Der Abstieg: Wie unser Land allmählich ruiniert wird

Von Vera Lengsfeld, So. 31. Mrz 2019

Vor acht Jahren wurde Japan von einer schrecklichen Naturkatastrophe heimgesucht. Ein Erdbeben löste einen gewaltigen Tsunami aus, der die japanische Pazifikküste heimsuchte, eine Fläche von über 500 km² überflutete und mehr als 20.000 Menschen in den Tod riss. Doch was macht die Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg aus diesen Opfern der Naturkatastrophe: „Opfer der Atomkatastrophe“. Früher wäre jeder Dorfschüler dazu fähig gewesen, wozu die Landeszentrale für politische Bildung heute nicht mehr fähig oder nicht willens ist, konstatiert Vera Lengsfeld: einen Kraftwerksunfall von einem Unwetter unterscheiden zu können, selbst wenn ersterer die Folge des letzteren gewesen sein sollte. Doch dies ist nur ein Beispiel, an dem sie deutlich macht, wo unser Land lange schon hin driftet.

Aus Opfern eines Tsunamis werden von der Landeszentrale für politische Bildung (!) „Opfer der Atomkatastrophe“ gemacht

Unser Land war einst für seine Bildung berühmt. Selbst Absolventen einer Dorfschule beherrschten Grundbegriffe der Mathematik, kannten naturwissenschaftliche Zusammenhänge, wussten um die Geschichte und konnten Goethegedichte rezitieren. Jeder Dorfschüler hätte mühelos einen Kraftwerksunfall von einem Unwetter unterscheiden können, selbst wenn ersterer die Folge des letzteren gewesen sein sollte.

Heutzutage können das die Verantwortlichen für politische Bildung in Baden Württemberg nicht mehr. Oder wollen es aus Propagandazwecken nicht. Vor kurzem  twitterte die Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg:

„Heute gedenken wir der vielen tausend Opfer der #Atomkatastrophe von #Fukushima. Am 11. März 2011 kollabierten mehrere Kühlsysteme im japanischen Atomkraftwerk Fukushima …“

Damals hat ein Tsunami unvorstellbaren Ausmaßes die japanische Küste verwüstet. Dabei kam es auch zu einer Havarie eines Atomkraftwerkes, das von der Monsterwelle erfasst worden war. Es kam zwar zu einem Super-GAU. Auf der siebenstufigen INES-Skala (Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse) wurde die höchste Stufe 7 erreicht. Es handelte sich mithin um die bisher zweitstärkste nukleare Havarie nach dem Super-GAU von Tschernobyl. Es gab aber keinen einzigen Toten infolge der Havarie der Kühlsysteme. (Laut dem Schweizer Nuklearforum sind bis 2 017 keine „strahlenbedingten Erkrankungen oder gar Todesfälle aufgetreten“.) Die mehr als 20.000 Toten waren Opfer des Tsunamis.

Möglich ist aber auch, dass die Verantwortlichen dieses Tweets das genau wussten, aus ideologischen Gründen aber bewusst gelogen haben. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, die grassierende Unbildung oder die wachsende Propaganda.

Was sind die größten Feinde der Bahn? – Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Apropos Propaganda. Die hat inzwischen unsere Deutsche Bahn fest im Griff. Bahncardbesitzern wird tatsächlich bescheinigt, sie führen zu 100 Prozent mit Ökostrom, während die neben ihnen sitzenden Inhaber normaler Fahrkarten Atomstrom nutzen. Während sich offensichtlich eine ganze Abteilung solchen Propaganda-Mätzchen widmet, kommt die DB ihren eigentlichen Aufgaben, Passagiere zuverlässig und pünktlich von A nach B zu bringen, immer schlechter nach.

Gab es in den 1970er Jahren noch den stolzen Slogan: „Alle reden vom Wetter, wir nicht!“, wird jetzt schon bei stürmischen Winden der Bahnverkehr komplett eingestellt, wie am Wochenende in NRW. Aber auch wenn kein Wind weht, es nicht regnet oder schneit, weiß man nie, ob man auch ankommt. Selbst wenn der Zug pünktlich einfährt, was bei den ICEs immer seltener der Fall ist, kann es unterwegs zu Signalstörungen oder anderen Missgeschicken kommen. Vorsichtshalber einen Zug früher zu nehmen, hilft nicht unbedingt. Verspätungen von über einer Stunde sind längst keine Seltenheit mehr. Auf die Bahn trifft mittlerweile ein DDR-Witz zu: Was sind die größten Feinde der Bahn? Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Auf diese Misere hat die DB jetzt auf seltsame Weise reagiert. Jetzt wurde bekannt gegeben, dass künftig Verspätungen bis zu 15 Minuten noch als pünktlich gewertet werden, während es bisher 6 Minuten waren. Angeblich hätte man sich damit lediglich den Gepflogenheiten des Flugverkehrs angepasst. Simsalabim: Durch einfaches Frisieren der Statistik, wird die Bahn pünktlicher. Bald ist vermutlich rechts, wer sich noch erinnert, dass man Ende der 1980er Jahre die Uhr nach den Zügen stellen konnte.

Der Zustand unserer Waffensysteme fällt ab sofort unter Geheimhaltung

Ähnlich kreativ ist man bei der Bundeswehr. Diesen Monat kam die Meldung, dass künftig der Zustand unserer Waffensysteme unter Geheimhaltung fällt. Zu oft wurde darüber gespottet, dass in der Armee die Streitkräfte kaum noch handlungsfähig sind. Ob Panzer, Flieger, U-Boote oder Gewehre, nichts funktioniert mehr, wie es sollte. Das ist inzwischen ein Hochsicherheitsrisiko geworden, das nicht verschwindet, indem man nicht mehr darüber reden darf. Seit eine Frau die oberste Heereschefin ist, scheint die Truppe zusätzlich ein Korruptions-Problem zu haben. Ministerin von der Leyen wirft lieber Geld für Heerscharen von externen Beratern hinaus, als den internen Sachverstand abzurufen.

Weil der Fisch vom Kopf her stinkt, hat auch die Flugbereitschaft der Bundesregierung ein Problem. Nachdem es mehrmals peinliche Pannen gegeben hat und die Kanzlerin schon eine spanische Linie benutzen musste, um wenigstens verspätet zum G20-Gipfel in Buenos Aires zu kommen, werden die beiden noch funktionsfähigen Flieger ausschließlich für Kanzlerin, Bundespräsident, Außen- und Innenminister zur Verfügung gestellt. Alle andern Regierungsmitglieder müssen Linie fliegen. Allerdings mindestens Business, nicht Economy, wie Kanzler Sebastian Kurz. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Wir sehen tagtäglich, wie ein bis vor Kurzem noch beneidenswert gut funktionierendes Land immer mehr ruiniert wird. Das Verwunderliche dabei ist, dass die Deutschen dem so ruhig zusehen. Abzuwarten bleibt, ob sie bei den Wahlen in diesem Jahr wenigstens Konsequenzen ziehen.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Vera Lengsfeld. Er erscheint hier mit der freundlichen Genehmigung der Autorin und Blogbetreiberin. Teaser (Einleitung), Zwischenüberschriften und Bildauswahl durch JFB.

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Zur Autorin: Vera Lengsfeld, abgeschlossenes Studium der Philosophie, war eine engagierte Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Ab 1990 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, von 1996 bis 2005 für die CDU. Seither ist sie als freie Autorin tätig, unter anderem als Kolumnistin für die Achse des Guten, The European, die Huffington Post, das ef-Magazin und die Preußische Allgemeine Zeitung. Im Juli 2012 wurde sie zur Landesvorsitzenden der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) Berlin-Brandenburg gewählt. 1990 wurde ihr der Aachener Friedenspreis verliehen, 2008 das Bundesverdienstkreuz.

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Bilder: YouTube-Screenshot

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