Reinhold Messner: Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften – das Göttliche ist in uns

Von Jürgen Fritz

Müssen wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen? Wie kommt der Sinn in unser Leben hinein, was unterscheidet uns vom rein Animalischen und was macht die Göttlichkeit in uns aus? Diese und andere Fragen erörtert Reinhold Messner im Gespräch mit dem Schweizer Philosophen, Autor und Moderator Yves Bossart in der Sendung Sternstunde Philosophie.

Reinhold Messner, der Abenteurer, der die Extreme suchte

Im folgenden gebe ich die Kernthesen von Reinhold Messner, dem italienischen Extrembergsteiger, Abenteurer und Buchautor, wieder, der in seinen Betrachtungen meinen eigenen philosophischen Einsichten sehr nahe kommt.

Messner, Jahrgang 1944, hat gemeinsam mit Peter Habeler 1978 als erster Mensch den Gipfel des Mount Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff erreicht und stand als Erster auf den Gipfeln aller vierzehn Achttausender (1970–1986, jeweils ohne Flaschensauerstoff). 1978 hat er ebenfalls als Erster einen Achttausender im Alleingang bestiegen, nämlich den Nanga Parbat. 1980 war er der Erste, der den höchsten Gipfel der Welt ohne Flaschensauerstoff und im Alleingang erreichte. Zudem war er der Zweite, der 1986 die Seven Summits erreichte. Und er durchquerte die Antarktis (1989/1990 mit Arved Fuchs), Grönland (1993) und mit 60 die Wüste Gobi (2004).

Reinhold Messner war und ist aber nicht nur jemand, der im Äußeren solche Extreme gesucht hat, sondern auch ein tiefsinniger Denker, der in diesen äußeren Extremsituationen stets auch sich selbst suchte und immer tiefer kennengelernt hat.

Zehn Messnersche Thesen respektive Einsichten

1. Das Leben bestehe darin, Ideen zu entwickeln und diese umzusetzen, macht Messner zunächst deutlich. Es gebe am Lebensende kein gelungenes Leben im Rückblick – das sei zu spät. Hier würde ich allerdings widersprechen wollen. Messner sieht nur im Hier und Jetzt gelingendes Leben, indem man versuche, seine Ideen umzusetzen. Ein gelingendes Leben im Moment schließt aber das gelungene Leben insgesamt nicht aus, sondern jenes führt ja gerade zu diesem, würde ich hier einwenden, verstehe aber, dass Messner den Schwerpunkt auf das Jetzt legen will und daher die vorausschauende Retrospektive völlig ausblenden möchte, wenngleich ich es anders machen würde.

Während des Umsetzens der Ideen gebe es nicht nur Momente, sondern Phasen des Glücks, so Messner. Diese entstünden einfach. Das Glücksgefühl, könnte wir auch sagen, ist quasi ein Nebenprodukt, das sich von alleine einstellt, wenn man etwas anderes richtig macht.

2. Wir müssten uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, sagt Messner.

Erläuterung: Sisyphos wird in der griechischen Mythologie vom Götterboten Hermes für seinen Frevel in die Unterwelt gezwungen, wo er zur Strafe einen Felsblock auf ewig einen Berg hinaufwälzen muss, der, fast am Gipfel, jedes Mal wieder ins Tal rollt – eine Metapher für eine ertraglose und dabei schwere Tätigkeit ohne absehbares Ende.

2. Den Sinn legen wir, so Messner, in unser Leben hinein. Und das sei unser gutes Recht. Wenn die Religion mir den Sinn vorgibt, bin ich schon auf dem Holzweg, sagt er. Das sei ein Betrug.

3. Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften, lautet seine dritte These.

Erläuterung: Sinn stiften heißt, Dingen eine Bedeutung zu geben sowie Ziele zu stecken und zu verfolgen, was voraussetzt, dass sie eine Bedeutung für mich haben. Etwas eine Bedeutung geben, heißt wiederum eine Wertzuschreibung vorzunehmen. Indem ich X einen Wert zuschreibe, bekommt es für mich eine Bedeutung. Es hebt sich dann ab gegenüber Y oder Z. Und wenn etwas für mich eine Bedeutung hat, dann ergeben sich hieraus für mich Ziele. Wenn Sisyphos den Stein immer wieder nach oben rollt, so deshalb, weil er dem Oben einen Wert zugeschrieben hat – oben ist besser als unten -, so dass es eine Bedeutung hat, wo der Stein ist, was dazu führt, dass er sich ein Ziel setzen kann, nämlich hier: den Stein nach oben zu bekommen beziehungsweise genauer: dass der Stein oben ist.

5. Und wir haben eine zweite göttliche Fähigkeit, sagt Messner, das sei die Kreativität.

6. Sinn stiften zu können und kreativ zu sein, das heißt, Dinge zu erfinden oder zu entwickeln, das seien divine (göttliche) Fähigkeiten, die über die rein tierische, rein animalische  Existenz hinausgingen.

7. Je stärker ich als Sinnstifter bin, desto größer sei mein gelingendes Leben, sofern ich das tue, was diesem von mir gestifteten Sinn entspreche. Weil mein Leben hierdurch Ziele erhält, die es mir wert scheinen, sie anzustreben, könnte man erläutern, so dass ich nicht orientierungslos einfach nur so dahinlebe. Wenn ich aber dem Sinn folge, den andere postulieren, dann, so Messner, bin ich auf dem Holzweg. Denn dann mache ich ja von meiner göttlichen Fähigkeit, Sinn stiften zu können, keinen Gebrauch mache und negiere damit das Göttliche in mir beziehungsweise lasse es ungenutzt.

8. Das Erste, was wir im Leben lernen müssten, sei, dass wir das Recht, wenn nicht die Pflicht hätten, Sinn zu stiften, so Messner. Das heißt, die Göttlichkeit in uns a) entdecken und b) entwickeln.

9. Die großen Fragen könnten wir eigentlich nicht beantworten. Wir Menschen seien nicht in der Lage, ins Jenseitige zu schauen. In uns liege die Wüste mit der Erkenntnis: Wir haben keinen Zugang zum Jenseitigen, kein(en) Sinn(esorgan) um zu schauen: Was ist nach unserem Leben?

10. Wie und wann ich sterbe, darüber mache er sich keinerlei Gedanken. Warum sollte ich?, fragt er. Er könne festlegen, was mit seinem Körper geschehen soll nach seinem Tod. Aber wie und wann er sterbe, sei völlig offen. Die Zeit, bis er sterbe, werde er weiter ausfüllen mit Ideen, die er Schrittchen für Schrittchen umsetze. Denn im Umsetzen liege das, was andere als Glück bezeichnen. Er selbst frage sich während des Umsetzens niemals, ob er glücklich sei oder nicht, denn er sei es dann mit jeder Faser.

Schlusswort des Moderators

Wer hinaufsteigt, kommt als anderer zurück, so das Schlusswort von Yves Bossart. Und was für Berge gelte, gelte vielleicht auch für gute Gespräche. Und für gute Texte bin ich geneigt zu ergänzen, die über die reine Information über einen Gegenstand außerhalb meiner, hinausgehen. Auch danach ist man ein anderer.

Reinhold Messner – der Grenzgänger in Sternstunde Philosophie

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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11 Antworten auf „Reinhold Messner: Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften – das Göttliche ist in uns

  1. Der Beurteiler

    Messner ist mit Vorsicht zu genießen, mit Arved Fuchs hatte er eine Expedition gemacht und dieser sagt: „Er äußerte sich kritisch über die Berichte Messners über die gemeinsamen Erfahrungen. „Die Darstellungen von Reinhold Messner sind sicherlich nicht meine gewesen. Mitunter beschleicht mich das Gefühl, als würden wir über zwei verschiedene Expeditionen reden.“

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      1. Dieter Gehret

        …trunken vom Mangel an Sauerstoff schaute er in einen Spiegel und behauptet bis heute, es sei ein Fenster gewesen, durch welches er den Yeti erblickte…

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  2. Pingback: Reinhold Messner: Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften – das Göttliche ist in uns – Leserbriefe

  3. Benjamin Goldstein

    Irgendwie schimmert da ein gewisser Nihilismus durch. Es ist nicht jedes Ziel gleich und Sisyphos ist unglücklich. Woher wir wissen wohin der Stein gerollt werden soll? Da ist das Wörtchen „soll“. Es gibt moralische Grundannahmen, aus denen mögliche Ziele erwachsen. Aus „Kein Unschuldiger soll verletzt werden.“ erwächst z.B. das Ziel „Ich will Gesellschaft so beeinflussen, dass Polizei und Militär auch in Zukunft stark genug sein werden, um Menschen vor Gewalt zu schützen.“ Ein religiöser Mensch sieht die Chance, konkret an einem sinnvollen Ziel arbeiten zu können, als Gottesgabe. Die Idee, dass der Bau eines Museums genauso erstrebenswert sei wie der Bau eines Krankenhauses und wir nur willkürlich Ziele setzen müssten (was Herr Messner nicht direkt sagt, aber eine kulturelle Vorprägung durchscheinen lässt), spricht von einer tiefen Entleerung, einer nihilistischen Gleichgültigkeit, einer Sinnlosigkeit, auch wenn er rastlose Etappen als „sich Sinn ins Leben legen“ bezeichnet.

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  4. Gregor Kühn

    Dieses Ringen um Sinn, weil man in einer vollkommener Sinnlosigkeit – und nichts anderes ist ernst gemeinter Atheismus – nicht leben kann und möchte! Paulus, einer der Hauptautoren des NT sagte mal: Wenn es keine Auferstehung gibt, dann lasst uns fressen und saufen – denn morgen sind wir tot. Ohne Auferstehung gibt es kein Gut und Böse, kein Richtig und Falsch. Es dann ist bedeutungslos, ob ich als krasser Egoist durchs Leben trample oder Barmherzigkeit ausübe. Es ist dann egal, ob ich ein nachdenklicher, Empathie fähiger Mensch bin oder mit erschreckender Oberflächlichkeit durchs Leben surve – nach mir die Sintflut! Es ist egal, ob Menschen verhungern oder in perversem Luxus leben – denn das Grundthema der Evolution lautet: „Der Stärkste überlebt“. Pech gehabt, dritte Welt! Es ist dann völlig egal, ob mein Leben gelingt oder nicht, ob ich kreativ bin oder nicht, ob ich meine Begabungen fördere oder nicht – warum sollte das wichtig sein? Spätestens der Tod macht doch dann mein Leben absolut sinnlos. Genau dieser Abgrund bleibt übrig, wenn man die Narkotika des Atheismus, wie sie Hr. Messner mit dem von ihm selbst definierten „Göttlichen“ in diesem Gespräch einsetzt, hinterfragt.

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    1. Jutta M. Brandt

      Nun ja, Paulus hatte noch nie etwas von Verhaltensforschung und Psychologie gehört und er war natürlich daran interessiert, seine Lebensphilosophie zu verbreiten. Tatsache aber ist nun mal, dass der Mensch ein soziales Wesen ist – und das war er schon, als er noch als Affe in den Bäumen herum hupfte. Der Mensch (und andere Species auch) haben sich soziale Strukturen geschaffen als Basis zum Überleben. Da gibt es Einzelkämpfer in der Natur und da gibt es Gruppen, die sich zusammenraufen, um gemeinsam zu überleben. Der Auftrag der Natur ist Überleben und die eigene Art zu erhalten und um das zu können, muss mann praktischerweise in einer Gruppe soziale Werte einführen. Der Mensch ist im Laufe seiner Evolution dann bei der Religion gelandet. Ein schlauer Typ hat sich wohl dann gedacht, dass man damit diie Menschenmassen hervorragend dirigieren kann und hat einen Haufen Unsinn erfunden, damit er auch die Argumente (wie Hölle, Leben nach dem Tod, Sünden, vor allem der Sex, denn wer den Sex kontrolliert, kontrolliert alles) zum Überzeugen hat. Bis heute hat sich dieser Unsinn gehalten, was mich verwundert, in unserer aufgeklärten, von Wissenschaft dominierten Welt. Schon Steven Howkins hat gesagt, dass es keinen Gott gibt. Nun gibt es leider immer noch viele Menschen, die sich an die Religion klammern, wie der Säufer an die Flasche – oder die Jungfrau an ihr Höschen, Aber wozu? Man braucht keine Religion, um den Sinn des Lebens zu erkennen: das Leben selbst ist der Sinn, auch wenn alles irgendwann zu Staub verfällt. Das Glück, geboren worden zu sein, dieses Dasein mit eigenen Augen sehen zu dürfen, ist so wundervoll, wenn das nicht Sinn genug ist und erst irgendeine imaginäre Gestalt (natürlich ein alter Mann mit Zauselbart) mit seinen verkorksten Regeln mir einen Sinn geben soll, ist für mich völlig unverständlich. Natürlich ist irgendwann einmal alles zu Ende – und das ist wohl ein Grund, warum die Menschen die Wiederauferstehung bzw. Gott und das ganze Brimborium erfunden haben – aber jetzt, jetzt bin ich hier und lebe mein Leben und mir ist es sehr wichtig, wie ich dieses Leben lebe, nämlich im Einklang mit anderen Menschen, zu meiner Zufriedenheit.

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  5. Reinhard Wehpunkt

    Reinhold Messner ist sicherlich eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Ein Exzentriker, der für seinen Erfolg über Leichen geht.

    Die Gesinnung des ehemaligen grünenr Europaabgeordneten finde ich abstoßend und ich verschwende keine Lebensminute, um mir solche Messner-Selbstdarstellungsergüsse anzusehen.

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  6. RoBin von der Demo

    Reinhold Messner ist nach seiner Bergsteigerischen Leistungen zu beurteilen eine echte Ausnahmeerscheinung und als solches auch anerkannt. Ich war als Bergsteiger ein großer Fan von ihm. Allerdings, in den letzten Jahren seit er als GRÜNer Fanatiker bis 214 im Europaparlament saß, hat er sich als Philosopischer Sektierer mit extremen Ansichten (die allerdings viele LINke nicht als solches erkennen) keinen guten Dienst erwiesen.

    Messner war nie Cosmopolit trotz seiner gobalen Expeditionen in die höchsten Berge, an den Nordpol oder zu fremden Kulturen., sondern eigentlich immer Südtiroler,,bodenständig immer als der Heimat und Kulturbewahrer bekannt. (siehe auch sein Domizil Schloss Juval im Vintschgau.

    Seit er sich allerdings ganz plötzlich wie ein Hirnfurz die Kreuze in den Europäischen Bergen kritisierte,,dafür musste man nicht einmal besonderer Christ sein, sondern es ist eine seit Jahrhunderten gewachsene Kultur,betrachten scheint dies mit seiner ideiologischen Gesinnung der Grünen und deren Europäischen deutschen Kulturrelativierung zu tun zu haben.
    Seitdem kann ich ihn nicht mehr ertragen. Er hält sich seit langem für allwissend und unfehlbar. Dieser Wahnsinn ist aber schon von Merkel besetzt. Furchtbar.
    siehe dazu:
    https://www.zeit.de/2016/38/reinhold-messner-bergsteigen-gipfelkreuze

    http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/gipfelkreuz-ist-ein-dickes-plus

    https://dolomitengeistblog.wordpress.com/2015/04/02/eurabiader-grune-reinhold-messner-mochte-gipfelkreuze-verbannen/

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