Wahrheitsliebende und Herdentiere: die zwei Arten von Menschen

Von Jürgen Fritz, So. 25. Nov 2018

Machen wir uns nichts vor, die Zahl jener Menschen, die sich gegen die Anerkennung der Wahrheit sträuben, ist unglaublich groß. Das war sie schon immer und das wird auch zukünftig so sein. Belegbare Fakten, die über jeden Zweifel erhaben sind, werden einfach ignoriert. Konfrontationen mit schockierenden Tatsachen, die das eigene Weltbild eigentlich erschüttern müssten, führen zu einem Achselzucken oder gar zu Vorwürfen, man würde Verschwörungs­ideologien verbreiten. Wie kann das sein, dass selbst intelligente Menschen so reagieren? Weshalb sehen wir immer und immer wieder die psychische Abwehrtrias aus Verleugnung, Projektion und Verdrängung? Wie lässt es sich erklären, dass Menschen sich rigoros weigern, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen? Hier die Erklärung.

Das Streben nach Vermeidung von kognitiver Dissonanz

Auch wenn es schockierend ist, wie groß der psychologische Einfluss auf die Akzeptanz respektive das Leugnen von Fakten sein kann, aber die Antwort auf die eingangs gestellten Fragen ist relativ einfach. Sie heißt: erstens kognitive Dissonanz und zweitens der Wunsch, dazugehören, kein Außenseiter sein zu wollen

Jeder von uns verfügt über ein mehr oder weniger abgerundetes, mehr oder weniger konsistentes (widerspruchsfreies) Weltbild. Viele bei uns heute glauben, vor allem wollen glauben, dass wir in einem Rechtsstaat leben, in dem alle Staatsgewalten sich an Recht und Gesetz halten und keine Willkürherrschaft ausgeübt wird. Dass Politiker demokratisch gewählt sind und dass diese Wahlen den freien, nicht gelenkten, nicht manipulierten Wählerwillen widerspiegeln. Dass es unter­schied­liche Instanzen gibt, die über die Korrektheit jeder Informationsverbreitung in TV, Radio sowie den großen Printmedien, die Korrektheit der Wahlen, jeder Abwicklung, jeder Entscheidung, jedes Vorganges wachen. Dass die breite Palette von Medien ein Garant dafür ist, dass wir über alles Wesentliche umfassend und nicht einseitig informiert werden, so dass hier kein völlig schiefes, verzerrtes Bild der Wirklichkeit in uns entsteht. Denn wie könnten wir uns überhaupt noch wohl fühlen in der Welt, in der wir leben, wenn wir all dies nicht annehmen und daran nicht ganz fest glauben würden?

Daher weisen Wunsch- und Angstdenker alles zurück, was Furcht und ein Gefühl der Unsicherheit evozieren könnte. Wenn eine bestimmte Information, selbst wenn sie belegbar ist, nicht in ein vorgegebenes Konzept, nicht in das aktuelle Welt- und Menschenbild passt, dann wird sie meist erstmal zurückgewiesen. Die Frage, ob die Zweifel an einer verbreiteten Auffassung, ja an der eigenen Vorstellungswelt berechtigt sein könnten, wird erst gar nicht gestellt. Denn das würde ja das eigene innere System eventuell ins Wanken bringen. Fakten werden nicht eingesehen. Worten wird kein Gehör geschenkt. Bilder werden – auch wenn es noch so schwierig ist – nach Belieben umgedeutet. Kurzum es wird verleugnet, projiziert und verdrängt.

Die Angst, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden

Und da der größte Teil der Herde ohnhehin immer dem Hirten (den Meinungsmachern) folgt, wird es sich dabei schon um die beste Entscheidung handeln, denn es kann doch nicht sein, dass so viele irren! Außerdem: Wer möchte schon als Außenseiter gelten? Wer möchte schon am Rande stehen oder gar – die größtmögliche Katastrophe – aus der Gemeinschaft, aus jeglichem Diskurs ausgeschlossen werden?

Der bei weitem größere Teil der Menschen ist an Wahrheitsfragen sehr viel weniger interessiert als an Nutzenfragen und zwar ganz persönlichem Nutzen (englisch: utility), was übrigens für politisch links wie rechts und ganz besonders für Anhänger von Religionen gilt. Das angenehme Gefühl wird der Wahrheit und Aufklärung meist vorgezogen.

Das ist der tiefere Grund, warum mindestens 80 Prozent der Menschen für viele Dinge nicht erreichbar sind. Sobald sie ahnen respektive intuitiv spüren, dass ihnen das Wissen, die Aufklärung, die Wahrheiten, die man Ihnen anbietet, nicht von Nutzen wäre, sondern erstmal Schwierigkeiten bereiten würden, sei es in Form von kognitiver Dissonanz, was zu Verunsicherung führt, oder in Form von Kollision mit dem sozialen Umfeld und der Mehrheitsmeinung, machen sie erstmal dicht und gehen in eine innere Abwehrhaltung. Denn die meisten Menschen möchten keine Schwierigkeiten, was auch nicht gänzlich unvernünftig ist, aber eben nicht mutig und nicht wahrheitsliebend.

Warum sind wir so?

Um das zu verstehen, warum wir so sind, müssen wir ein Blick auf unser Werden, also auf unsere Evolution werfen, denn alles, was ist, ist ein solches, das geworden ist. Eine Antwort auf diese Frage hat Marie Gabrielle wie folgt gegeben:

„Die Frage ist aber doch, woher kommt das? Warum sind wir Menschen so viel abhängiger von Gefühlen als von kognitiven Überlegungen? Die Psychologie weiß inzwischen, dass die meisten Entscheidungen im unbewussten Gefühlten vorbereitet werden, und dass die rationale Erklärung unseres Handelns oft nur nachgeschoben ist, auch wenn wir uns einbilden möchten, dass es genau andersherum wäre. 

Hinzu kommt, dass wir Gruppenwesen sind, dass wir – wenn wir psychisch gesund sind – bindungsorientierte Wesen sind. Die Evolution hat uns so gemacht, denn kein menschliches Wesen wäre jemals völlig alleine überlebensfähg gewesen. Zumindest als Kinder machten wir alle die Erfahrung von Abhängigkeit und Angewiesen-sein auf andere. Und das sitzt tief in unseren Genen. 

Ausgeschlossen zu werden aus der Gemeinschaft ist nicht nur extrem schmerzlich, sondern auch im tiefsten Innern existentiell bedrohlich. Darum wird Mobbing als so furchtbar und krankmachend erlebt. Man weiß von sehr kollektiv orientierten Kulturen – wie zum Beispiel denen der Sinti -, dass alleine der soziale Ausschluss aus der Gruppe zum Tode führen konnte. Und darum haben die meisten von uns einen tiefen Impuls, in Harmonie mit unserer sozialen Umwelt zu bleiben. Die Gemeinschaft geht uns vor, weil wir sie als überlebenswichtig wahrzunehmen gelernt haben. Und eben darum feiern Ideologien, die auf Kollektivismus setzen anstatt auf Emanzipation, auch immer wieder so große Triumphe.

Unter diesem Gesichtspunkt scheint mir oft der europäische Individualismus etwas ganz Besonderes und Außergewöhnliches zu sein. Vielleicht hat er sich nur entwickeln können unter den besonderen Bedingungen besonders stabiler Ehen – typisch für die nordeuropäische (germanische) Kultur, in denen Kinder so lange geschützt aufwachsen konnten, dass sie nicht nur eine gute Portion Bildung, sondern auch eine besonders erwachsene psychische Reife mit der Fähigkeit zur Ablösung von der Herkunftsfamilie erreichen konnten. In vielen Kulturen ist das nämlich nicht so. Da bleiben Erwachsene ihren Familien in psychischen Abhängigkeiten verhaftet. Wir brauchen dazu nur die mittelmeerische Kultur anzuschauen. 

Und mit der Zuwanderung scheint diese Befähigung zur vollen Emanzipation und Selbstverantwortung jetzt auch wieder ein Stück weit verloren zu gehen. Die Menschen stellen sich im Konflikt auf die Seite der Gemeinschaft, das heißt auf die Seite derjenigen, die für sie emotional bedeutsam sind und die Mehrheit darstellen. 

Kognitive Dissonanz aber ist ein scheußliches Ambivalenz-Gefühl im eigenen Inneren, das großen inneren Stress bedeutet, und das wir alle versuchen, so schnell wie möglich aufzulösen, indem wir uns für die eine oder andere Sicht entscheiden, um so wenigstens die innere Harmonie und seelische Ausgeglichenheit wieder herzustellen vermögen.“

Es muss nur der kritische Punkt der Kippbewegung erreicht werden, das genügt

Soweit Gaby Ma. Das Tröstliche dabei ist, dass nicht alle von etwas überzeugt werden müssen, denn die breite Masse schließt sich ja stets der Herde an. Sobald also einige der Hirten, die ihre jeweilige Herde im Griff haben, kippen und es sich abzeichnet, dass die Mehrheitsverhältnisse sich bald ändern werden, wird die Mehrheit sich dieser Bewegung anschließen. Davor haben die hegemonialen Kräfte natürlich schreckliche Angst und daher versuchen sie alle Stimmen, die den jetzt noch dominanten Narrativ als Lügenkonstrukt entlarven, zum Verstummen zu bringen oder zumindest so weit runterzudrosseln, dass sie nur noch von ganz wenigen gehört werden können.

Sobald aber die Kippbewegung deutlich an Fahrt zunimmt, kehrt sich die Angst vor dem Außenseiter-sein gegen die Position, die jetzt noch klar in der Mehrheit ist. Es geht also nicht darum, alle überzeugen zu müssen, es muss nur der kritische Punkt der Kippbewegung erreicht werden. Dann wird alles plötzlich ganz leicht und fast wie von selbst weiter gehen. Dann wird einer nach dem anderen überlaufen.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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