Wie die Massen manipuliert und gelenkt werden

Von Jürgen Fritz, Sa. 23. Feb 2019

„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“ – Edward Bernays, 1928

Framing und Weltanschauungen

In den letzten Jahren ist viel von Framing die Rede. Damit ist gemeint, dass jede Information eingerahmt wird in einen Kontext, in ein Bedeutungsfeld. Erst in diesem gewinnt die Information selbst einen Sinn, eine Bedeutung, die erst durch den Rahmen entsteht. Für diesen Sinngebungsprozess braucht es also Deutungsraster. Und wer diese Deutungsraster bestimmt, der lenkt damit, wie Informationen bei den einzelnen Individuen eingebettet werden in ihr Weltbild, der kann sie damit auch steuern.

Weltbilder und Weltanschauungen werden bei den meisten Menschen schon sehr früh angelegt. Daher versuchen zum Beispiel die meisten Religionen respektive Ideologien die Kinder, also die neuen Mitglieder der Gesellschaft, schon sehr früh entsprechend zu programmieren. Die meisten Menschen ändern dieses ihnen von außen eingeschriebene Programm ihr ganzes Leben nur relativ wenig, im Kern meist gar nicht. An die innersten Überzeugungen, den Kern der Zwiebel, der meist sehr stark emotional besetzt ist, gehen sie in der Regel niemals heran, ja sie reflektieren diesen nicht einmal. Das heißt, ihre innersten Überzeugungen sind ihnen oft nicht einmal explizit bewusst. Sie könnten diese gar nicht benennen, wenn man sie danach fragen würde.

Nun ist spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts, seit Freuds dritter Kränkung der Menschheit (nach Kopernikus und Darwin), bekannt, dass die meisten Menschen weit mehr über unbewusste Prozesse, über Triebe, Instinkte, Bedürfnisse, Emotionen etc. als über rationale Erwägungen gesteuert sind. Und es gibt seit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts schon Forschungen, wie man Menschen, vor allem auch Massen steuern kann.

Gustave Le Bon: Psychologie der Massen

Gustave Le Bon (1841-1931) war ein französischer Sozialpsychologe. Mit seinem Werk von 1895 „Die Psychologie der Massen“ gilt er als Begründer der Massenpsychologie. Seine Wirkung auf die Nachwelt, wissenschaftlich vor allem auf Sigmund Freud und Max Weber, politisch insbesondere auf den Nationalsozialismus und seine Protagonisten, war immens. Seine Gedanken werden bis heute in der Sozialpsychologie diskutiert. Le Bon war ausgesprochen skeptisch, was das kognitive Vermögen und die Wahrheitsliebe der Massen anbelangt. Seine Skepsis kommt in folgendem Zitat besonders prägnant zum Ausdruck:

Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“ 

Haben wir hier im Grunde schon die Ursachen genannt, warum jede Aufklärung bei uns Menschen, so wie wir nun einmal sind, zum Scheitern verurteilt ist, zumindest aber seit Jahrzehnten wieder auf dem Rückzug ist? Müssen wir uns also damit abfinden, dass die meisten Menschen nun mal so sind und uns darauf einstellen?

Edward Bernays: Der Mensch ist ein irrationales, triebgesteuertes Wesen

Edward Bernays (1891-1995) war 50 Jahre jünger als Le Bon. Er war ein Neffe Sigmund Freuds und ein Pionier in der Anwendung von Forschungsergebnissen der noch jungen Psychologie und Sozialwissenschaften in der angewandten Öffentlichkeitsarbeit. Seine Erfolge im frühen 20. Jahrhundert in diesem Bereich halfen, die Psychoanalyse Freuds in den Vereinigten Staaten von Amerika zu popularisieren. Das Life Magazine zählt ihn zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Dabei ist das Freud’sche Menschenbild grundlegend für Bernays Wirken und Argumentation. Es basiert auf folgender Annahme:

Der Mensch ist ein irrationales, von unbewussten Triebimpulsen motiviertes Wesen, das notwendig kultureller Bändigung und Steuerung bedarf. Dies gilt insbesondere für die Psychologie der Masse. Auf dieser Grundlage entwickelte Edward Bernay Kampagnen zur Meinungsbeeinflussung auf Basis damals aktueller Erkenntnisse der Massenpsychologie. Bernays argumentierte wie folgt:

„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“ 

Die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Technik der Meinungsformung bezeichnete er als: engineering of consent (sinngemäß: Technik zur Herstellung von Zustimmung und Konsens).

Propaganda

Mit seinem Buch Propaganda aus dem Jahr 1928 schuf er die bis heute gültige Grundlage für modernes Kommunikationsmanagement. Bernays machte sich insbesondere die Erkenntnisse der damals noch jungen behavioristischen Psychologie zunutze, die mit sehr simplen Modellen der menschlichen Seele arbeitete, um das Ganze in den Dienst von Regierungen und Konzernen zu stellen. Propaganda, Bernays Hauptwerk, beginnt mit dem Kapitel „Organising Chaos“:

„Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist.

Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“

Eine seiner bevorzugten Techniken zur Manipulation der öffentlichen Meinung war der Einsatz von „neutralen Experten“, um eine Aussage glaubhaft erscheinen zu lassen, vor allem aber auch die indirekte Nutzung prominenter Dritter:

„Wenn man die Führer beeinflussen kann, entweder mit oder ohne deren bewusste Zusammenarbeit, beeinflusst man automatisch deren Gruppe“.

Von der Propaganda zur Public Relations

Bernays unterstützte die amerikanische Regierung unter Wilson im Ersten Weltkrieg im Committee on Public Information bei ihrem Bemühen, Zustimmung der Öffentlichkeit für einen Kriegseintritt der USA zu erzielen. Seine Kampagne im Kriegsjahr 1917 stellte er unter den Slogan: „Make the world safe for democracy.“

In den Nachkriegsjahren versuchte er, die Wirksamkeit von Propaganda als Steuerungsmittel des Kaufverhaltens und politischer Meinungsbildung einer Massendemokratie auch in Friedenszeiten nutzbar zu machen. Um den belasteten Begriff Propaganda zu vermeiden, nannte er sein Vorgehen Public Relations, ein bis heute gängiger Ausdruck. Mit den „Fackeln der Freiheit“ machte Bernays Zigaretten zum Symbol der weiblichen Emanzipation und brachte amerikanische Frauen zum Rauchen. Er arbeitete für Edison und Ford, aber auch für die CIA. Sie alle ließen sich von ihm ihr Image aufpolieren oder die Marktchancen ihrer Produkte verbessern.

All diese Techniken der Manipulation und Steuerung der Massen sind immer die gleichen. Auch Goebbels, der Bernays Buch „Propaganda“ gelesen hat, nutzte diese und ebenso die heutigen Machthaber und die M-Medien tun dies. Merkel hat Berater, die sie dementsprechend schulen und beraten. Die ARD hat gerade 120.000 Euro an das ominöse Berkeley International Framing Institute der noch ominöseren Elisabeth Wehling gezahlt für eine Anleitung, wie die Rezipienten über entsprechende Sprache noch besser subtil gelenkt werden können. Die Prinzipien sind immer die gleichen.

Fazit und Fragen, die sich ergeben

Über die Ratio (im platonischen Seelenmodell dem Logos entsprechend, im Gehirn im Neocortex materiell verankert) sind die meisten Menschen kaum und sind Massen quasi gar nicht beeinflussbar. Genau das versuchte aber die Aufklärung und versuchen Aufklärer bis heute. Somit stellt sich die Frage, ob sie auf der breiten Front damit nicht a priori zum Scheitern verurteilt sind, weil das den Durchschnittsmenschen völlig überfordert.

Meine These: Die Massen der westlichen Welt profitieren ungemein von den Errungenschaften der Aufklärer, der Philosophen, der Wissenschaftler etc., aber sie verstehen sie nicht, was zu einem Unbehagen in der Kultur führt respektive dieses noch verstärkt, weil viele sich damit einfach überfordert fühlen. Vielleicht auch daher der Selbsthass vieler auf Deutschland und Europa und die Offenheit für fremde, primitive, nicht aufgeklärte Kulturen (mehr limbisches System und Reptiliengehirn bzw. mehr Thymos und Eros).

Ist das Problem also der Mensch selbst, dessen Rationalität (Logos) bei den meisten einfach nicht stark genug entwickelt ist und der mit Mündigkeit und Emanzipation in seiner Mehrheit zumindest oftmals einfach maßlos überfordert ist? Sind für Aufklärung im Grunde immer nur einige wenige wirklich offen und dafür geeignet? Wenn ja, was machen wir mit dieser Erkenntnis?

Claudia Simone Dorchain: Propaganda

Wer das Thema ein wenig vertiefen möchte, dem seien ganz besonders die folgenden Videos der Philosophin Dr. Claudia Simone Dorchain empfohlen, die insbesondere die Arbeiten von Edward Bernays wunderbar zusammenfasst, erklärt und reflektiert:

1. Propaganda

2. Edward Bernays über Propaganda: Massenpsychologie

3. Edward Bernays über Propaganda: Emotionalisierung

4. Edward Bernays über Propaganda: Gewohnheiten schaffen

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Buchempfehlung: Knapp 80 Jahre nach dem Erscheinen von Propaganda und knapp ein Jahrhundert nach Entstehen der PR-Industrie erschien dieses wichtige Werk erstmals auf Deutsch, inzwischen in dritter Auflage. Edward Bernays, Propaganda – Die Kunst der Public Relations , orange-press-Verlag, EUR 18,00

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Titelbild: (c) Jürgen Fritz

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