöglichen.

Weshalb der Verweis auf die Realität beim vom Wahn Befallenen nichts nützt

Bekanntlich besteht der größte Kunstfehler psychiatrischer Therapie darin, die Phantasmagorie einfach für nichtige Spinnerei zu erklären: «Da ist gar nichts, kein Schmutz, keine Spinnen, keine Hexen …!» – Die ganze Energie der traumatischen Angst wird sich dann unmittelbar gegen den Therapeuten  entladen. Er gilt nun als Meister der Spinnen und Hexen, steht mit ihnen in einem Bunde, ist ihr Komplize und Fürsprecher. Die phantasmagorische Angst wandelt sich um in Aggression gegen den Therapeuten. Er wird zum Todfeind und mit Vernichtungsgelüsten bedroht. Indem er der traumatischen Angst ihre reale Begründung im Gegenstand abspricht und damit ihre narzisstische Selbstlegitimation vereitelt, nimmt er der Seele die ganze Dramatik ihrer Verletztheit, die sie zwanghaft immer wie­der von neuem an ihren Phantasmagorien ausleben muß.

Konsequenz: Sie überträgt sich auf ihn. Denn seelische Phantasmata lassen sich nicht so einfach durch einen Realitätsverweis auflösen wie eine vorübergehende Fehlwahrnehmung eines rationalen Subjekts. Der Therapeut muß also auf die Wahnvorstellungen des Subjekts eingehen, sie dem Anschein nach teilen und wie ein Komplize verständnisvoll mitvollziehen, um dann, nach und nach, ihnen auf den Grund zu kommen und sie dort aufzulösen, wo sie ihren Ursprung nehmen – der traumatischen Störung.

Der Nazi-Phobiker läßt sich seine phantasmagorische Gegenständlichkeit niemals nehmen

Damit ist auch schon der ungeheure Kunstfehler genannt, den Herrn Maaßen beging. Er verhielt sich als rationales Subjekt, das sich in einer rationalen Welt wähnte – unter völliger Verkennung der pathologischen Verfassung medialer Öffentlichkeit. «Wir haben keine belastbaren …» – da war es schon vorbei! – Wie kann man nur meinen, der Naziphobie ihre phantasmagorische Gegenständlichkeit nehmen zu können, ohne selbst zu ihrem Objekt und zum «Nazi» erklärt zu werden?

Kaum geschehen, wurde auch schon sein Kopf gefordert; anstatt erleichtert aufzuatmen: «Gott sei dank! Doch kein Pogrom!» – stürzte sich der Mob auf den Überbringer der «schlechten Botschaft». Früher, zu archaischen Zeiten, brachte man solche Boten wohl auch um; der zivilisatorisch Fortgeschrittene beschränkt sich auf eine symbolische Ersatzhandlung und fordert seine exemplarische Bestrafung. Wofür?

Für die entgangene Lust der narzisstischen Selbstinszenierung, sich an der Phantasmagorie des Bösen der eigenen Gutheit zu ver­ge­wissern. Eine Katastrophe, wenn es gar keine Nazis gäbe – man müßte sie erfinden! Der gesamte psychische Apparat kollabiert, nimmt man ihm die gegenständliche Realität, aus der er sein ganzes Daseinsrecht schöpft. Wo der phantasmagorische Selbstvollzug des Lebens boykottiert wird, schlägt er um in die Rachlust, die Genugtuung fordert. Daher die öffentliche Hysterie, die schon die Demokratie in Gefahr und die Nazis kurz vor der Machtergreifung sah.

Ihr seid Nazis Punkt

Auf der Buchmesse, You-Tube-Screenshot

Der „Nazi“ als Generierer gigantischer Aufregungsquanten, von denen die Psychodramatik grün-linker medialer Öffentlichkeit lebt

«Oh, wie hätten wir so gerne einen Pogrom gehabt!» Gott sei Dank! – fand man dann doch später noch einige, die den Hitlergruß gezeigt hatten, und sogar ein jüdisches Restaurant war angegriffen worden! Wenn das nicht doch was ist! Das hätte der Böse schon «verharmlost», als noch gar nicht die Rede davon war! Da sieht man es wieder – im Bund mit dem Teufel! – So gelang auch die Ablenkung von der ursprünglichen Bluttat und bestätigte wider willens Maaßens Verdacht, die Schuld der Bluttat solle mit der Beschuldigung derer überdeckt werden, die dagegen auf die Straße gingen. Übertragung auch hier – vom Tötungsdelikt auf die Reaktion dagegen.

In symptomatischer Verkehrung aller rationalen Begründungspflichten wurde sogar gefordert, er solle Belege für die Nicht-Existenz eines «Pogroms» liefern. Es sind aber primär immer nur Existenzbehauptungen, die begründungspflichtig sind – und deren Begründung dann zu Recht in Zweifel gezogen werden muß, wenn ihr die Evidenz für das Behauptete fehlt und sie zudem aus zweifelhafter Quelle stammt. Was eben auch zu den originären Aufklärungsaufgaben des Verfassungsschutzes gegen die Irreführung der Öffentlichkeit gehören mag. Das Spektakel mag Herrn Maaßen mit der verwunderten Frage zurückgelassen haben, auf welchem Narrenschiff er sich denn hier befinde.

Wenn «Nazi» als gegen alle geschichtlichen Realitäten verselbständigter Inbegriff des Bösen ein vornehmlich medial erzeugtes Phänomen ist und als solches sein Unwesen treibt, dann, weil er gigantische Aufregungsquanten generiert, von denen die Psychodramatik medialer Öffentlichkeit lebt. Aber indem sie ihren eigenen Inszenierungen verfällt, fanatisiert sie sich selbst aus ihrem traumatischen Grunde zum Vollzugsmedium einer kollektiven Pathologie, die einem statistischen Wert von NS-affinen Knallköpfen im 0, 0…1 % Bereich die große Bühne bereitet.

Die Naziphobie gehört zur moralischen Pathologie des Zeitgeistes

Es ist eine Einladung an alle, die sonst nicht gehört werden, durch irgendein NS-Gehabe auf sich aufmerksam zu machen, um ihren Frust und Widerwillen auszudrücken oder ihrer puren Geltungssucht Genüge zu verschaffen. Verbote, Tabuisierungen und Verfemungen steigern die Transgressionslust gerade bei denen, die sonst nichts haben, worin sie ihre Lebensenergie ausleben können; und bieten so ihrerseits der moralischen Hysterie die willkommene Gelegenheit, ihre Traumata in Empörungen, Schuld- und Anklageriten abzufahren.

Es bleibt ein Wechselspiel gesellschaftlicher Negativität, die sich aus all den Ressourcen speist, die in der modernen Lebensverwirklichung frustriert dahindarben. Die Naziphobie gehört zur moralischen Pathologie des Zeitgeistes; ihre Therapie liegt nicht im öffentlichen Diskurs der Politik, sondern in der Auslotung der Angst der Moderne vor sich selber. Man vermeide also füglichst, die massenhafte Existenz von (Neo-) Nazis zu bestreiten, um nicht selbst dazugezählt die Summe noch zu vergrößern, und lausche auf das Untergrundgeraune der Angst, die sich darin ausspricht …

P.S.: Satirischer Rückblick nach der Festnahme einer «rechtsradikalen Naziterrororganisation» in Chemnitz

Donnerwetter! Die haben’s doch faustdick hinter den Ohren – diese Chemnitzer! Wußten wir doch! Wollen die Republik stürzen – mit ein paar Quarzhandschuhen und einem Luftgewehr! Und uns den Feiertag zur Deutschen Einheit vermasseln mit einem Anschlag auf Ausländer & Journalisten, unsere Freiheitssymbole! Geübt hätten sie schon im Park, wie man Ausländer hetzt! Also alle Achtung, so lernt man das. Und Sonntagnacht fährt einer noch ganz brav zur Arbeit nach Stuttgart! (wird aber unterwegs festgenommen). Perfekte Tarnung! – Und schwupsdiwups wäre der dann am Dienstagabend nach der Arbeit in Berlin aufgetaucht und hätte am Mitt­woch die Diktatur ausgerufen! Mit dem Luftgewehr! – Kein Wunder, bei der Verfassung der Bundeswehr!

Oder hat uns Maaßen (dieser Schelm!) wieder reingelegt? – Hatte man ihm nicht ernsthaft aufgetragen: «Jetzt bring uns endlich ein paar Nazis aus Chemnitz, mit Pogrom und allem so drum und dran!» – Und da hat er uns nun so einen Hemdklunker-Verein ausgekramt, eine solche Rotznasentruppe – und die ganze Republik in Aufregung versetzt. Der will uns doch nur lächerlich machen! Unzuverlässig! Also da capo: Maaßen muß weg!

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Literaturempfehlung: Rudolf Brandner, Autistische Subjektivität – Zur Pathogenese modernen Erkenntnisverhaltens; Königshausen & Neumann-Verlag, Würzburg 2015.

Autistische Subjektivität

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Zum Autor: Prof. Dr. Rudolf Brandner, geb. 1955, Studium der Philosophie, Psychologie und Indologie in Freiburg, Paris (Sorbonne) und Heidelberg, 1988 Promotion über Aristoteles (=> Bibl. 5, 1996), 1993 Habilitationsarbeit zum philosophischen Begriff der Geschichtlichkeit (=> Bibl. 4, 1994). 1985 – 1999 neben Lehr- und Vortragstätigkeit im deutschsprachigen Raum zahlreiche Gastprofessuren in Frankreich, Italien und Indien. 2000 – 2005 Rückzug in die philosophische Grundlagenforschung (Bibl. => 6 – 8, 2002/2004). Lebt als freier Philosoph in Freiburg i. Brsg. und Berlin. Arbeitsbereich: Philosophische Grundlagenforschung. Hier geht es zur Internetseite von Rudolf Brandner.

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Titelbild: Twitter-Screenshot

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