Was passiert, wenn wir eine beseelte (starke) künstliche Intelligenz erschaffen?

Von Jürgen Fritz, Di. 23. Apr 2019

Was, wenn es dem Menschen mit seiner natürlichen Intelligenz, seinem Geist gelingt, eine starke künstliche Intelligenz zu erschaffen, eine solche also, die ein eigenes Bewusstsein, einen eigenen Geist entwickelt? In welchem Verhältnis stehen dann Schöpfer und Geschöpf? Was ist überhaupt Geist respektive Seele und wie hängen diese mit der materiellen, genauer: der physikalischen Welt zusammen?

Der Film „Ex Machina“ und der Turing-Test

In dem britischen Spielfilm aus dem Jahr 2015 „Ex Machina“ von Alex Garland darf ein junger Programmierer namens Caleb eine Woche lang den Firmengründer und Vorstandsvorsitzenden der marktbeherrschenden Internet-Suchmaschine Bluebook Nathan besuchen, der völlig abgeschieden in einer Naturlandschaft lebt, wo kein Mensch hinkommt. Dort betreibt er geheime Forschungen zum „größten wissenschaftlichen Ereignis der Geschichte der Menschheit“, der Entwicklung künstlicher Intelligenz.

Caleb soll den weiblichen Androiden Ava einem einwöchigen Turing-Test unterziehen, also herausfinden, ob Ava ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen besitzt. Der geniale britische Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker Alan Turing (1912 – 1954) hatte bereits 1950 die Idee zu diesem Test entwickelt. Wenn ein Mensch sich intensiv mit zwei Gesprächspartnern, einem Menschen und einer Maschine, unterhalte und anschließend nicht sagen könne, welcher von beiden die Maschine sei, habe diese den Turing-Test bestanden und die Maschine habe dann ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen.

In dem Film entwickelt sich ein großartiges Kammerspiel zwischen Nathan, Caleb und Ava, das tiefe philosophische Fragen aufwirft, insbesondere: Was macht uns als Mensch aus? Was bedeutet es, eine Seele, ein mentales Innenleben zu haben? Sind wir mehr als einfach nur ein sehr komplexes Stück Materie? Und: Was passiert, wenn es uns gelingt, eine beseelte künstliche Intelligenz zu erschaffen?

Chinesisches Zimmer – Intentionalität – phänomenales Bewusstsein

Der US-amerikanische Philosoph John Searle (*1932) machte 1980 in seinem berühmten Gedankenexperiment des Chinesischen Zimmers deutlich, was Turing in seinem Test zunächst übersah, was diesem wohl teilweise auch selbst bewusst wurde. Man stelle sich dazu einen geschlossenen Raum vor, in dem sich ein Mensch befindet, der keinerlei Chinesisch versteht. Kein Wort. Diesem werden nun durch einen Schlitz Zettel hinein geschoben, auf denen Geschichten auf Chinesisch erzählt werden. Dann erhält er einen zweiten Zettel mit Fragen zu den Geschichten. In dem Zimmer hat er zugleich ein Handbuch mit einer Anleitung in seiner Muttersprache, welche Zeichen er abhängig von den Zeichen der Geschichte, dem Handbuch und der Fragen auf den Antwortzettel zu übertragen hat. Er folgt also rein den mechanischen Anweisungen und schiebt den Antwortzettel durch den Türschlitz zurück, ohne überhaupt auch nur ein Wort der Geschichte oder die Fragen verstanden zu haben. Vor der Tür nimmt ein chinesischer Muttersprachler den Antwortzettel entgegen, liest ihn und meint dann auf Grund der passenden Antworten, im Raum befinde sich ebenfalls ein Chinesisch sprechender Mensch, der die Geschichte inhaltlich verstanden habe, obschon das nicht der Fall ist. 

Damit soll gezeigt werden, dass wir nicht ins Innere eines anderen, hier des chinesischen Zimmers beziehungsweise der Maschine blicken können. Computer führen Programme rein regelbasiert aus, indem sie Zeichenreihen bearbeiten, ohne die Bedeutung (Semantik) der Zeichen zu verstehen. Die Fähigkeit, eine Syntax (das Regelsystem einer Sprache) zu befolgen, befähigt also nicht automatisch die Semantik des Gesprochen oder Geschriebenen zu erfassen. Dazu bedarf es, wie Philosophen sagen, der Intentionalität, des spezifischen Merkmals des Mentalen (Seelischen), nicht zu verwechseln mit der Intention (Absicht) von jemandem.

Merkmale des Mentalen, des Seelischen, Geistigen

Intentionalität meint, dass etwas eine Beziehung auf einen Inhalt hat oder eine Richtung auf ein Objekt. Ein Wort steht zum Beispiel für ein Ding in der außersprachlichen Wirklichkeit und/oder einen Begriff in der Gedankenwelt, also im geistigen Raum. Dies kann anhand des semiotischen Dreiecks sehr schön verdeutlicht werden. Ein Symbol, z.B. die Buchstabenkombination „B + a + u + m“ steht zum Beispiel für ein Ding in der realen Welt, einen ganz konkreten Baum und erzeugt in einem Geist, in einer Seele einen Begriff (die allgemeine Idee eines Baumes), der sich auf das Ding in der realen Welt bezieht.

Bildergebnis für semiotisches dreieck

Ein Computer braucht weder den Bezug zum Ding in der Realität noch zum Begriff, er kann einfach Symbole, Zeichen nach bestimmten Regeln bearbeiten, ohne quasi zu wissen, was er tut und wovon er überhaupt redet.

Eine Seele, ein Geist, ein mentales Bewusstsein verfügt über zwei Merkmale, über die Maschinen oder Computer nicht verfügen: erstens Intentionalität und zweitens über ein phänomenales Bewusstsein (philosophischer Fachterminus: Qualia). Was ist damit gemeint? Für ein phänomenales Bewusstsein fühlt es sich irgendwie an, wenn es auch nur einen Farbeindruck hat, erst Recht wenn es Schmerz oder Lust empfindet. Dadurch bekommen die Dinge für ein beseeltes Wesen eine gewisse Qualität.

Physikalismus versus Dualismus und ontologischer Pluralismus

Ontologische oder metaphysische Materialisten, genauer: Physikalisten meinen nun, die Welt sei vollständig in der Sprache der Naturwissenschaften, letztlich der Sprache der Physik beschreibbar und das ohne Verlust. Sie haben ein ontologisch (metaphysisch) eindimensionales, ein monistisches Weltbild. Sie meinen mithin, dass auch Gedanken und Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte, Einstellungen, Haltungen, Charatker etc., also unser mentales Innenleben, das, was ich als die zweite ontologische Dimension bezeichne, im Grunde auf physikalische Terme reduziert werden könnte. Die Empfindung eines ganz bestimmten Farbeindrucks, einer Schmerzempfindung oder des Gefühls, wenn wir jemanden umarmen, den wir lieben, könne als ein ganz bestimmtes Aktivitätsmuster des Gehirns beschrieben werden, ohne dass bei dieser rein physikalischen Beschreibung etwas verloren ginge, das rein naturwissenschaftlich nicht erfassbar sei.

Der Physikalismus hat einen großen Vorteil: Für ihn erledigt sich das Körper-Geist-, das Leib-Seele-Problem von selbst. Denn so etwas wie einen immateriellen Geist, eine Seele, der/die nicht den Naturgesetzen, der/die nicht dem Prinzip von physikalischer Verursachung unterliegt, gibt es für den Physikalisten gar nicht. Der ontologische Dualist oder Pluralist (meine Position, die von einer ontologisch dreidimensionalen Welt ausgeht) hat dagegen das Problem, wie er erklären will, dass alles im Bereich der physikalischen Welt vollständig durch physikalische Erklärungen beschreibbar ist, also alles auf physikalische Ursachen zurückgeführt werden kann, zugleich aber unser Geist (Seele), der (die) eben nicht physikalischer Art ist, auf die physikalische Welt einwirken kann, schon wenn ich meinen Arm (Teil der physikalischen Welt) hebe oder diese Zeilen tippe.

Dieses theoretisch tiefe, wenn nicht das tiefste Problem überhaupt, ist den meisten gar nicht bewusst, weil sie nicht darüber nachdenken und es ja von klein auf erleben, dass ihr Geist ihren eigenen Körper steuern kann (nicht aber andere Materie, zum Beispiel den Arm eines anderen oder ein Auto). Das Wunder, welches sich hier abspielt wird vielen erst dann bewusst, wenn dieses von klein auf unreflektiert Erlebte verfremdet wird und jemand künstliche Körperteile oder medizinische Hilfsgeräte, die irgendwie an dessen Gehirn angeschlossen werden, mit seinen Gedanken und seinem Willen steuern kann.

Wieso können meine Gedanken und Wünsche (nichts Physikalisches, nichts Materielles) aber überhaupt Materie in Bewegung setzen, wenn doch die physikalische Welt in sich vollkommen geschlossen ist, was uns die Naturwissenschaften so eindrucksvoll zeigen? Dieses vielleicht tiefste Geheimnis der Welt, wie der Geist auf das Gehirn, das ja den Motor all dieser absichtlichen, bewussten Bewegungen darstellt, einwirken kann, wie der Funke aus der immateriellen, unphysikalischen Welt in die physikalische überzuspringen vermag, können der ontologische Dualist und Pluralist nicht so richtig überzeugend erklären.

Descartes und Leibniz: interaktionistischer Dualismus und psychophysischer Parallelismus

Als Prinzessin Elisabeth von der Pfalz den modernen ontologischen Dualisten René Descartes (1596 – 1650), den Begründer der neuzeitlichen Philosophie und der Bewusstseinsphilosophie, in einem Brief nach diesem Problem fragte, war dieser so schlau, diese Frage gar nicht erst beantworten zu wollen, und erklärte, dieses Geheimnis sei nicht zu heben, man solle sich daher gar nicht erst daran versuchen. Descartes war aber der Überzeugung, dass diese beiden ontologischen Sphären sich gegenseitig bedingen und beeinflussen (interaktionistischer Dualismus). Wie dies geschehe, würde aber für immer im Dunkeln bleiben.

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) erklärte später, diese zwei Welten oder besser: ontologische Dimensionen der physikalischen (materiellen) und der geistig-psychischen (immateriellen) Welt wären zwar vollständig getrennt, zwei eigenständige Substanzen, wie Philosophen sagen. Keine Dimension könne in die andere übergreifen, das Geistige nicht auf das Physikalische und umgekehrt auch nicht, es gäbe also keinerlei kausalen Einfluss aufeinander zwischen diesen beiden Substanzen und Dimensionen, aber sie würden vollständig synchron laufen wie die zwei Seiten einer Medaille (Psychophysischer Parallelismus).

Wieso verursacht dann aber ein Stoß gegen das Schienbein in der physikalischen Welt sogleich eine Schmerzempfindung in der geistig-psychischen Welt und wieso kann mein Wille in meiner Psyche mein Bein in der physikalischen Welt bewegen? Der Weg vom Gehirn zum Bein ist klar und naturwissenschaftlich vollkommen erklärbar, aber mein Wille, meine Gedanken sind ja nichts Physikalisches. Ein Gedanke hat weder ein Gewicht noch einen Ort im Raum-Zeit-Kontinuum. Er hat keine räumliche Ausdehnung, er ist überhaupt nicht Teil der physikalischen Welt und durch das Ins-Gehirn-Schauen kann man nicht wissen, was genau jemand in diesem Moment denkt (Intentionalität) und fühlt, wie es sich gerade für ihn anfühlt (Qualia, phänomenales Bewusstsein).

Leibniz versuchte dieses tiefe Geheimnis wie folgt zu erklären. Physisches und mentales (geistig-psychisches) Geschehen würden wie die Zeiger synchronisierter Uhren parallel zueinander verlaufen, ohne sich einander kausal zu verursachen (Uhrengleichnis). Die Ursache der Bewegung meines Beines sei also nicht mein Wille, sondern rein die Signale vom Gehirn, das keinerlei Verbindung habe zu meinem Geist, aber immer parallel laufe. In dem Moment, wenn ich einen Gedanken und willentlichen Entschluss fasse, tue sich gleichzeitig etwas in meinem Gehirn, das aber nicht von jenem verursacht sei.

Wie kommt dann aber diese absolute Parallelität, diese Synchronisation der zwei Dimensionen zustande? Der liebe Gott habe zu Beginn der Zeit für eine prästabilierte Harmonie gesorgt, so Leibniz. Er habe die Welt so eingerichtet und achte vielleicht auch ständig darauf, dass die beiden Uhren immer schön synchron und nie auseinander laufen. Man stelle sich das Durcheinander vor, würde das geschehen. Solch eine Erklärung wäre somit vollständig von einem darartigen Synchronisator abhängig, der alles genau einstellen und überwachen müsste, und vermag moderne Denker wenig zu überzeugen.

Die inadäquate Eindimensionalität des physikalistischen Weltbildes

All diese Probleme umgeht der Physikalist, indem er einfach jede weitere ontologische Dimension negiert. Die Medaille hat für ihn nur eine Seite respektive die andere Seite ist vollkommen nachgeordnet und hat keinerlei Einfluss auf die eigentliche Seite. Er behauptet, es gebe nur die physikalische Welt, quasi nur unseren Körper und sonst nichts, beziehungsweise alle andere ontologischen Dimensionen seien vollständig auf die physikalische Welt reduzierbar – Problem gelöst. Dies würde natürlich nach sich ziehen, dass auch all unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte, all unsere Motive und Handlungen womöglich vollständig determiniert wären, weil ja alles physikalisch, mithin durch die Naturgesetze vollkommen gesteuert ist. Da bleibt dann kaum Raum für innere Freiheit, für Entscheidungen, die nicht schon seit 14 Milliarden Jahren feststehen.

Viele modernen Philosophen des Geistes überzeugt diese Antwort aber wenig. Der Film Ex Machina, der auch weltberühmte philosophische Gedankenexperimente zitiert, zeigt sehr schön, dass es so wohl doch nicht ist, dass allein schon das Erlebnis, wenn wir eine Farbe sehen, wenn uns etwas weh tut oder wenn wir jemanden küssen, wenn wir ihn lieben (Qualia), physikalisch überhaupt nicht mal ansatzweise beschreibbar ist. Würde das jemand rein über Aktivitätsmuster unseres natürlichen oder auch eines künstlichen Gehirns beschreiben, könnte derjenige, der diese Eindrücke und Empfindungen selbst nicht kennt, damit gar nichts anfangen. Er wüsste nach all diesen Informationen gar nicht, was ein Rot-Farbeindruck, ein Schmerz oder ein Kuss, geschweige denn Liebe wirklich ist, da dies alles nur mit einem phänomenalen Bewusstsein erfassbar ist, welches diese oder zumindest recht ähnliche Phänomene schon einmal selbst erlebt hat. Ansonsten bliebe der Blick quasi immer ein äußerlicher, dem das Wesentliche, das Innere vollkommen verschlossen bliebe, nämlich wie es sich anfühlt, diese Empfindung zu haben (Qualia).

Das Gleiche gilt für Gedanken. Der Gedanke „Die Welt besteht aus mehr als nur einer oder zwei ontologischen Dimensionen“, ist physikalisch nicht beschreibbar, ebenso übrigens wie die Position des Physikalismus in der Sprache der Physik nicht beschreibbar ist. Für den Inhalt des Gedankens, seine Intentionalität, also worauf er gerichtet ist, spielt es keine Rolle, ob er auf Papier, in den Sand oder in den PC geschrieben wird oder nur in meinem Geist ist. Für den Physikalisten zählt das Papier, der Sand, der PC und mein Gehirn. Er betrachtet diese, verfehlt dabei aber offensichtlich das Wesen des Gedankens, seine Intentionalität vollkommen, nämlich seinen Inhalt, der physikalisch nicht greifbar ist.

KI – Würde – Achtung

Das heißt, diese zweite ontologische Dimension unserer psychischen Innenwelt ist naturwissenschaftlich nicht zu erfassen. Der Physiologe, der Biologe, der Physiker sehen und beschreiben quasi immer nur die eine Seite der Medaille, haben aber mit ihren Methoden keinerlei Zugang zur anderen Seite. Dies ist der tiefere Grund, dass es Geisteswissenschaften gibt. Natürlich kann über die Materie, hier unser Gehirn, Einfluss genommen werden auf die Seele, auf unsere Gedanken und Gefühle, zum Beispiel über Psychopharmaka oder Drogen, da Körper und Geist offensichtlich doch in einer kausalen Verbindung stehen. Aber all dies bleibt immer ein äußerlicher Zugang zur Seele. Wenn wir ein fühlendes, denkendes Wesen so betrachten, also rein funktional, dann betrachten wir es wie eine Maschine. Den Zugang zum Inneren eines fühlenden Wesens kann man so nicht vollständig bekommen, denn die Seele respektive der Geist ist selbst nichts Materielles, nichts Physikalisches.

Und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) ist daher auch philosophisch so interessant, weil wir hier quasi von außen beobachten können, wie womöglich Geist (Seele) entstehen kann, der (die) von uns geschaffen wird. Ab diesem Moment, in dem quasi Geist respektive Seele (Gedanken, Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte, Wertvorstellungen, Haltungen …) in die Materie hineinkommen, entsteht mithin ein Vernunftwesen, entsteht eine Person, entsteht ein phänomenales Bewusstsein, das Intentionalität aufweist, und es stellt sich sogleich die Frage nach ihrer Würde (ihrer Fähigkeit zur Selbstbestimmung), welche die Achtung aller anderen Vernunftwesen verlangt, ja gebietet.

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Titelbild: YouTube-Screenshot aus „Ex Machina“

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