SPD droht bei EU-Wahl ein Waterloo, aber auch Grüne verlieren seit Monaten massiv

Von Jürgen Fritz, Sa. 09. Mrz 2019

Elf Wochen noch bis zur EU-Wahl. Nie war eine solche von größerer Bedeutung als dieses Jahr. Denn nun werden die Weichen gestellt für die Zukunft der Europäischen Union. Die Briten werden nach ihrer Entscheidung für den Brexit bei dieser Wahl bereits nicht mehr mit abstimmen. Doch noch immer sind fast 400 Millionen EU-Bürger aufgerufen, das einzige direkt demokratische gewählte Organ der EU zu wählen. Heute wurde nun eine INSA-Umfrage veröffentlicht, wie die Deutschen aktuell wählen würden und die zeigt bereits einiges recht deutlich.

So wählten die Deutschen vor fünf Jahren

In Deutschland werden sich insgesamt 13 Parteien zur Wahl stellen. Anders als bei der Bundestagswahl wird keine Sperrklausel (Fünfprozenthürde) greifen. Wirklich relevant werden aber nur sechs Fraktionen bzw. sieben Parteien sein. Diese erzielten bei der letzten Europawahl im Jahr 2014 folgende Ergebnisse (in Klammern die Veränderungen gegenüber 2009):

  1. CDU/CSU: 35,3 % (– 2,6)
  2. SPD: 27,3 % (+ 6,5)
  3. GRÜNE: 10,7 % (– 1,4)
  4. LINKE: 7,4 % (– 0,1)
  5. AfD: 7,1 % (+ 7,1)
  6. FDP: 3,4 % (– 7,6)
  7. Sonstige: 8,8 % (– 1,9) – davon jede einzelne Partei bei max. 1,5 %

2014 Ergebnis

So würden die Deutsche heute wählen

Heute veröffentlichte die Bild eine aktuelle Umfrage von Ende Februar bis Anfang März von INSA (4.000 im Zeitraum 27.02. bis 01.03. per Online-Panel Befragte – internetbasierte Befragung von gezielt ausgewählten Mitgliedern einer Personengruppe, Befragten-Pool). INSA ist das Institut, welches mit seiner letzten Umfrage vor der Bundestagswahl 2017 als einziges noch näher am tatsächlichen Wahlergebnis lag (1,05 % mittlere Abweichung) als die Prognose von Wahl-O-Matrix (1,09 %), dem von mir gegründeten Meta-Analyse-Tool. Und INSA hat nun aktuell die folgende Ergebnisse ermittelt. So in etwa würden die Deutschen im Moment wählen:

  1. CDU/CSU: 29 %
  2. SPD: 16 %
  3. GRÜNE: 15 %
  4. AfD: 12 %
  5. FDP: 9,5 %
  6. LINKE: 9 %
  7. Sonstige: 9,5 %

2019-03-09

Gewinne und Verluste

Gegenüber der EU-Wahl 2014 würden wir bei diesem Ergebnis folgende Veränderungen sehen:

  1. FDP: + 6,1 %
  2. AfD: + 4,9 %
  3. GRÜNE: + 4,3 %
  4. LINKE: + 1,6 %
  5. Sonstige: + 0,7 %
  6. CDU/CSU: – 6,3 %
  7. SPD: – 11,3 %

Ganz große Verluste drohen offensichtlich der SPD, die momentan mit einem Minus von über 11 Punkten rechnen müsste. Aber auch die Union hätte ein deutlich schlechteres Ergebnis als 2014 einzukalkulieren. 6 bis 7 Punkte würde es hier zur Zeit nach unten gehen, während drei Parteien im Mai kräftig zulegen dürften: Die Grünen, die AfD und am stärksten von allen die FDP, die ihre großen Verluste von 2014 (– 7,6 %) zum großen Teil wettmachen und in die Nähe ihrer Ergebnisse von 2009 kommen könnte.

Trend der letzten Monate

Betrachten wir nun die Entwicklung seit Oktober 2018, also der letzten vier bis fünf Monate, so zeigt sich folgender Trend:

  • Union: Ab Oktober kam es, nachdem Merkel ihren Rückzug vom Parteivorsitz angekündigt hatte, zunächst zu einem Aufwärtstrend. CDU/CSU stiegen in den Umfragen zur EU-Wahl von 27 % auf 30 %, bei Forsa sogar auf 35 %, inzwischen gehen die Unionswerte aber wieder nach unten. Die Aufschwungphase scheint also bereits vorbei und gebrochen.
  • SPD: Den Sozis droht nach der Bayernwahl (Absturz von über 20 auf 9,7 Prozent) und der Hessenwahl ihr nächstes Waterloo. Es ist erneut mit einem Einbruch von ca. 11 Punkten zu rechnen. Dabei tut sich wenig in den letzten Monaten. INSA taxierte die SPD schon im Oktober bei ca. 16 Prozent, zuletzt sahen sie Infratest dimap (ARD) und Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) bei 18 Prozent, nun sieht INSA sie wieder bei 16 Prozent. Die verzweifelten Reformversuche von Nahles & Co. und der extreme Linksruck fruchten bisher so gut wie gar nicht.
  • GRÜNE: Im Oktober sah INSA die Grünen noch bei 20 Prozent, jetzt nur noch bei 15. Der Trend geht bezüglich EU-Wahl genau wie bei Umfragen zur Bundestagswahl, wo im November der Peak erreicht war, seit Monaten bergab. Von 20 auf 15 würde bedeuten, dass jeder Vierte, der vor wenigen Monaten noch grün wählen wollte, jetzt schon anderes beabsichtigt. Damit lägen die Grünen jetzt nur noch drei Punkte vor der …
  • AfD: Diese geriet sowohl was die Bundestagswahl anbelangt als auch die EU-Wahl seit Oktober in einen klaren Abwärtstrend. Bei EU-Wahl-Umfragen fiel sie von Oktober bis Januar von 16 auf 12 Prozent, dann im Februar bei Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen gar auf 10 Prozent. Aktuell 12 Prozent bedeutet, dass der Abwärtstrend gebrochen ist und es wieder leicht bergauf gehen könnte. Der Rückstand zu den Grünen, der im Januar bei INSA noch 5 Punkte betrug, beim sehr umstrittenen Forsa-Institut sogar 10 Punkte und im Februar bei ARD und ZDF 9 Punkte, wäre jetzt also auf nur noch 3 Punkte Unterschied zusammengeschmolzen.
  • FDP: Leicht nach oben geht auch die Entwicklung bei den Freien Demokraten. Im Oktober, Dezember und Januar sah INSA die FDP immer bei 8 bis 9 Prozent, jetzt erstmals knapp darüber bei 9,5. Die FDP dürfte sich also auf jeden Fall sehr deutlich verbessern im Vergleich zu 2014 und der Trend weist im Moment weiter leicht nach oben.
  • LINKE: In einen leichten Abwärtstrend geriet dagegen DIE LINKE seit Oktober, fiel von 10 auf 9,5, dann sogar auf 8 Prozent bei INSA und steigt jetzt wieder ein wenig auf 9. Forsa und Infratest dimap sahen sie zwischenzeitlich sogar bei nur noch 6 Prozent, realistisch dürfte hier aber eher eine Range von 8 bis 9 Prozent sein.
  • Sonstige: Die Kleinparteien sind seit 2004 traditionell stark bei EU-Wahlen und dürften alle zusammen auch dieses Jahr wieder auf 6 bis 10 Prozent kommen.

Fazit

Der Union drohen nach den leichten Verlusten 2014 (– 2,6 Punkte) nun deutlich stärkere Rückgänge von fünf, sechs, sieben Punkten. Die SPD aber muss sich in der Tat auf ihr nächstes Waterloo gefasst machen. Neun bis zehn, wenn nicht elf bis zwölf Punkte Verlust scheinen hier derzeit sehr wahrscheinlich.

Der Kampf um Platz drei scheint dagegen noch nicht entschieden. Sollte der Abwärtstrend der Grünen, den wir seit über drei Monaten deutlich beobachten können, fortdauern und die AfD die Umkehr ihres Abwärtstrends bestätigen können, hat sie bis Ende Mai eventuell eine kleine, aber durchaus realistische Chance, die Grünen noch zu überholen.

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Katarina Barley, SPD-Kandidatin Nr. 1 für die EU-Wahl

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