Kritik an meiner radikalen Religionskritik

Von Jürgen Fritz, Do. 25. Jul 2019

Da bisher keine wirklich überzeugender Gegenentwurf zu meiner radikalen Religionskritik vorgebracht wurde, will ich mal im Sinne der Dialektik versuchen, eine starke, schlüssige Gegenposition selbst zu formulieren. Weshalb das Christentum so wichtig ist.

Die Frage nach der Funktion der Religion: politische Weisheit statt striktes Wahrheitsstreben

Antipode: Was Sie in Ihrer Religionskritik übersehen, Herr Fritz, ist folgendes: Selbst wenn das alles stimmt, falls das alles wahr ist, was Sie über die Religion, speziell über die zwei großen monotheistischen Systeme, die weltweit die meisten Anhänger haben, immer wieder dezidiert vortragen, erläutern und entwickeln, so stellt sich doch von einer Metaebene aus gesehen noch eine ganz andere Frage jenseits der nach der Wahrheit der tradierten Vorstellungen. In der Tat haben Sie natürlich Recht, dass fast alle Religionen mit absolutem, sich gegenseitig ausschließenden Wahrheitsanspruch auftreten, sie mithin die Menschen mehr spalten als das meiste andere. Doch es stellt sich darüber hinaus noch eine andere, vielleicht sogar wichtigere Frage, nämlich die nach dem Nutzen, sprich die funktionelle Frage, die Frage also nach der Funktion der Religion für die Gesellschaft.

Denn eines sollte Ihnen klar sein und das werden Sie wiederum nicht abstreiten können. Die Philosophie kann die Religion gar nicht ersetzen. Warum nicht? Weil philosophische Gedankengänge sehr vielen Menschen gar nicht zugänglich sind und das wird auch mit enormen Bildungsanstrengungen, die sicherlich wünschenswert sind, nicht möglich sein. Das heißt, die Philosophie wird, selbst wenn sie von klein auf in allen unseren Schulen unterrichtet wird, nicht alle Menschen mitnehmen können. Sie wird viele nicht erreichen. Die Religionen erreichen vielleicht auch nie alle Menschen, aber doch sehr viel mehr, im Idealfall, siehe christliches Mittelalter und frühe Neuzeit, fast alle.

Eine Gesellschaft und auch der Einzelne braucht aber Orientierung. Was passiert, wenn die Menschen die Orientierung verlieren, sehen wir doch seit langem. Was soll eine Gesellschaft denn im Innersten zusammenhalten, wenn nicht zutiefst internalisierte Grundüberzeugungen, Wert- und Moralvorstellungen? Genau das liefern aber die Religionen. Am besten scheint es mir daher zu sein, wenn innerhalb einer Gesellschaft alle die gleiche Religion haben. Denn dann wird dies einigende innere Band über diese gemeinsame religiöse Weltanschauung hergestellt. Das wussten natürlich die Alten auch schon und deshalb haben sie, selbst wenn sie das alles selbst gar nicht glaubten oder nicht hundertprozentig sicher waren, ob es stimmt, die jeweilige Religion doch Religion sein lassen. Nicht weil die religiösen Behauptungen wahr waren – überprüfbar sind sie ja ohnehin nie -, sondern aus politischer Weisheit.

Ist das Christentum letztlich nicht die ideale Weltanschauung, die eine Gesellschaft auf hohem Niveau zusammenhalten kann?

Was nun das Christentum anbelangt, so mag es ja vielleicht sogar stimmen, dass dieses alles von anderen – von ägyptischen, mesopotamischen, jüdischen, germanischen Religionen und vor allem griechischer Philosophie – zusammen geklaut, usurpiert, verdreht und dann als Eigenes ausgegeben hat, völlig unduldsam war gegenüber allen anderen Weltanschauungen, wo immer es selbst an die Macht kam. Aber können wir nicht genau das auch als Stärke sehen? Das Christentum hat all das Gute, das schon da war, aufgenommen und in sich vereinigt. Dadurch entstand etwas Einzigartiges auf höchstem Niveau, was es so vorher nirgends gab.

Der Ausdruck katholisch stammt ja aus dem Griechischen (καθολικός = katholikós) und bedeutet so viel wie: allumfassend, total, universell. In diesem Sinne wird er schon von Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) und Polybios (ca. 200 – 120 v. Chr.) verwendet. Allumfassend, genau das machte die katholische Kirche immer, sie verleibte sich die guten Dinge ein und umfasste sie sodann. Und unduldsam musste das Christentum sein, sonst hätte es sich ja niemals durchsetzen können, zumindest nicht überall und durchdringend. Genau das war ja aber notwendig, um etwas zu haben, das alle verbindet. Hat das nicht Europa gerade stark gemacht?

Wenn also meine These stimmt, dass eine Gesellschaft eine gemeinsame und nicht verschiedene Weltanschauungen benötigt und religiöse Weltbilder insofern ideal sind, weil sie allen, auch den einfachsten Menschen, eine Orientierung und eine tiefere Sinngebung verleihen können, war es dann nicht sehr klug von den römischen Kaisern, die ja ein großes Reich zu verwalten und zu beherrschen hatten, dass sie im Christentum die damals ideale Weltanschauung gesehen haben, um alle in ihrem Imperium auch innerlich zu einigen, zumal ja gerade die christliche Lehre die griechische Philosophie, das Höchste, was die Menschheit bis dahin entwickelt hatte, in sich aufgenommen hat und mit der jüdischen Lehre verband?

Ist es wirklich klug, an unserem eigenen Fundament zu rütteln?

Und mal ganz ehrlich, ist die Lehre des Christentums denn so schlecht? Das Liebesgebot, oder etwas weniger pathetisch formuliert, das Gebot, jedem Menschen wohlwollend zu begegnen, nicht ich-süchtig zu sein, sich um die Armen zu kümmern, demütig zu sein, sich vorzustellen, dass man irgendwann wird Rechenschaft ablegen müssen über sein Leben usw., diese zutiefst menschlichen jüdischen Elemente ergänzt durch die geistig überragende griechische Philosophie mit ihrer Logik, Ontologie etc., ist das nicht eine gute Basis für jedes zwischenmenschliche Zusammenleben, vielleicht sogar die beste überhaupt?

Und ist es letztlich nicht egal, wo die jeweiligen Gedanken herkommen? Wen interessiert das schon wirklich? Die Menschen brauchen und lieben Geschichten, Mythen, sie brauchen einen Narrativ, in den sie sich und ihr Leben einbetten können, so dass es einen größeren Sinn ergibt und nicht einfach nur aus dem Zufall hervorgegangen ist und im Nichts verschwinden wird. Und wenn das Christentum all das Gute von verschiedenen Strömungen aufgenommen und die jeweiligen Einseitigkeiten in sich aufgehoben, in sich überwunden, aber doch auch in sich bewahrt und auf eine höhere Ebene emporgehoben hat, das aber auf eine Weise, dass es jeder auf seine Weise mit seiner Vorstellungswelt erfassen kann, warum willst du das den Menschen und unserer Gesellschaft nehmen? Was soll uns dann noch zusammenhalten, angesichts der Gefahren, denen sich Europa gegenübersieht?

Ist das wirklich klug, an diesem Fundament zu rütteln, mag es wahr oder manchmal vielleicht auch ein bisschen heuchlerisch sein, wer weiß das denn schon ganz genau?, wenn manchmal nicht ganz ehrlich, dann aber doch letztlich um des Guten willen? Warum daran rütteln und somit unsere eigene Basis schwächen? Was haben wir denn noch, wenn wir diese zerstören?

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Titelbild: YouTube-Screenshot Papst Benedikt

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