Heinrich Heine – der Dichter der Deutschen

Ein Gastbeitrag von Stefan Groß

Diese Tage wäre Heinrich Heine 220 Jahre alt geworden. Er war einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten des 19. Jahrhunderts. Heine machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte elegante Leichtigkeit. Die Werke kaum eines anderen Dichters deutscher Sprache wurden bis heute so häufig übersetzt und vertont. Grund genug für Stefan Groß, sich dem letzten großen Dichter der Romantik und zugleich deren Überwinder ausführlicher zu widmen.

Vita activa statt vita contemplativa

Gescholten und bewundert, gepriesen und verabscheut, die Facetten der Heineinterpretation sind vielgestaltig. Spektakulär ist Heine auf jeden Fall gewesen, auch wenn sein Abtritt von der Weltbühne vor 150 Jahren alles andere war. Das Sein zum Tode, das Heidegger später als Existential seiner Seinsanalyse zugrunde legen wird, verstellte Heine nicht die eigene, von Schmerzen zerrüttete Lebenswelt, er überwand das Schicksal, in dem er es annahm; statt vita contemplativa reinste vita activa, reinste Schaffenskraft. Der am Lebensende erschienene Gedichtsband „Romanzero“ und das 1854 veröffentlichte politische Vermächtnis „Lutetia“ veranschaulichen dies nachhaltig. Die legendären, selbst Geschichte gewordenen Selbstbeschreibungen, die der Literat in den letzten acht Jahren von seiner „Matrazengruft“ aus liefert, zeigen die ganze Existentialität, das jähe und nie erlöschende Ringen mit dem Leben.

Der ideale Journalist, den man heute vermisst

Kaum eine Persönlichkeit, von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche einmal abgesehen, war ambivalenterer Natur als Heine. Er war Hellene, deutscher Klassiker und Romantiker in einem. Heine war aber auch Kosmopolit, Kommunist, Theologe, Dandy und vor allem Journalist. Marcel Reich-Ranicki nennt ihn gar den bedeutendsten Journalisten unter den deutschen Dichtern und begreift ihn als berühmtesten Dichter unter den Journalisten. Eher als Karl Kraus und Egon Erwin Kisch prägte, ja, kreierte Heine jenen idealen Journalismus, den man heutzutage in den Gazetten vermisst. Es ist nicht der Romantiker, der über das Zeitgeschehen lasziv reflektiert, sondern der scharfe Analyst, der Dialektiker des Geistes, dem Lessing maßgebliche Impulse verdankte.

Schreibe so, dass die beschriebenen Phänomene der Wahrheit entsprechen.

Der wahrscheinlich am 13. Dezember 1797 geborene und im Geist des Judentums erzogene Harri Heine, der erst nach seinem Bekenntnis zum Christentum 1825 zu Heinrich Heine wurde, bleibt der Erfinder aller journalistischen Genres. Getreu der Maxime, die in der späteren Phänomenologie zum Schlagwort wurde, wollte Heine nicht hinter den Phänomenen suchen, sondern zu den Sachen selbst kommen. Wollte man daher einen kategorischen Imperativ formulieren, der als Sollensanspruch seinem politischen Journalismus zugrunde gelegt werden könnte, so müsste er lauten: „Schreibe so, dass die beschriebenen Phänomene der Wahrheit entsprechen.“

Damit ist zugleich ein wesentliches Merkmal dieses Journalismus benannt: Wahrheit. Wahrheit bedeutet für Heine Authentizität und impliziert die Autonomie des Verfassers – seine Unbestechlichkeit. Als Journalist suchte er nicht nach der Hinterwelt, zu der er sich, er, der sich zum Kommunismus von Marx und Engels hingezogen fühlte, als theologisch-inspirierter und bibelfester Denker bekannte, sondern nach der Offenbarung des „wirklich Wirklichen“. Gott spielte, dies verstärkt sich noch im Alterswerk, eine bedeutende Rolle in Heines Denken, nur, in den Journalismus gehört er eben nicht.

Ein zivilreligiöser Denker

Man würde den in Düsseldorf geborenen Heine falsch verstehen, reduzierte man sein Denken auf einen platten Atheismus, der alle theologischen Bezüge verleugnet. Heine war und blieb bis zum letzten Tag seines Lebens religiös, ein zivilreligiöser Denker, wenngleich er sich von jeder Religion distanzierte, die ihre Glaubenssätze in Dogmen fasste. Jede Vereinnahmung der Religion durch das Zwangskorsett der Kirche und durch ihre subalternen Hierarchien lehnte er kategorisch ab – „Deutschland, Ein Wintermärchen“ bleibt überzeugendes Beispiel hierfür.

Verantwortungsethiker, der die Waffe des Schreibens bewusst einsetzt zur Enttarnung jeder Schönhuberei

Aber auch mit seinen „Die schlesischen Weber“ schreibt Heine Journalismusgeschichte, denn hier deckt er soziale Missstände gnadenlos auf. Statt dem vielbeschworenen Gesinnungsjournalismus Tribut zu zollen, der auf das unmittelbare Tagesgeschäft abzielt, ist Heine Verantwortungsethiker, der die Waffe des Schreibens bewusst einsetzt, um über soziale Missverhältnisse nicht nur aufzuklären, sondern auch auffordert, die Missstände zu beseitigen. Die kritische Analyse des Zeitgeschehens, dieser frontale Angriff auf die despotischen Gesinnungsethiker und ihre politischen Intrigen zeichnet den scharf und präzis argumentierenden Journalisten Heine aus; die Sprache bleibt gezieltes Medium dauernder Provokationen, sie ist das kräftigste Mittel bei der Enttarnung jeder Schönhuberei.

Ein unbequemer kritischer Geist

Die radikal-inszenierte Kritik am politischen System endete, auch dies bleibt ein Phänomen, das im 21. Jahrhunderts die Journalisten provoziert, im Publikationsverbot, in der radikalen Zensur. Heine war unbeliebt, unbequem – ein kritischer Geist par excellence, dessen Wahrheitsempfinden nicht nur den braunen Machthabern später ein Dorn im Auge wurde, sondern auch all jenen, die Wasser predigten und heimlich Wein tranken. Die Bücherverbrennung, der Index, all dies nur Resultate eines politischen Despotismus, der sich jeder kritischen Zeitanalyse verschloss.

Der Aufklärung und dem Humanismus verpflichtet

Die Radikalität des Schreibens, die eineindeutige Argumentation im Geschriebenen, die Authentizität der dargestellten Phänomene, dies ist es, was man im 21. Jahrhundert von Heine lernen kann, Zeichen eines Journalismus, der sich den Idealen der Aufklärung und des Humanismus gegenüber verpflichtet wusste, dem das geschriebene Wort damit zur politischen Tat wurde, ja, zu einer Revolution des Denkens führen sollte.

Heine war also kein Literat, der sich auf den a-politischen Diskurs zurückzog, kein Denker des Unpolitischen. Der Lyriker, der zugleich mit der romantischen Tradition bricht, blieb Reporter im idealen Sinn, der – auch heute noch – aus Bagdad, Islamabad oder aus irgendeiner Krisenregion authentisch berichten könnte.

Anwalt der Armen, der Entrechteten und Unterdrückten

Heine war, und dies zeichnet ihn aus, Anwalt der Armen, Anwalt der Entrechteten und Unterdrückten – ein Grund mehr, sich mit seinem Werk erneut und intensiv auseinanderzusetzen. Seine Berichte, die er für die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ schreibt, die Beschreibung der französischen Zustände lassen Heine aber auch zu einem Denker werden, der zwischen den Kulturen vermitteln will. Interkultureller Diskurs, Aussöhnung und eine friedliche Globalisierung der Lebenswelt bleiben Heines letztes Wort, dies sein europäisches Vermächtnis, dies sein übernationaler Geist. Heine wurde immer vorgeworfen, dass er keine Heimat hätte, Heine ist und bleibt Kosmopolit.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf The EuropeanEr erscheint nun hier mit freundlicher Genehmigung des Autors Stefan Groß, der zugleich Chefredakteur des The European ist.

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Zum Autor: Dr. Dr. Stefan Groß studierte Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte und Germanistik in Jena, München, Valladolid, Nizza und Madrid. Nach dem Studium wurde er in Jena und Madrid promoviert. Er war Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Jena. Stationen seines Lebens waren „Cicero“, die Friedrich-Schiller Universität, die TU München u.a. – Seit drei Jahren arbeitet Stefan Groß für die Weimer Media Group – zuerst als Chef vom Dienst, stellvertretender Chefredakteur und nun als Chefredakteur und Textchef für die Print- und Online-Ausgabe des The European. Er ist Autor mehrerer Bücher.

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Titelbild: Youtube-Screenshot des jungen Heinrich Heine

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7 Antworten auf „Heinrich Heine – der Dichter der Deutschen

  1. Pingback: Heinrich Heine – der Dichter der Deutschen – Leserbriefe

  2. Clemens Bernhard Bartholdy

    Ein treffender und schöner Artikel, zu dem ich mich getraue, eine kleine Anmerkung zu machen:

    Die schlichte „Wahrheit“ als Motiv wird dem Ansinnen des journalistischen Heine vielleicht nicht ganz gerecht. Immerhin ist nichts so austauschbar, vielfältig und flexibel wie die „Wahrheit“. Jeder hat eine, so manch einer vielleicht gar mehrere, die je nach Gusto oder Anlass getauscht oder gemischt werden können.

    Ganz anders die „objektive Wahrheit“, der „allgemeingültige Hintergrund“ der Dinge. Davon gibt es nur eine bzw. einen. Mag er in manchen Bereichen auch nie gefunden werden, ist er doch unermesslich viel kostbarer als erstrebenswerter als die schnöde „Wahrheit“.

    Wie dem aber auch sein mag:
    Ich werde diesen Artikel zum Anlass nehmen, mal wieder ein wenig Heine zu schmökern.
    Danke schön.

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  3. Heidi Preiss

    Bezeichnend für das Kalifat Nordrhein ist, dass man an der nach ihm benannten Uni in Düsseldorf nicht einmal mehr Germanistik studieren kann.

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