Der Grunddenkfehler der Sozialisten

Ein Gastbeitrag von Harald Grundner

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Oder einfach nur: „Jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Harald Grundner zeigt auf, warum das sozialistische Leitmotiv nur in kleinen Gemeinschaften funktionieren kann, nie in Gesellschaften, und wie das Gespenst des Sozialismus sich beharrlich weigert, endlich ins wohlverdiente Grab gebettet zu werden.

Jeder nach seinen Fähigkeit, jedem nach seinen Bedürfnissen

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Schön, nicht wahr, dieses sozialistische Leitmotiv. Warum eigentlich ist der real umgesetzte Kommunismus allenthalben zusammengebrochen, außer in inhumanen Human-Zoos wie Nordkorea? Und warum wird ein Wahlspruch weiterhin auf die Fahnen geschrieben, der doch offenbar nicht zu implementieren ist? Weil wir es nur noch nicht richtig versucht haben? Gehen wir den Fragen nach.

Vorangestellt: Das real tote und ideologisch so lebendige Motto ist inzwischen halbiert, denn von Fähigkeiten reden wir nicht mehr. Hat einer ein Können, ein anderer aber nicht, so ist dieser ‚diskriminiertes‘ Opfer irgendwelcher Umstände, die es abzuschaffen gilt; am besten von bösen Mächten intendierte Umstände, das macht die Zielauffassung leichter. Naturtalente sind latent ‚Nazi‘; geographisch verdichtete Ansammlungen ihrer sind manifest ‚Nazi‘. Daher reden wir nur noch von Bedürfnissen, die jedem erfüllt gehören. Wer ahnt, was jetzt kommen mag, erlebt vielleicht eine Überraschung.

Sozialismus funktioniert in kleinen Gemeinschaften

Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen funktioniert. Es ist an sich gar nicht utopistisch. Es funktioniert in Familien, in kleinen Dörfern. Es funktioniert in allen kleinen (Verzeihung) Kollektiven, die erstens durch eine praktische oder ideelle Gemeinsamkeit geeint sind und in denen zweitens soziale Kontrolle herrscht. Betonung auf: klein.

Soziale Kontrolle heißt: Man kennt sich und trifft sich wieder. Wer andere betuppt, wird erkannt und bekommt die Rechnung. Weil er das weiß, betuppt er nicht. So etwas nennt man eine Gemeinschaft. Sie ist gekennzeichnet durch zugeschriebenen (nicht selbst gewählten) Status ihrer Mitglieder, emotionale Bindungen an Menschen und Orte, verankerte Gewohnheiten und Traditionen, gemeinsame Interessen.

Wie eine Gesellschaft (über die wir gleich reden) ist eine Gemeinschaft einem „wie du mir, so ich dir“ unterworfen. Dennoch ist Arbeit in ihr und für sie gefühlt intrinsisch wertvoll, auch ohne expliziten Lohn. Wer einem bedürftigen Mitglied hilft, muss damit nicht angeben; er kann recht sicher sein, dass der „Flurfunk“ es anderen bekannt machen und so seinen Status erhöhen wird.

Tit for Tat funktioniert nicht mit dem Fremden

Das Prinzip, gewachsen in Urhorden, ist Jahrzigtausende alt, es hat sich qua Selektion in unseren Hirnstrukturen verankert. Die Guten hatten Erfolg (Status), die Erfolgreichen mehr Kinder. Wie sich der Jazz vom Blues emanzipiert hat, so unsere Moral vom Flurfunk, wir brauchen ihn gar nicht mehr; „Gutes tun macht gutes Gefühl, ugh ugh“.

Das gilt nicht beliebig weit. Sobald wir ausgenutzt werden, kehrt sich das gute Gefühl ins Gegenteil und wir spüren den Impuls, den Ausnutzer an den Pranger zu stellen. Und es gilt nicht gegenüber Mitgliedern anderer, „fremder“ Gemeinschaften, von denen wir gemäß Tit for Tat (Gleiches mit Gleichem vergelten) für unsere Tat kein T… – Verzeihung – keine Gegenleistung erwarten dürfen.

Der Linke will Tit for Tat auf Gesellschaften erweitern

Hier setzt der Linke an und möchte das Prinzip erweitern auf das Nachbardorf, die Stadt, das Land, den Kontinent, die Welt. Aber nun sprechen wir nicht mehr von Gemeinschaften, sondern von Gesellschaften. In ihnen entsteht Status eher durch Wettbewerb. Eigeninteresse, Individualismus, unpersönliche Beziehungen, Verträge prägen das Miteinander. „Wie du mir, so ich dir“ schwebt weiterhin über allem, aber es wird nun expliziert und sichtbar. Beruf ist weniger Berufung als „Job“, eine durchaus unangenehme Tätigkeit, ertragen, weil belohnt durch Geld und Status.

Gemeinschaften sind das ältere Konzept, Gesellschaften erwuchsen aus ihnen. Ihr Leitstern war nicht mehr „jedem nach seinen Bedürfnissen“, und so entstand streckenweise unsagbares Elend der arbeitenden Klassen. Dennoch, erst das „kalte“ Paradigma der Eigeninteressen, der Verträge, vor allem aber der Konkurrenz schöpfte Werte in großem Maßstab und schuf auf dem Rücken der Massen die Basis für einen Wohlstand der Massen.

Nur Gesellschaften können Wohlstand der Massen erzeugen

„Des ersten Tod, des zweiten Not, des dritten Brot“ sagten die norddeutschen Moorbauern und meinten Generationen. Gleichzeitig erodieren Gesellschaften den Boden, auf dem sie wuchsen; Verträge ersetzen Vertrauen, explizite Sanktionen ersetzen implizite soziale Kontrolle. Dörfer werden eingemeindet, Familien nuklearisiert bis pulverisiert. Ungemütlich fühlt sich das an, eben „kalt“, und erzeugt ein Sehnen nach Gemeinschaft. Zur Blüte kommen kann diese Sehnsucht erst auf dem Boden des erreichten Wohlstands und diesseits einer opaken Wand zwischen uns und der Vergangenheit, einer Wand der Amnesie. Wir haben vergessen, dass eine Rückkehr zum vertrauensvoll-gemeinschaftlichen Miteinander notwendigerweise eine Re-Implementierung der sozialen Kontrolle bedeuten müsste, eine Aufgabe der individuellen Freiheit.

Und eine Aufgabe des Wohlstands. Dörfer produzieren keine Antibiotika, Schmerzmittel, Kühlschränke, keine keimfreie Wasserversorgung, keinen Strom. Warum Dörfer? Warum können wir nicht einfach alles kombinieren, Urbanität, globale Vernetzung und vertrauensvolles Miteinander? Letzteres muss uns doch nur beigebracht werden. Nun, letzteres versucht das Christentum seit 2000 Jahren und scheitert. Warum nur? Weil wir so nicht sind. Die Tragik der Allmende kommt uns in die Quere.

Die Nostalgie des rechten und die Nostalgie des linken Anti-Realisten

Mancher (nicht jeder) Rechte sehnt sich nach einem romantisierten Abbild der frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Und mancher (nicht jeder) Linke nach einem endlich zu schaffenden Utopia des freundlichen Miteinander, „jedem nach seinen Bedürfnissen“, natürlich inklusive aller Handlungsmöglichkeiten einschließlich freier Wahl des Geschlechts. Hinter beidem steckt Nostalgie, hinter jeder Nostalgie wiederum die Projektion von etwas, das es so nicht gab, wie es aktuell erträumt wird.

Die Nostalgie des Rechten reicht etwa ein halbes Jahrhundert zurück. Die des Linken Tausende von Jahren, zurück zur Urhorde. Denn er glaubt, das funktionierende Miteinander seines sozialen Nahfeldes auf Gesellschaften, gar globale, erweitern zu können. Das kann und will er, weil es ihm gut geht und er das für einen Rousseau’schen Naturzustand hält, im Gegensatz zum Elend, das in seinen Augen ein durch die „Mächtigen“ mutwillig erzeugtes ist. Tatsächlich ist es umgekehrt; Elend ist der „default“ menschlicher Existenz, war es über Jahrzigtausende und ist es noch in großen Teilen der Welt. Aus dem Elend haben uns Gesellschaften geholt mit ihren Verträgen. Nicht Gemeinschaften.

Das neulinke Projekt ist bereits gestorben, weigert sich aber ins Grab zu steigen und wird so zum Gespenst

Linke Phantasien waren einst halbwegs realistisch im Sinne des Fortschritts und im projizierten Interesse einer inzwischen von den Fahnen gegangenen Arbeiterklasse. Heute sind sie reduziert zu „Gender“, „Identität“, „Intersektionalität“, „edlem Wilden“, zu allen möglichen, unmöglichen und erfundenen Fragmentierungen bis hin zu sechzig Geschlechtern, aus denen sich noch eine Vertretung von Interessen quetschen lässt, damit das eigene „virtue signalling“ Futter bekommt. Man sammelt Reste ein. Die Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Habermas …) hat sich überlebt, das nur noch nicht gemerkt.

Dennoch, der Marsch der Utopisten durch die Institutionen war erfolgreich. Er ist in den politischen Mainstream diffundiert. Die Ideologie ist wie ein Supertanker, schwer zu bremsen. Mag die Maschine schon einen Kolbenfresser haben – das Schiff fährt weiter. Liefe es nur auf Grund und verrottete dort – ok. Was aber, wenn es eine Ölpest anrichtet?

Das Gespenst droht alles mit ins Grab zu ziehen

Siebzig Jahre Frieden in Mitteleuropa. Ein einzigartiges, noch nie dagewesenes Experiment. Kann es sein, dass es durch Wohlergehen und nachfolgende Dekadenz eine Post-Gesellschaft erzeugt, so ‚frei‘, flexibel und genderfluid, dass sie die Gesellschaft, aus der sie erwuchs, ebenso erodiert und letztlich vernichtet wie diese die ihr vorangehenden Gemeinschaften?

*

Bild: Youtube-Screenshot von Sahra Wagenknecht

**

Spendenbitte: Wenn Sie diesen Blog (völlig werbefrei) und meine Arbeit wichtig finden und finanziell unterstützen möchten, dann können Sie entweder einmalig oder regelmäßig einen Betrag Ihrer Wahl auf das folgende Konto überweisen.

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Spende für Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 25 EUR – 50 EUR – 100 EUR

3 thoughts on “Der Grunddenkfehler der Sozialisten

  1. Pingback: Der Kommunismus ist tot, es lebe der Kommunismus! – Alternativnews

  2. Tanzender Berg

    Guter Artikel! Sie haben erfaßt, warum Sozialismus / Kommunismus nicht funktionieren. Eigentlich funktioniert das, was Sie beschreiben, nur in einer kleinen religiösen Gemeinschaft, wo alle durch einen sehr starken jenseitigen Glauben motiviert sind (kleines Kloster z.B.). In einem Dorf ist schon wieder einer kräftiger, intelligenter, tüchtiger, fleißiger als die anderen und wird dann Großbauer etc. Sein Enkel ist dann nicht mehr so tüchtig und fleißig, genießt aber die ererbte soziale Stellung. (Daher der Haß der Sozialisten auf die Tüchtigen und Fleißigen.)

    Gefällt 1 Person

  3. arcimboldo

    Selbst in kleinen Gemeinschaften funktioniert er nicht. Ich habe in den 1970er Jahren mehr als einen Ansatz dazu aktiv oder passiv miterlebt. Alles Flops, bis hin zum Kauf von Land in Griechenland. Und auch religiöse Gemeinschaften haben einen Abt oder Guru an ihrer Spitze, der stets Vorteile für sich zieht. Bei völliger Unterwerfung und Selbstausbeutung des „Volkes“ mag das eine Zeit gut gehen, doch stets auf Kosten von individueller Freiheit. Max Stirner hat es so zusammen gefasst: „Der Kommunismus drückt mich durch eine Aufhebung allen persönlichen Eigentums nur noch mehr in die Abhängigkeit von einem anderen, nämlich von der Allgemeinheit oder Gesamtheit zurück, und so laut er immer auch den Staat angreife, was er beabsichtigt, ist selber wieder ein Staat, ein status, ein meine freie Bewegung hemmender Zustand, eine Oberherrlichkeit über mich.“

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s