FDP fällt zurück auf Platz 6

Von Jürgen Fritz

Seit ihrem überraschenden Ausstieg aus den Jamaika-Verhandlungen hat die FDP fast jeden fünften ihrer Wähler verloren, fällt von Platz 4 auf 6 zurück. Wie ist das zu erklären und wer profitierte davon?

Wahl-O-Matrix-Prognose

Was hat sich in der Zustimmung zu den Parteien seit der Bundestagswahl, vor allem seit dem Ende der Jamaika-Verhandlungen in der Nacht vom 19. auf den 20 November verändert? Gäbe es bei Neuwahlen möglicherweise neue mögliche Mehrheiten? Wahl-O-Matrix, Deutschlands führendes Meta-Analyse-Tool mit den genauesten Wahlprognosen, kommt derzeit auf folgende Werte, wenn jetzt in Kürze Neuwahlen stattfänden (in Klammer die Gewinne/Verluste gegenüber der Bundestagswahl vom 24.09.2017):

  1. CDU/CSU: 32 % (– 0,9)
  2. SPD: 21 % (+ 0,5)
  3. AfD: 13 % (+ 0,4)
  4. GRÜNE: 11 % (+ 2,1)
  5. LINKE: 9,5 % (+ 0,3)
  6. FDP: 9 % (– 1,7)
  7. Sonstige: 4,5 % (- 0,5)

2017-12-12

Grüne gewinnen, FDP verliert

Sie sehen, die Gewinne und Verluste sind bei allen Parteien unter ein Prozent, außer bei zweien: großer Gewinner bei Neuwahlen wären Die Grünen, die um ca. 2 Punkte zulegen könnten. Der große Verlierer wäre nach aktuellem Stand die FDP, die 1,5 bis 2 Punkte zu verlieren drohte.

Besonders ärgerlich für die „Freien Demokraten“: Sie sind von Platz 4 auf Platz 6 zurückgefallen. War die FDP bei der Bundestagswahl noch über 1,5 Punkte vor der Linkspartei, so liegt sie nun hinter dieser zurück. Noch gravierender die Veränderungen gegenüber den Grünen. Ende September lag die FDP fast 2 Punkte vor jenen, jetzt 2 Punkte hinter den Grünen zurück. Die Ergebnisse haben sich in etwa umgedreht.

Aktuelle Werte der neun führenden Umfrageinstitute

Die Wahl-O-Matrix-Prognose basiert hierbei auf den jeweils aktuellsten Umfragen der neun führenden Umfrageinstititute: Allensbach, Civey, Emnid, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen, GMS, Infratest dimap, INSA, YouGov (alphabetische Reihenfolge):

  1. CDU/CSU: 31 – 34 %;  ∅ 32,3 %
  2. SPD: 20 – 23 %;  ∅ 21,2 %
  3. AfD: 11 – 13,5 %;  ∅ 12,2 %
  4. GRÜNE: 10 – 12 %;  ∅ 10,9 %
  5. LINKE: 9 – 10,5 %;  ∅ 9,6 %
  6. FDP: 8 – 11,9 %;  ∅ 9,3 %
  7. Sonstige: 3,5 – 6 %;  ∅ 4,4 %

Bei der AfD können wir davon ausgehen, dass die tatsächlichen Werte um ca. 1 bis 2 Prozentpunkte höher liegen, da nahezu alle Institute bei fast allen Wahlen immer zu niedrige Werte ausgewiesen haben, teilweise sogar deutlich mehr als 1 bis 2 Punkte. Gleichwohl wurde der AfD-Wert nur sehr moderat um 0,8 Punkte nach oben korrigiert. Hier könnte also auch 13,5 oder 14 statt 13 Prozent stehen.

Der Zick-zack-Kurs und die Profillosigkeit der FDP

Während also die AfD, vor allem aber die Grünen sehr gut aus dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen hervorgegangen sind, hat die FDP seither deutlich eingebüßt, hat binnen Wochen rund ein Fünftel ihrer Wähler verloren. Dies könnte damit zusammenhängen, dass immer mehr potentiellen FDP-Wählern zunehmend unklarer ist, wofür „Die Liberalen“ eigentlich genau stehen. Einmal waren sie für die Abschaffung des NetzDG (Zensurgesetz), was eigentlich ein Grundanliegen einer wahrhaft liberalen Partei sein müsste. Dann wollten sie aber nicht mit der AfD dagegen vorgehen, was allein Aussichten auf Erfolg hätte. Auch in den Jamaika-Verhandlungen traten sie nicht massiv für die Rücknahme dieser massiven Beschneidung des Menschenrechts auf frei Meinungsäußerung ein. Nachher stellen sie aber dann doch einen entsprechenden Gesetzesantrag im Bundestag.

Im Wahlkampf positionierte sich die FDP fast ausschließlich gegen die AfD, war mit den Grünen in vielem ganz eng, trat dann auch über viele Wochen hinweg in Verhandlungen mit diesen ein, schmiss dann aber förmlich im allerletzten Moment, acht Wochen nach der Wahl hin und meinte plötzlich, es ginge doch unmöglich mit den Grünen und der grünisierten CDU. Dann ein paar Tage später gab es mehrere Hinweise von Wolfgang Kubicki, der Nr. 2 in der FDP, dass man vielleicht doch nochmals neue Jamaika-Verhandlungen aufnehmen könne, falls die schwarz-roten Gespräche scheitern würden, woraufhin Lindner Kubicki wieder zurück pfiff und meinte, es würde die nächsten vier Jahre definitiv keine Jamaika-Koalition geben. Eine Koalition mit der SPD sei besser für unser Land als eine Regierungsbeteiligung der FDP und der Grünen.

Die Angst vor der Verantwortungsübernahme

Mein Eindruck: Vielleicht gibt es neben all den von der FDP selbst genannten Gründen ja noch einen anderen für dieses ganze Hin-und-Her. Womöglich hat man einfach Angst vorm Regieren. Weshalb? Erstens ist Christian Lindner nach wahrscheinlich zehntausend Rhetorikkursen und zwanzig Jahre politischer Erfahrung ein exzellenter politischer Redner. Das war wohl auch der Hauptgrund für das erstaunlich gute Wahlergebnis der FDP von über 10,7 Prozent. Aber eben ein Redner und keiner der irgendwelche Regierungserfahrung vorzuweisen hätte.

Zweitens weiß die FDP noch genau, wie es 2009 und 2013 verlief. 2009 kam die FDP nach einem ebenfalls sehr gut geführten Wahlkampf und einem glänzenden Rhetoriker an der Spitze (Guido Westerwelle) sogar auf fast 15 Prozent. In der Regierung war aber nicht nur Westerwelle, sondern die komplette FDP fast ein Totalausfall. Außer flotten Sprüchen kam eher wenig Substanzielles. Es folgte der Absturz von knapp 15 auf unter 5 Prozent. Vielleicht ist das ja der tiefere Grund, dass Lindner und Co. wissen: Wenn wir mitregieren müssen, werden die Menschen wieder merken, dass da nicht sehr viel kommt von uns, zumal auch noch mit der grünisierten Merkel-CDU plus den Grünen. Bleiben wir doch lieber in der Opposition und beschränken uns auf das, was wir am besten können: reden, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. Dann holen wir bei der nächsten Wahl wieder um die 10 Prozent und die Existenz der Partei ist über die nächsten vier Jahre hinaus gesichert.

P.S.

In einem Punkt scheint es übrigens bereits eine wirklich große Koalition zu geben, eine solche aus Schwarz-Rot-Gelb und nicht nur eine schwarz-rote: bei der automatischen Erhöhung der Abgeordneten-Diäten waren sich diese drei Fraktionen bzw. vier Parteien (CDU, CSU, SPD und FDP) schnell einig. Dass die FDP nach der Union über viele Jahrzehnte hinweg am stärksten in die mafiamäßig organisierte illegale Parteienfinanzierung involviert war, muss nicht mehr eigens erwähnt werden.

*

Bild: Youtube-Screenshot aus: FDP – Christian Lindner: „Eine große Koalition ist für unser Land besser“

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15 thoughts on “FDP fällt zurück auf Platz 6

  1. Benjamin Goldstein

    Keine Ahnung, warum die FDP Wähler verliert. Keine Ahnung, warum die FDP Wähler gewinnt. Ich versteh eigentlich bei keiner Partei die Wähler weniger als bei der FDP. Die Grünen sind ne propagandastarke Sekte. Die Linkspartei sind eine propagandastarke Sekte. Union und SPD sind Stammwählerverwalter. Da weiß man, was man nicht kriegt. Die AfD ist allerlei, irgendwo in der Richtung der US Libertarians und der US Republikaner, aber auch mit komischen Strömungen hie und da. Die FDP ist für mich bislang immer nur das gewesen, was ihre Hasser über sie sagten – Bonzenbedienerpartei. Ich hab ne harte Zeit, was bei der FDP für mich zu entdecken. Kein vertrauenswürdiges Personal. Nicht mal ne gaga-Ideologie für die Irren. Haben sie mal liberale Positionen, haben andere Parteien sie auch schon. Pffffff.

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  2. maja1112

    Alle Parteien in einen Sack, zubinden und draufhauen, du triffst immer den richtigen.
    Ich kann diesen Deutschland abschaffenden Raffkes nichts abgewinnen. Wenn sie mit allem so zielstrebig wären wie mit dem erhöhen ihrer Diäten, vor allen Dingen wie schnell das geht. Da reichen ein paar Hände hochhaltende Männeken und schon sind mal ein paar Hundert Euro in der Privatschatulle. Wie gesagt, weg mit dieser Mischpoke, die uns nur maximal ausplündert und minimal für das deutsche Volk Wohltaten vollbringt.

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  4. desmolenz

    Unser so wohl gehütetes Parteiensystem hat lange schon ausgedient und wird – aus materialistischen Gründen der einzelnen Protagonisten- immer weiter durchgezogen.

    Das ganze sollte man sich bei „wissensmanufaktur“ mal in ruhigen Minuten reinziehen. Da ist zwar nicht alles rosarot.
    Aber der Ansatz stimmt und das Volk könnte wieder LEBEN.
    Und andere Staaten machen es ja auch vor.

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  5. Maddin67

    Glaubt jemand wirklich diesen Umfragen? Ich denke, hier senden die „Meinungsmacherinstitute“ eher andere Botschaften. Die FDP hätte sich demokratieschädigend verhalten, die Grünen positiv für eine funktionierende Demokratie und die zweite Geschichte, für alle anderen würden Neuwahlen nichts verändern: Also einigt euch!

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    1. oldman

      Ich glaube so wird ein Schuh daraus. Der FDP-Verzicht auf Jamaika war m.E. nobel, für die Andersgläubigen (und hier sehe ich auch deren Steigbügelhalter in den Medien und „Meinungsmacherinstituten“) natürlich Hochverrat da so ja nicht eingeplant. Allerdings – das FDP-Verhalten bei der „alternativlosen“ Diätenerhöhung – das qualifiziert diese Partei nun doch wieder ab. (Hat jetzt aber nix mit Umfrage zu tun, da zeitlich unmöglich)

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    2. I. Schuler

      Das war auch mein allererster Gedanke, als ich auf Welt online vom angeblichen Zustimmungsverlust der FDP durch die Wähler las. Die Medien machen mittlerweile selber Politik durch massive Leserbeeinflussung,und diesen ständig präsentierten, angeblich neuesten Umfrageergebnissen glaube ich schon lange nicht mehr. Die FDP hat sich mit ihrer Entscheidung, die Jamaica-Verhandlungen zu beenden, konsequent und mutig verhalten. Selbst wenn einige Wähler deshalb enttäuscht gewesen sein sollten, hat die FDP bei anderen Wählern mit Sicherheit an Profil gewonnen.

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  6. gilbert808

    Ob die FDP Angst hat, Verantwortung zu übernehmen? Komische Frage, da in der Politik doch nichts zu verantworten ist. Besser wäre die Frage gestellt, wieso die Grünen angeblich mehr Stimmen bekommen. Schließlich haben die überhaupt keine Angst, das Land endgültig zu ruinieren.

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    1. Jens

      Nun ja, hätte die FDP „Angst, Verantwortung zu übernehmen“, hätte sie sich auf diese unsäglichen Sondierungsgespräche gar nicht einlassen zu brauchen. „Wir lehnen Jamaika ab und gehen in die Opposition“, und fertig wäre der Lack gewesen. Lindner hat nach Abbruch dieser Gespräche gesagt: lieber nicht als falsch regieren. Ich kann nichts Übles daran finden.

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  7. Jens

    Dem gemeinen Deutschen ist Freiheit vollkommen schnuppe. Wie viele Deutsche haben sich empört über das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“? Eben. Nein, der gemeine Deutsche sehnt sich nach Ordnung und Sicherheit. Und Einigkeit auch (Liberté steht nur bei den Franzosen an erster Stelle…), die am liebsten durch unzählige Vereine gelebt wird. Lindners (richtige!) Entscheidung wurde vom gemeinen Deutschen nicht goutiert, im Gegenteil, sie wird als Fahnenflucht, Drückebergerei und Feigheit missverstanden. Eben weil der schon erwähnte Deutsche mit Freiheit nichts am Hut hat. Wenn das Merkelregime stolpert, dann über Ordnung und Sicherheit. Niemals über beschnittene Freiheiten.

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    1. Müder Denker

      Traurig, aber wahr. Die Deutschen werden schon noch die Quittung erhalten. Und dann werden sie wieder alle behaupten, dass sie gegen das System gewesen wären. Das kennt man ja schon.

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  8. bibinka

    Ich kann den Einbruch auch nicht verstehen, wobei es für mich schwieriger ist den Aufschwung von den Grünen zu verstehen, die als einzigen Auftrag die Zerstörung unseres Landes zu haben scheinen.
    Vielleicht wollten einige Wähler der FDP eben unbedingt „regieren“, und der Traum ist zerplatzt. Vielleicht waren welche genervt, dass man so lange brauchte um festzustellen, dass man nicht mit den Grünen kann. Ich fand es schon verwerflich von der FDP ÜBERHAUPT in Gespräche zu gehen.
    Die ganzen Wahlkämpfe werden ad absurdum geführt, wo man sich gegenseitig beleidigt hat, sich sonst was an den Kopf geschmissen hat, und jetzt ist alles wieder gut? Friede Freude Eierkuchen?
    Vor der Wahl werden die Unterschiede ins Land hinausgeschrien, und nach der Wahl, wenn es um Ministerpöstchen geht, na dann kann man ja noch mal reden? Vor den Gesprächen mit den Grünen, wären von den Forderungen wohl eher die AfD auf gleicher, zumindest auf ähnlicher Höhe, wie FDP und CSU. Aber mit den Grünen?
    Warum fühlen sich die Wähler der Grünen eigentlich nicht verarscht? Die haben doch fast das komplette Programm ausgehöhlt. Da war doch fast nichts mehr da. Vielleicht kann man daran erkennen, wie intelligent diese Wählerschaft ist.
    Aber auch egal, sie haben ihre 10% und ein paar Zerquetschte und sind für 4 Jahre im BT. Diäten und Rente gesichert!
    Was will man mehr?!

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