Merkels heimlicher Außenminister

Von Stefan Groß-Lobkowicz, Sa. 11. Jul 2020, Titelbild: State Chancellery of Latvia / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)

Am 1. Juli 2020 übernahm Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Immer wenn Europa in Gefahr steht, rückt die deutsche Kanzlerin in den Mittelpunkt und mit ihr ein Mann, den nur wenige kennen, von dem es kaum Bilder gibt: Uwe Corsepius. Aber wer ist Angela Merkels „Mister No“, den Insider seit langem für den insgeheimen deutschen Außenminister halten? Stefan Groß-Lobkowicz nimmt ihn unter die Lupe.

Der wichtigste Netzwerker Europas und eigentliche Macher

Dieser Mann ist Merkels Geheimwaffe. Nein, es handelt sich nicht um 007 aus den legendären James Bond-Filmen. Geschüttelt oder gerührt, für Uwe Corsepius zählen nur Fakten. Verschwendung und Großmannssucht liegen dem Ideengeber nicht. Merkels „Mister No“, den Insider seit langem für den insgeheimen deutschen Außenminister halten, ist eher der Mann der leisen Töne.

Der gebürtige Berliner Corsepius ist der wichtigste Netzwerker Europas. Er spinnt seine Fäden in die entlegensten Winkel des Kontinents und gilt in Insiderkreisen als einflussreicher in europäischen Angelegenheiten als der deutsche Außenminister Heiko Maas. Maas ist das Gesicht Deutschlands, Corsepius, der im Unterschied zum smarten Außenminister sowohl Presse als auch Öffentlichkeit meidet, der eigentliche Macher.

Corsepius, der hagere, schlanke Mann, der mit seinen 59 Jahren immer noch jugendlich wirkt, verordnet sich in die zweite Reihe, begreift sich selbst nicht so sehr als Visionär, sondern eben als Stratege, der im Hintergrund die berühmten Fäden der Macht bedächtig-feinsinnig mit preußischer Disziplin und Akkuratesse zusammenfügt. Der Mann, dem Merkel vertraut und der seine Karriere schon unter der Ägide von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und später unter SPD-Generalissimus Gerhard Schröder in seiner Funktion als EU-Berater im Bundeskanzleramt ausübte, ist so etwas wie das analytische Gehirn. Als tiefgreifender Analyst hatte er schon Schröder begeistert, er brillierte einst mit einer scharfen EU-Analyse zum Finanzhaushalt.

Merkels Vertrauter: gefürchtet wie beliebt zugleich

Corsepius gilt als sparsamer Fuchs, als Fels in der Brandung europäischer Sparpolitik. Seit 2005 und verstärkt seit 2009 hat er die Kanzlerin samt ihrer Europapolitik als Sherpa immer wieder ins friedvolle Tal geführt, nachdem die CDU-Politikerin mit Hilfe des fast 60-Jährigen die Gipfelstürme der europäischen Gebirgshöhen von den Pyrenäen bis in die Karpaten, von den deutschen Alpen bis über die Abruzzen in die Apenninen hinein glorreich ausgefochten hat.

Doch in der Stunde, wo die Kanzlerin ihre zweite Ratspräsidentschaft in ihrer langen Amtszeit, sowohl als Friedensfürstin Europas, als Vermittlerin, aber auch als ehemals sparsame Regentin, antritt, sind die Fähigkeiten von Corsepius mehr denn je gefragt. Für die ehemalige CDU-Chefin, selbst eine ausgebildete Wissenschaftlerin, die analytische Fähigkeiten in ihrem Team schätzt, ist der nüchtern-analysierende Ökonom die ideale Ergänzung. Er hat Merkels volles Vertrauen und Zuversicht.“

In Europa ist Merkels Superwaffe und Mister Undercover kein unbeschriebenes Blatt. Corsepius ist gefürchtet wie beliebt zugleich. Selbst wenn er in den Maschinenräumen der Macht, die politischen Deals auch mal über den einstigen EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy einfädelte, maßgeblich den Lissabon Vertrag federführend entwarf und begleitete und für die Berliner Erklärung der Bundeskanzlerin sich verantwortlich zeigte, in Sachen Europa ist er ein Allrounder, der tiefgreifende Allianzen über die gekrönten politischen Häupter hinwegschmieden kann.

Kritik aus Brüssel kann er ab

Corsepius ist geländegängig. Das wissen auch die Eurokraten in den schillernden Hallen von Brüssel. Und in den Machtzentralen der Hauptstädte des europäischen Kontinents erweckt die bloße Nennung seines Namens eine Kombination aus Angst, Wut und Bewunderung. Corsepius hat sich seinen Namen verdient, so liebenswürdig er einerseits erscheint, so vermittelnd, geht er doch andererseits knallhart auf Konfrontation.

Seine Arbeit als Generalsekretär des Rates der Europäischen Union, ein Amt, das er ab 2009 bekleidete und damit zugleich die Nachfolge des Franzosen Pierre de Boissieu antrat, brachte ihm zumindest in den deutschen Leitmedien den Ruf ein, schroff zu agieren. DER SPIEGEL schrieb damals: er werde in Brüssel kritisch gesehen, da er „wenig Gespür für die Interessen und Bedürfnisse der anderen“ habe.  Pures Misstrauen schlug ihm entgegen, weil er rein biographisch nicht nach Europa passe, kommen doch die meisten deutschen Europaspezialisten aus dem Außenministerium. „Er ist kein eingefärbter Europäer“, so ein langjähriger deutscher EU-Beamter.

Gegen Anfeindungen im Getriebe der Macht ist der am Kieler Institut für Weltwirtschaft promovierte Betriebswirtschaftler, spätere Mitarbeiter beim Internationalen Währungsfonds in Washington und Leiter der Europaabteilung im Bundeskanzleramt immun. Europas mächtigster Bürokrat, der in seiner Brüsseler Zeit einen Stab von 3000 Beamten hütete und dort leise als Sherpa den internen europäischen Betrieb organisierte, arbeitet heute von einem spärlich möblierten mittelgroßen Büro im zweiten Stock eines Gebäudes mit Blick auf einen Berliner Bahnhof aus.

Was machte Corsepius zu „Mister No“?

Schulden mag er nicht, dass mussten die Griechen in der Anfangsphase der Schuldenkrise der Eurozone bitterlich erfahren. Athens Versuche, Berlin davon zu überzeugen, mehr von der Last der Rettung der in der Krise gefangenen Länder zu tragen, stieß auf ein erbittertes „No“. Auch den ambitionierten, föderalistischen Phantasien, die der französische Präsident Emmanuel Macron in seiner berühmten „Sorbonne-Rede“ im Jahr 2017 vortrug, fanden im bescheidenen Büro des Betriebswirtes keinen Widerhall. Dr. „No“ ist kein Europäer mit rosaroter Brille, der alles goutiert, was in der Schaltzentrale der Macht in Brüssel beschlossen wird.

Das ist ein Grund, warum Corsepius oft den Zorn der Kollegen in Belgien und den nationalen Hauptstädten auf sich zieht. Für sie ist der starke Deutsche ein Bollwerk, der ihre Blütenträume einer allesfinanzierenden EU immer wieder bitterlich enttäuscht. Ganz gleich, ob es um die Einzelheiten des EU-Haushalts oder die Erweiterung der EU geht, Corsepius hat den Ruf, kaltes Wasser auf die oft schäumende Tagesordnung Brüssels zu gießen. Und was Dr. No auszeichnet, ist eine tief verwurzelte Skepsis gegenüber der Kommission und den Versuchen der dortigen Beamten, die Macht der Exekutive zu stärken.

Selbst gegen die rechte Hand des ehemaligen Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, Martin Selmayr, konnte Merkels Wunderwaffe sein Gesicht wahren. Ihm gehe es um Deutschland, betont er immer wieder. Daraus einen Nationalismus abzuleiten, wie ihm manche EU-Minister unterstellen, geht fehl. Corsepius Vision von Europa geht nur mit einem starken Deutschland – dieses Diktum hält er aufrecht. Geht es Deutschland gut, so profitiert Europa.

„Mister No“ und seine schwere Aufgabe während der zweiten Ratspräsidentschaft

Der Ministerialdirektor und enge Merkel-Vertraute, bekommt mit dem Beginn der EU-Ratspräsidentschaft die höchst schwere Aufgabe, oder im Bond-Jargon, den härtesten Auftrag seiner Amtszeit: Nicht weniger kommt auf den versierten Strategen und Chief Europe-Berater zu, als die EU dazu zu bewegen, „Ja“ zu den gemeinsamen Schulden zu sagen. In jüngster Zeit stand er an der Spitze von Deutschlands Vorstoß, zusammen mit Frankreich einen schuldenfinanzierten Rückzahlungsfonds in Höhe von 500 Milliarden Euro einzurichten, um Ländern zu helfen, die mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu kämpfen haben.

Während der deutschen Ratspräsidentschaft wird es zu einem großen Teil an Corsepius fallen, einen Kompromiss mit den Skeptikern dieses Plans, den so genannten Sparsamen Vier, auszuhandeln: Die Niederlande, Dänemark, Österreich und Schweden lehnen es ab, die Hilfe als Zuschüsse zu strukturieren, die nicht zurückgezahlt werden müssen und stattdessen Kredite zu forcieren.

Eine weitere Priorität wird es sein, die Voraussetzungen für eine Einigung über den Siebenjahreshaushalt der EU zu schaffen, ein Ziel, das sich den vergangenen EU-Präsidentschaften entzogen hat. Aber auch China muss wiedergewonnen, der Brexit reguliert, Klimawandel und digitale Technologie weiter vorangetrieben werden.

Die EU vor dem Zerfall bewahren

Kurzum: Corsepius fällt es zu, Europa vor dem Zerfall zu bewahren – und die Kanzlerin kann sich glücklich schätzen, den nüchternen Berliner an ihrer Seite zu wissen.

Merkel selbst hatte die rotierende Ratspräsidentschaft als die „größte Herausforderung“ in der Geschichte des EU bezeichnet. Der Mann, den manche Merkels Euro-Fighter nennen und der in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Tennisspieler war, muss das Match jetzt siegreich beenden. Das geht aber nur mit Sportsgeist – und möglicherweise nur über ein schwer erkämpften Fünfsatz-Sieg.

Und selbst wenn die einst sparsame Kanzlerin in Coronazeiten die Finanzspritze wie eine Superfeuerwehr öffnet, Corsepius wird wissen, wo er noch einsparen kann. Dass dies schwieriger denn je ist, macht die Aufgabe von „Mister No“ nicht einfacher – gerade in Zeiten, wo Europa einmal mehr zu zerbröckeln beginnt.

*

Dieser Artikels erschien zuerst auf The EuropeanEr erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors Stefan Groß-Lobkowicz, der zugleich Chefredakteur des The European ist.

**

Zum Autor: Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz studierte Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte und Germanistik in Jena, München, Valladolid, Nizza und Madrid. Nach dem Studium wurde er in Jena und Madrid promoviert. Er war Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Jena. Stationen seines Lebens waren Cicero, die Friedrich-Schiller Universität, die TU München u.a. – Seit drei Jahren arbeitet Stefan Groß für die Weimer Media Group – zuerst als Chef vom Dienst, stellvertretender Chefredakteur und nun als Chefredakteur und Textchef für die Print- und Online-Ausgabe des The European. Er ist Autor mehrerer Bücher.

***

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB. Oder über PayPal – 3 EUR – 5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 50 EUR – 100 EUR