„Erst vergewaltigen wir euch, dann töten wir euch“ – Augenzeugen berichten aus dem Iran

Von Jürgen Fritz, Mo. 02. Feb 2026, Titelbild: ARTE-Screenshot

Seit Ende Dezember 2025 toben im Iran Proteste und Massendemostrationen gegen das verhasste islamische Mullah-Regime. Wie unfassbar brutal dieses reagiert, hat WELT nun in vier Augenzeugenberichten dokumentiert, die das blanke Grauen beschreiben.

I. Das Gesicht mit Gewehrkolben zertrümmert, ins Gesicht geschossen, mit Messern und Macheten abgeschlachtet

»Vier Augenzeugen berichten, was im Iran passierte, nachdem das Internet ausgegangen war. Die Protokolle zeugen von einer unvorstellbaren Gewalt des Regimes – und einem klaren Wunsch nach einer amerikanischen Intervention«, schreibt der WELT-Redakteur Lennart Pfahler.

Die erste Augenzeugin berichtet, dass die Menschen am 11. Januar, vier Tage nach dem Protest-Aufruf von Reza Pahlavi, die Straßen noch immer nicht verlassen hatten. Im Stadtteil Punak habe sie zusammen mit der Menge Parolen gerufen, als die Sicherheitskräfte plötzlich angegriffen hätten. Sie sei dann geflohen, habe Schutz in einer Ecke gesucht. Sie habe einen jungen Mann gesehen, der ebenfalls davongelaufen sei. Fünf oder sechs Beamte seien ihm hinterher gejagt, hätten ihn von hinten gepackt. Als sie sein Oberteil hochzogen, habe man die Spuren von Schrotkugeln und blaue Flecken an seinem Körper gesehen. Er habe verzweifelt versucht, sein T-Shirt wieder herunterzuziehen, damit man nicht sehe, dass er schon an früheren Protesten teilgenommen hatte. Die Beamten hätten ihn dann umringt und als er merkte, dass es kein Entkommen mehr gebe, habe er zu schreien begonnen. Einer der Beamten habe ihn zu Boden geworfen, ein anderer habe seinen Kopf mit beiden Händen gepackt und ihn mit voller Wucht auf den Asphalt geschlagen. Ein dritter habe mit dem Kolben eines Gewehrs ins Gesicht geschlagen – „so heftig, dass seine Nase völlig zertrümmert wurde. Plötzlich schrie der junge Mann laut auf – und verstummte.“ Einer der Beamten habe dann gesagt, dass der junge Mann sich nicht mehr bewege. Daraufhin hätten alle zu jubeln und zu schreien begonnen. Ihr Vorgesetzter sei dazugekommen, habe seinen Fuß auf die Brust des getöteten jungen Mannes gestellt und gesagt: „Pssst … ruhiger. Den Rest der Feier verlegen wir auf die Wache.“

Die Zeugin sagte, dass sie sich schäme und Schuld empfinde, weil sie nicht eingegriffen habe und weil vor ihren Augen ein Landsmann getötet worden sei. Sein Gesicht sei ihr mit allen Details ins Gedächtnis eingebrannt. Als die Beamten weg waren, sei sie weggerannt. An den Eingängen einiger Gassen hätten Anwohner bereits mit Sprühfarbe „Sackgasse“ geschrieben, damit Demonstranten nicht hineingerieten und stattdessen in andere Straßen flüchten konnten. Dann habe sie etwas weiter vorne einen jungen Mann gesehen, der zu Boden stürzte – direkt vor die Füße eines Beamten. »Dieser schien sich zu freuen, sagte „Aha!“ und schoss mit einer Kriegswaffe direkt auf ihn. Das Gesicht des Jungen wurde vollständig zerfetzt, er starb auf der Stelle.« Die Zeugin sagte, sie wisse nicht, welche Waffe benutzt wurde, aber die Mündungsflamme habe bis zu einem Meter weit gereicht. Noch in derselben Nacht habe sie mit ansehen müssen, »wie mehrere Beamte einen jungen Mann packten und ihn mit Messern und Macheten – wie Schlachter – abschlachteten und seinen Körper an den Straßenrand warfen.«

„Erst vergewaltigen wir euch, dann töten wir euch“

Außerdem habe sie gesehen, wie Beamte junge Frauen – verletzte und unverletzte – übereinander in ein separates Fahrzeug warfen und sagten: „Wir töten euch nicht. Erst vergewaltigen wir euch, dann töten wir euch.“ Dann sei das Auto losgefahren. Sie wisse nicht, wie sie überlebt habe. Sie wisse nicht, wie sie heil nach Hause gekommen sei. Bei dem Bericht habe die Zeugin furchtbar geweint, »nicht wegen der Schmerzen ihres Körpers, der von Schlagstockhieben übersät war, und nicht wegen des Tränengases, von dem sie noch immer hustete und Übelkeit verspürte…, sondern weil sie das Gefühl habe, ihre Seele sei gestorben.« Sie fühle Schuld, weil sie noch am Leben sei. »Der einzige Grund, warum sie noch lebe, sei, ihre Stimme weiterzugeben – die Stimme der Menschen, die nicht nur an den Tagen des Aufrufs, sondern auch in den Tagen danach auf den Straßen waren und auf Hilfe warteten.« Mit leeren Händen wären die Demonstranten hinausgegangen, so friedlich wie möglich, um deutlich zu machen, dass diese Regierung keine Legitimität habe und sie sie nicht wollten. Die Antwort seien Kugeln und Massaker gewesen.

Am Tag nach ihrer Rückkehr habe sie erfahren, dass die junge Tochter einer Nachbarsfamilie ins Bein geschossen worden war. Aus Angst, man könne ihr Kind im Krankenhaus entführen, haben sie das Mädchen lieber zu Hause gepflegt. Doch das Kind habe die Verletzung nicht überlebt. Die Familie habe lediglich ein winziges schwarzes Stoffstück ans Garagentor heften können. Selbst eine Traueranzeige an der Haustür anbringen sei nicht möglich gewesen auch die Beerdigung habe still und leise, mit nur wenigen Menschen stattfinden können, wohl um die Familie nicht noch weiter zu gefährden.

Eine riesige Menschenmenge rief  „Lang lebe der Schah“, „Pahlavi kommt zurück“ und „Tod Chamenei“

Eine zweite, etwas ältere Zeugin berichtet, sie habe 1979 an den letzten Tagen der Revolution teilgenommen und habe nun Schuldgefühle, »vielleicht einen winzigen Anteil an der Entstehung der Islamischen Republik gehabt zu haben«. Wenn sie sterben müsse, dann lieber jetzt , wo so viele junge Menschen sterben. In der ersten Nacht der Demonstrationen sei sie im Viertel Shahran gewesen, wo die Menschen Bilder des obersten Religionsführer Chamenei und des ehemaligen Kommandeur der Al-Kuds-Brigade Kassem Soleimani sowie städtischer Banner heruntergerissen und stattdessen die ehemalige Flagge des Irans, die Löwe-und-Sonne-Flagge gehisst hätten. Eine riesige Menschenmenge habe „Lang lebe der Schah“, „Pahlavi kommt zurück“ und „Tod Chamenei“ gerufen.

Anfangs hätten die Sicherheitskräfte vor allem Schlagstöcke, Tränengas und Warnschüsse, meist mit Schrotflinten eingesetzt. Doch schon in der zweiten Nacht habe sie gesehen, wie ein Beamter ein junges Mädchen an den Haaren packte und über den Boden schleifte. Plötzlich seien von oben Motorräder mit Sicherheitskräften gekommen, die die Menge in zwei Teile schnitten. Ein Polizeiwagen habe einen jungen Mann überfahren. Menschen hätten aus den Fenstern der anliegenden Häuser geschrien, woraufhin die Beamten mit obszönen sexuellen Beleidigungen geantwortet und dann auf die Fenster geschossen hätten.

Am nächsten Tag seien die Straßen rot von getrocknetem Blut gewesen. Da die Menschen kein Internet mehr hatten, wussten nicht, wie viele getötet worden waren. Als die Zeugin nach Tagen mit Mühe wieder Zugang bekam und die Videos der Getöteten sah, habe sie den ganzen Tag geweint. Vor einigen Tage sei dann eine Nachbarin völlig aufgelöst zu ihr gekommen und habe erzählt, dass in Gorgan drei junge Männer aus ihrer Familie – Anführer der Proteste – festgenommen worden seien. Am nächsten Tag seien alle drei ohne Gerichtsverfahren standrechtlich hingerichtet worden. Für die Herausgabe der Leichen haben die Behörden Geld verlangt. »Viele, die nicht auf den Demonstrationen getötet worden seien, würden nun standrechtlich erschossen. Niemand wisse, wie lange er noch leben werde.« Die Zeugin sagte ihrem Sohn, sie wisse, dass er wegen seiner Aktivitäten in den sozialen Medien nicht mehr nach Iran zurückkehren könne, solange dieses Regime herrsche. Man würde ihn sofort festnehmen. Er solle mutig sein und alles, was er gehört habe, weitergeben.

Wenn die USA angreift, ist das ein Problem, greift die USA nicht an, ist das ein tausendfach größeres Problem

Der dritte Zeuge arbeitet in einem staatlichen Krankenhaus im Zentrum Teherans im OP. Dieser berichtet, dass in der zweiten Nacht ein Verletzter nach dem anderen eingeliefert worden sei. Viele seien noch auf dem Boden gestorben, bevor sie den Reanimationsraum erreichten. In einer endlosen Nacht seien allein zehn Arme und Beine amputiert worden – verursacht durch Kriegsmunition. Viele seien  schon tot gewesen, bevor sie den OP erreichten. Mitten in einer Operation hätten bewaffnete Beamte den sterilen OP-Bereich gestürmt und die Krankenakten verlangt. Ein Kollege aus der Notaufnahme sei noch in derselben Nacht festgenommen worden. Auch nach einer Woche wisse niemand, wo er sei oder ob er noch lebe.

Der vierte Zeuge ist ein junger Mann, Anfang zwanzig, der in der Armee sei. Er berichtet, dass er in der ersten Nacht des Aufrufs zusammen mit seinen Freunden festgenommen worden sei, damit sie nicht demonstrieren konnten. Am nächsten Tag habe man sie freigelassen. Als er mit dem Motorrad nach Hause gefahren sei, hätten ihm Hals und Augen gebrannt vom dem Blut- und Tränengas-Geruch. Er habe beschlossen, nicht mehr zur Armee zu gehen und zu fliehen, um bei den Menschen zu sein. Zwei Tage lang habe er sich bei Freunden versteckt. Er sei überzeugt gewesen, die USA würden angreifen und das Regime würde fallen. Doch nichts geschah. Dann habe er gehört, dass auf Fahnenflucht die Todesstrafe stehe. Mit Mühe habe er ein gefälschtes Attest organisiert, dass er einen Unfall gehab hätte, habe sich sogar selbst verletzt, damit es glaubwürdig aussah. Er habe sagt: Wenn die USA angreift, sei das ein Problem – er könnte sterben. Wenn die USA aber nicht angreifen, sei es ein tausendfach größeres Problem, denn unter diesen Bedingungen würden früher oder später alle sterben.

Hier ist der komplette sehr ausführliche Bericht zu lesen.

*

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB und ggf. welcher Artikel Sie besonders überzeugte. Oder über PayPal – 3 EUR – 5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 50 EUR – 100 EUR