Söder, Scholz oder Merz: Wen wünschen sich die Deutschen als Kanzler und wen nicht?

Von Jürgen Fritz, Mo. 13. Jul 2020, Update: Di. 14. Jul 2020, Titelbild: ntv-Screenshot

In einer Kanzlerdirektwahl hätten aktuell Markus Söder (CSU) und Olaf Scholz (SPD) die besten Karten. Der Kanzler wird aber nicht direkt gewählt, sondern vom Parlament. Bei Bundestagswahlen wäre die Union derzeit klar die Nummer eins, läge mehr als 19 Punkte vor den zweitplatzierten Grünen, fast 23 Punkte vor der SPD. Daher deutet alles auf einen Unions-Kanzler hin. 86 Prozent sind mit Merkels Arbeit zufrieden, diese wird aber 2021 nicht mehr antreten. Insofern hat Söder nur einen wirklichen Konkurrenten: Friedrich Merz (CDU). Norbert Röttgen erscheint nicht einmal jedem Siebten als Kanzler geeignet und Armin Laschet halten noch mehr als Röttgen, nämlich fast zwei Drittel, für ungeeignet.

So würden die Deutschen derzeit wählen

Betrachten wir zunächst, wie die Bundesbürger im Falle von Bundestagswahlen heute votieren würden. Angegeben ist für jede Partei der Wahl-O-Matrix-Mittelwert aller Institute,  die – bezogen auf den mittleren Tag der Befragung – in den letzten drei Wochen repräsentative Erhebungen durchführten. Dies waren insgesamt fünf. Aufgeführt ist für jede Partei der niedrigste und der höchste Wert dieser fünf einbezogenen Institute sowie fettgedruckt das arithmetische Wahl-O-Matrix-Mittel aller fünf Werte:

  1. CDU/CSU: 37 – 39 % ==> 37,8 %
  2. GRÜNE: 16,5 – 20 % ==> 18,3 %
  3. SPD: 14 – 16 % ==> 14,9 %
  4. AfD: 911 % ==> 10,2 %
  5. LINKE: 78,5 % ==> 7,5 %
  6. FDP: 57 % ==> 5,8 %
  7. Sonstige: 5 – 7 % ==> 5,5 %
2020-07-14

(c) JFB

Die Erhebungen dieser Institute wurden ausgewertet

Die fünf Institute, die (bezogen auf den mittleren Tag der Befragung) in den letzten 20 Tagen Erhebungen durchführten, welche ausgewertet wurden, waren:

  • Infratest dimap, mittlerer Tag der Befragung: 23./24.06.2020, telefonische Befragung von 1.068 zufällig ausgewählten Personen
  • Kantar, mittlerer Tag der Befragung: 05.07.2020, telefonische Befragung von 1.426 zufällig ausgewählten Personen
  • Forschungsgruppe Wahlen, mittlerer Tag der Befragung: 08.07.2020, telefonische Befragung von 1.226 zufällig ausgewählten Personen
  • Forsa, mittlerer Tag der Befragung: 08.07.2020, telefonische Befragung von 2.500 zufällig ausgewählten Personen
  • INSA, mittlerer Tag der Befragung: 11/12.07.2020, internetbasierte Befragung von 2.051 nach Quotenvorgaben ausgewählten Mitgliedern eines Befragten-Pools

Wahl-O-Matrix, Deutschlands führendes Meta-Analyse-Tool (von JFB gegründet), hat damit eine Datenbasis von insgesamt 8.271 Befragten.

Politbarometer: 87 Prozent finden Maskenpflicht beim Einkaufen richtig

Armin Laschet, der gerne CDU-Bundesvorsitzender und Merkels Nachfolger im Kanzleramt werden möchte, machte sich die letzten Monate in der Corona-Pandemie zu einem der Wortführer des Lockerungskurses. Das Thema ist nach wie vor ein wichtiges in der politischen Agenda: Für fast zwei Drittel (64 Prozent) aller Befragten des ZDF-Politbarometers (Forschungsgruppe Wahlen) ist es sogar noch immer das wichtigste politische Problem in Deutschland. An zweiter Stelle folgt mit weitem Abstand die ökonomische Lage im Land (17 Prozent). Dabei zeigt sich, dass Laschet, der x-fach eine äußerst unglückliche Figur abgab, hier nach heutigem Stand aufs völlig falsche Pferd gesetzt hat. Er hat zwar eine kleine Gruppe hinter sich, die besonders laut ist (die Schreihälse), die ganz große Mehrheit der Bevölkerung aber steht auch im July hinter dem Kurs der Vorsicht von Merkel und Söder.

Fast drei Viertel (73 Prozent) sind der Meinung, dass die vorgeschriebenen Mund-Nase-Bedeckungen sehr viel oder viel helfen, wenn es darum geht, die Verbreitung von SARS-CoV-2 zu verringern. Nur gut ein Viertel (26 Prozent) erwartet davon nicht so viel oder überhaupt nichts.

Sieben von acht, 87 Prozent, aller Befragten finden es richtig, dass es weiterhin eine Maskenpflicht beim Einkaufen gibt. Nur zwölf Prozent, nicht mal jeder Achte, finden das nicht richtig. Dabei wird die Maskenpflicht von den Anhängern sämtlicher Parteien mehrheitlich befürwortet, allerdings mit deutlich unterschiedlicher Gewichtung:

  1. GRÜNE-Anhänger: 95 %
  2.  SPD-Anhänger: 94 %
  3. CDU/CSU-Anhänger: 90 %
  4. LINKE-Anhänger: 88 %
  5. FDP-Anhänger: 72 %
  6. AfD-Anhänger: 58 %

Nur bei den Anhängern der FDP und der AfD sind es weniger als sieben von acht, die die Maskenpflicht beim Einkaufen nicht richtig finden.

86 Prozent sind mit Merkels Arbeit als Kanzlerin zufrieden

69 Prozent befürchten, dass die Urlaubsreisen jetzt im Sommer wieder zu deutlich höheren Infektionszahlen bei uns führen werden werden. Nur 28 Prozent glauben das nicht. (3 Prozent meinten „Weiß nicht“).

Bei der Frage nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht spricht sich eine ganz knappe Mehrheit von 50:47 Prozent dafür aus. Der Vorschlag einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Männer und Frauen findet dagegen eine überwältigende Mehrheit von mehr als drei Viertel aller Befragten: 77 Prozent sind dafür, nur 22 Prozent dagegen.

Nun zur Frage der Beliebtheit der zehn derzeit wichtigsten Politiker in Deutschland. Wie schon vor zwei Wochen geschildert, würden die Deutschen am liebsten Merkel als Kanzlerin behalten, die nach wie vor auf Platz eins rangiert. Auch im July sind nur 13 Prozent mit der Arbeit der Bundeskanzlerin unzufrieden. Sage und schreibe 86 Prozent finden, sie macht ihre Arbeit eher gut. Ein sensationeller Wert!

Zum Vergleich: In den USA sind aktuell nur noch 40 Prozent mit dem US-Präsidenten Donald Trump zufrieden, nicht einmal halb so viele US-Bürger wie deutsche Bürger mit der Kanzlerin. Fast 56 Prozent sind mit dem US-Präsidenten regelrecht unzufrieden, vier- bis fünfmal so viele wie deutsche Bürger mit der Kanzlerin.

Merkel, Söder und Scholz besonders beliebt, Laschet und Lindner am unbeliebtesten

So bewerten die Bürger die zehn derzeit wichtigsten Politiker in Deutschland auf einer Skala von +5 bis -5: Auf Platz eins, wie erwähnt, weiterhin die Kanzlerin, auf Platz zwei der CSU-Vorsitzende und Bayerische Ministerpräsident Markus Söder, auf Platz drei der mit Abstand prominenteste SPD-Politiker, der Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz. Alle drei erzielen eine 2 vor dem Komma.

Weit abgeschlagen dagegen auf Platz neun und zehn der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit lediglich 0,5 und der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, der sogar als einziger eine negative Gesamtbewertung von -0,2 erhält:

Wichtigste Politiker 6-10

Söder und Scholz erscheinen den Wählern derzeit als nächster Kanzler am geeignetsten

Und damit sind wir auch schon bei der Frage, wen sich die Deutschen als Nachfolger von Angela Merkel als Kanzler wünschen respektive wen sie dafür für geeignet halten.

Als Kanzler geeignet: JaNein

  1. Markus Söder (CSU): 6427
  2. Olaf Scholz (SPD): 4842
  3. Friedrich Merz (CDU): 3155
  4. Robert Habeck (Grüne): 2954
  5. Armin Laschet (CDU): 1964
  6. Annalena Baerbock (Grüne): 1765
  7. Norbert Röttgen (CDU): 1459

Sehr gute Werte erzielt hier derzeit nur Markus Söder mit einer fast zwei Drittel-Zustimmung. Alle anderen liegen unter 50 Prozent, wobei der Vizekanzler Olaf Scholz immerhin ein positives Verhältnis, also mehr Ja- als Nein-Stimmen aufweisen kann.

Bezüglich des CDU-Vorsitzes, der im Dezember neu bestimmt werden soll, ist ebenfalls eine klare Präferenz zu erkennen: Friedrich Merz liegt hier deutlich vor Armin Laschet und Norbert Röttgen. Röttgen hält nicht einmal jeder Siebte für geeignet und Laschet halten fast zwei Drittel sogar für ungeeignet. Damit liegt er hier auf einem Level mit Annalena Baerbock, deutlich hinter Robert Habeck.

Bei den Grünen ist ebenfalls eine klare Tendenz zu erkennen: So sie einen eigenen Kanzlerkandidaten stellen wollen bei der Bundestagswahl 2021, spricht alles für Habeck, nicht für Baerbock.

Im Moment deutet alles auf einen Unionskanzler hin

Nun sind die 48 Prozent Zustimmung für Olaf Scholz sehr schön, realistische Chancen hat die SPD, die schon seit ein bis zwei Jahren bundesweit im Wahl-O-Matrix-Mittel bei um die 15 Prozent liegt, teilweise sogar darunter, aber kaum, den Kanzler zu stellen. Selbst wenn Grün-Rot-Dunkelrot eine Mehrheit bekäme (derzeit liegen GRR gerade bei ca. 40,7 Prozent), so wären wohl eher die Grünen diejenigen, die den Anspruch auf den Kanzler hätten und dann wäre Habeck die erste Wahl.

Insbesondere bei der Wirtschaftskompetenz, was nach der Coronakrise zu einer absoluten Schlüsselfrage werden dürfte, hat die SPD katastrophale Werte. Lediglich 10 Prozent der Befragten sehen bei den Genossen Wirtschaftskompetenz gegeben, bei der Union aber 55 Prozent. Mit diesem Pfund plus sehr seriöses Krisenmanagement in der Coronakrise plus deutlich höhere Kompetenz beim Thema innere Sicherheit wird nach heutigem Stand kaum ein Weg an CDU/CSU vorbeigehen. Im Moment würde es für Schwarz-Gelb zwar nicht reichen, aber die Union könnte sich den Koalititonspartner zwischen den Grünen und der SPD frei aussuchen. Insofern deutet alles auf einen Unions- und keinen Grünen- oder SPD-Kanzler hin. Daher dürfte Friedrich Merz, der momentan auf Platz drei liegt in der K-Frage, noch nicht aus dem Rennen sein.

Warum Merz noch immer gute Karten hat

31 Prozent Zustimmung für Friedrich Merz sind zwar nicht berauschend, aber auch nicht schlecht, wenn man es vergleicht mit den 19 Prozent von Laschet und den 14 Prozent von Röttgen. Hinzu kommt, dass Merz seit Jahren keinerlei Amt inne hat, weder in der Partei noch in der Regierung, ganz anders als Merkel (Kanzlerin und 18,7 Jahre CDU-Vorsitzende), Söder (CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident), Scholz (Bundesfinanzminister und Vizekanzler), Habeck und Baerbock (Parteivorsitzende) sowie Laschet (NRW-Ministerpräsident). Sollte Merz im Dezember zum CDU-Bundesvorsitzenden gewählt werden, ändert sich das schlagartig und er hat eine völlig andere Ausgangsbasis, zumal wenn im Zuge der Coronakrise wirtschaftliche Fragen zunehmend eine Rolle spielen werden, denn in diesem essentiellen Bereich kann kaum ein anderer Konkurrent Merz das Wasser reichen.

Merz ist also noch nicht aus dem Spiel, wenn es um die Kanzlerfrage geht, während Armin Laschet sich durch wiederholt mehr als unglückliches Agieren im Grunde selbst aus dem Rennen genommen hat. Insofern bleibe ich dabei, wie schon Ende Juni beschrieben, dass sich die Kanzlerschaft zwischen Söder und Merz entscheiden wird. Für Söder spricht die enorm große Beliebtheit und sein Ansehen in der Bevölkerung sowie die Tatsache, dass er sich in der Coronakrise wirklich bestens profilieren konnte, sichtlich sowohl in das Amt des CSU-Vorsitzenden wie auch des Ministerpräsidenten hinein gewachsen ist. Für Merz spricht, dass er in der deutlich größeren Partei ist – 15 Landesverbände statt einem -, die CDU wird der CSU den Kanzler nicht einfach so überlassen, und seine überragende Wirtschaftskompetenz, seine analytischen und rhetorischen Fähigkeiten. Außerdem ist Söder mit 53 noch recht jung, so dass seine Stunde in Berlin auch 2025 noch kommen könnte.

Söder würde bei einer Kanzler-Direktwahl derzeit jeden besiegen

Forsa befragte aktuell im Auftrag von RTL und ntv, für wen die Bürger stimmen würden, so sie den Kanzler direkt wählen könnten. Dabei gaben sie jeweils zwei Kandidaten vor. Hier die Ergebnisse (die fehlenden Prozentpunkte zu 100 bedeuten: diese Personen sagten „keinen von beiden“):

  • Söder gegen Habeck: 4624 (CDU-Anhänger: 659)
  • Söder gegen Scholz: 4026 (CDU-Anhänger: 6214)
  • Merz gegen Habeck: 2631 (CDU-Anhänger: 3817)
  • Merz gegen Scholz: 2037 (CDU-Anhänger: 3428)
  • Laschet gegen Habeck: 2130 (CDU-Anhänger: 2816)
  • Laschet gegen Scholz: 1539 (CDU-Anhänger: 2432)

Norbert Röttgen wurde hier auf Seiten der Union wegen seiner geringen Aussichten gar nicht abgefragt. Auch hier wird sehr schön deutlich: Söder hat im Moment klar die Nase vorn, würde bei einer Direktwahl des Kanzlers derzeit jeden schlagen, selbst den beliebtesten Grünen- und den beliebtesten SPD-Politiker. Merz würde zwar gegen Habeck und Scholz verlieren, hat aber bei den CDU-Anhängern jeweils eine Mehrheit.

Sogar die CDU-Anhänger würden lieber den SPD-Kandidaten Scholz wählen als Laschet

Laschet dagegen würde sogar bei den CDU-Wählern gegen Scholz verlieren und das obschon er seit über drei Jahren Ministerpräsident des mit Abstand bevölkerungsreichsten Bundeslandes ist, also jede Menge Gelegenheit hatte, sich zu profilieren und zu beweisen. Das ist ihm offensichtlich nicht einmal ansatzweise gelungen.

Markus Söder, der seit gut zwei Jahren Ministerpräsident von Bayern ist und sein eineinhalb Jahren zusätzlich CSU-Vorsitzender, ist in beide Ämter hervorragend hinein gewachsen, hat sich in der Coronakrise bestens bewährt. Friedrich Merz könnte ihn allerdings noch abfangen. Dazu müsste er a) die Wahl zum CDU-Vorsitzenden für sich entscheiden und b) in den Folgemonaten zeigen, dass er dieses Amt sehr gut auszufüllen vermag. Dann könnte es spannend werden, wen die Union als Kanzlerkandidat nominieren wird.

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