Elisabeth Holmes: der tiefe Fall einer Mega-Betrügerin

Von Jürgen Fritz, Fr. 14. Jan 2022, Titelbild: Simplicissimus-Screenshot

Sie selbst stellte sich gerne als Visionärin im männerdominierten Silicon Valley dar. 2003 brach Elisabeth Holmes mit 19 Jahren ihr Studium an der Stanford University ab, gründete das Biotech-Unternehmerin Theranos. 2015 wurde ihr Vermögen auf 4,5 Mrd. US-Dollar geschätzt, sie zu den einflussreichsten Menschen der Welt gezählt. Kurz darauf entpuppte sich das Ganze als gigantischer Fake.

Ein genialer Gedanke und ein vielversprechender Anfang

Elisabeth Holmes galt Jahre lang als der nächste große Star im Silicon Valley. Das von ihr 2003 gegründete Unternehmen Tharanos sollte durch revolutionäre Innovationen und Technologien unzählige Menschenleben retten. Holmes sammelte von Investoren hunderte Millionen US-Dollar ein. Die Presse feierte sie. Ihr Gesicht landete auf den Titelseiten von Fortune und Forbes.

Mit 19 Jahren hatte Holmes ihr Studium an der Stanford University abgebrochen und das Biotech-Unternehmerin Theranos gegründet. Bei der Unternehmensgründung und auch später hielt sie einen Anteil von 50 Prozent an dem Unternehmen. Mit wenigen Tropfen Blut aus der Fingerkuppe sollten Patienten auf Hunderte Krankheiten hin untersucht werden können, unter anderem Krebs und HIV, und so frühzeitig behandelt werden können. Ein genialer Gedanke.

Von ihren Mitarbeitern verlangt sie, dass sie fast rund um die Uhr arbeiten. Sie selbst soll nur vier Stunden pro Tag geschlafen gabeb. Dann, 2007, steht der Prototyp des Bluttesters, der Edison benannt wird, nach dem großen Erfinder Thomas Alva Edison, der Bahnbrechendes im Bereich der Stromerzeugung und -verteilung vollbracht hatte. Ab nun wächst das Unternehmen rasend schnell.

Geschäftspartner, Mitunternehmer und Investoren werden nur so angezogen

2010 schließt Holmes einen Vertrag mit dem Apothekenriesen Walgreens. Walgreens will Wellnesscenter in seine Filialen einbauen, gespickt mit Theranos-Produkten. Die Kunden sollen dort ihr Blut preisgünstig und schnell testen lassen können. Wie gesagt, ein genialer Gedanke.

Und dieser Gedanke gefiel auch Investoren und anderen. Bereits im Juli 2011 hatte Holmes den vormaligen US-Außenminister George Shultz in den Aufsichtsrat von Theranos geholt. Dieser gewann im Laufe der folgenden drei Jahre weitere Ex-Politiker und -Militärs für das Gremium, darunter William Perry, Henry Kissinger, Sam Nunn, Bill Frist, Gary Roughead (Admiral a. D., USN), James N. Mattis (damals General, USMC, von 2017 bis 2019 US-Verteidigungsminister), Richard Kovacevich (ehem. Wells-Fargo-Chairman und CEO) und Riley Bechtel (ehem. CEO der Bechtel Group). Damit schaffte es Holmes ihre Firma mit unglaublichem Prestige auszustatten.

All das zusammen zog die Investoren an. Zu ihnen gehörten unter anderem: Rupert Murdoch mit 125 Mio. USD, Alice Walton und Betsy DeVos mit je 100 Mio. USD und Henry Kissinger mit 3 Mio. USD.

Mit 31 Multi-Milliardärin

2013 ging Theranos mit seinem Konzept an die Öffentlichkeit. Die Presse war begeistert. Das Time-Magazin zählte Elisabeth Holmes 2015 zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt. Sie galt als weiblicher Steve Jobs, wurde mit Bill Gates verglichen. Das Vermögen der damals 31-Jährigen wurde 2015 auf 4,5 Mrd. US-Dollar geschätzt, der Wert von Theranos wurde auf 9 Mrd. US-Dollar beziffert.

Vom US-Präsidenten Barack Obama wurde sie zum Dinner eingeladen. Ex-Präsident Bill Clinton diskutierte und schmückte sich gerne mit ihr.

Ein gigantischer Fake: Edison hat niemals funktioniert

Doch dann wurden im Oktober 2015 in einem Artikel des Wall Street Journals erstmals Zweifel an der Wirksamkeit ihres Bluttest-Apparates Edison formuliert. Das Ganze erwies sich als ein gigantischer Fake. Immer mehr Walgreens-Kunden bekommen seltsame Testergebnisse. Gesunden Teenagern wird ein Schlaganfall prognostiziert. Einige Patienten werden aufgrund fehlerhafte Testergebnisse unnötiger Behandlungen unterzogen. Eine schwangere Frau hätte ihr Kind verlieren können, hätte ihr Arzt auf das Ergebnis von Edison vertraut.

Später stellte sich heraus: Edison hat niemals funktioniert, schon seit 2007 nicht. Ein junger Wissenschaftler sollte die Genauigkeit der Theranos-Geräte testen. Als er denselben Tropfen Blut mehrmals untersuchte, erhielt er jedes Mal andere Resultate. Was nun? Man sagte ihm, er solle nur die passenden Ergebnisse zu notieren, die anderen soll er löschen. Elisabeth Holmes zeigte ihren Investoren und auch Journalisten über Jahre hinweg gefälschte Ergebnisse. In Wahrheit waren die Testergebnisse unglaublich unzuverlässig, im Grunde zu nichts zu gebrauchen.

Mitarbeitern von Theranos blieb nicht verborgen, dass die Versprechungen ihrer Chefin völlig überzogen waren. Die tatsächlichen Umsätze blieben weit hinter Holmes Prognosen zurück. Echte Daten von Studien gab es überhaupt keine. Kritischen Fragen wich Miss Holmes geschickt aus. Skeptische Mitarbeiter, die merkten, dass da etwas nicht stimmt, wurden immer wieder gefeuert.

Ein Reporter des Wall Street Journal deckt den ganzen Schwindel mit Hilfe ehemaliger Mitarbeiter von Theranos auf

Doch dann treffen sich ehemalige Mitarbeiter von Theranos mit John Carreyrou vom Wall Street Journal. Als Holmes von den Recherchen von Carreyrou Wind bekommt, übt sie enormen Druck auf die Whistleblower aus. Sie versucht, ihnen das Leben zur Hölle zu machen. Denn es geht um Geld, um sehr, sehr viel Geld. Am 15. Oktober 2015 veröffentlicht das Wall Street Journal schließlich die Story auf seiner Titelseite. Elisabeth Holmes Kartenhaus bricht nun förmlich in sich sich zusammen.

Mehrere US-Behörden der US-Börsenaufsicht (SEC) bis zur FDA begannen gegen Holmes zu ermitteln. Es stellte sich heraus, dass das Kernprodukt des Blutlabor-Unternehmens, ein Blutschnelltester, der angeblich 240 Krankheiten nachweisen konnte, weitgehend unwirksam ist und dass dies Holmes bewusst war. 2016 wurde ihr Vermögen nicht mehr mit 4,5 Mrd. US-Dollar bewertet, sondern mit 0.

John Carreyrou hatte mit Hilfe der ehemaligen Mitarbeiter aufgedeckt, dass das Unternehmen im Hintergrund heimlich Analyse-Geräte von Siemens benutzt hatte. Der eigene Bluttester funktionierte nämlich überhaupt nicht. Holmes bestritt dies entschieden, aber die Beweislast wurde immer erdrückender. Immer mehr Mitarbeiter wollten den Betrug nicht länger decken.

Gegen Elisabeth Holmes werden Ermittlungen wegen Wertpapierbetrug aufgenommen, Theranos ist 2018 völlig am Ende

2016 verbot die amerikanische Aufsichtsbehörde Elisabeth Holmes die Arbeit in oder an einer Firma für Labortechnik. Doch es sollte noch viel härter kommen. Im März 2018 reichte die US-Regulierungsbehörde SEC bei einem Bezirksgericht im US-Bundesstaat Kalifornien eine Beschwerde gegen sie ein. Der Vorwurf: Wertpapierbetrug. Holmes habe gewusst, dass die meisten Bluttests der Firma Theranos nicht von einem eigens entwickelten Blutanalysegerät, sondern mit Hilfe von Geräten von Drittanbietern analysiert worden waren. Gleichwohl habe sie potenziellen Investoren gegenüber den Eindruck erweckt, dass die Tests mit Hilfe ihrer Eigenentwicklung durchgeführt wurden und sich durch diese und andere falsche Angaben wissentlich oder grob fahrlässig Investorengelder in dreistelliger Millionenhöhe (!) gesichert.

Elisabeth Holmes einigte sich mit der Börsenaufsicht im Rahmen eines Vergleiches zunächst auf die Zahlung von 500.000 US-Dollar Strafe und die Verpflichtung, zehn Jahre lang kein börsennotiertes Unternehmen zu leiten. Außerdem übertrug sie 18,9 Millionen eigener stimmberechtigter Aktien an Theranos, um die Kontrolle über das Unternehmen abzugeben. Im April 2018 wurde einem Großteil der verbliebenen 125 von ehemals 800 Mitarbeitern gekündigt. Bis zum 31. August 2019 waren auch die letzten Angestellten fast alle entlassen. Am 4. September 2018 wurde das Bluttest-Startup Theranos endgültig geschlossen.

Ramesh Balwani

Ramesh Balwani und Elisabeth Holmes, ABC News-Screenshot

Holmes wird in vier Anklagepunkten schuldig gesprochen, ihr drohen mindestens 10 bis 15 Jahre Haft in einem Bundesgefängnis

Im Juni 2018 wurde gegen Holmes und den ehemaligen Präsidenten und Vorstand von Theranos, Ramesh Balwani, auf den Holmes nun die ganze Schuld abzuladen versuchte, Anklage wegen Betruges an Investoren und Kunden erhoben. Wegen der COVID-19-Pandemie und einer Schwangerschaft Holmes’ und der Niederkunft im Juli 2021 wurde der Prozess mehrmals verschoben. Am 1. September 2021 wurde die Verhandlung in San Jose endlich eröffnet. Elisabeth Holmes bestritt im Wesentlichen sämtliche Vorwürfe. Am 3. Januar 2022 wurde sie in vier von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen. Am 12. September 2022 soll das Strafmaß verkündet werden. Wegen der immensen Höhe des Betrugs sind bis zu vier Mal 20 Jahre Haft möglich.

Rechtsexperten in den USA gehen davon aus, dass Holmes zu einer mehrjährigen Haftstrafe in einem Bundesgefängnis verurteilt wird. Einige Juristen halten sogar zehn Jahre und mehr für realistisch. Das meint zum Beispiel der ehemalige Staatsanwalt Elie Honig, der sich im TV-Sender CNN äußerte:

„Im US-Bundesrecht gibt es die Maßgabe, dass sich das Strafmaß größtenteils nach der Schadenssumme richtet. Wir reden hier von 140 Millionen Dollar. Daraus ergibt sich ein empfohlener Strafrahmen von konservativ zehn Jahren, möglicherweise sogar 15 oder 16 Jahren. Nach den Richtlinien drohen ihr also mindestens zehn Jahre Haft in einem Bundesgefängnis.“

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