Ein neuer Stern am Tennishimmel ist aufgegangen

Von Jürgen Fritz, So. 12. Aug 2018

Ich weiß nicht, ob es das in der Geschichte des Tennissports schon jemals gab. Ein Teenager schlägt in Toronto innerhalb von vier Tagen vier Top Ten-Spieler nacheinander und steht heute Abend im Finale der Canadian Open, trifft dort nun auf die Nr. 1 der Welt.

Tsitsipas zieht ins Finale von Toronto ein und trifft dort auf Nadal

In der Runde der letzten 32 musste zunächst der Österreicher Dominic Thiem, die Nr. 8 der Welt, dran glauben, den der junge Grieche mit 6:3, 7:6 ausschaltete, dann im Achtelfinale der 13-fache Grand Slam-Champion und frischgebackene Wimbledon-Sieger Novak Djokovic (10), den Stefanos Tsitsipas mit 6:3, 6:7, 6:3 bezwang. Am Freitag konnte er im Viertelfinale gegen den Deutschen Alexander Zverev (3) sogar Matchball abwehren und siegte nach hohem Rückstand (3:6, 2:5) doch noch mit 3:6, 7:6, 6:4. Und gegen den Wimbledon-Finalisten Kevin Anderson (6) konnte er im dritten Satz des Halbfinales wieder Matchball abwehren und gewann nach 2:47 h mit 6:7, 6:4, 7:6.

Kurz vor 24 Uhr Mitteleuropäische Zeit (18 Uhr Ortszeit) stand der 19 Jahre und 364 Tage alte Stefanos Tsitsipas als Sieger fest und trifft nun heute im Endspiel der internationalen Tennismeisterschaften von Kanada, einem Turnier der zweithöchsten Kategorie (B), auf die Nr. 1 der Welt, den 17-fachen Grand Slam-Champion Rafael Nadal. Dieser ließ sich heute Nacht auch von einer zweistündigen Regenunterbrechung nicht stoppen und besiegte den 22-jährigen Russen Khachanov mit 7:6, 6:4. Wird Tsitsipas dieses Tennsimärchen fortschreiben und an seinem 20. Geburtstag auch noch die Nr. 1 der Welt schlagen können, dann gleichsam den fünften Top Ten-Spieler nacheinander? Heute Abend ab 22 Uhr MEZ werden wir es sehen können, allerdings nur auf Sky Channel.

Erringt Nadal seinen 80. Titel oder Tsitsipas seinen ersten?

Nadal wird sicherlich keine leichte Aufgabe werden für den jungen Griechen. Der Spanier hat zwar seit fünf Jahren kein Masters 1000-Turnier (B) mehr auf Hartplatz gewonnen, aber seine Endspiel-Bilanz ist mehr als beeindruckend. 115 mal stand er in einem ATP- oder Grand Slam-Finale, 79 mal hat er gewonnen (zu 69 Prozent). Ein Sieg heute Abend würde also seinen 80. Turniersieg bedeuten, der vierte bei den Canadian Open. Für Tsitsipas wäre es der erste Turniererfolg überhaupt.

Es ist aber nicht Tsitsipas erstes Endspiel, in welchem er auf der großen Tennistour steht. Im April schaffte er es beim Sandplatzturnier in Barcelona (C), erstmals in ein Finale einzuziehen. Und nun raten Sie, wer dort sein Gegner war. Kein Geringerer als der größte Sandplatzspieler aller Zeiten: Rafael Nadal. Das Ergebnis damals lautete 6:2, 6:1 für den Sandkönig. Doch der Tsitsipas von August 2018 ist nicht der von April 2018 und in Kanada wird nicht auf der roten Asche gespielt. Das Match verspricht also sehr interessant zu werden!

In Kanada wurde ein neuer Star am Tennishimmel geboren

In der Weltrangliste wird Tsitsipas auf jeden Fall von 27 auf 15 steigen, sollte er Nadal schlagen können, dann sogar auf 12. Wichtiger ist aber wohl eine andere Erkenntnis. Die einmalige Ära des Dreigestirns Federer, Nadal und Djokovic sowie dahinter Murray und zuletzt auch Wawrinka, eine Ära die alles in den Schatten stellte, was es vorher jemals gab, wird sich die nächsten Jahre dem Ende zuneigen. Federer ist zwar noch immer die Nr. 2 der Welt, ist aber inzwischen 37 Jahre alt, Nadal 32, Djokovic und Murray 31, Wawrinka 33. Federer, Nadal und Djokovic haben in den letzten 15 Jahren 50 von 61 Grand Slam-Titel (A) geholt, Murray und Wawrinka nochmals jeder drei. Unfassbar!

Mehr als eine Dekade lang war überhaupt kein Spieler in Sicht, der es auch nur annähernd vor allem mit den drei ganz Großen hätte aufnehmen können. Selbst als Djokovic und Murray, die die Jahre 2015, 2016 dominierten, 2017 beide lange verletzt waren und Wawrinka noch dazu, schaffte kein U30-Spieler auch nur einen einzigen Triumpf bei einem der vier Grand Slam-Turniere (Australian Open, French Open, Wimbledon, US Open). 2017 und die erste Jahreshälfte 2018 teilten nun wieder Federer und Nadal die nächsten sechs A-Turniere unter sich auf – jeder drei. Und in Wimbledon gewann vor einem Monat der nach Ellbogen-OP genesene und wiedererstarkte Djokovic. Doch den konnte Tsitsipas in Toronto nun besiegen.

Mit dem 21-jährigen Alexander Zverev und dem seit heute 20-jährigen Stefanos Tsitsipas – beides übrigens, wie auch die fünf großen Oldies wieder Europäer – sehen wir zum ersten Mal seit über zehn Jahren zwei Spieler, die das Potenzial haben, diese riesige Lücke, die aufklaffen wird, wenn Federer, Nadal und Djokovic (sowie Murray und Wawrinka) aufhören, zumindest zum Teil zu füllen. Das macht Hoffnung. Wenn Sie mich fragen, ich glaube, diese Woche ging in Kanada ein neuer Stern am Tennishimmel auf und zwar ein griechischer.

Einige Bilder von den beiden Halbfinals

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Stefanos Tsitsipas

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