Maria als Anti-Eva und der Mythos von der „unbefleckten Empfängnis“

Von Herwig Schafberg, 21. Nov 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Heute ist der Mariengedenktag Mariä Opferung, außerdem bald Weihnachten, die Zeit, in der an die Geburt Jesu Christi im judäischen Bethlehem erinnert wird. Vieles spricht dafür, dass die Urgemeinde im Unterschied zu anderen Juden, aber der Logik jüdischer Prophezeiungen folgend, Jesus für den verheißenen Messias (Christus) hielt. Der Apostel Paulus ging allerdings einen Schritt weiter: Er entjudete Jesus der Herkunft nach und deutete ihn als „überirdisches, himmlisches Wesen“, das “von Anfang an bei Gott“ gewesen wäre, „sich freiwillig seiner göttlichen Herrlichkeit“ entledigt, zum „Heil der Menschen Knechtsgestalt“ angenommen hätte und in der Gestalt von Maria geboren wäre. Diese Deutung hat sich nahezu in der gesamten Christenheit durchgesetzt, wird aber seit dem 19. Jahrhundert selbst von den Kirchen in Frage gestellt.

Die „unbefleckte Empfängnis“

Am 8. Dezember feiern Katholiken den „Tag der unbefleckten Empfängnis“, an dem es nicht darum geht, dass Maria Jesus vom Heiligen Geist empfangen hätte, sondern um die „unbefleckte“ Zeugung Marias. Wenn ich die althergebrachte Lehre der Katholischen Kirche verstanden habe, wollte Christus die Menschen von ihrer Schuld erlösen und selber „unbefleckt“ von Sünde sowie Schuld empfangen werden – und seine Mutter sollte ebenfalls „unbefleckt“ empfangen worden sein, wie Papst Pius IX. 1854 erklärte:

„Die Lehre, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben.“ (Siehe David Berger: Was bedeutet Marias „Unbefleckte Empfängnis“ wirklich?)

Als prädestinierte „Mutter Gottes“ sollte Maria also durch „unbefleckte Empfängnis“ frei von der „Erbsünde“ und der damit verbundenen Schuld sein, die nach der Kirchenlehre von den ersten Menschen durch Fortpflanzung auf jeden Nachwuchs übertragen wird. Das Konzil von Trient (1545 – 1563) befand freilich, dass jeder durch Taufe im Namen Christi davon befreit werden könnte.

Das Ende der Schamlosigkeit

Nimmt man die biblische Geschichte wörtlich, dann war die Genesis der Menschheit kein Jahrtausende dauernder Evolutionsprozess, sondern ein Schöpfungsakt Gottes, der an einem Tag die Menschen schuf. Adam und Eva, der Legende nach die ersten Menschen, waren nackt und „schämten sich nicht voreinander,“ heißt es im 1. Buch Mose (Genesis 2), siehe Deutsche Bibelgesellschaft: Die Bibel, 2010, S. 5/6. Doch mit der Schamlosigkeit ging es dem Ende zu, als die Schlange im Paradies Eva einredete, sie könnte erkennen, „was gut und was schlecht“ wäre, wenn sie eine Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen hätte, wie dort weiter (Genesis 3) zu lesen ist.

Von dem Baum eine Frucht zu essen, hatte Gott aber verboten; denn die Menschen sollten nicht zu eigener Erkenntnis kommen, sondern tun, was er ihnen geboten hatte. Daran halten sich bis heute Millionen Angehörige der abrahamitischen Religionen voller Gottesfurcht: Juden und Christen ebenso wie Muslime, soweit die einen wie die anderen sich nicht zu einer kritischen Exegese ihrer „heiligen Schriften“ durchgerungen haben.

Doch Eva missachtete dieses Verbot und verführte dann auch noch Adam dazu, von den verbotenen Früchten zu essen. Als die beiden daraufhin den Unterschied zwischen „gut und schlecht“ erkannten, bedeckten sie voller Scham ihre Blöße mit Feigenblättern.

Was sie dort schamhaft bedeckt hielten, war nach der Lehre des „Heiligen“ Augustinus jener Ort der Triebe, an dem es zur Fortpflanzung der Menschen käme und infolgedessen auch zur Vererbung der Schuld, die Adam und Eva mit dem Sündenfall auf sich geladen hätten. Das scheint die Menschen in unserer „oversexed society“ mit ihren niedrigen Schamgrenzen freilich nicht mehr zu kümmern, obgleich in unserer christlich geprägten Sprache weiterhin von „Schamhaaren“ und „Schamlippen“ die Rede ist.

Auch Pandora, die von allen Beschenkte, bringt Unheil über die Menschheit

Dass die erste Frau der Menschheit Unheil gebracht hätte, lehrte übrigens nicht nur die Bibel, sondern kam – mit jeweils anderer Genesis – auch in anderen Mythologien wie etwa der griechischen vor, siehe Jürgen Fritz: Die Büchse der Pandora. Weil Prometheus, der „vorher Bedenkende“, wusste, dass die Menschen (alles Männer!) ohne Feuer keine Kultur entwickeln könnten, die Götter aber die Verwendung von Feuer verboten hatten, entwendete er dem Sonnengott Flammen und brachte diese zur Erde.

Zur Strafe schufen die Götter eine Frau, beschenkten diese mit reizenden Gaben und nannten sie Pandora, die „von allen Beschenkte“. Sie statteten die Frau zudem mit einer Büchse aus, die sie mit lauter Übeln füllten, und schickten sie zu den Männern. Epimetheus, der „nachher Bedenkende“, mochte ihren Reizen nicht widerstehen und nahm sie zur Frau, obwohl Prometheus ihn davor gewarnt hatte, etwas von den Göttern anzunehmen. Kaum hatte Epimetheus begierig Pandoras Büchse geöffnet, quollen die Übel heraus und brachten den Menschen Krieg, Hunger, Krankheit und anderes Malheur.

Das „verdammte Geschlecht“

Ebenfalls zu Mühsal und Pein hatte der biblische Gott nach dem „Sündenfall“ von Adam und Eva die Menschen verdammt: Adam  sollte nach der Vertreibung aus dem Paradies mühsam den Acker bestellen und Eva „unter Schmerzen… Kinder zur Welt“ bringen, wie es im 1. Buch Mose (Genesis 3) heißt. Viele Juden sowie Christen glauben, dass es ohne „Böses“ nichts „Gutes“ und es ohne den „Sündenfall“ im Paradies keine Fortpflanzung der Menschheit gegeben hätte.

In der Christenheit gibt es aber auch die von frühen Mönchen und besonders von Augustinus verbreitete Ansicht, dass Frauen durch die Verführung Evas das „verdammte Geschlecht“ wären, dessen „verruchte Aufgabe“ darin bestände, die Menschheit zu verderben (siehe Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität, 1998, S. 357/358).  Von dem „Fluch“ ausgenommen waren nur Frauen, die sich als Nonnen zur Keuschheit verpflichtet hatten und als „Bräute Christi“ verehrt wurden, aber – nebenbei bemerkt –  während der Französischen Revolution auf dem Schafott zu landen drohten, wenn sie ihrem Keuschheitsgelübde nicht abschwören mochten.

Dass seit dem „Sündenfall“  auf der Mutterschaft ein Fluch laste, wird von der  streitbaren Theologin Uta Ranke-Heinemann zurückgewiesen: „Dieser Fluch ist lediglich eine Ausgeburt sexualneurotischer Phantasie“, lästert sie: „Je öfter manche Mariologen die Mütter verflucht sein lassen, um so stärker drängt sich der Verdacht auf, dass es sich nicht um einen Fluch Gottes, sondern um einen Fluch in den Augen zölibatärer Theologen handelt.“

Die Vorstellung von einer „unversehrten“, „reinen“ Jungfrau

Anders als die ungehorsame Eva, die mit ihrer Verführung diesen Fluch verschuldet haben soll, war Maria die gehorsame „Magd des Herrn“ und erfüllte mit reiner Tugend, was Gott ihr aufgetragen hatte.

Isidor von Sevilla leitete die lateinische Bezeichnung der Frau („mulier“, „femina“) von Weichheit („mollitia“) sowie von den primären weiblichen Geschlechtsorganen („femor“) ab und erklärte, der Name Jungfrau („virgo“) hätte den gleichen Stamm („vir“) wie die Bezeichnung der Tugend („virtus“), die von Geschlechtstrieben wie auch dem Verführerischen einer „femina“ rein sein sollte.

Eine Jungfrau und als solche tugendhaft rein sollte insbesondere Maria sein. „Sie hat ein Kind geboren und blieb doch reine Magd“, heißt es dazu passend im Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“. Der Kirchenlehre nach blieb sie sogar als Mutter eine „virgo intacta in partu“ – eine vollständig „unversehrte“ Jungfrau, im Vergleich zu der gewöhnliche Frauen „versehrt“ waren, wenn sie das verloren hatten, was im christlich geprägten Volksmund „die Unschuld“  heißt. Man könnte glauben, dass mit Marias Wirken als Jungfrau der „ursprüngliche paradiesische Unschuldsstand aus der Frühzeit vor dem Sündenfall wiederhergestellt“ worden wäre (siehe Schalom Ben-Chorim: Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht, 1982, S. 25).

Schnüffeln passt eher zu Schweinen

Die Lehre von Marias „Jungfräulichkeit in der Geburt“ Jesu geht zurück auf eine Erzählung in dem sogenannten Protoevangelium des Jakobus:

Die Hebamme trat aus der Höhle heraus, und es begegnete ihr Salome, und sie sagte: ‚Salome, Salome, ich habe dir ein nie da gewesenes Schauspiel zu erzählen: Eine Jungfrau hat geboren, was doch die Natur nicht zulässt.‘ Und Salome sprach: ‚So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich nicht meinen Finger hineinlege und ihren Zustand untersuche, so werde ich nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat.‘ Und Salome ging hinein und legte sie bereit zur Untersuchung ihres Zustandes. Und sie erhob ein Wehgeschrei und rief: ‚Ich habe den lebendigen Gott versucht. Siehe, meine Hand fällt von Feuer verzehrt von mir ab.‘ Und sie betete zum Herrn. Und siehe, ein Engel des Herrn stand vor Salome und sprach zu ihr: ‚Gott der Herr hat dein Gebet erhört. Tritt herbei und fasse das Kind an, dann wird dir Heilung geschehen.‘ Und Salome tat so. Und sie wurde geheilt, wie sie gebetet hatte, und ging aus der Höhle hinaus.“ 

Als wollte man(n) damit ein Zeichen der Entwürdigung von Frauen setzen. Es ist nicht bloß im muslimischen Orient bis heute üblich, sondern auch im christlichen Abendland ein weit verbreiteter Brauch gewesen, dass der Bräutigam nach der Hochzeitsnacht ein blutbeflecktes Bettlaken vorzeigt, um den inquisitorisch schnüffelnden Verwandten klar und deutlich vor Augen zu führen, dass die Braut eine unversehrte und insofern reine Jungfrau gewesen wäre, bevor sie beim sogenannten Vollzug der Ehe ihre „Unschuld“ verlor.

Schnüffeln ist gut, wo es um Trüffeln geht. Das mag man Schweinen überlassen. Doch vor der Schlafzimmertür sollten weder Wild- noch Hausschweine etwas zu suchen haben!

Literatur

Wilhelm Nestle: Die Krisis des Christentums – Ihre Ursachen, ihr Werden und ihre Bedeutung, 1947

Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich – Katholische Kirche und Sexualität von Jesus bis Benedikt XVI., 1998

Bildergebnis für eunuchen für das himmelreich

*

Zum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand arbeitet er als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert. Zuletzt erschien von ihm sein Buch Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern.

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR