Rassismus: Ein amerikanischer Alptraum oder: Der weltweite Kampf gegen Weiße

Von Vera Lengsfeld, Mi. 30. Jan 2019

Martin Lichtmesz veröffentlichte 2018 ein bemerkenswertes Büchlein. Das alte Europa war nie Amerika, sagt er. Es war frei vom innergesellschaftlichen Alltagsrassismus, von einem Unterscheidungszwang, den es nur gebe, wenn man ständig betont, dass es ihn nicht gebe. Da wir aber alles, was in den USA geschehe, früher oder später auch bei uns wiederfinden, kommt er zu dem Schluss: Das Thema »Rasse« wird auch bei uns zu jenem Alptraum werden, das es in den USA längst ist – eine Mischung aus Omnipräsenz, Leugnung, Instrumentalisierung, Denunziation, Wirklichkeitsverweigerung und gesellschaftlicher Spaltung. Vera Lengsfeld stellt Ihnen das wichtige Werk vor.

Vom Untergang des Sozialismus über den westlichen Selbsthass zum „Antirassismus“

Francis Fukuyama rief im Revolutionsjahr 1989 das Ende der Geschichte aus. Er bezog sich damit hauptsächlich auf den russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojève, der Hegels „Phänomenologie des Geistes” als Endpunkt der Geschichte gedeutet und später die westliche Lebensart als die Form bezeichnete, auf die sich die Menschen nach dem Ende der Geschichte einigen würden. Es kam anders.

Dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialistischen Lagers ist unübersehbar, dass von den westlichen Eliten ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen wurde. Nachdem der gefesselte und gehasste Kapitalismus sich als attraktiver und stärker erwiesen hat als sein sozialistischer Gegenspieler, der von zahllosen westlichen Intellektuellen, die ihn selbst nicht aushalten mussten, bevorzugt wurde, musste der Kampf gegen ihn neue Formen annehmen. Diese Form fand sich im westlichen Selbsthass, der schon vor dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs existierte, der aber danach verstärkt propagiert wurde.

Seinen Ausdruck findet er in den Schuldgefühlen, die der Bevölkerung, die das Glück hat, in den emanzipatorischen Gesellschaften zu leben, eingeimpft werden. In Amerika hat das die Gestalt des Antirassismus angenommen. An den Universitäten tritt er als „Kritische Weißseinsforschung“ auf, die auch schon auf Europa übergegriffen hat. Dabei handelt es sich laut Wikipedia um „ein transdisziplinäres Studienfeld“, das  „kulturelle, historische und soziologische Aspekte“ von Menschen beschreibt, die sich selbst als Weiße sehen. Rasse sei lediglich ein soziales Konstrukt ohne biologische Basis. Dieses Konstrukt wurde erfunden, um Nicht-Weiße zu versklaven, unterjochen, oder zu beseitigen.

Der „Antirassismus“ ist in Wahrheit ein Rassismus gegen Weiße

Die Folgen dieses Antirassismus untersucht Martin Lichtmesz in seiner Schrift: Rassismus – Ein amerikanischer Alptraum. Seine These ist, dass die Weißseinsforschung ein „Rassismus ohne Rasse“ ist. Ihre Protagonisten leugnen zwar die Existenz von Rassen, sprechen aber andererseits ständig von Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe. Es handelt sich um Rassismus gegen Weiße.

Der emanzipatorische Traum, dass man den Anderen nicht mehr als Angehörigen einer Rasse, sondern nur als Menschen sieht, als Gleicher unter Gleichen, ist damit ausgeträumt. Ein überwunden geglaubtes Vorurteil kommt unter anderen Vorzeichen mit Macht zurück. Antirassismus vergiftet, wie einst der Rassismus, das gesellschaftliche Klima. Der Weiße spielt dabei die Rolle des ewigen Bösewichts.

„Weiße, die aus einer farbigen Nachbarschaft ausziehen, sind Rassisten, denn sie machen sich der ‘Weißenflucht’ schuldig. Weiße, die in eine farbige Nachbarschaft ziehen, sind Rassisten, denn sie machen sich der Gentrifizierung schuldig.“

Auch Linke werden vom Rassismus-Verdacht nicht verschont. So traf es den linksaußen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, weil er meint, dass „Klasse“ wichtiger sei als „Rasse“.

Schmelztiegel, Tomatensuppe oder Salatschüssel

Die anfängliche Hoffnung, dass die Präsidentschaft von Barack Obama die Rassenunterschiede überwinden, eine „postrassistische Gesellschaft“ entstehen würde, hat sich als Illusion erwiesen. Für viele Schwarze ist Rasse nach wie vor das entscheidende Thema. Obama musste stets Sorge tragen, genügend schwarz zu erscheinen, um als solcher anerkannt zu werden. Seine weiße Mutter war sein schwerstes Problem. Obama hält heute die Illusion einer postrassistischen Gesellschaft für naiv.

„Die überraschende historische Wahrheit ist“, schreibt Lichtmesz, „dass Amerika über den Großteil seiner Geschichte hinweg kein multikulturelles, multirassistisches Land, kein ‘Schmelztiegel’ und auch keine ‘universale Nation’ war.“ Amerika war bis vor Kurzem ein Ableger Europas. Man vergleiche die Filme, die in den 60er und 70er Jahren gemacht wurden, mit ihren Remakes des neuen Jahrtausends.

Bis zum Immigration and Naturalisation Services Act des Ted Kennedy von 1965, waren die USA stets bemüht, Einwanderung zu kontrollieren, wenn nötig zu stoppen. Bereits in den 1780er Jahren wurde (schon um 1780, JFB) das Konzept des „Schmelztiegels“  entwickelt, in dem die Einwanderer aus den verschiedenen europäischen Nationen zu einer amerikanischen „neuen“ Rasse geformt werden sollten. Das gelang nur bedingt. Am ehesten waren die Deutschen bereit, in einer neuen Rasse aufzugehen, die Iren weniger.

Später kam das Konzept der kulturellen Assimilation (Tomatensuppe, die durch Zutaten wie Petersilie etc. angereichert wird, aber doch Tomatensuppe bleibt, Leitkulturkonzept, JFB) hinzu, was, wie die China-Towns in großen amerikanischen Städten beweisen, nur bedingt wirksam war. Als Drittes entwickelte der jüdisch-amerikanische Philosoph Horace Kallen sein Konzept des „kulturellen Pluralismus“, (Salatschüsselkonzept, ein buntes, vielfältiges Nebeneinander aller möglichen Zutaten, JFB), das sich heute weitgehend durchgesetzt hat. Nach Kallen können die Menschen ihre Kultur, nicht aber ihre ethnische Zugehörigkeit ändern. Die Lösung sollte eine amerikanische „Transnationalität” sein, die im gegenwärtigen Amerika immer mehr zum Traumbild mutiert.

Die zwei großen Strömungen unserer Zeit: Globalismus und Beendigung der weißen Vorherrschaft

Inzwischen hat sich die amerikanische Elite dem Globalismus zugewandt. Es ist eine globalistische Klasse der Superreichen im Entstehen, deren Heimat der Weltmarkt ist und die den Bürger durch den globalen Konsumenten ohne Identität ersetzen will, dessen Sehnsucht nicht mehr der Heimat, sondern einem bestimmten Label gilt.

Amerika ist das unbestrittene Hauptquartier dieses Globalismus, der nun dabei ist, das Land bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. An der Spitze dieser Veränderung steht die Forderung nach einem „Weißen Genozid“. Nur wenn die Weißen verschwänden, könne der Planet gerettet werden. Natürlich sei nicht die Tötung von Weißen gemeint, beteuern die Anhänger dieser Theorie. Vielmehr meine man die Beendigung der weißen Vorherrschaft.

Welche praktischen Auswirkungen diese Theorie bereits auf das Land hat, illustriert Lichtmesz am Ende seines Buches mit den Erkenntnissen, die der israelische Autor Tuvia Tenenbom auf seiner Rundreise durch Amerika gewonnen hat: „Es ist rassistisch, es ist hasserfüllt und seine Bürger folgen einem destruktiven Kurs.“

In Europa sind wir noch nicht ganz so weit. Es hat noch die Möglichkeit, den amerikanischen Kurs zu vermeiden. Ob das gelingt, wird sich in nächster Zukunft entscheiden.

P.S. von Jürgen Fritz

Ich habe das Büchlein (88 Seiten Fließtext) von Martin Lichtmesz, das 2018 erschien, ebenfalls gelesen und kann es nur empfehlen. Mir sind einige Dinge dadurch bewusst geworden, die mir so zuvor nicht klar waren. Ich bin für mich persönlich dadurch zu dem Fazit gekommen, dass eine große Vermischung von Rassen, Hautfarben, Ethnien, Kulturen oder wie immer man es nennen möchte, nicht erstrebenswert ist und das aus einem ganz einfachen Grunde: weil es nicht funktioniert.

Die USA zeigen das wohl überdeutlich und man kann tatsächlich, auch als jemand, dem jeglicher USA-Hass völlig fremd ist, den Eindruck gewinnen, dass es neulinke Kreise in den Vereinigten Staaten gibt, die ihr Modell, das schon bei ihnen nicht funktioniert, in die Welt tragen wollen, und schlimmer noch: dass es in Europa genügend Neulinke gibt, die diese Konzepte begierig aufnehmen und selbst sogar noch vorantreiben.

Natürlich können immer Einzelne aus anderen Kulturen, Ethnien etc. aufgenommen werden oder Einzelne von uns können auswandern. Sobald hier aber gewisse Grenzen überschritten werden, werden die Probleme, die innergesellschaftlichen Spannungen so groß, dass sie kaum noch in den Griff zu bekommen sind, und vor allem: der innere Zusammenhalt, die gegenseitige Loyalität und Solidarität leiden enorm! Und diese Grenzen des langfristig Verkraftbaren sind meines Erachtens sehr viel niedriger anzusetzen als viele, vor allem als Neulinke glauben. Die Schrift von Martin Lichtmesz macht dies sehr beeindruckend deutlich. Ich kann sie daher nur empfehlen und danke Vera Lengsfeld für die gute Zusammenfassung.

Das Buch

Martin Lichtmesz, Rassismus – Ein amerikanischer Alptraum, Reihe Kaplaken, Bd. 57, Verlag Antaios, 2018, EUR 8,50

Rassismus

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Vera Lengsfeld. Er erscheint hier mit der freundlichen Genehmigung der Autorin und Blogbetreiberin. (Einleitung, Zwischenüberschriften, Hervorhebungen und P.S. durch Jürgen Fritz.)

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Zur Autorin: Vera Lengsfeld, abgeschlossenes Studium der Philosophie, war eine engagierte Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Ab 1990 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, von 1996 bis 2005 für die CDU. Seither ist sie als freie Autorin tätig, unter anderem als Kolumnistin für die Achse des Guten, The European, die Huffington Post, das ef-Magazin und die Preußische Allgemeine Zeitung. Im Juli 2012 wurde sie zur Landesvorsitzenden der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) Berlin-Brandenburg gewählt. 1990 wurde ihr der Aachener Friedenspreis verliehen, 2008 das Bundesverdienstkreuz.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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