Wird ein wahrer Satz erst durch seinen Beweis wahr?

Von Jürgen Fritz, So. 31. Mrz 2019

„Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten“, analysierte Aristoteles messerscharf. In diesem einen Satz stecken viele Erkenntnisse, zum Beispiel eine über den Ort der Wahrheit, wo diese überhaupt zu finden ist: a) in unseren Meinungen über das Sein, die wahr oder falsch sein können, und b) in unseren Behauptungen über das Sein, für die das Gleiche gilt. Ein wahrer Satz beschreibt die Wirklichkeit richtig, hat also – eine Einsicht, die in einigen modernen Wahrheitstheorien verlustig gegangen ist und das mit schwerwiegendsten Folgen – einen Bezug zur Realität. Doch welcher Art ist die Beziehung zwischen Wahrheit und Beweis dieser? Wird ein wahrer Satz erst durch seinen Beweis wahr?

Wahrheit – Lüge – Scherz – Satire

Nehmen wir an, ich frage meine Frau, ob sie weiß, wo meine Geldbörse ist. Sie antwortet, dass meine Geldbörse wie meist in der obersten rechten Schublade in der Diele unserer Wohnung liegt. Wann ist dieser Satz wahr und wann ist er falsch? Offensichtlich ist der Satz genau dann wahr, wenn meine Geldbörse wirklich am beschriebenen Ort liegt und er ist genau dann falsch, wenn sie sich nicht dort befindet. Ist sie nicht wirklich dort und meine Frau wusste das, sagte aber wider besseres Wissen etwas Falsches und zwar nicht nur zum Spaß, um mich zu foppen, sondern um mich gezielt und absichtlich zu täuschen, dann hat sie mich belogen.

Aber natürlich kann es auch sein, dass sie etwas Falsches sagte, weil sie selbst meinte, meine Geldbörse sei tatsächlich dort. Die Unwahrheit war in dem Fall also schon in ihrer Meinung, in ihrer Vorstellung und sie gab ihre falsche Vorstellung in ihrer Rede wieder, die dadurch ebenfalls zu einer falschen wurde, während beim Lügen, die Rede und die Vorstellung des Sprechenden auseinanderklaffen. Der Lügner sagt etwas anderes, als das, was sich in seiner Vorstellungswelt befindet. Er hat eine wahre Vorstellung, spricht aber Falsches, um den, zu dem er spricht, gezielt zu täuschen.

Der Lügner will also, dass in dem anderen eine falsche Vorstellung entsteht, was bei einem Scherz oder eine Satire nicht der Fall ist. Hier werden bisweilen falsche Dinge gesagt, aber nicht um zu täuschen (Fake-News), sondern um den anderen zum Lachen zu bringen (Scherz) oder um ihn zum Lachen zu bringen und zugleich Kritik an etwas zu üben (Satire), das durch die falsche Behauptung (oder extreme Übertreibung, Überzeichnung) lächerlich gemacht werden soll, wobei derjenige, der einen Scherz macht und der Satiriker darauf vertrauen, dass der andere seine wahre Absicht und den Charakter des Scherzes respektive der Satire erkennt.

Wahrheit und Beweis der Wahrheit

Sie merken jetzt vielleicht schon, wie genial die aristotelische Analyse ist. In dem kurzen Satz stecken enorm viele Reflexionen über das Wesen der Wahrheit und sind aufs Äußerste verdichtet. Wahr kann sein a) eine Vorstellung, die sich auf die Wirklichkeit bezieht, und b) eine Rede, ein Satz, für den das gleichermaßen gilt. Wichtig dabei: Die Rede muss sich auf die Realität beziehen, nicht umgekehrt. -Das Primäre ist die Wirklichkeit, die wahre Vorstellung ist das Sekundäre und die wahre Rede, in der die wahre Vorstellung zum Ausdruck kommt, das Tertiäre.

Der Satz meiner Frau in Bezug auf den Ort meiner Geldbörse ist wahr, wenn diese sich an dem von ihr beschriebenen Ort befindet. Wie kann das in diesem Beispiel überprüft werden, ob sie die Wahrheit gesprochen hat? Nun in diesem Fall natürlich ganz einfach, indem ich hingehe zur Kommode in der Diele und die Schublade öffne, um nachzusehen, ob meine Geldbörse darinnen liegt. Der Beweis ist hier also denkbar einfach. Das ist natürlich nicht immer so. Wenn ich zu meiner Frau sage, ich glaube nicht, dass meine Geldbörse dort liegt, ich sei sicher, ich hätte sie im Auto im Handschuhfach liegen lassen, dann kann sie mir die Wahrheit ihrer Behauptung ganz einfach beweisen, indem sie mir mir zusammen zur Kommode geht und sagt: „Mach die Schublade auf und sieh nach“.

Nun aber zu unserer Ausgangsfrage: Wird ein wahrer Satz erst durch seinen Beweis wahr oder war er auch schon wahr, bevor ich die Schublade öffne und nachsehe? Hat meine Frau erst ab dem Moment die Wahrheit gesprochen, wenn ich es überprüft habe, ob es stimmt, was sie sagte, oder hat sie schon zuvor die Wahrheit gesagt? Was verändert sich durch die Überprüfung? Und was passiert, wenn die Schublade klemmt oder abgeschlossen ist und wir den Schlüssel nicht mehr finden können? Verliert die Aussage meiner Frau bezüglich dem Ort meiner Geldbörse dadurch ihren Wahrheitswert?

Wahre Sätze sind objektiv wahr und zeitlos, sie bilden eine dritte ontologische Dimension

Ein wahrer Satz ist offensichtlich auch dann ein wahrer Satz, wenn seine Wahrheit noch nicht bewiesen ist. Was sich durch den Beweis verändert, ist ja nicht die Wirklichkeit, sondern unser kognitiver Zustand, unsere Vorstellung in Bezug auf den fraglichen Satz, dergestalt das Gefühl der Sicherheit, dass er richtig ist, sich – wohlbegründet – ändert oder gar, dass sich unsere Meinung, unsere Vorstellungswelt in diesem Punkt komplett ändert, dass wir nun etwas für wahr halten, was für zuvor für falsch hielten. Dem Satz selbst ist das gleichgültig. Er war, ist und wird sein wahr, egal was denkende Subjekte von ihm halten.

Selbst als ich noch dachte, es würde nicht stimmen, was meine Frau sagt, als ich meinte, sie würde sich täuschen, mein Geldbeutel sei im Auto, war der von ihr gesprochene Satz bereits wahr. Durch den Beweis – das in die Schublade schauen – verändert sich also meine Vorstellungswelt, hier was ich für wahr halte, manchmal auch nur der Grad der subjektiven Sicherheit, dass dies auch wirklich stimmt, was wir vermuten und für wahr halten, aber nie der Wahrheitsgehalt des Satzes selbst.

Der wahre Satz schwebt gleichsam in einer anderen Sphäre, in einer dritten ontologischen Dimension über der objektiv physikalischen (greifbaren) Dimension 1 und der subjektiv psychischen (nicht greifbaren, aber fühlbaren) Dimension 2 (unserer seelischen Innenwelt), die sich beide ständig verändern, während der Satz und seine Wahrheit in Dimension 3 objektiv und zeitlos sind.

Wenn Sie sagen, Australien liegt zum Zeitpunkt t (zum Beispiel am 31.03.2019) auf der Südhalbkugel und ist kleiner als Afrika, dann ist dieser Satz, wenn klar ist, was durch die Worte „Australien“, „Südhalbkugel“, „Afrika“ und „kleiner“ bezeichnet wird, was sie bedeuten, wenn also ihre Semantik klar ist, nicht subjektiv, sondern objektiv wahr, denn da ist kein Raum für subjektive Umdeutung, dergestalt Afrika flächenmäßig kleiner wäre als Australien. Und der Satz wird auch morgen und übermorgen und in tausend Jahren wahr sein bezogen auf diesen Zeitpunkt (und auch viele andere Zeitpunkte, solange die Erdteile sich nicht völlig verändern). Natürlich kann sich durch eine Naturkatastrophe oder einen Meteoriteneinschlag etc. das Sein selbst verändern, aber der Satz heute ausgesprochen bezieht sich ja auf das Sein heute und insofern kann er, wenn er heute wahr ist, niemals falsch werden. Seine Wahrheitsgehalt ist mithin nicht dem Wandel der Zeit unterworfen.

Wahrheit ist nichts, was demokratisch bestimmt würde

Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass a) die Feststellung, der Beweis und die Anerkennung der Wahrheit und b) die Wahrheit selbst zweierlei sind. Der Richter muss im Verlaufe des Prozesses versuchen, die Wahrheit herauszufinden, was sich tatsächlich ereignet hat. Wenn bewiesen ist, dass der Angeklagte A unschuldig ist, dann verändert sich nicht das Sein, sondern nur unser Wissen über das Sein. Unschuldig war A schon zuvor, es war nur nicht bewiesen und damit seine Unschuld noch nicht anerkannt. A wird aber nicht erst durch den Beweis unschuldig, er war es auch zuvor. Der Beweis ändert nicht das Sein, sondern die Vorstellung des Richters und vielleicht aller am Prozess Beteiligten, außer der Vorstellung von A, der ja schon wusste, dass er unschuldig ist.

Der Satz, die Erde ist keine Scheibe, war auch schon richtig, bevor seine Richtigkeit bewiesen wurde. Durch den Beweis hat sich nicht die Form der Erde (das Sein selbst) verändert, sondern unsere Vorstellungswelt (unsere Meinung über das Sein). Durch Kopernikus, Kepler, Galilei etc. hat sich nicht der Aufbau des Alls verändert, sondern unsere Vorstellungswelt vom Universum.

Und noch etwas können wir feststellen: Wahrheit ist nichts, was demokratisch bestimmt würde. Als Einstein sagte, dass kein Massekörper auf Überlichtgeschwindigkeit beschleunigt werden könne, weil mit zunehmender Geschwindigkeit seine Masse, damit seine Trägheit, also sein Beharrungsvermögen beziehungsweise sein Widerstand gegen jede weitere Beschleunigung ins Unendliche ansteige, so war dieser Satz (sofern wir annehmen, dass er richtig ist) auch dann schon wahr, als es noch kein einziger Mensch außer Einstein wusste und verstand, dass dem so ist. Dasselbe, so meine hoffentlich wahre Behauptung, gilt auch für moralische Wahrheiten. Doch dazu irgendwann an anderer Stelle mehr.

Das Beweisen geschieht nicht um der Wahrheit willen, sondern um unserer selbst willen

Fazit: Der wahre Satz selber braucht also keinen Beweis für seine Richtigkeit. Er braucht gar nichts. Alle wahren Sätze schweben gleichsam über uns, sie sind da und wir können versuchen, nach ihnen zu schnappen und sie suchen. Wenn wir sie erwischen, werden wir klüger. Dann verändert sich unsere Vorstellungswelt, unser Wissen über die Welt wächst an.

Aber wenn wir einen neuen wahren Satz geschnappt haben, wissen wir ja noch nicht, dass er wahr ist. Wir haben also ein Bedürfnis, die Wahrheit zu beweisen. Durch den Beweis verschaffen wir selbst uns das Gefühl der Sicherheit, dass wir tatsächlich richtig liegen mit unserer Vorstellung. Und der Beweis hat noch eine zweite wichtige Funktion, eine soziale Funktion: Wir können damit andere überzeugen, dass etwas wahr ist, so dass die Wahrheit der Vorstellung und des Satzes auch von anderen anerkannt wird.

Das Beweisen geschieht mithin weniger des Satzes willen, er selbst braucht keinen Beweis für seine Wahrheit, er ist einfach wahr (oder falsch), sondern um unserer selbst willen, weil wir uns Sicherheit verschaffen wollen, ob das, was wir gefangen haben, was in unserer Vorstellungswelt ist, etwas Wahres mithin objektiv Wertvolles ist oder nicht.

*

Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Werbeanzeigen