Politische Freiheit – nur eine Utopie?

Von Karl Jaspers

„Wir freien Völker sind noch keineswegs politisch eigentlich frei. Die Aristokratie der Einsichtigen vermindert sich. Die Verteilung der Verantwortung erzeugt Verantwortungslosigkeit. Die Demokratie wird zur Parteienoligarchie. Was Kultur hieß, wird in weitem Umfang zu den Seifenblasen eines Literatentums. Der Geist verliert seinen Ernst.“ – Karl Jaspers, 1965

Die Aristokratie der Einsichtigen vermindert sich

Der Geist der freien Welt gibt ein zweideutiges Bild. Wir freien Völker sind noch keineswegs politisch eigentlich frei. Im wirtschaftlichen Wohlergehen, im Weiterschliddern, in bloßen Aufregungen liegt keine Freiheit. Die Aristokratie der  Einsichtigen vermindert sich. Die Verteilung der Verantwortung erzeugt Verantwortungslosigkeit. Die Demokratie wird zur Parteienoligarchie. Was Kultur hieß, wird in weitem Umfang zu den Seifenblasen eines Literatentums. Der Geist verliert seinen Ernst.

Daher werden die Völker nicht  innerlich ergriffen von den ungeheuren Drohungen, die über ihnen schweben. Höchstens haben sie einmal Angst, die, wenn  es wieder gut gegangen ist, schnell vergessen wird. Wenige  spüren, wohin es mit der Freiheit der Menschen im eigenen  Staat und auf der Erde zu gehen droht. Dieser im Wohlergehen  scheinbar solide Zustand kann plötzlich umschlagen, wenn Massen und Intellektuelle gleicherweise bodenlos zum Material für totale Herrschaft geworden sind.

Freiwillige Knechtschaft unter die Nichtigkeiten der Welt führt zum Verlust der äußerlichen Freiheit

Wenn man schon im Zustand der nicht mehr begriffenen, äußerlich gewordenen Freiheit freiwillig in die Knechtschaft unter Nichtigkeiten der glaubenslosen Welt geht, dann ist nach einer Weile auch der Verlust jener äußerlichen Freiheit die Folge.

Es ist als ob in Deutschland der gewaltige Lärm  des Geistes und des politischen Betriebes vor Jahrzehnten, in  den zwanziger Jahren, das Grab seiner Freiheit sich selbst  geschaufelt habe und als ob heute, nach glücklicher Rettung  Westdeutschlands von außen her, dort von innen dasselbe noch einmal geschehen könne. Drohen aber der gesamten westlichen  Welt nicht dieselben Gefahren?

Ist politische Freiheit nicht eine Utopie?

Angesichts der Unheilszeichen  der Zeit für die Freiheit erhalten die grundsätzlichen  Einwände gegen die Möglichkeit der Freiheit ein verführendes Gewicht. Ist die politische Freiheit nicht eine Utopie? Ist  sie nicht bloß die Gesinnung weniger Menschen innerhalb des Abendlandes seit den Griechen gewesen? Und wird sie nicht von den meisten Abendländern und der gesamten übrigen Menschheit in Blindheit für sie praktisch verworfen?

Ich möchte nicht die Menschen verleugnen, die politische Freiheit nie gekannt und nie hervorgebracht haben, die in metaphysischem Denken, in Dichtung und Kunst eine Tiefe erfahren haben, die uns wundersam anspricht. Ich möchte auch nicht die Größe von Herrschern verleugnen in China, in Indien, in den ältesten Kulturen seit den Sumerern. Aber es ist doch überall etwas, das uns, wenn wir ihnen innerlich ganz nahe zu kommen scheinen, immer befremdet.

Die politische Freiheit wurde nur in kleinen Umkreisen hervorgebracht

Auch in unserem geistigen Mittelalter begegnen uns große Persönlichkeiten, ihrer selbst kaum bewusst, darum um so mächtiger in ihrem Eindruck. Aber es liegt ein in der  Befremdung erfahrener, unheimlicher Abgrund zwischen ihnen und uns. Es sind niemals Persönlichkeiten, die uns vielmehr erst dort begegnen, wo politische Freiheit gewollt, gefunden oder wo sie qualvoll entbehrt wird.

Wir können auch nicht bauen auf die Geschichte als einem Fortschrittsprozess der Freiheit. Es gab im Abendlande seit Juden und Griechen, seit der Polis und der römischen Republik, seit dem städtischen und freibäuerlichen Mittelalter und in den heutigen von ihnen herstammenden altfreien europäischen Gebieten politische Freiheit in kräftigen Ansätzen. Immer erstaunlich, weil sie aus der überwältigenden Menge unfreien menschlichen Daseins auftauchen – unendlich kostbar, immer aufs Höchste gefährdet.

Die Realität spricht gegen die Freiheit – Ist der Mensch durch sie überfordert?

Die politische Freiheit wurde nur in kleinen Umkreisen  hervorgebracht. Sie konnte auch abseits, im alten Island, eine geistig – im Vergleich zu Griechen, Holländern, Angelsachsen zwar geringe doch – großartige Wirklichkeit gewinnen. Aber überall ging sie bald verloren. Die Realität der überwältigenden Mehrheit der Völker und Staaten spricht gegen die Freiheit. Diese Tatsachen stützen den schwersten Einwand: Die Freiheit sei unmöglich, denn der Mensch sei durch sie überfordert.

Die unentrinnbare, zwar zum Höchsten  ermutigende, aber auch der größten Gefahr aussetzende Situation für uns ist: Der Mensch soll, um eigentlich Mensch  zu werden, frei werden, was er doch als realer Mensch in der  Menge eines Volkes faktisch nicht zu können scheint.

Die Alternative: Herrschaft durch nicht zu hinterfragende Autorität

Aus  diesem Einwand folgert man: Herrschaft durch fraglose Autorität muss sein. Sie war immer und überall. Sie wird heute Russland und China die Übermacht in der Welt  verschaffen. Die Alternative zur politischen Freiheit ist in der Tat die Gewalt der Autorität, die Herrschaft einer kleinen Minorität über die große Majorität im Namen einer von allen anzuerkennenden Autorität.

Was gegen den autoritären Herrschaftszustand spricht

Gegen den autoritäten  Herrschaftszustand spricht aber unüberwindlich der Satz: Es  sind immer Menschen, die über Menschen herrschen. Nie ist Gott oder die absolute Wahrheit in der Welt. Es sind immer nur Menschen, die im Namen Gottes oder im Namen der absoluten Wahrheit die Autorität beanspruchen – nicht Gott oder die  Wahrheit selbst. Es sind nur Menschen, die Gewalt im Dienste der Autorität anwenden, nicht Gott oder die Wahrheit.

Diese Autorität verdient keinen Glauben. Sie ist in jeder ihrer Gestalten durch schändliche, niederträchtige, böse Handlungen diskreditiert.

Wir müssen wissen, wofür wir leben

Wir sollen es uns – das geht aus meinen  Darlegungen hervor – nicht leicht machen, als ob die Freiheit selbstverständlich wäre. Können wir überhaupt den Satz „Die  politische Freiheit sei im Wesen des Menschen gegründet“ aufrecht erhalten? Hier kann es eine zwingende Erkenntnis des Richtigen nicht geben. Es handelt sich um eine  Wesensentscheidung in der Denkungsart des ganzen Menschen jedes Einzelnen mit seinem politischen Schicksalsgefährten.

In der Freiheit ist das Verderben möglich, ohne sie ist es gewiss

Vor der Alternative stehend müssen wir wissen, wofür wir leben, auf was hin wir, soweit es an uns liegt, die Zukunft gründen wollen. Einsicht und Entschluss entscheiden. Sie sind im Philosophieren zu uns selbst geworden. In der Freiheit ist zwar das Verderben groß, das völlige Verderben möglich, ohne Freiheit aber ist das Verderben gewiss.

Die politische  Freiheit im eingeborenen Adel des Menschen gemäß erlaubt Hoffnung. Der andere Weg erscheint hoffnungslos. Wir verachten uns selbst, wenn wir den Mut der Vernunft aufgeben, in dem die Hoffnung gründet. Und wenn der Mensch verschlungen werden sollte von der Gewalt, so war seine Wahrheit doch dieser sein Weg zur Freiheit. Sie wird nicht wieder scheitern, so wenig wie die Herrlichkeit der Erde, wenn sie einst wieder im Meer des Kosmos aufgelöst wird, als ob sie nicht gewesen wäre.

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Dieser Text ist die Niederschrift einer Rede von Karl Jaspers aus dem Jahr 1965.

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Zum Autor: Karl Jaspers (1883 – 1969) war zunächst Jurist, Mediziner und Psychiater. Als Arzt hat er grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie beigetragen. Ab 1922, mit 39 Jahren, wurde er dann Ordinarius für Philosophie an der Universität Heidelberg. 15 Jahre später erhielt er unter den Nationalsozialisten 1937 bis 1945 ein Lehr- und Publikationsverbot. Nach 1945 war er maßgeblich an der Neugründung der Universität Heidelberg beteiligt. 1948 erhielt er eine Berufung nach Basel.

Jaspers gilt als herausragender Vertreter der Existenzphilosophie, die er strikt vom Existentialismus Jean-Paul Sartres unterschied. Er war zunächst Lehrer und anschließend lebenslanger Freund von Hannah Arendt, mit der ihn auch ein jahrzehntelanger Briefwechsel verband. Auch mit Martin Heidegger stand er in Briefwechsel, der – in der Zeit des Nationalsozialismus unterbrochen – nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch spärlich war.

Jaspers sah es als tägliche Aufgabe des Menschen an, sich über seine Existenz, über das Sein, über die Zusammenhänge in der Welt und damit über seine Lebensmöglichkeiten klar zu werden. „Wir sollen nach Kräften um Wahrheit bemüht sein und nach Kräften in den Raum, der uns zur Verfügung steht, wirken …“

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Bild: Youtube-Screenshot aus Karl Jaspers – ein Selbstproträt

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9 thoughts on “Politische Freiheit – nur eine Utopie?

  1. Pingback: Politische Freiheit – nur eine Utopie? – Leserbriefe

  2. Tanzender Berg

    „Dieser im Wohlergehen scheinbar solide Zustand kann plötzlich umschlagen, wenn Massen und Intellektuelle gleicherweise bodenlos zum Material für totale Herrschaft geworden sind.“ Ist es das, was -vorbereitet durch eine lange verhängnisvolle Entwicklung – im September 2015 geschehen ist?

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    1. Jürgen Fritz

      Ich denke, dass es genau darauf hinausläuft: auf eine neue totalitäre Herrschaft, in der es keine Bürger mehr gibt, sondern nur noch Privatpersonen, Konsumenten und Arbeitskräfte. Zunächst ein Großreich „Vereinigte Staaten von Europa“, dann Eurabia.

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      1. R.J.

        Danke, Herr Fritz, für diesen Beitrag und Kommentar. So sieht es aus. Als erster Schritt hin zu Eurabia wird hierzulande – mit deutscher Gründlichkeit des Betrugs und Selbstbetrugs – „Meusalia“ etabliert (= Middle-European Settlement & Alimentation Area); da ist kein Ende abzusehen. Meusalia reicht schon, um die Kombination von Amorphisierung & Partikularisierung, Vermassung & Vereinzelung anzubahnen. Auf diesem Nährboden wird keine höhere Kultur mehr gedeihen, die noch Wirkungen hätte. Erst recht nicht, sobald der Exodus der Fähigen & geistig Widerständigen erfolgen wird, die irgendwann nur noch ihre Haut retten wollen, wenn sie nicht als politische und religiöse dhimmi („Nazi“, „Ungläubige“) enden wollen. Die meisten Menschen sind ebenso naiv wie verwöhnt und machen sich nicht klar, auf wie historisch besonderen, keineswegs selbstverständlichen, fragilen, ständiger Obacht und Grenzziehung bedürftigen Umständen Demokratie, politische Freiheit, Freiheit des Denkens usw. beruhen. Wer nicht unterscheiden kann oder will (discriminare), wird nicht überleben.

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    1. Jürgen Fritz

      Genau das Gegenteil ist gemeint. Der Begriff der politischen Freiheit (Volkssouveränität) ist weithin unbekannt. Die meisten Bürger kennen nur individuelle Freiheit, so dass sich die Frage stellt, ob sie überhaupt Bürger sind oder nicht bloß Personen – Privatpersonen.

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