Wie Achille Mbembe und Aleida Assmann den Holocaust verharmlosen

Von Thomas Schmid, Di. 16. Jun 2020, Titelbild: Einstein Forum-Screenshot

Nie zuvor war das Töten von Menschen Selbstzweck gewesen. Das ist der Kern dessen, was heute Zivilisationsbruch genannt wird: Im Holocaust und im Gulag maßten Menschen sich an, im Prinzip die Menschheit insgesamt für wertlos zu erklären. Gegen die Singularität dieses Verbrechens regte sich von rechtsaußen schon immer Widerstand. Seit einiger Zeit kommt das Unbehagen hieran aber auch aus anderer Richtung. Insbesondere zwei Namen seien genannt: Achille Mbembe und Aleida Assmann verharmlosen damit den Holocaust, sagt Thomas Schmid und widerspricht ihnen dezidiert.

Ralf Michaels Vorwurf einer neuen deutschen Überheblichkeit

Dass der Holocaust ein Menschheitsverbrechen ist, wird niemand bestreiten, der bei Verstand ist. Die Ungeheuerlichkeit dieses Versuchs, die Juden zu vernichten und ihre Spuren für immer zu tilgen, liegt offen zu Tage. Dennoch hat es in Deutschland Jahrzehnte gedauert, bis sich die Überzeugung durchzusetzen begann, dass der Holocaust die zentrale Untat des NS-Regimes war. Inzwischen ist diese Einsicht offizieller Konsens und gehört fast schon zur Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland.

Dagegen regte sich von rechtsaußen schon immer Widerstand. Seit einiger Zeit kommt das Unbehagen aber auch aus anderer Richtung. Es artikuliert sich wie eine vorsichtige Warnung, das allzu starke Beharren auf der Singularität des Holocaust mindere in Deutschland die Aufmerksamkeit für andere Verbrechen, etwa die des Kolonialismus; stumpfe also letztlich ab. Daher sei es an der Zeit, den Blick zu weiten, erinnerungspolitische Brücken zu anderen Unterdrückungs- und Vernichtungserfahrungen zu schlagen und um alles das Band der Empathie zu schlingen.

Der Rechtswissenschaftler Ralf Michaels zum Beispiel sieht das so. In einem Beitrag zur Debatte um den afrikanischen Historiker Achille Mbembe wirft er namentlich nicht genannten „deutschen Diskutanten“ vor, sie missbrauchten die Monstrosität des Holocausts für eine neue deutsche Überheblichkeit. Deren Argument gibt er so wieder:

„Da wir Deutschen für den Holocaust verantwortlich sind, nehmen wir uns das moralische Recht, anderen vorzuschreiben, was sie dazu zu sagen haben.“

Mit anderen Worten: Der Holocaust werde missbraucht, um anderen Erfahrungen von Leid zum Verstummen zu bringen. Es gelte stattdessen, endlich zur Kenntnis zu nehmen, dass zum Beispiel afrikanische Denker ganz zu Recht mit anderen Augen auf die moderne Gewaltgeschichte blicken.

Aleida Assmanns Warnung vor einer selbstbezüglichen Sakralisierung des Holocaust

Besonders profiliert hat sich in der Mbembe-Debatte die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Achille Mbembe hatte 2016 in dem Essay „The Society of Enmity“ (Die Gesellschaft der Feindschaft) Israel bescheinigt, es betreibe gegenüber den Palästinensern eine Politik der Zerstörung, der Vernichtung, der Auslöschung. Zwar wird der fast delirierende Text an keiner Stelle konkret – man kann aber nicht übersehen, dass Israel für Mbembe alle destruktiven Kräfte der Moderne verkörpert. Aleida Assmann geht mit keinem Wort auf diese dem Essay zugrundeliegende Behauptung ein. Sondern kommt zu dem Urteil:

„Achille Mbembe hat sich als Afrikaner mit der Geschichte des Holocaust und Israels auseinandergesetzt, indem er sie in seine Erfahrungswelt eingebaut hat.“

Wie mag wohl der „Einbau“ des Holocaust in die afrikanische Erfahrungswelt ausgesehen haben? Gegen die Mbembe-Kritiker gerichtet behauptet Aleida Assmann, es sei unter ihnen

„ein Überbietungskampf entstanden, in dem jeder dem anderen abspricht, die Singularität des Holocaust als heiliges Gut dieses Staates in der richtigen Weise anzuerkennen, zu vertreten und zu verteidigen“.

Aleida Assmann spricht es nicht aus, aber es schwingt mit: die Warnung vor einer selbstbezüglichen Sakralisierung des Holocaust.

Konsequent fährt die Autorin fort, es gehe im Umgang mit Mbembe

„um das Band der Empathie und Einfühlung von einer Gewaltgeschichte in eine andere. (…) Achille Mbembe kann uns dabei helfen, den Blick auf den Holocaust und die deutsche Identität zu erweitern. Dafür brauchen wir einen Antisemitismusbegriff, der uns nicht trennt, sondern zusammenführt und stärkt im entschlossenen Kampf gegen Judenhass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie.“

Die partielle Blindheit der Galionsfigur des fortschrittlich-erinnerungspolitischen Komplexes

Es ist schon mehr als erstaunlich, dass die Wissenschaftlerin Aleida Assmann Mbembes Spielen mit antisemitischen Ressentiments zur quantité négligeable erklärt beziehungsweise ganz ignoriert. Und dass sie ihn obendrein zu einem versöhnenden Brückenbauer verklärt. Diese partielle Blindheit einer renommierten Wissenschaftlerin ist erklärungsbedürftig.

Seit geraumer Zeit schon nimmt sich Aleida Assmann der Definition und Förderung dessen an, was sie „Erinnerungskultur“ nennt. Ihre Interventionen werden von Stiftungen, Akademien, NGOs mit Zustimmung zur Kenntnis genommen. Man könnte fast sagen, dass Aleida Assmann eine Galionsfigur des fortschrittlich-erinnerungspolitischen Komplexes ist. Sie hat mehrere Schriften zum Thema veröffentlicht, unter anderem „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“. Darin versucht sie, ihr Konzept des „dialogischen Erinnerns“ zu begründen. Sie geht die Stationen des deutschen Umgangs mit der NS-Vergangenheit durch, vom Verleugnen über das Beschweigen und die offensive, aber selbstgerechte Auseinandersetzung der 68-er bis hin zur späten Bereitschaft, im Holocaust die deutsche Jahrhundertschuld zu sehen.

Dabei, so Assmann, solle man heute aber nicht stehen bleiben. In Zeiten der Globalisierung sei ein grenzüberschreitendes, gesamteuropäisches, transnationales Erinnern nötig und möglich geworden, das die ganze Welt umfasst. Erzähl’ du mir dein Unglück, dann erzähle ich dir mein Unglück, so können wir Schwestern und Brüder werden. Das mag polemisch klingen, aber auf diese gruppendynamische Plattitüde läuft Aleida Assmanns Konzept tatsächlich hinaus. Immer wieder proklamiert sie das gemeinsame Erinnern, bleibt aber jedes gelungene Beispiel solchen Erinnerns schuldig. Sie behauptet nur.

Aleida Assmann verharmlost den Holocaust

Das klingt in Aleida Assmanns Montage-Diktion so:

„Indem die Erinnerungskultur das eigene (Mit-)Verschulden und die Empathie mit fremdem Leid in sich aufgenommen hat, kann die negative Last der Geschichte in zukunftsweisende Werte verwandelt werden.“

Was aber, wenn es negative Lasten der Geschichte gibt, die sich durch kein sozialpädagogisches „Verarbeiten“ ins Positive umwandeln lassen? Die – wie der Holocaust, wie der Genozid an den Armeniern, wie der Vernichtungskampf gegen die Herero – unversöhnbar negativ stehen bleiben? Es stimmt eben nicht, was Aleida Assmann behauptet: dass dem individuellen Erinnern die Kraft vom Ich zum Wir angeboren ist.

Es gibt gut begründbare Zweifel am Konzept des „kollektiven Gedächtnisses“. Von Marc Bloch bis Reinhard Koselleck wurden sie vorgetragen. Aleida Assmann wischt sie jedoch polemisch vom Tisch. Sie geht nicht ein auf das Argument, dass Erinnern erst einmal stets etwas Individuelles ist. Und dass die Räume des Erinnerns begrenzt sind. Ich kann die Schrecken von Auschwitz wahrzunehmen versuchen, ich kann mich aber nicht an sie erinnern.

Es wäre – da kann man Aleida Assmann nur zustimmen – sicher wünschenswert, wenn Opfergruppen die Fähigkeit besäßen, sich nicht in ihr eigenes Leid zu vergraben und das anderer zu übersehen oder geringzuschätzen. Es ist aber nicht der Normalfall. Und es lässt sich auch nicht auf Konferenzen beschließen. Es lässt sich nicht herbei fordern, herbei reden, herbei sozialarbeitern. Allen Ernstes schreibt Aleida Assmann zu der Frage, ob Migranten in Deutschland der Holocaust etwas angehen und sie berühren könne:

„Die jungen Menschen aus Einwandererfamilien haben oft genug selbst alltägliche Erfahrungen mit Rassismus, Zurücksetzung und Diskriminierung gemacht, was ihnen die Identifikation mit den jüdischen Opfern ermöglicht.“

Eben nicht. Erstens geht Aleida Assmann an dieser Stelle wie im gesamten Buch mit keinem Wort auf die Tatsache ein, dass zahlreiche muslimische Einwanderer selbst von einem soliden Antisemitismus durchdrungen sind, der eine solche Identifikation gerade nicht befördert. Und zweitens: Die Opfer der Shoah haben eine unendlich schlimmere Erfahrung gemacht als die von „Rassismus, Zurücksetzung und Diskriminierung“. Wer hier in pädagogischer Absicht Gemeinsamkeiten sucht und Vernichtung mit schlechter Behandlung oder Unterdrückung in Beziehung setzt, der hilft der transgenerationellen und transnationalen „Erinnerungskultur“ nicht auf die Beine. Er verharmlost.

Der Wunsch nach einer Art Schlussstrich

Als sie von der Praxis der Wahrheitskommissionen etwa in Südafrika und Lateinamerika schreibt, unterläuft Aleida Assmann ein verräterischer Satz:

„Das Opfer muss seine Leiden erzählen dürfen und sie müssen mit Empathie angehört und anerkannt werden, damit sie anschließend aus dem sozialen oder politischen Gedächtnis entsorgt werden können.“

Man kann das so deuten: Die vergangenen Leiden sollen am Ende dem Mülleimer der Geschichte überantwortet werden. Klingt da, diesmal von aufgeklärter Seite her, der Wunsch nach einer Art Schlussstrich an, nach einem Verschwinden der Zumutung des Holocausts in im Schlund des großen Vergessens? Ich vermute in der Tat, dass bei dem Versuch Aleida Assmanns und anderer, den Holocaust erinnerungskulturell anschlussfähig zu machen, auch ein sehr deutscher Wunsch am Werk ist, endlich den lastenden Mühlstein der Singularität des Holocausts loszuwerden.

Die Idee des Schlussstrichs ist nicht neu. Es gibt in der Geschichte eine lange Tradition des gewollten Vergessens. Nach dem Ende der Kriegshandlungen wurde ein Strich gezogen, keine Seite durfte der anderen wegen deren Grausamkeiten Vorhaltungen machen. Um Zukunft möglich zu machen, sollte alles begangene Unrecht dem Vergessen anheimgegeben werden. Der Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg formell beendete, begründete diese Tradition mit der Formel oblivio perpetua et amnestia, immerwährendes Vergessen und Vergeben. Die Vergangenheit sollte Gegenwart und Zukunft nicht belasten, und dafür hatten alle Seiten, modern gesprochen, erinnerungspolitische Opfer zu bringen.

Damit war es seit dem Ersten Weltkrieg jedoch vorbei. Dieser bewies, dass die Menschheit die Mittel hat, sich selbst zu bedrohen und der Zivilisation ein Ende zu setzen. Ein in seiner Totalität bisher undenkbares Vernichtungspotenzial war entstanden. Das radikal Böse war möglich geworden. Und in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten wie im System des Gulags wurde es nur ein Viertel Jahrhundert später Wirklichkeit.

Nie zuvor war das Töten von Menschen Selbstzweck gewesen

Zu den ersten, die diesen Zivilisationsbruch zu ermessen versuchten, gehörte Hannah Arendt. Unter dem frischen Eindruck der beiden Menschheitsverbrechen schrieb sie Ende der 40-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts das Werk, das ihren Ruf begründete: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Mit großer Eindringlichkeit stellt sie dar, dass hier etwas Singuläres geschehen ist, nach dem die Welt nie mehr so sein wird, wie sie vorher war. Sie schreibt:

Es gibt keine Parallele zu dem Leben in den Konzentrationslagern. Was immer sich uns als solche darbietet, vernebelt den Sinn und lenkt die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ab. Zwangsarbeit, Verbannung, Sklaverei scheinen alle einen Augenblick trostreich aufzuleuchten, um bei näherer Betrachtung ins Wesenlose zu versinken.“

Was könnte an Sklaverei wohl trostreich sein? Dies: Ein Sklave wird zwar ausgebeutet und misshandelt, sein Leben zählt nicht viel – er wird aber nicht aus Prinzip getötet. Er wird nicht aus dem einzigen Grund getötet, dass es ihn gibt. Es ging in den Lagern nicht um Abschreckung, „denn sie dienten letztlich dem Beweis, dass Menschen überhaupt überflüssig sind“. Dass sie, ob schuldig oder nicht, allesamt getötet werden dürfen. Die Lager (die des Gulags eingeschlossen) sind mehr als nur eine weitere Etappe in der langen Geschichte der Grausamkeit:

„Es geht nicht um das Leid, vom dem es seit eh und je zu viel auf Erden gibt, auch nicht um die Zahl der Opfer. Die menschliche Natur als solche steht auf dem Spiel.“

Nie zuvor war das Töten von Menschen Selbstzweck gewesen. Das ist der Kern dessen, was heute Zivilisationsbruch genannt wird: Im Holocaust und im Gulag maßten Menschen sich an, im Prinzip die Menschheit insgesamt für wertlos zu erklären.

Eine anmaßende Relativierung der beiden großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts

Damit bricht, so Hannah Arendt, das Dach der 3000 Jahre alten westlichen Kultur und Zivilisation über unseren Köpfen zusammen, die wesentliche Struktur aller Kulturen ist zerbrochen. Die absolute Verlassenheit ist möglich.

Es hat sich gezeigt, dass „es ein radikal Böses gibt und dass es in dem besteht, was Menschen weder bestrafen noch vergeben können“. Ist dieses radikal Böse, das alles Bisherige übersteigt, aber einmal in der Welt, wird es diese nicht wieder verlassen. Das macht die Singularität dieser Verbrechen aus. Sie lassen sich daher nicht mit anderen Verbrechen wie denen des Kolonialismus oder der Kreuzritter in eine Reihe stellen.

Genau das aber tut Aleida Assmann letztlich. Sie stellt die Opfer kolonialer Macht, die Opfer der Sklaverei und der Zwangsarbeit in den Lagern Stalins und Hitlers sowie Rassentrennung, Apartheid und Kastenwesen nebeneinander und schreibt:

„Der Holocaust erscheint in dieser Geschichte der über lange Zeiträume ausgegrenzten und bedrängten Minderheiten und ihrer historischen Wunden nicht als ein absolutes Novum, sondern vielmehr als die absolute und unüberbietbare Steigerung aller destruktiven Tendenzen dieser langen Geschichte der Aberkennung.“

Mit anderen Worten: Zwar verkörpert der Holocaust eine absolute Steigerung, ist im Kern aber nicht wirklich neu. Letztlich also doch nur ein Glied der langen Gewaltgeschichte der Menschheit. Gewiss, so mag er da und dort erscheinen. Er ist es aber nicht.

Deswegen betreibt Achille Mbembe mit seinem Versuch, in der alten kolonialen und der neo-kolonialen Politik einer angeblich auf Vernichtung zielenden Politik der Trennung die Signatur der Gegenwart zu erkennen, nichts anderes als eine anmaßende Relativierung der beiden großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Es gibt allen Grund, auf der Singularität von Holocaust und Gulag zu bestehen. Mit Eurozentrismus und neuer deutscher Arroganz hat das nichts zu tun.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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